In diesem Augenblick verstand ich, dass wir sie möglichst bald wieder zusammenbringen mussten.
Nachdem wir die Öffnung weiter gesichert hatten, konnten wir Max vorsichtig auf eine Trage ziehen.
Sein Körper war erschreckend leicht.
Das Fell hing lose über seinen Rippen. An mehreren Stellen war die Haut wund gescheuert.
Seine Hinterbeine zitterten, als wir ihn auf festen Boden legten.
„Nicht aufstehen“, sagte ich.
Aber Max versuchte es trotzdem.
Er stützte sich auf die Vorderpfoten.
Ein Hinterbein knickte ein.
Thomas wollte ihn vorsichtig halten, doch ich bemerkte, wohin Max schaute.
Zur Transportbox.
„Bring Fips her“, sagte ich.
Thomas stellte die Box direkt neben die Trage.
Max streckte seine Nase vor.
Fips kroch mühsam an das Gitter.
Ihre Schnauzen berührten sich.
Nur für einen kurzen Moment.
Dann ließ Max den Kopf sinken.
Und blieb ruhig liegen.
Thomas schaute mich an.
„Der wollte nur wissen, ob die Kleine noch da ist.“
Ich antwortete nicht.
Ich konnte es nicht.
Wir brachten beide sofort in eine Tierklinik.
Dort übernahm eine Tierärztin namens Dr. Katharina Weber die Versorgung. Sie war Anfang fünfzig und hatte schon viele schwer verletzte Tiere behandelt.
Doch als sie Max untersuchte, wurde ihr Gesicht ernst.
„Wie lange soll der dort gelegen haben?“
„Möglicherweise 32 Tage.“
Sie sah mich an.
„Das können wir nicht beweisen.“
„Ich weiß.“
„Dann konzentrieren wir uns jetzt darauf, dass er die nächsten Stunden übersteht.“
Max war stark untergewichtig, erheblich ausgetrocknet und völlig erschöpft. Seine Muskulatur war durch das lange Liegen geschwächt.
Er bekam Flüssigkeit und wurde langsam stabilisiert.
Fips hatte einen Bruch am Hinterbein und eine entzündete Wunde. Auch er war ausgetrocknet und unterernährt.
Beide mussten engmaschig überwacht werden.
Am Abend saß ich noch immer im Wartebereich.
Thomas kam mit zwei Bechern Kaffee.
Er stellte einen vor mich.
„Du siehst furchtbar aus.“
„Du auch.“
Er setzte sich.
Lange schwiegen wir.
Dann fragte er: „Glaubst du, der Hund hat die Katze die ganze Zeit beschützt?“
Ich schaute auf meine Hände.
Unter den Fingernägeln steckte noch Staub.
„Ich weiß nicht, wie lange sie zusammen dort unten waren.“
Thomas nickte.
„Aber als wir kamen, hat er sie nicht losgelassen.“
Das stimmte.
Und genau daran musste ich ständig denken.
Später erklärte uns die Tierärztin, dass der Körperkontakt dem kleinen Kätzchen möglicherweise geholfen hatte, weniger Wärme zu verlieren.
Wie die beiden an ausreichend Flüssigkeit gelangt waren, blieb unklar.
Dass sie überlebt hatten, grenzte angesichts ihres Zustands an ein Wunder.
Aber Dr. Weber war vorsichtig mit großen Worten.
„Wir können nicht alles erklären“, sagte sie. „Wir können nur behandeln, was vor uns liegt.“
Dann sah sie durch die Scheibe zu Max.
Er lag auf einer weichen Decke.
Seine Augen waren halb geschlossen.
„Und vor uns liegt ein Hund, der sich selbst kaum noch bewegen kann und trotzdem nach dieser Katze sucht.“
In den ersten Tagen wussten wir nicht, ob beide überleben würden.
Fips musste wegen seiner Verletzung behandelt werden. Max konnte zunächst kaum allein stehen.
Er fraß nur kleine Mengen.
Sobald jemand an seinen Zwinger trat, spannte er den Körper an.
Er bellte nicht.
Er wich zurück.
Manchmal drückte er den Kopf so tief auf seine Decke, als wollte er unsichtbar werden.
Wir vermuteten, dass er vor dem Einsturz schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
Seinen früheren Besitzer konnten wir nicht ermitteln. Er trug weder Halsband noch eine registrierte Kennzeichnung.
Niemand meldete ihn als vermisst.
Vielleicht hatte er schon lange allein gelebt.
Vielleicht war er erst kurz vor dem Einsturz dorthin geraten.
Wir wussten es nicht.
Aber ich merkte, dass er Menschen nur schwer vertraute.
In der ersten Woche setzte ich mich jeden Nachmittag vor seinen Zwinger.
Ich redete nicht viel.
Manchmal las ich einfach auf meinem Handy.
Manchmal saß ich schweigend da.
Eines Tages stellte die Tierpflegerin Theresa den Futternapf vor Max.
Er rührte ihn nicht an.
„Versuch du es mal“, sagte sie.
Ich setzte mich neben die geöffnete Zwingertür.
„Na, Großer. Ein bisschen musst du schon essen.“
Max sah mich an.
Dann senkte er die Nase zum Napf.
Und begann langsam zu fressen.
Theresa lächelte.
„Sieht aus, als hättest du jetzt einen Freund.“
Doch der wichtigste Freund lag im Nachbarbereich.
Fips erholte sich schneller als erwartet.
Seine Wunde heilte, das verletzte Bein wurde versorgt, und allmählich kehrte seine Energie zurück.
Schon bald begann er, lautstark auf sich aufmerksam zu machen.
Besonders morgens.
Sobald Theresa den Raum betrat, miaute er so laut, dass man es bis zum Flur hörte.
Und jedes Mal geschah dasselbe.
Max hob den Kopf.
Seine Augen wurden wacher.
Manchmal bewegte sich sogar seine Schwanzspitze.
Es war, als würde eine Stimme, die er aus der Dunkelheit kannte, ihn daran erinnern, dass er nicht mehr allein war.
Nach einigen Wochen durften sie unter Aufsicht wieder näher zusammenkommen.
Theresa öffnete zuerst Fips‘ Unterbringung.
Der kleine Kater setzte vorsichtig eine Pfote vor die andere.
Dann entdeckte er Max.
Und lief los.
Nicht besonders schnell, denn sein Hinterbein war noch nicht vollständig verheilt.
Aber entschlossen.
Er erreichte Max, kletterte unbeholfen über dessen Vorderbein und drückte sich an seine Brust.
Max blieb völlig ruhig.
Dann legte er den Kopf neben ihn.
Und begann, Fips das Fell zu putzen.
Genau wie damals unter den Trümmern.
Theresa stand neben mir.
Sie hatte beide Hände vor den Mund gelegt.
„Stefan“, flüsterte sie, „schau dir das an.“
Fips schnurrte.
Laut und zufrieden.
Max schloss die Augen.
Zum ersten Mal, seit wir ihn gefunden hatten, sah er wirklich entspannt aus.
Ich setzte mich auf einen Stuhl.
Und plötzlich liefen mir die Tränen.
Ich hatte mich die ganzen Wochen zusammengerissen.
Beim Einsatz.
In der Klinik.
Bei den Untersuchungen.
Doch jetzt konnte ich nicht mehr.
Theresa legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Die beiden gehören zusammen“, sagte sie.
Ich nickte.
„Dann sorgen wir dafür, dass das so bleibt.“
Max brauchte insgesamt etwa drei Monate, bis er sich ausreichend erholt hatte.
Fips wurde in dieser Zeit zu einem kräftigen, neugierigen kleinen Kater.
Er untersuchte jede Ecke, spielte mit Stoffmäusen und sprang auf alles, was nicht rechtzeitig aus dem Weg geräumt wurde.
Max dagegen blieb ruhig.
Er beobachtete Fips meistens von seiner Decke aus.
Wenn der Kleine zu wild wurde, hob er den Kopf und schaute ihm hinterher.
Und wenn Fips müde war, kam er zurück.
Dann rollte er sich zwischen Max‘ Vorderpfoten zusammen.
Als wäre dort der sicherste Platz der Welt.
Wir beschlossen, beide nur gemeinsam zu vermitteln.
Eine Anzeige mit ihrer Geschichte wurde veröffentlicht.
Innerhalb von drei Wochen meldeten sich mehr als hundert Interessenten.
Viele schrieben nette Nachrichten.
Manche wollten besonders Max aufnehmen.
Andere interessierten sich für Fips.
Aber wir machten von Anfang an klar, dass die beiden nicht getrennt werden würden.
Dann erreichte uns ein Brief.
Kein kurzer Text.
Ein richtiger Brief auf Papier.
Abgeschickt von einer Frau namens Hannelore.
Sie war 76 Jahre alt und lebte allein in einem kleinen Haus am Stadtrand von Kassel.
Ihr Mann Georg war im vergangenen Jahr gestorben.
47 Jahre waren sie verheiratet gewesen.
In ihrem Brief schrieb sie:
„Seit mein Mann nicht mehr da ist, ist es sehr still geworden bei mir. Früher haben wir jeden Abend zusammen in der Küche gesessen. Jetzt decke ich den Tisch nur noch für eine Person.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






