Sie warf die Friseurin raus, weil sie einem verzweifelten Veteranen kostenlos die Haare schnitt – dreißig Minuten später stand der Bürgermeister in der Tür
„Wenn er nicht bezahlt, kannst du sofort gehen.“
Der Satz knallte durch den Salon, als hätte jemand eine Glastür zugeschlagen.
Klara stand noch mit der Schere in der Hand da. Vor ihr saß Jens, der eben zum ersten Mal seit Monaten wieder aussah wie ein Mensch, der einmal stolz auf sich gewesen war. Das graue Tuch lag um seine Schultern, kleine Bartstoppeln klebten daran, und in seinen Augen lag etwas, das schlimmer war als Wut.
Scham.
Im Hintergrund summte noch ein Föhn. Eine Kundin, die eben noch in einer Zeitschrift geblättert hatte, sah plötzlich nicht mehr auf die Seiten, sondern direkt zu Klara. Niemand sagte etwas.
Nur Frau Seidel, die Besitzerin des Salons, stand mit verschränkten Armen neben dem Empfang und sah so aus, als hätte Klara soeben Geld aus der Kasse gestohlen.
„Ich habe doch gesagt, ich übernehme das von meinem Lohn“, sagte Klara leise, aber fest. „Ich habe ihn eingeladen. Nicht er hat gefragt.“
„Das ist mir egal“, sagte Frau Seidel. „Hier wird nicht verschenkt. Schon gar nicht an Leute, die sowieso nie etwas zahlen können.“
Jens hob sofort den Kopf.
„Lassen Sie das“, sagte er. „Ich kann gehen. Es war mein Fehler, dass ich überhaupt gekommen bin.“
„Nein“, sagte Klara.
Sie legte die Schere auf den Wagen, zog das Tuch von seinen Schultern und versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug.
„Du gehst jetzt gar nicht mit gesenktem Kopf hier raus“, sagte sie. „Nicht so.“
Jens nickte, aber seine Lippen zitterten.
Er war Anfang vierzig. Früher war er ein kräftiger Mann gewesen, einer, der anpackte, der beim Schützenfest half, beim Weihnachtsmarkt Buden aufbaute und für ältere Nachbarn schwere Kisten trug, ohne dass man ihn fragen musste. In der kleinen Stadt kannte ihn jeder.
Früher hatten die Leute gesagt: „Wenn Jens da ist, läuft’s.“
Dann war er aus einem Auslandseinsatz zurückgekommen.
Und plötzlich lief gar nichts mehr.
Seine Ehe war innerhalb eines Jahres zerbrochen. Erst war seine Frau ausgezogen. Dann war die Wohnung weg. Dann der Job im Lager. Dann die Kraft, morgens aufzustehen. Irgendwann sah man ihn nur noch mit zu langem Haar, ungepflegtem Bart und diesem Blick, als würde er in einer ganz anderen Welt leben, in die niemand aus der Stadt wirklich hineinschauen konnte.
Die meisten meinten es nicht böse.
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