Als die Militärpolizisten die 58-jährige Karin vor allen Stammgästen abführten, erkannte ein pensionierter Admiral ihr altes Tattoo und flüsterte: „Macht sie sofort los.“
„Hände auf den Tisch. Langsam.“
Karin Berger saß in der hintersten Ecke des kleinen Cafés am Kieler Hafen, dort, wo sie jeden Dienstag saß. Rücken zur Wand. Blick zur Tür. Der schwarze Kaffee vor ihr dampfte noch.
Sie hob nicht einmal die Stimme.
„Ich habe nichts getan.“
Der junge Mann in Uniform trat näher an den Tisch. Seine Stiefel klangen viel zu hart auf den alten Fliesen, als wollte er absichtlich, dass jeder im Raum es hörte.
„Ausweis. Sofort.“
Am Tresen erstarrte Nadja mit der Milchkanne in der Hand. Ein Rentnerpaar am Fenster hörte auf, sein Käsebrötchen zu teilen. Zwei Handys gingen fast gleichzeitig hoch.
Karin sah es.
Natürlich sah sie es.
Sie hatte ein halbes Leben damit verbracht, Bewegungen zu lesen, bevor andere überhaupt merkten, dass sie sich bewegten.
„Worum geht es?“, fragte sie.
Der Uniformierte, vielleicht Anfang dreißig, vielleicht zu jung, um zu wissen, wie teuer Hochmut werden kann, verzog den Mund.
„Sie geben sich als ehemalige Angehörige einer Spezialeinheit aus.“
Ein Raunen ging durch das Café.
Karin blieb still.
Nur ihr Daumen strich einmal über den Rand der Kaffeetasse.
Der zweite Uniformierte trat hinter sie. Der dritte blieb an der Tür stehen, breitbeinig, als wäre das Café plötzlich ein Tatort.
„Das ist ein Missverständnis“, sagte Karin.
„Nein“, sagte der erste. „Das ist Betrug.“
Nadja stellte die Milchkanne ab. Zu laut.
„Karin?“
Karin sah kurz zu ihr hinüber. Nur ein Blick. Ruhig, warm, fast mütterlich.
Bleib da, sagte dieser Blick.
Misch dich nicht ein.
Aber Nadja war neunundzwanzig und hatte noch nicht gelernt, dass manche Menschen genau dann gefährlich werden, wenn sie freundlich bleiben.
„Sie ist jeden Morgen hier“, sagte Nadja. „Sie hilft im Seniorentreff. Sie fährt Frau Rother zum Arzt. Sie repariert sogar die Kaffeemühle, wenn mein Chef wieder zu geizig ist.“
Der Uniformierte sah sie nicht einmal richtig an.
„Das macht sie nicht unschuldig.“
Karin zog langsam ihre Geldbörse aus der Jackentasche. Kein Zittern. Keine Hast.
Personalausweis. Führerschein. Eine kleine Mitgliedskarte vom Nachbarschaftshaus.
Karin Berger. 58 Jahre. Verwitwet. Leiterin eines offenen Seniorentreffs in einem alten Backsteingebäude nahe der Förde.
Das sah nicht aus wie eine Heldin.
Das sah aus wie eine Frau, die samstags Kartoffelsalat für den Verein machte, Lesebrillen auf der Nase vergaß und fremden Kindern sagte, sie sollten ihre Jacke zumachen.
Genau deshalb hielten manche sie für harmlos.
Und andere für eine Lügnerin.
„Frau Berger“, sagte der Uniformierte. „Uns liegt eine Anzeige vor. Mehrere Zeugen behaupten, Sie hätten in der Veteranenstelle mit Einsätzen geprahlt, die Sie nie erlebt haben.“
Karin atmete einmal tief durch.
Sie erinnerte sich an den Donnerstag.
An Herbert.
An den alten Mann mit den gelben Fingern, der im Aufenthaltsraum geweint hatte, weil nachts wieder die Geräusche zurückkamen. Sie hatte sich neben ihn gesetzt. Nicht als Therapeutin. Nicht als Heldin. Nur als jemand, der wusste, dass manche Nächte keine Vergangenheit kennen.
Ein paar Jüngere hatten zugehört.
Einer hatte gefragt: „Woher wissen Sie das alles?“
Und Karin hatte, dumm vielleicht, müde vielleicht, ein Stück zu ehrlich geantwortet.
„Ich war dort, wo man hinterher nicht war.“
Mehr nicht.
Aber manchmal reicht ein halber Satz, damit jemand daraus eine Waffe macht.
„Ich habe niemanden belogen“, sagte Karin.
„Sie behaupten also weiterhin, Teil einer maritimen Spezialeinheit gewesen zu sein?“
„Ich behaupte gar nichts.“
„Praktisch“, sagte der Mann. „Erst große Geschichten erzählen, dann plötzlich schweigen.“
Ein älterer Herr am Fenster senkte den Blick.
Karin kannte ihn. Herr Meinhardt. Früher Schlosser. Jeden Mittwoch brachte sie ihm Kreuzworträtsel mit, weil seine Tochter selten kam.
Jetzt sah er sie nicht an.
Das tat mehr weh, als die Uniformen.
„Frauen waren damals nicht in dieser Einheit“, sagte der Uniformierte. „Nicht offiziell. Nicht in dieser Funktion. Nicht mit dieser Tätowierung.“
Karin hob langsam den Kopf.
„Offiziell“, wiederholte sie leise.
Er lächelte, weil er glaubte, gewonnen zu haben.
„Sie kommen mit.“
„Bin ich festgenommen?“
„Noch nicht. Aber Sie machen es gerade schwer.“
Karin sah sich im Café um.
Die Menschen, die sie seit acht Jahren kannten, starrten auf ihre Tasse, auf ihre Hände, auf ihre Handys. Niemand wusste, was man glauben sollte. Eine Frau wie Karin passte in keine Heldengeschichte.
Graue Strähne im kurzen Haar.
Feine Falten um den Mund.
Arthrose im rechten Daumen.
Eine praktische Jacke, die schon bessere Jahre gesehen hatte.
Sie sah aus wie jemand, der beim Seniorennachmittag Kuchen schneidet.
Nicht wie jemand, der in fremden Ländern Männer aus brennenden Fahrzeugen gezogen hatte.
„Ich gehe freiwillig“, sagte sie. „Aber ich möchte meinen Anwalt sprechen.“
„Später.“
Der zweite Mann nahm ihre Hände.
Als das Metall der Handschellen um ihre Handgelenke klickte, wurde das Café stiller als eine Kirche nach einer Beerdigung.
Karin schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen.
Nicht aus Angst.
Aus Erinnerung.
Metall an Haut.
Befehle im Flüsterton.
Staub in der Kehle.
Ein Mann, der nach seiner Mutter rief, obwohl er selbst schon Vater war.
Sie zwang sich zurück ins Hier.
Kiel. Café. Kaffee. Fliesenboden. Nadja hinter dem Tresen.
Nicht damals.
Nicht dort.
Hier.
„Das muss nicht sein“, sagte Nadja. Ihre Stimme brach. „Sie sehen doch, dass sie ruhig ist.“
Der erste Uniformierte drehte sich zu ihr.
„Manche Betrüger wirken besonders ruhig.“
Dann tat er etwas Kleines.
Etwas Gemeines.
Er stieß mit dem Ellbogen gegen den Stapel Servietten auf dem Tresen. Sie fielen auf den Boden, weiß wie kleine Fahnen der Scham.
Niemand bückte sich.
Karin sah auf die Servietten.
Dann auf Nadja.
„Lass sie liegen“, sagte sie leise.
Nadja biss sich auf die Lippe.
Draußen vor dem Café standen schon drei Menschen, die filmten. Eine Frau mit Einkaufstasche hielt das Handy so nah an ihr Gesicht, als würde sie ein seltenes Tier aufnehmen.
Karin ging aufrecht zwischen den Uniformierten hindurch.
Nicht stolz.
Nicht gebrochen.
Nur aufrecht.
Das war das Letzte, was ihr geblieben war.
Auf dem Gehweg roch es nach Regen, Hafenwasser und kaltem Fett aus der Bäckerei nebenan. Ein Kind auf einem Roller blieb stehen.
„Mama, warum ist die Oma gefesselt?“
Karin hörte es.
Natürlich hörte sie es.
Sie hatte gelernt, Schüsse aus Sturmwind herauszuhören. Da entging ihr kein Kinderflüstern.
Die Mutter zog das Kind weg.
Nicht zu nah an die Frau mit den Handschellen.
Im Wagen der Militärpolizei setzte Karin sich gerade hin. Die Hände schmerzten, aber sie beschwerte sich nicht.
Der Uniformierte vorne, der Anführer, hieß laut Namensschild Brandt.
Oberfeldwebel Brandt.
Er sprach in sein Funkgerät, als hätte er eine gefährliche Person vom Verkehr gezogen.
„Verdächtige gesichert. Auf dem Weg zur Dienststelle.“
Verdächtige.
Karin sah durch die Scheibe auf die vorbeiziehenden Straßen.
Ein kleiner Laden für Gardinen.
Ein Bestattungsinstitut.
Ein Imbiss mit verblasster Speisekarte.
Alles ganz normal.
Das Leben war unverschämt normal, wenn einem gerade der eigene Name unter den Füßen weggezogen wurde.
Sie dachte an den Seniorentreff.
An Frau Rother, die immer so tat, als käme sie nur wegen des kostenlosen Kaffees, dabei kam sie wegen der Stimmen im Raum.
An Herrn Meinhardt, der die Leute zum Lachen brachte, wenn ihm selbst nicht zum Lachen war.
An die Bingo-Runde am Donnerstag.
An den Schlüsselbund in ihrer Tasche, der jetzt irgendwo in einer Plastiktüte landen würde.
Acht Jahre hatte sie gebraucht, um ein kleines, stilles Leben zu bauen.
Acht Jahre für eine Wohnung mit Topfpflanzen.
Für dieselbe Bäckerin am Morgen.
Für Nachbarn, die nicht fragten, warum sie bei Feuerwerk die Fenster schloss.
Und nun reichten zehn Minuten, um alles zu zerbrechen.
„Schon komisch“, sagte Brandt vom Beifahrersitz. „Solche Geschichten hört man oft. Leute werden älter, fühlen sich unsichtbar, dann erfinden sie sich eine Vergangenheit.“
Karin antwortete nicht.
„Bei Ihnen ist es besonders dreist. Eine Frau. In dem Alter. Mit diesem Tattoo.“
Der Fahrer lachte kurz.
Karin sah auf ihre Hände.
Unter dem Ärmel ihres Pullovers, knapp über dem linken Handgelenk, begann die alte Tätowierung. Sie hatte sie jahrelang versteckt. Nicht aus Scham. Aus Schutz.
Ein Anker.
Ein stilisierter Adler.
Drei winzige Linien, fast unsichtbar.
Koordinaten, die auf keiner Urlaubslandkarte stehen durften.
Und ein Datum, das in keiner Akte existierte, die ein normaler Mensch lesen konnte.
„Sie wissen nicht, wovon Sie reden“, sagte Karin.
Brandt drehte den Kopf.
„Dann erklären Sie es mir.“
„Dafür haben Sie nicht die Freigabe.“
Er lachte wieder.
Diesmal lachte niemand mit.
Die Dienststelle lag in einem grauen Gebäude hinter einem Zaun, irgendwo zwischen Hafen, Lagerhallen und Wind, der immer nach Metall roch.
Karin wurde durch einen Seiteneingang geführt.
Keine Schlagzeilen.
Keine offizielle Bühne.
Nur Neonlicht, Linoleumboden und der leise Geruch von kaltem Kaffee.
Der Vernehmungsraum war klein.
Tisch.
Drei Stühle.
Kamera in der Ecke.
Eine Wanduhr, die zu laut tickte.
Karin setzte sich. Die Handschellen blieben dran.
Brandt legte eine Mappe auf den Tisch.
Neben ihm saß eine Frau in dunkler Dienstkleidung. Anfang fünfzig vielleicht. Klare Augen. Kein überflüssiges Wort. Auf dem Tisch stand ihr Name.
Fregattenkapitän Sabine Lenz.
Sie wirkte nicht spöttisch.
Das machte sie gefährlicher.
„Frau Berger“, begann Lenz. „Wir haben mehrere Aussagen. Sie sollen in einer Veteranenstelle von Operationen gesprochen haben, die nicht öffentlich bekannt sind.“
„Dann sollten Sie sich fragen, warum ich sie kenne.“
Brandt schnaubte.
„Weil Sie sich im Netz bedienen. So machen das alle.“
Karin sah ihn an.
„Nicht alles steht im Netz.“
Lenz faltete die Hände.
„Ihre offizielle Dienstakte ist dünn. Sanitätsdienst. Auslandseinsätze. Danach zivile Tätigkeit. Keine Eintragung in einer Spezialeinheit.“
„Deckakte.“
Brandt schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Dieses Wort benutzen alle, wenn die Lüge nicht mehr reicht.“
Karin zuckte nicht zusammen.
Aber tief in ihr zuckte etwas anderes.
Ein altes Tier.
Ein Reflex.
Die Berechnung von Abstand, Winkel, Fluchtweg.
Sie hasste diesen Teil an sich.
Sie hasste, dass ein Tisch, eine Tür und ein fremder Mann genügten, damit ihr Körper wieder wusste, wie man überlebt.
„Ich habe keine Lust auf Theater“, sagte Lenz. „Geben Sie zu, dass Sie übertrieben haben. Dann können wir das geordnet behandeln.“
„Ich habe nicht übertrieben.“
„Frauen waren damals nicht Teil dieser Einheit.“
„Nicht auf Papier.“
„Papier entscheidet über Laufbahnen.“
„Nicht über die Wahrheit.“
Brandt beugte sich vor.
„Wissen Sie, was Sie da beschädigen? Männer sind für diese Abzeichen gestorben.“
Karin sah ihn lange an.
Dann sagte sie: „Ich habe Männer mit diesem Abzeichen sterben sehen.“
Der Raum wurde still.
Nicht weich.
Nur schwer.
Lenz nahm einen Stift.
„Nennen Sie einen Namen, der das bestätigen kann.“
„Admiral a. D. Helene Wendt.“
Brandt verzog das Gesicht.
„Praktisch. Eine Pensionärin.“
„Sie war damals zuständig.“
„Für geheime Wunderfrauen?“
Karin lehnte sich zurück.
„Für Einsätze, über die Sie nicht einmal zufällig stolpern dürften.“
Lenz hob die Hand, bevor Brandt wieder loslegen konnte.
„Wie soll Admiral Wendt Sie kennen?“
Karin schwieg einen Moment.
Nicht aus Trotz.
Sondern weil manche Erinnerungen nicht mit Worten aus der Kehle kommen, sondern mit Blut.
„Sie hat mich nach dem vierten Einsatz aus dem Hubschrauber gezogen“, sagte Karin schließlich. „Ich hatte drei Männer stabilisiert, obwohl mir selbst ein Splitter im Bein steckte. Sie sagte damals, ich sei zu stur zum Sterben.“
Lenz sah nicht mehr auf ihre Notizen.
Brandt aber grinste.
„Und dann hat sie Ihnen ein Geheimtattoo spendiert?“
Karin hob langsam den linken Ärmel.
Brandt wollte etwas sagen.
Dann sah er es.
Der Anker.
Der Adler.
Die drei Linien.
Die winzige Markierung im Schaft des Ankers, kaum größer als eine Narbe.
Sein Gesicht veränderte sich.
Er wurde nicht blass wie im Film.
Er verlor einfach Farbe. Stück für Stück.
Lenz beugte sich vor.
Ihre Augen wurden schmal.
Sie erkannte nicht alles.
Aber genug, um zu wissen, dass dies kein Kneipentattoo war.
„Woher haben Sie das?“, fragte sie leise.
„Verdient.“
Brandt starrte weiter auf die Haut.
Eben noch hatte er sie angesehen wie eine alte Frau, die sich wichtig machen wollte.
Jetzt sah er aus, als hätte jemand unter seinem Stuhl den Boden entfernt.
„Das ist nicht möglich“, flüsterte er.
Karin sah ihn an.
„Das sagen die Lebenden immer gern.“
Lenz stand auf.
Ihre Bewegungen waren plötzlich präzise.
„Die Handschellen ab.“
Brandt reagierte nicht.
„Oberfeldwebel Brandt“, sagte Lenz schärfer. „Sofort.“
Er griff nach dem Schlüssel.
Seine Finger rutschten einmal ab.
Das Klick der Handschellen beim Öffnen war leiser als beim Schließen.
Aber für Karin klang es härter.
Weil die Demütigung nicht einfach verschwand, nur weil Metall von Haut gelöst wurde.
Sie rieb sich nicht die Handgelenke.
Sie gab ihnen diese Genugtuung nicht.
Lenz nahm die Mappe vom Tisch.
„Frau Berger wird nicht in eine Zelle gebracht. Sie bleibt hier. Ohne Fesseln. Ohne weitere Befragung, bis ich Rücksprache gehalten habe.“
Brandt öffnete den Mund.
Lenz sah ihn an.
Er schloss ihn wieder.
„Und Sie“, sagte sie, „gehen in den Nebenraum und sagen kein Wort über dieses Tattoo. Zu niemandem.“
Brandt nickte.
Zum ersten Mal an diesem Tag wirkte er nicht wie ein Mann in Uniform.
Sondern wie ein kleiner Junge, der eine Tür geöffnet hatte, hinter der etwas viel Größeres stand als seine Meinung.
Karin blieb sitzen.
Der Ärmel war wieder unten.
Aber im Raum war nichts mehr wie vorher.
Helene Wendt war zweiundsiebzig und schnitt Rosen, als der verschlüsselte Anruf kam.
Sie lebte seit Jahren in einem kleinen Haus an der Schlei, mit knarrenden Dielen, einem alten Hund und der festen Absicht, nie wieder Befehle entgegenzunehmen.
Als sie den Namen Karin Berger hörte, ließ sie die Gartenschere fallen.
„Was haben Sie mit ihr gemacht?“, fragte sie.
Fregattenkapitän Lenz sprach schnell. Sachlich. Vorsichtig.
Anzeige. Betrugsverdacht. Vernehmung. Tattoo.
Am anderen Ende der Leitung wurde es so still, dass Lenz glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann sagte die alte Admiralstimme: „Machen Sie sie los.“
„Das ist bereits geschehen.“
„Zu spät, aber immerhin.“
Lenz schluckte.
„Können Sie ihre Angaben bestätigen?“
Helene Wendt lachte nicht.
Nicht einmal bitter.
„Bestätigen? Kind, ich habe gesehen, wie Karin Berger mit gebrochenen Rippen einen Mann beatmete, während über ihr die Decke herunterkam. Ich habe gesehen, wie sie in einer Nacht mehr Mut gezeigt hat als ganze Stäbe in sauberen Konferenzräumen.“
Lenz sagte nichts.
„Sie war offiziell Sanitäterin“, fuhr Wendt fort. „Inoffiziell war sie das, was wir brauchten, als die Lage schmutziger war als unsere Vorschriften. Sie konnte schießen. Sie konnte operieren. Sie konnte in Räume gehen, in die Männer nicht hineinkamen, weil dort Frauen und Kinder als Schutzschild benutzt wurden.“
Lenz’ Stift bewegte sich nicht mehr.
„Die Akten?“
„Versiegelt.“
„Warum?“
„Weil manche Wahrheiten Menschen schützen müssen, bis die Zeit stark genug ist, sie zu tragen.“
Helene Wendt atmete hörbar aus.
„Und weil Karin Feinde hatte. Nicht nur draußen. Auch drinnen. Es gibt Leute, die verzeihen einer Frau alles, außer dass sie recht hatte.“
Lenz sah durch die Scheibe in den Nebenraum.
Karin saß dort still.
Nicht gebrochen.
Aber müde.
So müde, dass Lenz es plötzlich sah.
Nicht die Müdigkeit eines langen Tages.
Die Müdigkeit von Jahrzehnten, in denen ein Mensch gelernt hatte, aufrecht zu stehen, selbst wenn niemand ihm glaubte.
„Admiral“, sagte Lenz, „die Sache könnte größer sein. Die Anzeige kam von einem ehemaligen Mitarbeiter im Versorgungsbereich. Er nannte Details, die nicht öffentlich sein dürften.“
„Name?“
„Reed. Markus Reed.“
Wendt fluchte leise.
Nicht laut.
Aber so, dass Lenz verstand: Der Name war kein Zufall.
„Hören Sie mir genau zu“, sagte Wendt. „Karin Berger ist keine Verdächtige. Sie ist der Köder, den jemand auswerfen wollte. Und wenn dieser Mann Details kennt, dann fischt jemand in Gewässern, die längst hätten versiegelt sein müssen.“
„Was soll ich tun?“
„Erstens: Sie entschuldigen sich. Persönlich. Zweitens: Sie sichern alles, was heute aufgezeichnet wurde. Drittens: Sie holen jemanden vom internen Ermittlungsdienst, der genug Verstand hat, um nicht über sein eigenes Ego zu stolpern.“
„Und Karin?“
Die alte Admiralstimme wurde weicher.
„Sagen Sie ihr, Helene sagt: Du hast dich lange genug versteckt.“
Lenz kehrte in den Raum zurück.
Brandt saß draußen auf einem Plastikstuhl, die Hände zwischen den Knien. Er sah nicht hoch.
Karin stand am Fenster.
Draußen flatterte eine Fahne an einem Mast, grau gegen grauen Himmel.
„Frau Berger“, sagte Lenz.
Karin drehte sich um.
„Admiral Wendt hat Ihre Angaben bestätigt.“
Keine Regung.
Nur ein winziger Schatten in den Augen.
„Natürlich hat sie das.“
Lenz senkte den Blick.
„Ich schulde Ihnen eine Entschuldigung.“
„Sie schulden mir nicht nur eine.“
Der Satz war nicht laut.
Gerade deshalb traf er.
Lenz nickte.
„Sie haben recht.“
Karin sah auf ihre Handgelenke. Dort zeichneten sich rote Ringe ab.
„Im Café waren Leute.“
„Wir werden das richtigstellen.“
„Sie können keinen Blick zurückholen.“
Lenz schwieg.
Denn das stimmte.
Man kann eine falsche Anschuldigung löschen.
Aber nicht den Moment, in dem alte Nachbarn ihre Handys heben.
Nicht die Sekunde, in der ein Kind fragt, warum die Oma gefesselt ist.
Nicht die Stille von Menschen, denen man geholfen hat, während sie zuschauen, wie man abgeführt wird.
Karin holte langsam Luft.
„Wer ist Reed wirklich?“
Lenz sah zur Tür.
„Das müssen wir klären.“
„Nein“, sagte Karin. „Das wissen Sie schon. Sonst hätte Helene nicht so geklungen.“
Eine Stunde später saß Karin nicht mehr als Verdächtige in einem Vernehmungsraum, sondern als Zeugin in einem gesicherten Besprechungszimmer.
Vor ihr lagen Ausdrucke, Fotos, Zahlungswege, Nachrichtenverläufe.
Ein Mann vom Ermittlungsdienst, schmal, ruhig, mit einem Gesicht wie ein Beamter im Finanzamt, schob ihr eine Akte zu.
„Markus Reed hat in den letzten Monaten gezielt ehemalige Einsatzkräfte angesprochen“, sagte er. „Vor allem solche mit lückenhaften Dienstakten.“
„Menschen, die offiziell nicht existieren“, sagte Karin.
Er nickte.
„Siebzehn bestätigte Fälle. Vielleicht mehr.“
Karin sah auf das Foto von Reed.
Ein gepflegter Mann. Teure Jacke. Dieses Lächeln, das nicht freundlich war, sondern Besitzanspruch.
„Er wollte mich bloßstellen.“
„Er wollte Sie isolieren“, sagte der Ermittler. „Er provoziert Aussagen, macht daraus Beschwerden, setzt öffentliche Demütigung in Gang und wartet, bis die Betroffenen verzweifelt genug sind, sich zu erklären.“
Karin verstand sofort.
„Und dann fragt er nach Namen.“
„Nach Namen. Orten. Strukturen. alten Kontaktwegen.“
Der Raum wurde enger.
Nicht wegen der Wände.
Wegen der Gesichter, die in Karins Kopf auftauchten.
Männer und Frauen, die irgendwo in Deutschland lebten, mit kleinen Gärten, kaputten Knien, neuen Enkeln, alten Albträumen.
Menschen, die ihre Orden nicht zeigen konnten.
Menschen, die auf Familienfeiern lächelten, wenn jemand sagte: „Ach, so schlimm kann es doch nicht gewesen sein.“
Menschen, die gelernt hatten, sich klein zu machen, damit niemand fragte.
„Wer bezahlt Reed?“, fragte Karin.
Der Ermittler schob ein weiteres Foto hinüber.
Ein unscheinbares Bürogebäude in einem Gewerbegebiet. Graue Fassade. Keine Schilder, die etwas verrieten.
„Eine private Sicherheitsberatung. Davor mehrere Tarnfirmen. Dahinter vermutlich ausländische Interessen.“
Karin lachte kurz.
Nicht belustigt.
Eher erstaunt darüber, wie wenig sich die Welt veränderte.
„Sie wollen Landkarten von Menschen, die nie auf Landkarten standen.“
„Genau.“
Lenz stand am Fenster.
„Wir würden Sie nicht bitten, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe.“
Karin sah sie an.
„Natürlich würden Sie.“
Lenz nahm den Satz hin.
Karin blickte wieder auf Reeds Foto.
Sein Gesicht war gewöhnlich. Das machte es schlimmer. Das Böse kam selten mit Donner. Meistens trug es saubere Schuhe und sagte höflich guten Tag.
„Er glaubt, ich sei gedemütigt“, sagte Karin.
„Das sind Sie auch.“
Karin hob den Blick.
„Nein. Ich bin wütend.“
Der Ermittler schob ihr einen kleinen Recorder hin.
„Dann nutzen wir das.“
Sechs Wochen später saß Karin in einem Parkcafé am Rand einer norddeutschen Stadt.
Nicht ihr Café.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






