Mutter sagte: „Ich schaffe das nicht mehr.“ Und ich hörte jedes Wort.
Ich war acht, zweite Klasse, und ich sollte einen Aufsatz schreiben: Warum hat Gott Mütter gemacht? Unsere Lehrerin hatte gesagt, wir sollen ehrlich sein. Nicht schlau. Ehrlich.
Ehrlich war: Ich dachte, Mütter sind wie eine Art Geheimdienst. Sie wissen, wo das Klebeband liegt. Sie wissen, wer das Glas umgestoßen hat, auch wenn niemand es gesehen hat. Sie wissen, ob man wirklich Bauchweh hat oder nur keine Lust auf Mathe. Und sie können dich beruhigen, ohne dass sie dir etwas geben müssen. Einfach mit der Hand auf dem Kopf, drei Strichen über den Rücken, und plötzlich ist die Welt wieder kleiner.
Ich dachte, das ist normal.
Bis zu diesem Abend.
Es war Winter. Draußen war es früh dunkel, und an meinem Schuh klebte noch grauer Schneematsch vom Hof. In der Küche brummte der Kühlschrank so wie immer, und es roch nach Spülmittel und warmem Tee. Ich stand im Flur, meine Jacke noch halb an, und hörte Mama am Küchentisch.
Nicht laut. Eher so, als würde sie es nur für sich sagen.
„Ich schaffe das nicht mehr.“
Dann war Stille. Nicht die gute Stille. Die, die sich anfühlt, als würde ein dünnes Glas im Schrank wackeln.
Ich war mir sicher: Das heißt, sie geht weg. Oder sie wird krank. Oder sie wird unsichtbar. In meinem Kopf machte es Klick, wie wenn Klebeband von der Rolle reißt.
Ich legte die Jacke langsam ab, als könnte ein falsches Geräusch alles kaputt machen. Mama merkte nicht, dass ich da war. Sie starrte auf einen Stapel Briefe, den ich nur als „Erwachsenensachen“ kannte. Umschläge, Notizzettel, ein Kalender, der immer voll war. Daneben lag eine Schere. Und Klebeband.
Das Klebeband lag da wie ein kleines, glänzendes Versprechen: Wenn etwas reißt, kannst du es wieder zusammenkleben.
Mama nahm die Rolle, klebte etwas an einen Umschlag, drückte es fest und schob alles sehr schnell in ein Fach ganz oben im Küchenschrank. So hoch, dass ich nie drankam. Sie schloss die Tür, als würde sie etwas verstecken.
Mein Herz klopfte.
Wenn sie das Klebeband versteckt, dachte ich, dann ist wirklich etwas los.
Am nächsten Tag in der Schule saß ich vor dem leeren Blatt. Die anderen Kinder schrieben schon. Ich hörte Stifte kratzen. Ich starrte auf die Überschrift: „Warum hat Gott Mütter gemacht?“
Ich schrieb: „Damit sie wissen, wo das Klebeband ist.“ Das war lustig. Ich musste kurz grinsen.
Aber dann sah ich Mamas Gesicht von gestern Abend wieder vor mir. Die Augen müde, als hätte sie seit Wochen nicht richtig geblinzelt. Und plötzlich war es nicht mehr lustig.
Nachmittags zu Hause hörte ich, wie Papa im Wohnzimmer telefonierte. Er klang freundlich, wie immer, ein bisschen müde. Als ich vorbeiging, sagte er nur: „Gleich, Kleiner.“ Er sagte das oft. „Gleich“ bedeutete meistens: später.
Mama war wieder in der Küche. Sie machte Abendessen, räumte nebenbei die Spülmaschine ein, wischte Krümel weg, und dabei erzählte sie mir, dass ich morgen Turnzeug brauche und dass wir am Freitag einen Zettel unterschreiben müssen. Alles in einem Atemzug. Als hätte sie ein unsichtbares Band, das sie an alles erinnert.
Ich fragte: „Mama… bist du böse?“
Sie sah mich an und lächelte. Dieses schnelle Lächeln, das Erwachsene machen, wenn sie nicht wollen, dass du merkst, dass etwas weh tut.
„Nein, Schatz.“
Ich wollte sagen: Ich habe dich gehört. Ich wollte fragen: Wohin willst du gehen? Aber meine Kehle war plötzlich eng.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie Mama weg ist. Nicht tot, das Wort kannte ich, aber ich wollte es nicht anfassen. Eher… weg. Als wäre sie in einem anderen Zimmer, das man nicht findet.
Ich stand auf, ganz leise, und schlich in die Küche.
Der Schrank oben war geschlossen. Ich holte den Hocker aus dem Bad, den ich eigentlich nicht nehmen durfte, stellte ihn vor den Küchenschrank und kletterte hoch. Meine Hände zitterten. Nicht vor Angst zu fallen. Vor Angst, etwas zu finden.
Ich tastete nach dem Fach. Da war ein Karton. Ich zog ihn vorsichtig hervor.
Es war keine Schatzkiste. Es war eine Schachtel, wie man Schuhe darin aufbewahrt. Und sie war voll.
Oben lagen alte Kinderzeichnungen. Eine davon war von mir, aus dem Kindergarten: ein Haus, ein Hund, ein Himmel, der zu groß war. Ich hatte damals gemalt, dass Mama neben der Tür steht. Riesengroß. Größer als das Haus.
Darunter lagen kleine Zettel mit Mamas Schrift. Listen. Erinnerungen. „Turnzeug.“ „Elternabend.“ „Milch.“ „Rechnung.“ „Arzttermin.“ „Omas Geburtstag nicht vergessen.“ So viele Dinge, dass mir schwindelig wurde.
Und dann fand ich einen Briefumschlag. Darauf stand: „Für später.“ Mehr nicht.
Ich wollte ihn nicht öffnen. Wirklich nicht. Ich hielt ihn nur in der Hand, und plötzlich tat mir der Bauch weh, als hätte ich Steine gegessen.
Da fiel mir die Aufgabe aus der Schule wieder ein. Was sind Mütter für Zutaten? Wolken, Engelhaar und ein Klecks Gemeinheit, hatte jemand mal gesagt. Ich musste daran denken, wie Mama manchmal streng war. Wie sie sagte: „Zimmer aufräumen.“ Wie sie wusste, was unter dem Bett liegt, obwohl sie nie unter das Bett guckte.
Vielleicht war das der Klecks Gemeinheit. Nicht, weil sie gemein ist. Sondern weil sie sonst alles allein zusammenhalten muss.
Ich stellte die Schachtel auf den Küchentisch. Dann nahm ich das Klebeband, das oben im Schrank lag. Es fühlte sich plötzlich schwer an, als wäre es kein Ding, sondern eine Aufgabe.
In meinem Zimmer baute ich mir eine „Mutter“ aus Watte, Faden und Papier. Ich machte eine Figur, die ein bisschen schief war. Der Kopf zu groß, die Arme zu dünn. Ich klebte alles fest, so gut ich konnte. Und ich schrieb einen Brief, mit meinem krummen Stift:
„Liebe Mama,
du musst nicht perfekt sein.
Du musst nur hier sein.
Wenn du sagst, du schaffst das nicht mehr, dann hab ich Angst, dass du verschwindest.
Ich will nicht, dass du verschwindest.
Ich kann mein Zimmer aufräumen. Nicht immer, aber öfter.
Und ich kann dich umarmen, auch wenn du müde bist.“
Ich klebte den Brief zu, weil ich dachte, so macht man das bei Erwachsenen.
Als ich fertig war, stand Mama in der Tür.
Ich erschrak so sehr, dass mir die Rolle Klebeband aus der Hand fiel und über den Boden rollte. Mama sah die Wattefigur, den Faden, die schiefen Papierarme. Sie sah den Brief. Sie sah mich.
„Was machst du denn da?“ fragte sie leise.
Ich fühlte, wie meine Augen brannten. Ich wollte nicht weinen. Achtjährige weinen nicht, dachte ich. Aber mein Gesicht machte es einfach.
„Ich hab… ich hab dich gehört“, sagte ich. „Gestern. In der Küche. Du hast gesagt, du schaffst das nicht mehr.“
Mama wurde ganz still. Sie setzte sich auf die Bettkante, als hätten ihre Beine plötzlich beschlossen, dass sie nicht mehr stehen können.
„Oh“, sagte sie nur.
„Gehst du weg?“ fragte ich. „Wirst du… unsichtbar?“
Da kam ein Geräusch aus Mama heraus, das ich noch nie gehört hatte. Es war halb Lachen, halb Schluchzen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als wäre es ihr peinlich.
„Nein“, sagte sie. „Ich gehe nicht weg.“
Ich atmete aus. Aber ich traute dem Satz noch nicht. Erwachsene sagen manchmal Dinge, damit Kinder ruhig sind.
Mama nahm die Klebebandrolle vom Boden auf, legte sie neben sich und strich mir über die Haare.
„Ich bin nur müde“, sagte sie. „Nicht von dir. Nicht von uns. Ich bin müde davon, immer die zu sein, die an alles denkt. Immer die, die hält. Die klebt.“
Das Wort traf mich wie ein kleiner Blitz.
Hält. Klebt.
Papa kam später ins Zimmer, als hätte er unsere Stimmen gehört. Er blieb in der Tür stehen, sah das Chaos aus Watte und Faden, sah Mamas nasse Augen. Und er sagte nichts Lustiges. Kein „Na, was wird das?“ Er sah einfach nur da hin, wo ich hinsah.
„Ich hab’s nicht gemerkt“, sagte er nach einer Weile. Das klang nicht wie eine Ausrede. Eher wie jemand, der ein fehlendes Stück im Bild endlich sieht.
Mama schüttelte den Kopf, aber nicht böse. Nur müde.
Papa ging in die Küche und kam zurück mit dem Stapel Briefe. Er setzte sich auf den Boden, nahm einen Umschlag nach dem anderen, als wäre das plötzlich sein Job. Vielleicht war es das auch. Zumindest heute.
Ich nahm meinen Brief und klebte ihn mit dem Klebeband an die Wand neben meinem Bett. Nicht, weil ich ihn später lesen wollte. Sondern damit Mama ihn sieht, wenn sie reinkommt.
Am nächsten Tag schrieb ich meinen Aufsatz fertig.
Ich schrieb: „Gott hat Mütter gemacht, damit jemand weiß, wo das Klebeband ist. Aber eigentlich hat er sie gemacht, damit jemand Dinge zusammenhält, die man nicht sehen kann. Wenn du dich verletzt, wenn du Angst hast, wenn du dich klein fühlst.“
Und dann schrieb ich noch einen Satz, den ich selbst erst beim Schreiben verstand:
„Mütter haben keine Augen hinten am Kopf. Sie haben ein Herz, das sich immer zu uns umdreht.“
Als ich den Zettel zu Hause Mama zeigte, las sie ihn langsam. Dann drückte sie mich fest an sich, so fest, dass ich ihren Atem an meinem Ohr hörte.
„Danke“, sagte sie.
Und ich wusste plötzlich: Klebeband ist nicht nur für Papier.
Manchmal ist es ein Zeichen, dass man nicht alles allein festhalten muss. Manchmal reicht es, wenn jemand sieht, dass es überhaupt reißt.
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