24 alte Handwerker umringten ein weinendes Mädchen – doch niemand ahnte, warum sie es wirklich taten

Nicht vollständig.

Aber deutlich genug, um den Hinweis weiterzugeben.

Frau Neumann sah mich an.

„Herr Seidel, diese Aufnahme könnte sehr wichtig sein.“

Mir wurde plötzlich bewusst, wie knapp alles gewesen war.

Wenn ich fünf Minuten früher weitergefahren wäre, hätte ich nichts gesehen.

Wenn ich meinen Wagen anders geparkt hätte, wäre die Kamera nutzlos gewesen.

Und wenn Egon nicht aus seinem Transporter gestiegen wäre, hätte Lena vielleicht noch lange allein auf dem Parkplatz gesessen.

Die Beamtin veranlasste, dass die Aufnahme gesichert wurde.

Dann ging sie zu Lena.

„Wir haben jetzt eine konkrete Spur“, sagte sie behutsam. „Die Kollegen kümmern sich darum.“

Lena sah sie an.

„Auch um die anderen?“

„Ja. Auch um die anderen.“

Daraufhin legte Lena den Kopf auf ihre Knie und begann zu weinen.

Aber diesmal blieb niemand auf Abstand, weil er Angst hatte, etwas falsch zu machen.

Egon saß neben ihr.

Jürgen stand ein paar Schritte entfernt.

Und Karl brachte zwei Becher Tee aus dem Verkaufsraum, von denen einer viel zu heiß war.

Er stellte ihn einfach auf die Mauer.

„Für später“, murmelte er.

Wenig später kam ein Rettungswagen.

Steffi, Egons Tochter, hatte inzwischen telefonisch mit der Polizei gesprochen und machte sich auf den Weg zum Krankenhaus, nachdem geklärt war, dass sie Lena dort mit deren Einverständnis unterstützen durfte.

Auch Lenas Mutter wurde verständigt.

Das Gespräch übernahm eine Beamtin.

Ich weiß nicht, wie diese Mutter reagierte, als sie hörte, was ihrer Tochter passiert war.

Ich weiß nur, dass Lena irgendwann fragte:

„Ist Mama böse?“

Frau Neumann schüttelte den Kopf.

„Deine Mutter macht sich große Sorgen um dich.“

„Sie hat mir gesagt, ich soll mich nicht mit Fremden treffen.“

Egon nahm vorsichtig ihre Hand.

„Eltern sagen manchmal Dinge, auf die Kinder nicht hören. Ich habe vier Töchter. Glaub mir, ich kenne das.“

Ein winziges Lächeln.

„Aber jetzt will deine Mutter nur wissen, dass du lebst und dass sie dich wieder in die Arme nehmen kann.“

Lena sah ihn lange an.

„Sie haben mich gar nicht gefragt, ob ich gelogen habe.“

Egon zog die Augenbrauen zusammen.

„Warum sollte ich?“

„Weil die anderen gesagt haben, mir würde sowieso niemand glauben.“

Egon brauchte einen Moment, bevor er antworten konnte.

Dann sagte er:

„Lena, ich weiß nicht alles, was dir passiert ist. Aber ich weiß, dass du hier Hilfe gesucht hast. Und ich bin froh, dass du es getan hast.“

Sie drückte seine Hand.

Der Rettungswagen fuhr schließlich los.

Lena saß auf der Trage und hatte Jürgens Jacke immer noch um die Schultern.

Als die Türen geschlossen wurden, hob sie noch einmal die Hand.

Vierundzwanzig Männer standen auf dem Tankstellengelände.

Keiner winkte besonders auffällig.

Einige hoben nur kurz die Hand.

Andere nickten.

Ich sah, wie Jürgen sich mit dem Ärmel über die Augen fuhr.

„Mensch“, murmelte er.

Mehr sagte er nicht.

Die Polizei war inzwischen mit dem Hinweis auf das Haus beschäftigt.

Wir sollten für weitere Fragen erreichbar bleiben.

Niemand hatte mehr Lust, zum Gemeindehaus zu fahren.

Also saßen wir auf der niedrigen Mauer hinter der Tankstelle, tranken Kaffee und warteten auf Nachrichten.

Das klingt vielleicht seltsam.

Vierundzwanzig alte Männer, die einfach nur dasaßen.

Aber keiner wollte weg.

Nicht solange wir nicht wussten, ob die anderen Mädchen gefunden worden waren.

Gegen Mittag klingelte Egons Telefon.

Es war Frau Neumann.

Er stellte den Lautsprecher nicht an.

Wir sahen nur, wie er zuhörte.

Er sagte zweimal „Ja“.

Dann schloss er die Augen.

Als er auflegte, stand er einen Moment still.

„Egon?“, fragte Jürgen.

Unser alter Maurerpolier setzte sich langsam auf die Mauer.

„Sie haben das Haus gefunden.“

Niemand sagte etwas.

„Es waren wirklich Mädchen dort.“

Seine Stimme brach beinahe.

„Sieben.“

Karl stellte seinen Kaffeebecher ab.

„Sieben?“

Egon nickte.

„Sieben Mädchen. Zwischen vierzehn und siebzehn. Die Polizei hat sie herausgeholt. Sie werden jetzt versorgt.“

Für einige Sekunden blieb es vollkommen still.

Dann setzte sich Jürgen neben Egon.

Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Gut“, sagte er.

Nur dieses eine Wort.

„Gut.“

Später erfuhren wir, dass die Ermittler mit den Hinweisen von Lena, der Fahrzeugaufnahme und weiteren Informationen das Haus hatten zuordnen können.

Dort fanden sie mehrere Jugendliche, die offenbar schon länger festgehalten und unter Druck gesetzt worden waren.

Drei Männer wurden festgenommen.

Was genau in diesem Haus geschehen war, wurde erst während der Ermittlungen vollständig klar.

Ich möchte die Einzelheiten nicht wiederholen.

Manche Dinge muss man nicht ausschmücken, damit sie schrecklich genug sind.

Aber ich werde nie vergessen, was Egon an diesem Tag sagte.

Er saß noch immer auf der Mauer.

Seine Hände waren schwarz vom Schmutz der Arbeitshandschuhe.

„Stellt euch vor, wir wären einfach weitergefahren.“

Niemand antwortete.

Dann sagte Karl:

„Sind wir aber nicht.“

Egon sah ihn an.

Karl zuckte mit den Schultern.

„Wir waren da. Mehr konnten wir in dem Moment nicht wissen.“

Am späten Nachmittag fuhr ich nach Hause.

Meine Werkzeugkiste stand noch genauso im Wagen wie am Morgen.

Die Farbeimer waren ungeöffnet.

Keiner von uns hatte auch nur einen Quadratmeter Wand gestrichen.

Trotzdem hatte ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, dass dieser Tag nicht vergeudet gewesen war.

Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon.

Jürgen war dran.

„Walter, hast du die Nachrichten gesehen?“

Ich hatte sie nicht gesehen.

Er erzählte, dass ein regionaler Sender zunächst von einem Polizeieinsatz gegen eine größere Männergruppe an einer Tankstelle berichtet hatte.

Später war die Darstellung korrigiert worden.

Nun ging es um ein fünfzehnjähriges Mädchen, mehrere ältere Handwerker und die Rettung weiterer Jugendlicher.

Ich schaltete den Fernseher ein.

Da sah ich Egon.

Er stand vor einem Mikrofon, die grauen Haare noch zerzauster als gewöhnlich.

Eine Reporterin fragte ihn:

„Herr Krüger, Sie und Ihre Freunde haben möglicherweise einen entscheidenden Beitrag zur Rettung dieser Mädchen geleistet. Fühlen Sie sich als Held?“

Egon schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Er überlegte kurz.

„Weil wir nur gemacht haben, was jeder machen sollte, wenn ein Kind Hilfe braucht.“

Die Reporterin fragte weiter:

„Aber Sie selbst wurden zunächst von der Polizei verdächtigt.“

Egon sah etwas verlegen aus.

„Na ja. Wir sind vierundzwanzig alte Kerle in dreckigen Arbeitsjacken. Da kann man schon mal falsch hinschauen.“

Dann wurde er ernst.

„Wichtiger ist doch, dass am Ende alle hingeschaut haben, wo sie hinschauen mussten.“

Ich musste den Fernseher ausschalten.

Nicht, weil ich traurig war.

Sondern weil ich plötzlich wieder an Lena dachte.

An ihre bloßen Füße.

An ihre Hände, die den Stoff der Jacke festhielten.

Und an ihren Satz: „Sie haben mich gar nicht gefragt, ob ich gelogen habe.“

Drei Tage später rief Steffi an.

Sie hatte mit Lenas Einverständnis eine Nachricht für uns.

Das Mädchen war wieder bei seiner Mutter.

Sie erhielt Unterstützung und musste nicht sofort über alles sprechen, was passiert war.

„Sie hat ausdrücklich nach Egon gefragt“, sagte Steffi.

„Und nach dem Mann mit der großen Jacke.“

Ich lachte leise.

„Das ist Jürgen.“

„Dann richte Jürgen bitte aus, dass Lena die Jacke nicht hergeben möchte.“

Als Jürgen davon erfuhr, machte er eine wegwerfende Handbewegung.

„Soll sie behalten.“

„Aber das ist deine gute Arbeitsjacke.“

Er sah mich verständnislos an.

„Walter, ich habe noch drei.“

Dann ging er in seine Garage und holte eine andere.

Ein paar Wochen später bekam Egon einen Brief.

Er war mit einer etwas zittrigen Handschrift geschrieben.

Auf dem Umschlag stand nur:

Für Egon und die Männer von der Tankstelle.

Egon brachte den Brief zu unserem nächsten Treffen mit.

Wir saßen in Karls kleiner Werkstatt, zwischen alten Schraubstöcken und Regalen voller Ersatzteile.

Niemand wollte anfangen vorzulesen.

Schließlich setzte Egon seine Brille auf.

„Lieber Egon“, las er.

Seine Stimme war unsicher.

„Ich weiß nicht, ob du dich noch an alles erinnerst, was ich gesagt habe. Ich erinnere mich nicht an alles. Aber ich erinnere mich daran, dass du mir nicht näher gekommen bist, als ich Angst hatte.“

Egon räusperte sich.

„Und ich erinnere mich, dass Jürgen mir seine Jacke gegeben hat.“

Karl senkte den Kopf.

Egon las weiter.

„Meine Mama sagt, dass ich jetzt Zeit brauche. Ich weiß nicht, wie lange. Manchmal kann ich nachts nicht schlafen. Manchmal habe ich Angst, wenn draußen ein Auto hält.“

Er machte eine Pause.

„Aber ich habe die Jacke noch. Sie hängt neben meinem Bett. Wenn ich sie sehe, denke ich daran, dass nicht alle fremden Menschen gefährlich sind.“

Dann kam der letzte Satz.

„Danke, dass ihr mich nicht allein gelassen habt.“

Egon legte den Brief hin.

Wir saßen sehr lange still.

Jürgen räusperte sich schließlich.

„Hat jemand einen Kugelschreiber?“

„Wofür?“, fragte Karl.

„Na, wir schreiben zurück.“

Also schrieben wir zurück.

Nicht besonders schön.

Vierundzwanzig alte Handwerker sind keine großen Briefeschreiber.

Einer wollte etwas Lustiges hinzufügen, ein anderer fand das unpassend. Karl machte drei Rechtschreibfehler, und Egon bestand darauf, dass wir keine großen Versprechen machten.

Am Ende stand dort:

Liebe Lena,

wir freuen uns, dass du wieder zu Hause bist.

Du musst uns nichts erklären und uns auch nichts zurückgeben. Jürgen braucht seine Jacke übrigens nicht mehr. Sie steht dir sowieso besser.

Pass gut auf dich auf und lass dir die Zeit, die du brauchst.

Wenn du irgendwann wieder mit uns sprechen möchtest, freuen wir uns.

Deine alten Schrauber.

Alle unterschrieben.

Einige Namen waren kaum zu entziffern.

Aber das spielte keine Rolle.

Die Monate vergingen.

Im Gemeindehaus wurden die Wände schließlich doch gestrichen.

Die alten Fenster bekamen neue Dichtungen. Karl reparierte die Beleuchtung. Egon baute einen langen Holztisch, an dem später Kinder basteln sollten.

Und Lena?

Wir hörten nur gelegentlich von ihr.

Sie ging wieder stundenweise zur Schule.

Sie traf sich mit ihrer besten Freundin.

Ihre Mutter hatte ihr geholfen, das Zimmer umzustellen, weil Lena nicht mehr auf der Seite schlafen wollte, von der aus sie direkt die Straße sehen konnte.

Es waren kleine Schritte.

Niemand tat so, als wäre nach ein paar Wochen alles wieder gut.

Dann, mehrere Monate nach jenem Vormittag, begann das Gerichtsverfahren gegen die festgenommenen Männer.

Ich wurde als Zeuge geladen.

Auch Egon und Jürgen mussten aussagen.

Lena wurde auf ihre Aussage sorgfältig vorbereitet und dabei begleitet. Teile der Verhandlung fanden ohne Öffentlichkeit statt, um die betroffenen Jugendlichen zu schützen.

Ich sah sie erst nach ihrer Aussage im Gerichtsgebäude wieder.

Sie war sechzehn geworden.

Ihre Haare waren etwas kürzer.

Sie trug Jeans, Turnschuhe und einen schlichten Pullover.

Und über dem Arm hatte sie Jürgens alte Arbeitsjacke.

Als sie uns bemerkte, blieb sie stehen.

Egon machte einen Schritt nach vorn.

Dann hielt er an.

Genau wie damals an der Tankstelle.

Er wartete, bis Lena selbst entschied, näherzukommen.

Sie lächelte.

„Hallo, Egon.“

„Hallo, Lena.“

Dann umarmte sie ihn.

Nicht lange.

Aber fest.

Ich sah, wie Egon die Augen schloss.

Jürgen stand daneben und versuchte krampfhaft, unbeteiligt auszusehen.

Lena drehte sich zu ihm.

„Deine Jacke habe ich immer noch.“

„Sehe ich.“

„Meine Mama hat sie gewaschen.“

Jürgen nickte ernst.

„War auch nötig.“

Da lachte Lena.

Es war ein richtiges Lachen.

Nicht laut, nicht lange.

Aber so unbeschwert, dass wir alle für einen Moment vergaßen, wo wir standen.

Im Verlauf des Verfahrens spielte auch meine Fahrzeugaufnahme eine Rolle.

Sie zeigte nicht, was in dem Haus geschehen war.

Aber sie bestätigte, wann Lena an der Tankstelle angekommen war, in welchem Zustand sie ausstieg und welches Fahrzeug sie dort zurückgelassen hatte.

Weitere Ermittlungen und die Aussagen der Betroffenen ergaben schließlich ein klares Bild.

Die Angeklagten wurden wegen schwerer Straftaten gegen die Jugendlichen zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Als ich davon erfuhr, fühlte ich keine Freude.

Eher Erleichterung.

Vor allem dachte ich an die sieben Mädchen, die wir nie kennengelernt hatten.

An ihre Familien.

Und daran, dass manche Wunden länger bleiben als jedes Gerichtsverfahren.

Einige Wochen nach dem Urteil lud Lenas Mutter uns ein.

Sie hieß Sabine und arbeitete in einer Bäckerei.

Am Telefon sagte sie zu Egon:

„Ich würde Sie alle gern zum Essen einladen.“

Egon lachte verlegen.

„Frau Berger, wir sind vierundzwanzig Männer.“

„Das weiß ich.“

„Und einige davon essen für zwei.“

„Dann mache ich eben mehr.“

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