Als meine Cousine mich vor allen beschuldigte, schaltete Omas Anwalt den Fernseher ein

Als meine Cousine bei Omas Testament aufstand und mich vor der ganzen Familie eine Diebin nannte, ließ Oma vom Grab aus den Fernseher einschalten

„Sie bekommt keinen Cent.“

Katrin stand mitten in Omas Wohnzimmer, als hätte ihr jemand eine Bühne hingestellt.

Ihr rechter Zeigefinger zeigte direkt auf mich.

Nicht auf den alten Teppich.

Nicht auf den Rechtsanwalt.

Auf mich.

„Melanie hat Oma bestohlen“, sagte sie. „Monatelang. Und ihr wollt ihr jetzt auch noch das Haus geben?“

Für einen Moment hörte ich nichts mehr.

Nur das Ticken der alten Standuhr im Flur.

Diese Uhr hatte mein Opa jeden Sonntag aufgezogen, damals, als er noch lebte und Oma in der Küche Hefezopf gebacken hatte.

Jetzt klang sie wie ein Hammer.

Tack.

Tack.

Tack.

Meine Mutter griff nach meiner Hand.

Ihr Griff war warm, aber schwach.

Sie wollte mich schützen, das merkte ich.

Aber sogar sie war plötzlich still.

So schlimm ist das, wenn eine Lüge gut genug vorbereitet ist.

Sie nimmt dir nicht nur die Stimme.

Sie nimmt den anderen den Mut, dir zu glauben.

Ich saß auf Omas altem Sofa mit den gestickten Kissen, in meinem schlichten dunkelblauen Kleid, das ich sonst nur bei Elternabenden trug.

Ich war 42, Grundschullehrerin in Lübeck, geschieden, ohne großes Auto, ohne Eigentumswohnung, ohne diese harte Selbstsicherheit, mit der manche Menschen durch ein Zimmer gehen.

Katrin war anders.

Sie war 47, Immobilienmaklerin, immer perfekt frisiert, immer etwas zu laut, immer mit diesem Blick, der sagte: Ich habe es geschafft, und du nicht.

An diesem Tag trug sie einen cremefarbenen Hosenanzug, goldene Ohrringe und eine Perlenkette.

Diese Perlenkette sah Omas Perlenkette sehr ähnlich.

Zu ähnlich.

Das fiel mir schon auf, als ich hereinkam.

Aber ich sagte nichts.

In unserer Familie hatte man gelernt, Dinge zu schlucken.

Besonders die Frauen.

Oma sagte immer: „Kind, schlucken ist gut beim Sonntagsbraten. Nicht beim Unrecht.“

Damals lachte ich darüber.

An diesem Nachmittag verstand ich, was sie meinte.

Der Rechtsanwalt, Herr Dr. Seidel, saß am kleinen Tisch vor dem Kachelofen.

Er war Anfang siebzig, ein dünner Mann mit silbernem Haar, randloser Brille und der Ruhe eines Menschen, der schon viele Erbstreitigkeiten gesehen hatte.

Oma hatte ihm über dreißig Jahre vertraut.

„Der Seidel redet nicht viel“, hatte sie gesagt. „Aber wenn er redet, dann sitzt jedes Wort.“

Neben ihm lag eine braune Ledermappe.

Daneben ein Laptop.

Das wirkte falsch in diesem Zimmer.

Alles hier war alt.

Die Schrankwand aus dunklem Holz.

Die Häkeldeckchen.

Die Fotos in silbernen Rahmen.

Oma mit Opa vor ihrer Bäckerei im Jahr 1978.

Oma mit mir in der Küche, beide mit Mehl im Gesicht.

Oma an ihrem achtzigsten Geburtstag, mit rotem Lippenstift und frechem Blick.

Das Haus war eines dieser alten Backsteinhäuser am Stadtrand, mit Rosen vor dem Fenster und einer knarrenden Treppe, die jedes Geheimnis verriet.

Früher hatte unten Omas kleine Backstube dazugehört.

„Bäckerei Wilhelmine und Ernst“ stand einmal über der Tür.

Seit Opa tot war, blieb das Schild im Keller.

Oma wollte es nicht wegwerfen.

„Man wirft sein Leben nicht auf den Sperrmüll“, sagte sie.

Drei Jahre lang war ich jeden Sonntag bei ihr gewesen.

Nicht, weil ich auf ein Erbe hoffte.

Sondern weil sie nach Opas Tod allein war.

Weil ich nach meiner Scheidung auch allein war.

Weil wir beide wussten, wie laut Stille sein kann.

Ich brachte ihr Einkäufe.

Ich wechselte die Batterien im Hörgerät.

Ich erklärte ihr, wie man mit dem Tablet Videotelefonie macht.

Ich sortierte Medikamente in die kleine Wochenbox.

Ich trank Filterkaffee mit ihr, obwohl ich Kaffee nie besonders mochte.

Und ich hörte ihr zu.

Das war vermutlich das Wertvollste.

Alte Menschen wollen nicht immer Ratschläge.

Manchmal wollen sie nur, dass jemand ihre Geschichten nicht als Wiederholung abtut.

Oma erzählte mir von der Zeit, als Butter noch rationiert war.

Von der ersten Waschmaschine, die sie sich mit Opa zusammengespart hatte.

Von Nächten in der Backstube, wenn draußen Schnee lag und drinnen die Brötchen aufgingen.

Von Kunden, die anschreiben ließen, weil das Geld knapp war.

„Dein Opa hat nie jemanden ohne Brot gehen lassen“, sagte sie oft. „Auch nicht, wenn er wusste, dass das Geld nie kommt.“

So war Oma.

Weich im Herzen.

Hart im Rücken.

Und nun saßen wir alle in ihrem Wohnzimmer, drei Wochen nach ihrer Beerdigung, und warteten darauf, was von ihrem Leben übrig blieb.

Mein Onkel Rainer saß im Ledersessel, den er sich genommen hatte, als wäre sein Name schon auf dem Möbelstück eingraviert.

Er war Omas ältester Sohn, 63, früher Autohändler, immer mit kräftigem Händedruck und Geschichten über gute Geschäfte.

In letzter Zeit wirkte er blasser.

Seine Frau Beate saß neben ihm und hielt ihr Handy so, als sei es ein Rettungsring.

Sie war die Art Frau, die in jedem Gespräch erwähnte, welchen Kurs sie gerade belegte, welchen Bekannten sie beim Golf gesehen hatte und wie anstrengend es sei, „alles zusammenzuhalten“.

Mein Bruder Jonas lehnte an der Wand neben dem Bücherregal.

Er war 39, Maler, meistens pleite, meistens ehrlich und meistens der Einzige, der unangenehme Wahrheiten aussprach.

Seine Hände waren fleckig von Farbe.

Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie ganz sauber zu schrubben.

„Oma hätte sie so gemocht“, dachte ich.

Meine Mutter, Hannelore, saß neben mir.

Sie war 67, Omas jüngste Tochter, eine Frau, die immer Frieden wollte und dabei oft sich selbst vergaß.

Als Kind hatte ich sie bewundert.

Als Erwachsene hatte ich manchmal Mitleid mit ihr.

Weil sie noch immer versuchte, mit Menschen gut auszukommen, die ihre Güte für Schwäche hielten.

Herr Dr. Seidel räusperte sich.

„Bevor wir fortfahren“, sagte er ruhig, „möchte ich darum bitten, die Fassung zu bewahren.“

Katrin lachte kurz.

Dieses Lachen kannte ich.

Es war kein Lachen.

Es war eine Ohrfeige mit Ton.

„Fassung?“, sagte sie. „Meine Großmutter wird von ihrer Lieblingsenkelin ausgenommen, und ich soll Fassung bewahren?“

„Katrin“, sagte meine Mutter. „Setz dich hin.“

„Nein, Tante Hannelore. Diesmal nicht.“

Sie drehte sich zu den anderen.

„Alle wissen es doch. Nur keiner traut sich, es zu sagen.“

Beate senkte den Blick.

Onkel Rainer presste die Lippen zusammen.

Jonas stieß sich von der Wand ab.

„Dann sag es wenigstens sauber“, sagte er. „Und nicht wie eine Frau, die im Treppenhaus Gerüchte verkauft.“

Katrins Augen wurden schmal.

„Du hältst dich da raus, Jonas. Du hast dein Leben ja selbst nicht im Griff.“

„Stimmt“, sagte Jonas. „Aber ich klaue keine Ketten von alten Frauen.“

Der Satz hing im Raum.

Und plötzlich wurde Katrin rot.

Nur einen Wimpernschlag lang.

Dann fing sie sich wieder.

„Interessant, dass du die Kette erwähnst“, sagte sie. „Denn genau darum geht es. Omas Perlenkette ist verschwunden. Die alte Armbanduhr von Opa auch. Die Ohrringe mit den kleinen Brillanten. Mehrere Broschen. Alles weg.“

Ich schluckte.

Das stimmte.

Oma hatte es mir erzählt.

Nicht panisch.

Eher traurig.

„Melanie“, hatte sie eines Sonntags gesagt, „entweder werde ich vergesslich, oder jemand bedient sich an meinen Erinnerungen.“

Wir hatten zusammen gesucht.

In Schubladen.

In Hutschachteln.

In der Kommode im Schlafzimmer.

Unter dem losen Brett im Kleiderschrank, wo sie alte Briefe aufbewahrte.

Nichts.

Ich wollte zur Polizei.

Oma wollte nicht.

„Noch nicht“, sagte sie damals.

Ich dachte, sie schäme sich.

Ich dachte, sie habe Angst, dass man sie nicht ernst nähme.

Heute weiß ich, dass sie längst einen Plan hatte.

„Melanie hatte einen Schlüssel“, sagte Onkel Rainer plötzlich.

Seine Stimme klang nicht wütend.

Das war schlimmer.

Sie klang vorbereitet.

„Sie war jede Woche hier. Oft allein mit Mutter. Sie wusste, wo alles lag.“

Meine Mutter drehte sich zu ihm.

„Rainer, das meinst du nicht ernst.“

„Doch“, sagte Katrin. „Das meinen wir sehr ernst.“

Wir.

Dieses kleine Wort traf mich härter als die Anschuldigung.

Weil es bedeutete, dass sie darüber gesprochen hatten.

Nicht spontan.

Nicht aus Schmerz.

Sondern geplant.

„Ich habe Oma nie etwas weggenommen“, sagte ich.

Meine Stimme klang dünn.

Viel zu dünn für eine Wahrheit.

Katrin verschränkte die Arme.

„Natürlich nicht. Du warst ja nur zufällig mit ihr bei einem Juwelier in der Innenstadt.“

„Für eine Versicherungsschätzung“, sagte ich. „Oma wollte wissen, welche Stücke sie extra eintragen lassen muss.“

„Praktisch“, sagte Beate leise.

Ich sah sie an.

Sie wurde blass, aber sie nahm es nicht zurück.

Da begriff ich, wie weit das Gift schon gelaufen war.

Nicht nur Katrin dachte es.

Nicht nur Rainer.

Sie hatten es gefüttert.

Bei Kaffee.

Beim Friseur.

Im Bekanntenkreis.

In Nebensätzen.

„Komisch, dass Melanie so oft bei der alten Dame ist.“

„Komisch, dass Schmuck verschwindet.“

„Komisch, dass sie als Lehrerin nie Geld hat, aber plötzlich so ruhig wirkt.“

So zerstört man einen Menschen.

Nicht mit einem Schlag.

Mit Tropfen.

Tropfen für Tropfen.

Herr Dr. Seidel ließ die Hände gefaltet auf dem Tisch liegen.

Er beobachtete uns.

Nicht kalt.

Nicht gelangweilt.

Eher wie jemand, der auf den richtigen Einsatz wartete.

„Darf ich daran erinnern“, sagte er schließlich, „dass wir uns hier zur Testamentseröffnung befinden.“

„Dann eröffnen Sie es richtig“, sagte Katrin. „Und nicht so, dass eine Diebin belohnt wird.“

Da hob Herr Dr. Seidel den Blick.

Zum ersten Mal sah er sie direkt an.

„Frau Bergmann“, sagte er.

Katrin hieß seit ihrer zweiten Ehe Bergmann und bestand darauf, so genannt zu werden.

Oma nannte sie trotzdem immer „Katrinchen“.

Katrin hasste das.

„Ihre Großmutter hat diese Situation erwartet“, sagte Herr Dr. Seidel.

Es wurde still.

Sogar die Standuhr schien leiser zu ticken.

„Was soll das heißen?“, fragte Rainer.

Herr Dr. Seidel öffnete die Ledermappe.

„Frau Wilhelmine Kröger war bis zuletzt vollkommen klar im Kopf. Sie war körperlich schwächer, ja. Aber geistig war sie wacher als mancher Mensch, der halb so alt ist.“

Er sah kurz zu mir.

„Und sie hat mir genaue Anweisungen gegeben, falls während der Testamentseröffnung jemand Melanie des Diebstahls beschuldigt.“

Mir wurde kalt.

Nicht vor Angst.

Vor Ahnung.

Katrin trat einen Schritt zurück.

„Das ist lächerlich.“

Herr Dr. Seidel nahm den Laptop und klappte ihn auf.

„Nein“, sagte er. „Das ist gründlich.“

Mein Herz begann zu rasen.

Ich erinnerte mich an einen Sonntag im März.

Oma saß am Küchentisch und hielt ihr Tablet, als wäre es ein frisches Brötchen, zu heiß zum Anfassen.

„Melanie“, sagte sie, „was ist eigentlich diese Wolke, von der alle reden?“

„Du meinst Cloud?“

„Ja. Klingt wie Wetterbericht. Aber Jonas sagt, da kann man Sachen speichern.“

Ich lachte und erklärte es ihr.

Fotos.

Videos.

Dokumente.

Automatische Sicherung.

Oma nickte langsam.

Zu langsam.

So nickte sie immer, wenn sie nicht nur verstand, sondern etwas im Kopf zusammensetzte.

„Und wenn mein Tablet kaputtgeht?“

„Dann ist es trotzdem gespeichert.“

„Und wenn jemand etwas löscht?“

„Kommt darauf an, Oma. Man kann vieles so einstellen, dass es gesichert bleibt.“

Sie sah mich über den Rand ihrer Brille an.

„Das ist ja fast wie Beichte mit Gedächtnis.“

Ich dachte, sie machte einen Witz.

Sie machte keinen.

Herr Dr. Seidel verband den Laptop mit dem Fernseher.

Der Fernseher war viel zu groß für Omas Wohnzimmer.

Rainer hatte ihn ihr im vergangenen Weihnachten geschenkt und dabei gesagt: „Mutter, du musst endlich im 21. Jahrhundert ankommen.“

Oma hatte später zu mir geflüstert: „Das Ding ist größer als mein erster Kleiderschrank.“

Jetzt leuchtete der Bildschirm auf.

Ein Ordner erschien.

Darauf stand: „Für nach meinem Tod“.

Beate zog scharf die Luft ein.

Katrin schüttelte den Kopf.

„Sie dürfen das nicht.“

„Doch“, sagte Herr Dr. Seidel. „Es gehört zum Nachlass und zu den Anweisungen Ihrer Großmutter.“

„Sie hat uns gefilmt?“, fragte Rainer.

Seine Stimme war nicht empört.

Sie war ängstlich.

Dieser Unterschied blieb niemandem verborgen.

Herr Dr. Seidel sah ihn ruhig an.

„Nachdem mehrere Wertgegenstände verschwunden waren, ließ Ihre Mutter in ihrem eigenen Haus Kameras installieren. Nicht im Bad. Nicht in Gästezimmern. Nur in Eingangsbereich, Wohnzimmer, Küche, Flur und Schlafzimmer, wo der Schmuck aufbewahrt wurde.“

„Das ist doch nicht erlaubt“, sagte Katrin schnell.

„Es war ihr Haus“, sagte Herr Dr. Seidel. „Und sie hatte den Verdacht, bestohlen zu werden.“

Jonas murmelte: „Oma, du alte Füchsin.“

Ich hätte fast gelacht.

Aber mein Hals war zu eng.

Herr Dr. Seidel klickte einen zweiten Ordner an.

Darin lagen mehrere Dateien.

Nach Datum sortiert.

„Bevor wir uns das ansehen“, sagte er, „lese ich den unterbrochenen Abschnitt des Testaments zu Ende.“

Er nahm das Papier wieder auf.

„Den wesentlichen Rest meines Vermögens, darunter das Haus, meine Ersparnisse, meine Rezeptbücher und den Inhalt meines Bankschließfaches, vermache ich der Person, die mir half, die Wahrheit in dieser Familie sichtbar zu machen.“

Katrin schnaubte.

„Was soll das denn heißen?“

Herr Dr. Seidel las weiter.

„Melanie wusste nicht, dass sie mir dabei half. Gerade deshalb vertraue ich ihr. Denn sie tat Gutes, ohne eine Belohnung zu erwarten.“

Meine Augen brannten.

Ich sah den Teppich an.

Oma hatte diesen Teppich immer gehasst.

„Ein hässliches Ding“, sagte sie. „Aber dein Opa hat ihn ausgesucht, also bleibt er.“

Auch Liebe sieht manchmal hässlich aus und bleibt trotzdem.

Herr Dr. Seidel klickte die erste Datei an.

Der Bildschirm zeigte Omas Schlafzimmer.

Nicht unscharf.

Nicht verwackelt.

Klar.

Das Datum stand unten in der Ecke.

Ein Dienstag im Mai.

14:38 Uhr.

Ich wusste sofort, dass ich zu dieser Zeit in der Schule gewesen war.

Dienstags hatte ich Förderunterricht mit zwei Kindern aus meiner Klasse.

Ich erinnerte mich sogar, weil ein Junge an dem Tag zum ersten Mal einen ganzen Absatz laut gelesen hatte.

Auf dem Bildschirm öffnete sich die Schlafzimmertür.

Katrin trat ein.

Alle im Raum erstarrten.

Auch Katrin.

Sie trug einen hellen Mantel und hatte ihre große Tasche dabei.

Nicht dieselbe wie heute.

Aber die Haltung war dieselbe.

Schnell.

Sicher.

Als kenne sie den Weg.

Sie ging direkt zur Kommode.

Zog die obere Schublade auf.

Nahm Omas Schmuckkasten heraus.

„Oma hatte mir erlaubt, mir etwas auszuleihen“, sagte Katrin sofort.

Niemand antwortete.

Auf dem Bildschirm öffnete sie nicht suchend den Schmuckkasten.

Sie wusste genau, wohin sie greifen musste.

Sie nahm die Perlenkette.

Omas Perlenkette.

Die, die Opa ihr zur Silberhochzeit geschenkt hatte, nicht zur Goldenen, wie Katrin später behauptete.

Oma hatte mir die Geschichte oft erzählt.

Opa hatte zwei Jahre dafür gespart.

Jeden Monat zehn Mark in eine Kaffeedose.

Katrin legte die Kette in ihre Tasche.

Dann schob sie andere Schmuckstücke so zurecht, dass die Lücke nicht auffiel.

Sie wischte sogar mit dem Ärmel über die Stelle.

Jonas sagte leise: „Du liebe Zeit.“

Meine Mutter fing an zu weinen.

Nicht laut.

Nur diese stillen Tränen, die bei älteren Frauen oft trauriger wirken als jedes Schluchzen.

Herr Dr. Seidel stoppte das Video nicht.

Ein zweites begann.

Drei Wochen später.

Wieder Katrin.

Diesmal nahm sie eine alte Armbanduhr.

Omas Uhr war es nicht einmal.

Es war Opas Uhr.

Die mit dem zerkratzten Glas.

Materiell vielleicht weniger wert als die Perlen.

Aber für Oma unbezahlbar.

Sie hatte sie in den letzten Jahren manchmal ans Ohr gehalten.

„Läuft nicht mehr“, sagte sie dann. „Aber ich höre ihn trotzdem.“

Auf dem Bildschirm verschwand die Uhr in Katrins Tasche.

Rainer starrte auf seine Schuhe.

Beate flüsterte: „Katrin…“

Katrin fuhr herum.

„Sag nichts.“

Da wusste ich, dass sie verloren hatte.

Nicht vor Gericht.

Nicht vor der Familie.

Vor sich selbst.

Herr Dr. Seidel klickte weiter.

Nun war Omas Küche zu sehen.

Der runde Tisch.

Die Wachstuchtischdecke mit den kleinen blauen Blumen.

Die Keksdose.

Die billige Wanduhr, die immer fünf Minuten vorging.

Rainer und Katrin saßen am Tisch.

Ohne Oma.

Das Datum war Ende Juni.

Der Ton war klar.

Viel zu klar.

Rainer nahm sich einen Keks.

Er hatte immer schon genommen, ohne zu fragen.

„Wenn das so weitergeht“, sagte er auf dem Video, „bekommt Melanie am Ende alles.“

Katrin lehnte sich zurück.

„Dann sorgen wir dafür, dass keiner ihr glaubt.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Ich spürte, wie Jonas zu mir sah.

Aber ich konnte den Blick nicht erwidern.

Auf dem Bildschirm redete Katrin weiter.

„Beate hat schon im Kaffeekreis angedeutet, dass Melanie ständig hier ist. Wenn noch mehr Schmuck verschwindet, ergibt sich der Rest von allein.“

Rainer nickte.

„Mutter wird weich. Wenn sie Zweifel an Melanie bekommt, ändert sie vielleicht das Testament.“

„Oder wir fechten es später an“, sagte Katrin. „Beeinflussung. Erschlichene Nähe. So etwas.“

Rainer lachte trocken.

„Du klingst fast wie ein Anwalt.“

„Ich klinge wie jemand, der nicht zusieht, wie eine Grundschullehrerin ein Millionenhaus bekommt.“

Da war er.

Der wahre Satz.

Nicht Sorge um Oma.

Nicht Gerechtigkeit.

Neid.

Nackter Neid.

Herr Dr. Seidel ließ das Video weiterlaufen.

Rainer sagte: „Ich brauche den Anteil. Die Werkstatt steht kurz vor der Pfändung. Ich habe Schulden, von denen Beate nichts weiß.“

Beate zuckte zusammen.

Rainer sah sie nicht an.

Er sah weiter auf den Bildschirm, als könne er dort eine andere Version von sich finden.

Katrin fragte im Video: „Wie viel brauchst du?“

„Viel.“

„Ich habe für die Perlen achttausend bekommen. Für die Uhr weniger. Die Ohrringe bringen bestimmt noch mal richtig was.“

„Gut“, sagte Rainer. „Aber vorsichtig. Wenn Mutter etwas merkt…“

Katrin lachte.

„Oma merkt gar nichts mehr. Alte Leute verlegen dauernd Sachen.“

In diesem Moment hörte man im Video ein Geräusch.

Ein leises Klirren.

Katrin und Rainer erstarrten.

Dann kam Oma ins Bild.

Nicht ganz.

Nur ihr Schatten an der Tür.

Ihre Stimme war ruhig.

„Kaffee ist noch da, falls ihr euch nicht nur an meinen Erinnerungen bedienen wollt.“

Das Video endete.

Niemand atmete.

Oder es fühlte sich so an.

Ich hatte Oma nie von dieser Seite gesehen.

Nicht schwach.

Nicht verwirrt.

Nicht hilflos.

Sondern wach.

Schmerzlich wach.

Herr Dr. Seidel faltete die Hände.

„Ihre Großmutter wusste ab diesem Tag alles.“

Rainer flüsterte: „Sie hat nichts gesagt.“

„Nein“, sagte der Anwalt. „Sie wollte wissen, wie weit Sie gehen.“

„Das ist grausam“, sagte Katrin.

Da lachte Jonas.

Ein kurzes, bitteres Lachen.

„Du bestiehlst deine Oma und nennst es grausam, dass sie dich dabei erwischt?“

Katrin sah aus, als wolle sie ihn ohrfeigen.

Aber sie tat es nicht.

Menschen wie Katrin tun Dinge lieber, wenn keine Kamera läuft.

„Es gibt noch eine Aufnahme“, sagte Herr Dr. Seidel.

Seine Stimme wurde weicher.

„Diese hat Frau Kröger eine Woche vor ihrem Tod selbst aufgenommen.“

Ich presste die Hand meiner Mutter.

Der Bildschirm wurde dunkel.

Dann erschien Oma.

Sie saß in ihrem Ohrensessel am Fenster.

Der alte grüne Sessel, in dem sie Kreuzworträtsel löste und die Nachbarskatze beobachtete.

Sie trug ihre hellblaue Strickjacke.

Die, bei der ein Knopf fehlte.

Ich hatte ihr angeboten, ihn anzunähen.

Sie sagte: „Lass mal. Ein fehlender Knopf hält die Leute bescheiden.“

Ihre Haare waren dünn geworden.

Ihr Gesicht schmal.

Aber ihre Augen.

Diese Augen waren hell.

Klar.

Fast schelmisch.

„Wenn ihr das seht“, sagte Oma, „bin ich wahrscheinlich schon bei Ernst und erkläre ihm, warum er damals die hässliche Standuhr unbedingt kaufen musste.“

Jonas gab ein ersticktes Geräusch von sich.

Meine Mutter weinte jetzt offen.

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