Alle lachten über die Frau im Kapuzenpulli – dann salutierte ein ganzes Geschwader vor ihr

Die Frau im ausgeleierten Kapuzenpulli sollte „nach hinten verschwinden“ – bis ein ganzes Geschwader aufstand und vor ihr salutierte

„Die günstigen Plätze sind normalerweise weiter hinten“, sagte die Flugbegleiterin so laut, dass es die halbe vordere Kabine hören konnte.

Ein paar Menschen lachten.

Nicht laut.

Nur dieses kurze, trockene Lachen von Leuten, die glauben, ihre Uhr, ihr Mantel oder ihr Sitzplatz mache sie zu besseren Menschen.

Marlene Vogt blieb stehen.

Sie hielt ihre Bordkarte zwischen zwei Fingern, als wäre sie ein Einkaufszettel vom Discounter.

Sitz 8F.

Fenster.

Vorne.

Nicht erste Reihe, aber immer noch der Bereich, in dem die Sitze breiter waren, der Kaffee in Porzellantassen kam und manche Gäste ihre Jacken behandelten wie kleine Denkmäler ihres Erfolgs.

Die Flugbegleiterin hieß Olivia Sandner.

Ihr Namensschild glänzte an einer makellosen dunkelblauen Uniform.

Sie war Anfang fünfzig, schlank, streng frisiert und hatte diesen Blick, den manche Menschen mit Dienstleistung verwechseln, obwohl er in Wahrheit ein Urteil ist.

Sie musterte Marlene von den abgetragenen Turnschuhen bis zum grauen Kapuzenpulli.

An den Ärmeln war der Stoff dünn geworden.

Die Jeans hatte am Knie eine helle Scheuerstelle.

Marlene trug keine Schminke.

Ihr kurzes, silbergraues Haar stand an einer Seite etwas ab, als hätte sie es auf dem Weg zum Flughafen nur mit den Fingern glatt gestrichen.

„Der Flieger ist heute voll“, sagte Olivia. „Also müssen Sie wohl hier sitzen bleiben.“

Wieder ein Kichern.

Marlene sah sie nicht böse an.

Sie sagte nur: „Das steht auch so auf meiner Karte.“

Olivia lächelte, aber ihre Augen blieben kalt.

„Natürlich.“

Marlene ging weiter.

Langsam.

Nicht unsicher.

Nur langsam, weil ihr rechtes Knie an kalten Morgen manchmal stach.

Sie war zweiundsechzig, aber nicht auf diese weiche Art, mit bequemen Schuhen und Rentnerreiseprospekt in der Hand.

In ihr lag etwas Hartes.

Etwas, das sich nicht verbiegen ließ.

Sitz 8F war am Fenster.

Neben ihr saß ein Mann Mitte vierzig in einem dunkelgrauen Anzug, der sein Tablet so hielt, als wäre es ein Schutzschild.

Sein Hemd war blendend weiß.

Sein Gesicht hatte diese glatte Selbstzufriedenheit, die man oft bei Leuten sieht, die nie lange auf etwas warten mussten.

Er zog seine Aktentasche ein Stück näher zu sich, als Marlene sich setzte.

„Vorsicht“, sagte er. „Die Tasche war teuer.“

Marlene schob ihren alten Rucksack unter den Sitz.

„Dann passen Sie gut darauf auf.“

Der Mann sah sie an, als hätte sie gerade in einer fremden Sprache geantwortet.

Ein paar Reihen weiter vorn drehte sich eine Frau mit Perlenohrringen um.

Sie trug einen cremefarbenen Mantel und ein Seidentuch um den Hals.

„Ist das nicht nett?“, sagte sie zu ihrer Freundin. „Manchmal dürfen heute wirklich alle mal vorne sitzen.“

Marlene hörte es.

Natürlich hörte sie es.

Mit zweiundsechzig hört man nicht schlechter, nur weil junge Leute das hoffen.

Man lernt nur, nicht auf jeden Stein zu treten, der einem in den Weg gelegt wird.

Sie legte die Hände in den Schoß.

Die Finger waren schmal, aber nicht weich.

An der rechten Hand verlief eine helle Narbe vom Daumenballen bis zum Handgelenk.

Eine alte Erinnerung.

Eine, die niemand in dieser Kabine verstehen würde.

Marlene schaute aus dem Fenster.

Draußen lag das Rollfeld des Berliner Flughafens unter einem grauen Vormittag.

Menschen in Warnwesten bewegten Gepäckwagen.

Ein Flugzeug hob in der Ferne ab, leicht und schwer zugleich.

Wie ein Versprechen.

Wie eine Drohung.

„Reisen Sie geschäftlich?“, fragte der Mann neben ihr plötzlich.

Er klang nicht interessiert.

Er klang hungrig nach einer Antwort, die ihn amüsieren könnte.

Marlene drehte den Kopf.

„Ja.“

Er hob die Augenbrauen.

„Ah. Und was machen Sie beruflich?“

Marlene betrachtete ihn einen Moment.

Dann sagte sie: „Ich halte Vorträge.“

„Über was denn? Sparen im Alltag?“

Er lächelte bei seinem eigenen Witz.

Die Frau mit dem Seidentuch lachte wieder.

Olivia stand vorn bei der Bordküche und tat so, als müsse sie etwas sortieren, aber ihre Mundwinkel verrieten sie.

Marlene sagte: „Über Verantwortung.“

Der Mann sah kurz verwirrt aus.

Dann winkte er ab.

„Na ja. Davon reden viele.“

„Ja“, sagte Marlene. „Tun ist seltener.“

Diesmal lachte niemand.

Das Flugzeug rollte los.

Als es abhob, griff Marlene nicht nach der Armlehne.

Sie sah hinaus.

Berlin wurde kleiner.

Straßen, Häuser, Flüsse, graue Dächer, alles schrumpfte zu Mustern.

Der Mann neben ihr bestellte Sekt.

Olivia brachte ihm das Glas mit einer kleinen Serviette.

Marlene bekam keines angeboten.

„Wasser reicht mir“, sagte sie, bevor Olivia fragen konnte.

Olivia hielt inne.

„Ich wollte gerade sagen, dass wir später durchgehen.“

„Wasser“, wiederholte Marlene.

„Natürlich.“

Das Wort kam wie ein Tropfen Essig.

Nach dem Start wurde die Kabine geschäftiger.

Laptops klappten auf.

Telefone wurden noch schnell ausgeschaltet, obwohl manche taten, als gälte das nicht für sie.

Ein älterer Herr diktierte einer Assistentin eine Nachricht, bevor er widerwillig den Flugmodus aktivierte.

Eine junge Frau filmte heimlich ihr Glas und ihre Schuhe, damit es nach wichtigem Leben aussah.

Marlene zog ein kleines, zerknittertes Foto aus der Tasche ihres Kapuzenpullis.

Darauf stand ein kleines Mädchen neben einem alten Fahrrad.

Das Mädchen hatte Sommersprossen, Zöpfe und ein viel zu großes Grinsen.

Neben ihr stand ein Mann in Arbeitskleidung, die Hände schwarz von Maschinenöl.

Marlene strich mit dem Daumen über den Rand.

Ihr Vater.

Der Mann, der ihr beigebracht hatte, dass man Menschen nicht nach Jacke, Konto oder Akzent bemisst.

„Wenn einer hochmütig wird“, hatte er immer gesagt, „dann hat er vergessen, dass er auch mal Hilfe brauchte.“

Marlene steckte das Foto zurück.

Sie war auf dem Weg nach Bonn.

Dort sollte sie bei einer geschlossenen Veranstaltung sprechen, vor jungen Führungskräften, Stipendiaten und Menschen, die dachten, Mut sei ein Wort für Bewerbungsunterlagen.

Sie hatte zugesagt, obwohl sie öffentliche Auftritte hasste.

Nicht wegen der Bühne.

Sondern wegen der Fragen danach.

„Wie war das damals wirklich?“

„Haben Sie Angst gehabt?“

„Würden Sie es wieder tun?“

Marlene wusste nie, was sie sagen sollte.

Die Wahrheit war nicht schön.

Die Wahrheit roch nach Kerosin, Metall, Schweiß und verbranntem Himmel.

Die Wahrheit hatte Gesichter.

Manche davon sah sie noch nachts.

Aber dieser Vortrag war anders.

Ein junger Pilot hatte sie darum gebeten.

Er war damals kaum dreißig gewesen, als sie ihn aus einer Lage herausgeführt hatte, aus der er allein nicht zurückgekommen wäre.

Heute bildete er selbst andere aus.

„Sie müssen kommen“, hatte er am Telefon gesagt. „Nicht wegen der Orden. Wegen der jungen Leute. Die müssen sehen, was Würde bedeutet.“

Marlene hatte lange geschwiegen.

Dann hatte sie gesagt: „Ich komme.“

Mehr nicht.

Der Flug war kaum eine Stunde alt, als Olivia mit kleinen Menükarten durch die vorderen Reihen ging.

Der Mann neben Marlene bekam eine Karte.

Die Frau mit dem Seidentuch auch.

Der ältere Herr mit der Diktierstimme ebenfalls.

Olivia blieb kurz vor Marlenes Reihe stehen, sah auf die Karten in ihrer Hand, dann auf Marlene.

„Wir haben leider nur eine begrenzte Auswahl für unsere Premiumgäste.“

Marlene sah auf.

„Ich sitze hier.“

„Ja“, sagte Olivia. „Aber das System ist heute etwas durcheinander.“

Der Mann neben ihr schnaubte.

„Das merkt man.“

Wieder dieses Kichern.

Marlene nahm ihre Wasserflasche aus dem Rucksack.

Sie drehte den Deckel auf.

Langsam.

„Kein Problem.“

Olivia hätte weitergehen können.

Aber manche Menschen können eine kleine Demütigung nicht liegen lassen.

Sie müssen sie noch einmal mit dem Schuh andrücken.

„Es gibt hinten bestimmt noch Sandwiches.“

Marlene sah sie an.

Nicht hart.

Nicht wütend.

Nur so ruhig, dass Olivia plötzlich zu blinzeln begann.

„Ich habe schon Schlimmeres gegessen.“

Die Worte waren leise.

Der Mann neben ihr lachte.

„In der Kaserne, oder was?“

Marlene schraubte die Flasche zu.

„Unter anderem.“

„Ach“, sagte er. „Sie waren also mal beim Bund? Büro? Küche? Verwaltung?“

Marlene schaute wieder aus dem Fenster.

„Ich war in der Luft.“

„Als Stewardess?“

Die Frau mit den Perlenohrringen lachte so laut, dass ein Kind im hinteren Bereich den Kopf hob.

Marlene lächelte kaum sichtbar.

„Nicht ganz.“

Der Mann klappte sein Tablet zu.

Jetzt hatte sie ihn neugierig gemacht, aber auf die falsche Weise.

„Wissen Sie, ich arbeite im Sicherheitsbereich“, sagte er. „Große Projekte. Verteidigungsnah. Da kennt man schon ein paar Leute.“

Marlene nickte.

„Dann kennen Sie vielleicht auch den Unterschied zwischen Reden und Fliegen.“

Sein Gesicht wurde rot.

„Ich wollte nur höflich sein.“

„Nein“, sagte Marlene. „Das wollten Sie nicht.“

Stille.

Nicht lange.

Aber lang genug, dass Olivia in der Bordküche etwas fallen ließ.

Nach einer Weile beruhigte sich die Kabine wieder.

Der Flug ging über eine Wolkendecke, die wie alte Watte aussah.

Marlene lehnte den Kopf an die Rückenlehne.

Sie schloss die Augen.

Für andere sah es aus, als würde eine müde Frau schlafen.

Aber hinter ihren geschlossenen Lidern war sie wieder dort.

Nicht in diesem Flugzeug.

Nicht über Deutschland.

Sondern in einer Nacht, in der der Himmel zu eng geworden war.

Sie hörte Stimmen im Funk.

Junge Stimmen.

Zu junge.

Sie sah Lichter, die keine Sterne waren.

Sie hörte ihren eigenen Atem im Helm.

Ruhig bleiben.

Höhe halten.

Nicht denken.

Nur handeln.

„Falke Drei, ich verliere Druck.“

„Bleib bei mir.“

„Ich sehe nichts mehr.“

„Dann hörst du auf meine Stimme.“

Sie öffnete die Augen.

Ihr Herz schlug langsam, aber schwer.

Neben ihr tippte der Mann wieder auf seinem Tablet.

Er merkte nichts.

Natürlich nicht.

Die meisten Menschen sehen nur die Oberfläche.

Einen Kapuzenpulli.

Eine alte Jeans.

Ein Gesicht ohne teuren Glanz.

Sie sehen nicht, was jemand getragen hat, bevor er müde wurde.

Sie sehen nicht die Nächte, in denen man stark war, weil Schwäche keine Option war.

Etwa zwanzig Minuten später knackte der Lautsprecher.

Die Stimme des Kapitäns war freundlich, aber angespannt.

„Meine Damen und Herren, aufgrund einer kurzfristigen technischen Überprüfung werden wir einen geplanten Zwischenstopp auf einem militärischen Flugfeld einlegen. Es besteht kein Grund zur Sorge. Bitte bleiben Sie angeschnallt.“

Sofort ging ein Murmeln durch die Kabine.

Der Mann neben Marlene richtete sich auf.

„Militärflugfeld? Interessant.“

Die Frau mit dem Seidentuch griff nach ihrem Telefon, obwohl es keinen Empfang gab.

Olivia ging mit kontrolliertem Schritt durch den Gang.

„Bitte bleiben Sie ruhig.“

Marlene sah aus dem Fenster.

Unter ihnen brachen die Wolken auf.

Ein breites Gelände erschien, grau und streng, mit langen Bahnen, Hangars und Reihen dunkler Maschinen.

Keine Reklame.

Keine gläsernen Einkaufspassagen.

Nur Beton, Wind und Ordnung.

Marlene atmete einmal tief ein.

Der Geruch war noch nicht da, aber ihr Körper erinnerte sich trotzdem.

Kerosin.

Regen auf Metall.

Der Klang von Stiefeln auf Beton.

„Sie wirken ja plötzlich ganz wach“, sagte der Mann neben ihr.

Marlene antwortete nicht.

Olivia blieb bei ihrer Reihe stehen.

„Sie kennen sich hier wohl aus?“

Der Ton war spitz.

Marlene sah weiter hinaus.

„Ein wenig.“

„Aha.“

Olivia lächelte dünn.

„Dann wissen Sie ja, dass Zivilgäste hier normalerweise nichts zu suchen haben.“

„Ja“, sagte Marlene.

„Gut.“

„Deshalb bin ich auch selten normal irgendwo gewesen.“

Olivia verstand den Satz nicht.

Aber er ärgerte sie.

Das Flugzeug setzte auf.

Nicht holprig.

Präzise.

Marlene spürte die Landung in den Knochen.

Die Kabine applaudierte nicht.

Menschen wie diese applaudierten nur, wenn sie gesehen werden wollten.

Als das Flugzeug ausrollte, sahen alle nach draußen.

Auf dem Rollfeld standen mehrere Kampfjets.

Schlank, grau, still.

Wie Raubvögel, die nur darauf warteten, dass jemand die Hand hob.

Marlene schloss kurz die Finger um den Riemen ihres alten Rucksacks.

Daran war ein kleiner Stoffaufnäher.

Ausgeblichen.

Fast unscheinbar.

Ein schwarzer Vogel vor einem dunkelblauen Kreis.

Darunter ein Wort, kaum noch lesbar:

Nachtfalke.

Sie hatte ihn selbst angenäht.

Vor vielen Jahren.

Nach einer Mission, über die nie etwas in der Zeitung gestanden hatte.

„Bitte bleiben Sie sitzen“, sagte Olivia über den Lautsprecher. „Einige ausgewählte Gäste erhalten eventuell die Möglichkeit, kurz Vertreter des Stützpunkts zu begrüßen. Wir informieren Sie.“

Sie sagte „ausgewählte Gäste“ und sah dabei nicht zu Marlene.

Der Mann neben Marlene richtete seine Krawatte.

„Das könnte für mich interessant sein.“

„Bestimmt“, sagte Marlene.

Er hörte den Unterton nicht.

Oder er wollte ihn nicht hören.

Ein Offizier betrat das Flugzeug.

Er war Mitte vierzig, groß, mit grauen Schläfen und einer Uniform, die nicht glänzte, sondern Gewicht hatte.

Sein Gesicht war ruhig.

Aber seine Augen suchten.

Olivia wurde sofort weich.

„Willkommen an Bord“, sagte sie mit einer Freundlichkeit, die Marlene bisher nicht bekommen hatte.

„Einige unserer Gäste freuen sich sehr.“

Der Offizier nickte knapp.

„Oberstleutnant Berger.“

Einige Passagiere streckten sofort Hände aus.

Der Mann neben Marlene stand halb auf.

„Angenehm, ich bin Klaus Reuter. Ich arbeite an mehreren Projekten im sicherheitsnahen Bereich.“

Berger schüttelte seine Hand, aber sein Blick wanderte weiter.

Zur Reihe 8.

Zum Fenster.

Zu Marlene.

Er erstarrte.

Nicht auffällig für alle.

Aber Marlene sah es.

Ein winziges Innehalten.

Ein Mensch, der plötzlich die Vergangenheit vor sich sieht.

Berger ließ Reuters Hand los.

Langsam ging er den Gang hinunter.

Die Kabine wurde stiller.

Seine Stiefel klangen auf dem Boden.

Marlene blieb sitzen.

Sie sah ihm entgegen.

Berger blieb neben ihrer Reihe stehen.

Sein Gesicht hatte sich verändert.

Nicht weich.

Nicht sentimental.

Ehrerbietig.

„Sind Sie Nachtfalke Sieben?“

Der Mann neben Marlene lachte kurz auf.

„Entschuldigung?“

Niemand antwortete ihm.

Marlene hielt Bergers Blick.

Dann nickte sie.

„Lange her.“

Berger atmete aus.

Als hätte er jahrelang einen Satz mit sich herumgetragen und endlich den Menschen gefunden, dem er gehörte.

„Nicht für uns.“

Olivia stand starr am Gang.

„Herr Oberstleutnant, gibt es ein Problem?“

Berger drehte sich nicht zu ihr.

„Nein.“

Dann sprach er lauter.

So laut, dass die ganze vordere Kabine es hörte.

„Frau Vogt, bitte stehen Sie auf.“

Marlene rührte sich nicht sofort.

Nicht aus Trotz.

Eher aus Müdigkeit.

Sie hatte diese Art von Momenten nie gesucht.

Sie hatte nie gewollt, dass fremde Menschen plötzlich Respekt übten wie eine peinliche Fremdsprache.

Berger senkte die Stimme.

„Sie warten draußen auf Sie.“

Marlene löste den Gurt.

Der Mann neben ihr zog automatisch die Beine ein.

Zum ersten Mal ohne Kommentar.

Marlene nahm ihren Rucksack.

Der alte Stoff sah neben all den Ledertaschen noch schäbiger aus.

Und trotzdem schien er plötzlich schwerer.

Als trüge er etwas, das alle anderen nicht bezahlen konnten.

Als sie aufstand, knackte ihr Knie leise.

Die Frau mit dem Seidentuch starrte sie an.

Olivia öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Marlene ging an ihr vorbei.

Olivia flüsterte: „Wer ist diese Frau?“

Berger blieb stehen.

Jetzt sah er sie an.

„Jemand, dem viele Männer und Frauen ihr Leben verdanken.“

Die Worte fielen nicht dramatisch.

Gerade deshalb trafen sie.

Marlene trat hinaus.

Der Wind auf dem Rollfeld schlug ihr sofort ins Gesicht.

Kühl.

Rau.

Ehrlich.

Keine Parfümwolke.

Keine Kabinenluft.

Nur Wind, Kerosin und Beton.

Vor dem Flugzeug standen Piloten in einer Reihe.

Männer und Frauen.

Junge Gesichter.

Erfahrene Gesichter.

Alle in Uniform.

Alle still.

Marlene blieb am Fuß der Treppe stehen.

Einen Augenblick war sie wieder zweiunddreißig.

Dann vierzig.

Dann siebenundfünfzig.

Dann wieder zweiundsechzig.

Alle Versionen von ihr standen gleichzeitig in diesem Wind.

Berger trat neben sie.

Seine Stimme trug über das Rollfeld.

„Achtung.“

Die Piloten richteten sich auf.

„Nachtfalke Sieben.“

Für einen Moment bewegte sich nichts.

Dann hoben alle die rechte Hand zum Gruß.

Gleichzeitig.

Präzise.

Nicht für die Show.

Nicht für Kameras.

Für sie.

Hinter den Flugzeugfenstern klebten Gesichter an den Scheiben.

Der Mann mit dem Tablet.

Die Frau mit den Perlen.

Olivia.

Alle sahen, was sie vorher nicht sehen wollten.

Marlene hob langsam die Hand.

Ihr Gruß war sauber.

Nicht steif.

Nicht alt.

Er saß in ihr wie eine zweite Sprache.

Die Piloten senkten die Hände erst, als sie es tat.

Ein junger Mann trat vor.

Vielleicht Anfang dreißig.

Seine Augen waren gerötet.

Er hielt einen alten Helm in beiden Händen.

Der Helm war dunkel, an manchen Stellen abgeschabt.

Auf der Seite stand in hellen Buchstaben:

NACHTFALKE 7

Marlene sah den Helm an.

Ihre Finger zuckten.

„Den gibt es noch?“

Der junge Mann nickte.

„Er wurde nie neu vergeben.“

Berger sagte leise: „Keiner hätte ihn tragen dürfen.“

Marlene nahm den Helm.

Das Material war kalt.

Und plötzlich war sie nicht mehr auf dem Rollfeld.

Sie war wieder in jener Nacht.

Der Funk überschlug sich.

Ein junger Pilot schrie nicht, aber seine Stimme brach.

„Ich sehe die Bahn nicht.“

Sie hatte damals geantwortet: „Doch. Du siehst mich.“

Sie war vor ihm geflogen.

Zu niedrig.

Zu riskant.

Sie hatte ihre Maschine in eine Position gebracht, für die man sie später offiziell gerügt und inoffiziell nie vergessen hatte.

Ein Fehler hätte zwei Maschinen gekostet.

Ein Zögern vielleicht sechs Leben.

Sie hatte nicht gezögert.

Danach hatte man ihr einen Orden gegeben, den sie nie trug.

Und ein Schweigen, das schwerer war als Metall.

Der junge Pilot vor ihr schluckte.

„Mein Vater war damals in Ihrer Formation.“

Marlene sah auf.

„Wie heißt er?“

„Thomas.“

Sie schloss kurz die Augen.

„Falke Drei.“

Der junge Mann nickte.

Jetzt liefen ihm Tränen über das Gesicht, und er wischte sie nicht weg.

„Er sagt, er hat nur deshalb Enkelkinder, weil Sie damals nicht umgedreht sind.“

Marlene hielt den Helm fester.

„Er hat sich selbst nach Hause gebracht.“

„Nein“, sagte der junge Mann. „Er sagt, Sie haben ihn an Ihrer Stimme festgebunden.“

Der Wind ging über das Rollfeld.

Keiner lachte.

Keiner räusperte sich.

Im Flugzeug sah Klaus Reuter auf seine Hände.

Die Frau mit dem Seidentuch zog ihr Tuch enger.

Olivia stand an der Tür, bleich.

Marlene gab dem jungen Mann den Helm nicht zurück.

Berger sagte: „Er gehört Ihnen.“

„Ich habe ihn abgegeben.“

„Nein“, sagte Berger. „Sie haben nur aufgehört, ihn zu tragen.“

Dieser Satz traf sie härter, als sie erwartet hatte.

Denn das stimmte.

Sie hatte vieles abgegeben.

Den Helm.

Den Rang.

Die Nächte in Bereitschaft.

Den Lärm.

Die Pflicht, immer stärker zu sein als ihre Angst.

Aber sie hatte nie abgegeben, wer sie gewesen war.

Und vielleicht auch nie, wer sie noch war.

Nach einigen Minuten führte Berger sie zurück zum Flugzeug.

Als Marlene die Treppe hinaufstieg, war die Kabine so still, dass man das Summen der Technik hörte.

Sie ging zu ihrem Platz.

Niemand zog die Beine zu spät ein.

Niemand lachte.

Der Mann neben ihr stand sogar auf, damit sie besser durchkam.

„Frau Vogt“, sagte er heiser.

Sie sah ihn nicht an.

Sie setzte sich.

Der Helm lag auf ihrem Schoß.

Der alte Rucksack stand wieder unter dem Sitz.

Plötzlich sah dieser Rucksack nicht mehr armselig aus.

Er sah aus wie ein Zeuge.

Olivia kam den Gang entlang.

In ihrer Hand hielt sie ein Glas Wasser.

Nicht in Plastik.

In einem richtigen Glas.

„Frau Vogt“, sagte sie. „Es tut mir leid wegen vorhin.“

Marlene nahm das Glas nicht sofort.

Sie sah Olivia an.

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