Die Kirchengemeinde verbot alle Feuerwehrfahrzeuge bei der Beerdigung des fünfjährigen Jungen, weil „Martinshörner und Uniformen für eine Kindertraufeier nicht angemessen“ seien.
Der Kleine – Lukas – hatte jeden Samstagvormittag in meiner Werkstatt gesessen, mit seinem Spiel-Helm auf dem Kopf, imitierte Sirenen und Motorengeräusche, während ich an einem alten, ausrangierten Feuerwehrauto schraubte. Sein letzter großer Wunsch war gewesen, dass „alle Feuerwehrmänner mit den großen roten Autos“ ihn auf seinem letzten Weg begleiten.
In den letzten Tagen vor seinem Tod stellte er mir Fragen wie:
„Warum klingen die Sirenen von den Autos unterschiedlich, Herr Klaus?“
„Wie schnell kann ein Feuerwehrauto in den Himmel fahren?“
„Haben Engel auch Blaulicht?“
Aber der Pfarrer der großen Stadtkirche sagte kategorisch nein – keine Uniformen, keine Fahrzeuge, keine Ausnahmen. Seine Mutter Anna schluchzte, als sie mir davon erzählte.
In den Händen hielt sie die winzige reflektierende Weste, die ich ihm genäht hatte, mit einem Aufnäher „Kleine Einsatzkraft“. Die Gemeinde hatte ihr gedroht, die Beerdigung ganz abzusagen, sollte auch nur ein einziges Feuerwehrauto in der Nähe der Kirche auftauchen.
Sie wollten eine leise, würdige Trauerfeier für einen Jungen, der mich jahrelang angefleht hatte: „Mach noch mal das Blaulicht an, bitte!“, der jede Feuerwehr in der Umgebung an ihrem Einsatzfahrzeug erkannt hatte, der einem Verein, der Wünsche für schwerkranke Kinder erfüllt, gesagt hatte: Er wolle nicht in einen Freizeitpark. Er wolle einmal mit „seinen Feuerwehrleuten“ im Konvoi durch die Stadt fahren.
Was der Pfarrer nicht wusste: Feuerwehrleute würden fast alles tun, um einen Wunsch wie diesen zu erfüllen. Und genau das taten wir auch – nur anders, als er es sich vorstellen konnte.
Der Morgen von Lukas’ Beerdigung war grau und kalt.
Genau so fühlte sich unsere kleine süddeutsche Stadt an, seit der Junge gestorben war.
Ich saß um fünf Uhr früh allein in meiner Werkstatt am Ortsrand, wischte mit einem Lappen über den roten Lack des alten Löschfahrzeugs, obwohl es längst glänzte. Ich versuchte, nicht auf die leere Stelle in der Ecke zu schauen, wo sonst sein kleiner Hocker stand – mit der verkleckerten Saftpackung daneben und den Buntstiftzeichnungen an der Wand.
„Warum klingen die Sirenen unterschiedlich, Herr Klaus?“
„Wie schnell kann ein Feuerwehrauto in den Himmel fahren?“
„Haben Engel auch Blaulicht?“
Diese letzte Frage hatte mich nach seiner Diagnose anders getroffen.
Anna war damals in Tränen ausgebrochen, aber ich hatte Lukas ernst in die Augen geschaut und gesagt: „Natürlich, die schnellsten Engel haben Blaulicht. Und bestimmt noch lautere Sirenen als unsere.“
Mein Handy vibrierte auf der Werkbank. Nachricht von Hannes, einem Kameraden aus der Freiwilligen Feuerwehr:
„Kirche am Marktplatz ist abgesperrt. Leute vom Kirchenvorstand an jedem Eingang.“
Sie meinten es ernst mit ihrem Verbot.
Ausgerechnet die Stadtkirche, die jedes Jahr unsere Spenden vom Weihnachts-Lichterzug der Feuerwehr dankend angenommen hatte, entschied plötzlich, dass Feuerwehrleute bei einer Kinderbeerdigung „zu laut“ und „zu auffällig“ seien. Selbst wenn das Kind nichts mehr geliebt hatte als dieses Heulen der Sirenen.
Eine zweite Nachricht leuchtete auf. Diesmal von Anna:
„Bitte macht heute keinen Aufstand. Ich weiß, ihr habt Lukas lieb, aber ich halte keinen Streit aus. Der Pfarrer sagt, wenn ihr mit Autos kommt, macht er die Trauerfeier nicht.“
Ich starrte lange auf diese Zeilen.
Anna, 28 Jahre alt, allein mit ihrem Sohn, hatte in der Bäckerei frühmorgens und abends im Seniorenheim gearbeitet, um die Behandlung zu bezahlen. Die Gemeinde hatte sie durch die Zeit der Untersuchungen, der Therapien, der schlimmen letzten Wochen getragen. Sie brauchte diese Trauerfeier. Sie brauchte einen geregelten Abschied.
Aber Lukas hatte auch etwas gebraucht.
Ich öffnete das Video auf meinem Handy, das ich mir in den letzten Tagen immer wieder angesehen hatte.
Zwei Wochen vor seinem Tod.
Vor dem Krankenhaus standen sieben Feuerwehrfahrzeuge, ein Einsatzleitwagen, zwei alte Oldtimer, die wir extra aus der Halle geholt hatten. Motoren im Standgas, Blaulicht aus, aber bereit. Lukas saß in seinem Rollstuhl, viel zu klein unter der Decke, aber seine Augen leuchteten, als die Krankenschwester ihn hinaus schob.
„Ist das alles für mich?“, flüsterte er, kaum zu hören hinter dem leisen Brummen der Motoren.
„Jedes einzelne Auto, Lukas“, hatte ich gesagt. „Dein eigener Feuerwehr-Konvoi.“
Wir fuhren Schrittgeschwindigkeit, einmal um den Krankenhausblock und durch zwei Nebenstraßen.
Lukas im Krankentransporter mit offenem Fenster, die kleine Weste über dem Krankenhaushemd, winkend, so lange er konnte. Fünfzehn Minuten, die ihm alles abverlangten – aber er lächelte die ganze Zeit.
„Jetzt bin ich ein echter Feuerwehrmann“, hatte er danach gemurmelt, schon halb eingeschlafen. „So wie du, Herr Klaus.“
Und jetzt sollte er in Stille begraben werden. In Würde, hieß es. Als wäre an dem Klang, den er liebte, irgendetwas unwürdig.
Mein Handy klingelte. Es war Marco, unser Wehrführer.
„Klaus, ich weiß, was dir durch den Kopf geht“, sagte er, ohne sich vorzustellen. „Aber wir können nicht einfach vor die Kirche fahren. Anna hat uns ausdrücklich gebeten, es nicht zu tun.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Die Kameraden treffen sich gleich im Gerätehaus. Wir machen unsere eigene kleine Gedenkfeier. Stellen die Fahrzeuge auf den Hof, zünden eine Kerze an, erzählen Lukas-Geschichten. Mehr geht heute nicht.“
„Ja“, sagte ich. Aber in meinem Kopf sah ich Lukas’ Gesicht, wie er mich gefragt hatte, ob wir alle da wären, wenn er „zum Himmel fährt“. Und wie ich ihm versprochen hatte: „Wir lassen dich nicht allein.“
„Klaus? Bist du noch da?“
„Ich bin da.“
„Tu nichts Unüberlegtes. Der Junge hat dich geliebt, aber seine Mutter braucht heute Ruhe, keinen Ärger.“
Ich legte auf und ging zur Werkstattwand, wo Lukas’ Bilder noch immer hingen.
Mit krakeliger Schrift hatte er „Feuerwehr“ darüber geschrieben. Rote Rechtecke mit Blaulicht, Strichmännchen mit Helmen. In einer Ecke sein Lieblingsbild: Weiße Wolken, darunter eine rote Straße, auf der kleine Feuerwehrautos nach oben fuhren.
„So kommt man in den Himmel“, hatte er erklärt. „Die Autos bringen einen hin.“
Die Beerdigung sollte um zehn Uhr anfangen. Es war kurz nach sechs.
Dreieinhalb Stunden, um herauszufinden, wie man einem toten Fünfjährigen ein Versprechen hält, ohne seiner Mutter den Abschied zu nehmen.
Ich traf eine Entscheidung.
„Guten Morgen, Herr Pfarrer Weber, hier ist Klaus Brenner“, sagte ich wenig später ins Telefon. „Ich weiß, es ist früh. Aber ich brauche dringend Ihre Hilfe.“
Pfarrer Weber war der Priester der kleinen katholischen Gemeinde am Stadtrand. Ein ruhiger, sachlicher Mann, dessen Bruder selbst bei der Berufsfeuerwehr arbeitete.
„Herr Brenner? Ist etwas passiert?“
„Haben Sie von Lukas gehört? Dem kleinen Jungen, der so gern bei uns im Feuerwehrhaus war?“
„Ja“, sagte er leise. „Sehr traurig. Die Beerdigung ist heute, nicht wahr? In der Stadtkirche?“
„Genau darum geht es“, sagte ich. „Die Gemeinde dort hat alle Feuerwehrleute und Fahrzeuge von der Trauerfeier ausgeschlossen. Lukas’ Wunsch war, dass wir mit unseren Autos da sind. Sie drohen sogar, die Beerdigung abzusagen, wenn wir in Uniform auftauchen.“
Am anderen Ende war es kurz still.
„Das klingt… sehr streng“, meinte er schließlich vorsichtig.
„Darum rufe ich Sie an“, sagte ich. „Ich habe eine Idee, wie wir Lukas trotzdem begleiten können. Aber dazu brauche ich Ihre Kirche. Und vielleicht noch ein paar andere.“
Bis sieben Uhr hatte ich Zusagen von vier Gemeinden im Ort: der katholischen Kirche am Stadtrand, einer kleinen evangelischen Gemeinde im Neubaugebiet, der Moschee nahe des Bahnhofs, der jüdischen Gemeinde, die sich in einem unscheinbaren Haus in einer Seitenstraße traf, und einem freien Gebetsraum, den ich bisher nur vom Vorbeifahren kannte. Überall die gleiche Reaktion: Betroffenheit, dann ein leises „Natürlich, wir machen mit.“
Um acht Uhr rollte ich mit meinem alten Löschfahrzeug auf den Hof des Feuerwehrhauses. Drinnen saßen die Kameraden an den Tischen, die Kaffeekannen schon halb leer. Keiner lachte. Keiner redete laut. Man hörte nur Löffel in Tassen und das gelegentliche Räuspern.
„Planänderung“, sagte ich in die gedämpfte Stille.
Marco hob warnend die Hand. „Klaus…“
„Keine Sorge“, sagte ich. „Wir fahren NICHT zur Stadtkirche. Das verspreche ich. Aber wir bleiben heute auch nicht nur hier.“
Alle Augen waren auf mich gerichtet.
„Lukas wollte, dass die Feuerwehr ihn begleitet“, fuhr ich fort. „Er hat nicht gesagt, auf welcher Straße.“
Ein paar Mundwinkel zuckten. Einige hörten auf zu rühren.
„Ich war heute früh am Telefon. Mit Pfarrer Weber. Mit der Pastorin der evangelischen Gemeinde. Mit anderen. Um zehn Uhr machen sie alle ihre Türen auf – für uns. Für jeden, der für Lukas beten oder einfach still an ihn denken will.“
Marco verschränkte die Arme. „Und was genau hast du vor?“
„Wir teilen uns auf“, sagte ich. „Wir fahren nicht zur Stadtkirche am Marktplatz. Keine Sirene in der Nähe, kein Blaulicht in Sichtweite, das ist Annas Wunsch.
Aber wir fahren alle anderen Straßen ab. Wir lassen heute Vormittag die ganze Stadt hören, dass Lukas nicht allein ist. Und um Punkt zehn stellen wir unsere Fahrzeuge vor die anderen Gotteshäuser, steigen aus und gehen rein. In Einsatzstiefeln, in Jeans, wie auch immer. Wir beten, wir zünden Kerzen an, wir denken an ihn.“
Hannes runzelte die Stirn. „Und Anna? Sie hat uns gebeten, keinen Ärger zu machen.“
„Wir machen keinen Ärger“, sagte ich. „Wir respektieren die Regeln der Stadtkirche. Kein Fahrzeug in der Nähe, kein Protest vor der Tür. Aber Lukas wollte Lärm und Motoren und Blaulicht. Ich glaube, wenn die ganze Stadt es hört – nur diese eine Straße nicht – kommt sein Wunsch ihm ziemlich nahe.“
Es war einen Moment lang still. Dann nickte Marco langsam.
„Wenn wir das ordentlich abstimmen, kann uns keiner Vorwürfe machen“, sagte er. „Die Straßen sind für alle da. Und beten darf jeder, wo er will.“
„Genau“, sagte ich. „Wir fahren in kleinen Gruppen, halten uns an alle Regeln, keine riskanten Manöver. Das Einzige, was heute laut werden soll, sind unsere Motoren.“
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