22 Straßenarbeiter umringten nachts ein weinendes Mädchen – niemand ahnte, warum sie blieben

Anja und Tobias Mertens lebten mit ihrer Tochter in einem Reihenhaus am Stadtrand von Hildesheim.

Leni ging gerade in die erste Klasse.

Sie liebte Pferde, konnte stundenlang Bilder malen und freute sich auf ihren siebten Geburtstag.

Drei Tage vor jener Nacht war sie nachmittags im Garten gewesen.

Ihre Mutter hatte nur kurz im Haus etwas geholt.

Als sie zurückkam, war Leni verschwunden.

Zunächst hatte Anja geglaubt, ihre Tochter sei zu den Nachbarskindern gegangen.

Dann hatte sie die Straße abgesucht.

Dann die Spielplätze.

Und schließlich die Polizei gerufen.

Noch am selben Abend begann eine große Suche.

Nachbarn halfen.

Verwandte fuhren durch die Umgebung.

Tobias Mertens suchte mit anderen Helfern Wege und Grünflächen ab, obwohl die Polizei längst an mehreren Orten gleichzeitig ermittelte.

Anja saß zu Hause neben dem Telefon.

Sie hatte Lenis Lieblingsstofftier auf dem Schoß und konnte nicht begreifen, dass ihre Tochter plötzlich verschwunden war.

Erst später ergaben die Ermittlungen, dass Michael Seidel das Mädchen mit einem Versprechen zum Mitkommen bewegt hatte.

Er hatte behauptet, ihre Mutter habe ihn geschickt.

Leni kannte ihn.

Sie hatte keinen Grund gehabt, sofort wegzulaufen.

Doch als sie merkte, dass die Fahrt nicht nach Hause führte, bekam sie Angst.

Seidel erzählte ihr immer neue Geschichten.

Ihre Eltern wollten sie nicht mehr.

Sie würde künftig bei ihm wohnen.

Mama und Papa hätten das so beschlossen.

Leni weinte.

Sie wollte nach Hause.

Aber der Mann wurde wütend, wenn sie nach ihren Eltern fragte.

Drei Tage lang fuhren sie durch verschiedene Orte.

Seidel übernachtete mit ihr in einfachen Unterkünften und wechselte immer wieder den Standort.

Zuletzt hielt er sich mit ihr in einer kleinen Pension unweit der Autobahn auf.

Dort gelang Leni die Flucht.

Wie sie das geschafft hatte, erzählte sie zunächst nur in einzelnen Sätzen.

Sie hatte gewartet, bis Seidel eingeschlafen war.

Dann hatte sie den Zettel aus ihrem Versteck geholt, sich leise angezogen und war aus dem Zimmer geschlichen.

Im Hof stand ein altes rosa Kinderfahrrad.

Es gehörte zur Familie der Pensionsbesitzer.

Das Vorderrad war beschädigt.

Aber Leni hatte nicht lange überlegt.

Sie hatte den Stoffhasen, den sie bei ihrer Flucht mitgenommen hatte, in den Fahrradkorb gelegt und war losgefahren.

Sie wusste nicht, wohin.

Nur, dass sie wegmusste.

Die Straße führte zu einem Autohof.

Dort waren viele Menschen.

Viele Lichter.

Leni hoffte, dass jemand ihre Mama anrufen würde.

Dann hatte sie gehört, wie Michael Seidel hinter ihr ihren Namen schrie.

Und plötzlich war die Angst wieder da.

Sie trat so fest in die Pedale, wie sie konnte.

Doch das beschädigte Fahrrad war zu langsam.

Wenige Sekunden später riss der Mann sie zu Boden.

Genau in dem Moment, als Karl Brenner aus seinem Transporter stieg.

Die Polizei brachte Leni zunächst in einen ruhigen Raum des Autohofs.

Ein Rettungsdienst untersuchte ihr aufgeschürftes Knie und stellte fest, dass sie abgesehen von kleineren Verletzungen körperlich wohlauf war.

Eine Mitarbeiterin des Autohofs brachte eine Decke.

Ein anderer stellte Wasser und etwas zu essen bereit.

Leni wollte aber nichts davon.

Sie saß mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl und hielt ihren Stoffhasen fest.

Sabine durfte zunächst bei ihr bleiben.

Karl wartete draußen.

Die übrigen Kollegen machten ihre Aussagen.

Manche waren inzwischen sehr still geworden.

Andere saßen auf den Stufen vor dem Eingang und starrten auf ihre Schuhe.

Niemand sprach mehr von Feierabend.

Niemand wollte nach Hause.

Ralf kam irgendwann zu Karl.

„Hast du die Vermisstenmeldung gesehen?“

Karl nickte.

„Vor zwei Tagen. Im Fernsehen.“

„Ich auch.“

Ralf schaute durch die Glasscheibe zu dem kleinen Mädchen.

„Die ganze Zeit ist die irgendwo unterwegs gewesen. Und ihre Eltern wussten nicht, wo.“

Karl sagte nichts.

„Meine Enkelin ist genauso alt“, fuhr Ralf fort.

Seine Stimme brach.

Er räusperte sich.

„Ich will gar nicht wissen, wie sich das anfühlt.“

Karl legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Musst du auch nicht.“

Nach einer Weile kam die Polizistin Frau Berger heraus.

„Wir haben ihre Eltern erreicht.“

Karl stand sofort auf.

„Und?“

„Sie sind unterwegs. Sie werden so schnell wie möglich hier sein.“

„Weiß die Mutter, dass es ihrer Tochter gut geht?“

„Ja.“

Karl nickte langsam.

„Gut.“

Die Polizistin betrachtete den alten Straßenbauer.

„Sie haben heute richtig reagiert, Herr Brenner.“

Karl schüttelte den Kopf.

„Wir haben doch nur angehalten.“

„Viele Menschen hätten die Situation vielleicht anders eingeschätzt.“

Karl schaute zu seinen Kollegen.

Zweiundzwanzig müde Gesichter.

Männer und Frauen, die normalerweise nachts auf Autobahnen arbeiteten, damit andere Menschen morgens sicher zur Arbeit fahren konnten.

„Wir hätten auch erst mal denken können, das geht uns nichts an“, sagte er.

Die Polizistin nickte.

„Zum Glück haben Sie das nicht getan.“

Fast drei Stunden später bog ein Polizeiwagen auf den Parkplatz.

Auf der Rückbank saßen Anja und Tobias Mertens.

Sie waren von Hildesheim gekommen.

In den vergangenen Tagen hatten sie kaum geschlafen.

Tobias trug noch dieselbe dunkle Jacke, in der er am Abend mit Helfern nach seiner Tochter gesucht hatte.

Seine Frau hielt die Hände so fest ineinander verschränkt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Als der Wagen hielt, öffnete Anja die Tür, noch bevor Tobias ganz ausgestiegen war.

Eine Beamtin begleitete sie zum Eingang.

Karl und seine Kollegen standen auf.

Niemand musste ihnen etwas sagen.

Sie machten Platz.

Anja sah sich um.

„Wo ist sie?“

Ihre Stimme klang heiser.

„Wo ist meine Leni?“

Die Polizistin führte sie hinein.

Sabine saß noch immer neben dem Mädchen.

Leni hatte den Kopf auf ihre Schulter gelegt und war vor Erschöpfung beinahe eingeschlafen.

Dann hörte sie eine Stimme.

„Leni?“

Das Mädchen hob den Kopf.

Sie starrte zur Tür.

Eine Sekunde lang bewegte sich niemand.

Dann fiel der Stoffhase zu Boden.

„Mama?“

Anja hielt sich die Hand vor den Mund.

„Mein Schatz.“

Leni sprang vom Stuhl.

Sie rannte los.

Ihre Mutter ging in die Knie und fing sie auf.

Beide begannen zu weinen.

Anja presste ihre Tochter so fest an sich, als hätte sie Angst, sie könnte wieder verschwinden.

„Mama, ich hab dich gesucht!“

„Ich weiß, mein Schatz. Ich weiß.“

„Er hat gesagt, du willst mich nicht mehr!“

Anja schüttelte unter Tränen den Kopf.

„Nein, Leni. Niemals. Hörst du? Niemals.“

„Ich wollte doch nach Hause.“

„Du bist jetzt bei mir.“

Tobias kniete sich neben die beiden.

Er war ein großer Mann, kräftig gebaut, mit breiten Händen und einem vom Schlafmangel gezeichneten Gesicht.

Er versuchte, etwas zu sagen.

Doch als Leni sich zu ihm umdrehte und „Papa!“ rief, brach auch er in Tränen aus.

Er schloss seine Frau und seine Tochter in die Arme.

Minutenlang blieb die Familie so auf dem Boden sitzen.

Niemand drängte sie.

Niemand stellte Fragen.

Selbst die Polizisten standen still an der Tür.

Sabine wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

Draußen hatte Karl seinen Blick auf die parkenden Lkw gerichtet.

Er wollte der Familie diesen Augenblick lassen.

Doch dann hörte er Schritte.

Tobias Mertens kam aus dem Gebäude.

Er blieb vor Karl stehen.

Die beiden Männer sahen sich an.

„Sind Sie Herr Brenner?“

„Ja.“

Tobias holte tief Luft.

„Man hat uns gesagt, dass Sie der Erste waren.“

Karl senkte den Kopf.

„Ich hab nur gesehen, dass mit der Kleinen etwas nicht stimmt.“

Tobias wollte antworten.

Doch die Worte kamen nicht.

Er presste die Lippen zusammen.

Dann streckte er seine Hand aus.

Karl ergriff sie.

Tobias hielt sie fest.

Sehr fest.

„Drei Tage“, sagte er schließlich. „Drei Tage haben wir nicht gewusst, wo sie ist.“

Karl nickte.

„Das muss furchtbar gewesen sein.“

„Meine Frau hat heute Nachmittag noch gesagt, dass sie Angst hat, irgendwann den Anruf zu bekommen, vor dem wir uns am meisten fürchten.“

Tobias musste kurz aufhören.

Dann sah er Karl wieder an.

„Und dann ruft die Polizei an und sagt, unsere Tochter lebt. Irgendwelche Straßenarbeiter haben sie gefunden.“

Karl sagte nichts.

Tobias schluckte.

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

Karl wollte seine Hand zurückziehen, aber Tobias hielt sie weiterhin fest.

„Wissen Sie, was meine Tochter vorhin zu mir gesagt hat?“

Karl schüttelte den Kopf.

„Sie hat gesagt, sie dachte erst, die Männer in den orangefarbenen Jacken würden mit ihr schimpfen, weil sie auf dem Parkplatz Fahrrad fährt.“

Karl musste trotz allem kurz lächeln.

Tobias lächelte unter Tränen zurück.

„Dann hat sie gemerkt, dass Sie ihr helfen wollten.“

Er sah zu den anderen Arbeitern.

„Sie haben sie nicht einfach mit diesem Mann wegfahren lassen.“

Karl legte seine freie Hand auf die Schulter des Vaters.

„So etwas macht man doch nicht.“

Tobias schüttelte den Kopf.

„Doch. Manche Menschen machen das. Die schauen weg, weil sie keinen Ärger wollen.“

Karl senkte den Blick.

„Wir hatten eben Glück, dass wir genau dann dort standen.“

Tobias antwortete leise:

„Nein. Wir hatten Glück, dass Sie nicht weggefahren sind.“

Als die Familie später den Autohof verließ, wollte Leni noch einmal zu Sabine.

Sie umarmte sie.

Dann drehte sie sich zu Karl.

„Bist du der Mann mit der lauten Stimme?“

Einige Kollegen mussten lachen.

Karl räusperte sich.

„Ja, das bin ich wohl.“

Leni betrachtete ihn ernst.

„Du hast sehr laut geschimpft.“

„Stimmt.“

„Mit dem bösen Mann.“

Karl nickte.

„Ja.“

Sie schwieg kurz.

Dann fragte sie:

„Schimpfst du auch mit Kindern?“

Karl ging langsam in die Hocke.

Seine Knie knackten dabei so laut, dass Ralf hinter ihm grinste.

„Nur wenn sie mit dem Fahrrad ohne zu gucken über eine Straße fahren.“

Leni überlegte.

„Aber ich musste doch schnell weg.“

Karls Lächeln verschwand.

„Das weiß ich.“

„Bist du böse auf mich?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, Leni. Ganz bestimmt nicht.“

Sie blickte auf seine großen, schmutzigen Hände.

Dann legte sie ihre kleine Hand hinein.

„Danke, dass du angehalten hast.“

Karl schaute sie an.

Und etwas in ihm gab nach.

Seit Wochen hatte er nicht mehr richtig weinen können.

Nicht einmal auf der Beerdigung seines ältesten Freundes.

Aber jetzt liefen ihm die Tränen über die Wangen.

„Gern geschehen, kleine Maus.“

Leni lächelte.

Dann nahm ihre Mutter sie an die Hand.

Die Familie verabschiedete sich.

Und als der Polizeiwagen den Parkplatz verließ, standen noch immer zweiundzwanzig Straßenarbeiter vor dem Autohof.

Keiner sprach.

Erst nach einer ganzen Weile sagte Ralf:

„Karl, wir sollten langsam heim.“

Karl nickte.

„Ja.“

Er wollte gerade zum Transporter gehen, als ihm etwas einfiel.

Er drehte sich um.

Neben einem Mülleimer lag noch immer das beschädigte rosa Fahrrad.

Der kleine Korb war verbogen.

Eine Pedale fehlte.

Karl betrachtete es lange.

„Ralf.“

„Was denn?“

„Hilfst du mir, das Rad einzuladen?“

Ralf runzelte die Stirn.

„Warum?“

Karl zuckte mit den Schultern.

„Damit es hier nicht einfach liegen bleibt. Wir klären morgen, wem es gehört.“

Ralf sagte nichts weiter.

Gemeinsam stellten sie das kaputte Fahrrad in den Laderaum.

In den nächsten Tagen wurde bekannt, was am Autohof passiert war.

Zunächst verbreiteten sich Handyvideos, die einen bedrohlichen Eindruck vermittelten.

Darauf waren Männer in verschmutzter Arbeitskleidung zu sehen, die einen Kreis um ein weinendes Mädchen bildeten.

Jemand hatte dazu geschrieben, eine Gruppe Bauarbeiter hätte nachts einen Vater und sein Kind bedrängt.

Einige Menschen regten sich furchtbar darüber auf.

Sie schimpften über die Arbeiter.

Über angebliche Selbstjustiz.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen