Ein fremdes Mädchen nannte sie Mama – doch der alte Brief ihrer Schwester änderte alles

Im Tiefkühlgang nannte ein fremdes Mädchen mich Mama – und ein alter DDR-Brief meiner Schwester erklärte plötzlich alles

„Ihre Tochter ist wirklich hübsch“, sagte die Frau hinter mir.

Ich stand mit einer Packung Erbsen in der Hand vor dem Tiefkühlregal und verstand erst gar nicht, was sie meinte.

Ich drehte mich um.

Die Frau war vielleicht Mitte sechzig, grauer Kurzhaarschnitt, Einkaufskorb am Arm, dieses vorsichtige Lächeln, das Menschen tragen, wenn sie nicht aufdringlich wirken wollen.

„Entschuldigung?“, fragte ich.

„Ihre Kleine“, sagte sie und nickte über meine Schulter. „Sie läuft Ihnen schon die ganze Zeit hinterher. Seit dem Park, glaube ich.“

Mir wurde kalt.

Nicht wegen der offenen Kühltruhe.

„Ich habe keine Tochter“, sagte ich.

Das Lächeln der Frau verschwand.

Sie schaute wieder an mir vorbei.

Langsam drehte ich mich um.

Da stand ein kleines Mädchen.

Vielleicht fünf Jahre alt.

Dünne braune Locken, ein ausgewaschener lila Pullover mit einem Einhorn vorne drauf, eine Strumpfhose mit einem Loch am Knie. In der linken Hand hielt sie einen alten Stoffhasen an einem Ohr fest.

Sie sah mich an, als hätte sie mich endlich gefunden.

Dann sagte sie mit ganz ruhiger Stimme:

„Können wir jetzt nach Hause, Mama?“

Ich erstarrte.

Neben mir summte das Kühlregal.

Irgendwo piepte eine Kasse.

Eine ältere Frau räusperte sich.

Aber ich hörte nur dieses eine Wort.

Mama.

Ich bin vierundfünfzig Jahre alt.

Ich war nie verheiratet.

Ich habe keine Kinder.

Nicht, weil ich Kinder nicht mochte. Im Gegenteil. Ich mochte sie oft mehr als Erwachsene, weil Kinder wenigstens ehrlich sind, wenn sie müde, hungrig oder traurig sind.

Aber mein Leben war anders gelaufen.

Erst war da meine Mutter.

Dann meine Arbeit.

Dann meine Schwester.

Dann wieder meine Mutter.

Und irgendwann war die Zeit einfach vergangen, wie sie das in Deutschland so macht: lautlos, zwischen Arztterminen, Steuerbescheiden, Geburtstagskaffee und dem Gefühl, man hätte noch ewig Zeit.

„Kleines“, sagte ich so sanft ich konnte. „Ich bin nicht deine Mama.“

Sie trat näher.

Dann nahm sie meine Hand.

Nicht vorsichtig.

Nicht fragend.

So, als gehörte meine Hand schon immer in ihre.

Die Frau mit dem Einkaufskorb sah mich an, nun deutlich blasser.

„Ich dachte wirklich, sie gehört zu Ihnen“, sagte sie. „Sie war schon am Spielplatz hinter Ihnen. Ich saß auf der Bank. Sie lief immer ein paar Schritte hinterher.“

„Seit dem Park?“, fragte ich.

Die Frau nickte.

Der Park lag gute zehn Minuten vom Supermarkt entfernt, hinter der alten Kirche, gleich neben dem Seniorentreff.

Ich war dort nur durchgelaufen, um abzukürzen.

Sonntagmittag.

Leere Wege.

Ein paar Rentner mit Nordic-Walking-Stöcken.

Ein Mann mit Hund.

Und offenbar ein Kind, das mir gefolgt war.

Ich kniete mich langsam hin.

Das Mädchen ließ meine Hand nicht los.

„Wie heißt du?“, fragte ich.

Keine Antwort.

„Weißt du, wo deine Eltern sind?“

Sie sah mich an, als hätte ich etwas Dummes gefragt.

„Du bist doch da“, sagte sie.

Mein Herz schlug mir bis in den Hals.

Ich spürte, wie die Blicke der anderen Kunden schwerer wurden.

Ein Mann mit einer Packung Fischstäbchen blieb stehen.

Eine Frau zog ihr Handy aus der Jackentasche, steckte es aber wieder weg, als hätte sie selbst gemerkt, wie falsch das aussah.

Ich wusste in diesem Moment nur eins: Ich durfte keinen Schritt mit diesem Kind allein machen.

Nicht aus dem Laden.

Nicht in Richtung Ausgang.

Nicht einmal zwei Regale weiter.

In solchen Momenten kann ein gutes Herz schnell aussehen wie etwas Schlimmes.

Und ich war alt genug, um zu wissen, dass der erste Eindruck manchmal mehr zählt als die Wahrheit.

„Bleib bitte ganz ruhig bei mir“, sagte ich zu dem Mädchen.

Sie nickte.

„Wir gehen jetzt zusammen zur Information. Da helfen sie uns.“

„Nach Hause?“, fragte sie.

Ich schluckte.

„Erst zur Information.“

Sie drückte meine Hand fester.

Ich ging langsam zum kleinen Kundenschalter vorn im Laden.

Die Frau mit dem Einkaufskorb kam ein paar Schritte hinter uns her, dann blieb sie stehen. Vielleicht wollte sie sich nicht einmischen. Vielleicht hatte sie Angst, selbst etwas falsch zu machen.

Ich drehte mich noch einmal zu ihr um.

„Danke“, sagte ich. „Sie haben richtig gehandelt.“

Sie nickte, und ich sah, dass ihr Tränen in den Augen standen.

Am Kundenschalter saß ein junger Mann mit blondem Bart und müdem Sonntagsgesicht.

„Kann ich helfen?“

„Ich hoffe es“, sagte ich.

Meine Stimme klang nicht wie meine.

„Dieses Mädchen nennt mich Mama. Ich kenne sie nicht. Eine Kundin sagt, sie sei mir seit dem Park gefolgt.“

Der junge Mann sah erst mich an, dann das Kind.

Dann wurde sein Gesicht ernst.

„Kommen Sie bitte mit ins Büro.“

Der kleine Raum hinter dem Kundenschalter roch nach Druckerpapier, Kaffee und Putzmittel.

An der Wand hing ein Kalender mit Berglandschaft. Auf dem Schreibtisch standen zwei Monitore mit den Kamerabildern aus dem Laden.

Das Mädchen setzte sich neben mich.

Nicht gegenüber.

Neben mich.

Ihr Stoffhase lag auf ihrem Schoß.

„Ich rufe die Polizei“, sagte der junge Mann. „Und den Filialleiter.“

„Ja“, sagte ich sofort. „Bitte.“

Ich wollte nicht diskutieren.

Ich wollte keine Heldin sein.

Ich wollte, dass jemand mit Uniform und Protokoll kam und mir sagte, was jetzt richtig war.

Das Mädchen lehnte ihren Kopf gegen meinen Arm.

„Nicht weggehen“, flüsterte sie.

„Ich gehe nicht weg“, sagte ich.

Und in dem Moment meinte ich es.

Obwohl ich sie nicht kannte.

Obwohl ich Angst hatte.

Obwohl ich noch vor einer halben Stunde nur Hähnchenschenkel, Äpfel, Eier und dunkle Schokolade für meine Mutter kaufen wollte.

Meine Mutter hieß Erika.

Sie war neunundsiebzig, stur wie ein alter Kohleofen und fünf Wochen zuvor an der Hüfte operiert worden.

Seitdem fuhr ich fast jeden zweiten Tag zu ihr in ihre kleine Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses, das in den siebziger Jahren gebaut worden war und noch immer nach Linoleum, Kohl und Bohnerwachs roch.

Sie hasste es, Hilfe anzunehmen.

„Ich bin doch kein Pflegefall“, sagte sie jedes Mal, während sie sich am Rollator festklammerte.

Und dann schrieb sie mir trotzdem eine Liste.

Kartoffeln.

Eier.

Hähnchen.

Äpfel.

Dunkle Schokolade.

Manchmal auch Quark, weil „der Arzt gesagt hat, Eiweiß wäre gut“.

Sie bestand darauf, mir jeden Cent zurückzugeben.

Wenn ich ablehnte, legte sie mir Münzen in die Jackentasche, wie früher, als ich als Kind zum Bäcker geschickt wurde.

Ich kümmerte mich um sie, weil sie meine Mutter war.

Nicht, weil unser Verhältnis immer leicht gewesen wäre.

Sie hatte mich und meine Schwester fast allein großgezogen.

Mein Vater war irgendwann einfach verschwunden, erst innerlich, dann wirklich.

Er war kein böser Mann gewesen. Nur einer von denen, die gehen, bevor sie Verantwortung richtig benennen müssen.

Meine Mutter blieb.

Sie arbeitete in einer Kantine, später in einer Wäscherei.

Ihre Hände waren immer rissig.

Sie roch nach Waschpulver und Zwiebeln.

Und sie hatte diesen Satz, den viele Frauen ihrer Generation im Mund trugen wie ein altes Gebet:

„Man macht weiter.“

Meine Schwester Katrin konnte diesen Satz nicht ertragen.

Katrin war zwei Jahre älter als ich.

Wild.

Schön.

Unberechenbar.

Als Jugendliche trug sie rote Stiefel vom Flohmarkt, schnitt sich selbst den Pony und tanzte in der Küche zu alten Kassetten, während meine Mutter schimpfte, sie solle endlich den Tisch decken.

Katrin war das Feuer in unserer Wohnung.

Ich war eher die, die die Fenster schloss, wenn es zog.

Nach der Wende wurde alles noch komplizierter.

Wir lebten damals in einer Stadt im Osten, nicht groß, nicht klein, so eine Stadt mit Plattenbauten, Kopfsteinpflaster und Menschen, die plötzlich lernen mussten, dass ihre Lebensläufe auf einmal weniger wert waren, als sie gedacht hatten.

Meine Mutter verlor ihre Stelle.

Mein Vater endgültig seine Richtung.

Katrin verlor das Vertrauen in alles.

Sie geriet an Männer, die sie nicht gut behandelten.

Dann an Leute, die ihr Versprechen machten, die nur Schulden waren.

Später kamen Tabletten, Alkohol, verschwundene Wochen.

Sie tauchte auf, wenn sie Geld brauchte oder eine Dusche.

Dann verschwand sie wieder.

Ich war wütend auf sie.

So wütend, wie man nur auf Menschen ist, die man liebt.

Vor sieben Jahren starb Katrin.

Offiziell hieß es eine Vergiftung durch Medikamente und Alkohol.

Ein schrecklich nüchterner Satz für ein Leben, das nie nüchtern gewesen war.

Ich weinte damals.

Aber ich war nicht überrascht.

Und genau das hat mich am meisten beschämt.

Ich war nicht überrascht.

Seitdem redeten meine Mutter und ich selten über Katrin.

Nicht, weil sie vergessen war.

Sondern weil manche Namen in einer Familie wie lose Dielen sind. Man tritt drauf, und plötzlich knarrt das ganze Haus.

Und jetzt saß dieses kleine Mädchen neben mir in einem Supermarktbüro, hielt meine Hand und nannte mich Mama.

Die Polizei kam nach zwölf Minuten.

Ein Mann und eine Frau.

Der Mann war um die fünfzig, breites Gesicht, ruhige Stimme.

Die Frau war jünger, vielleicht Anfang dreißig, aber sie hatte diesen Blick, den Menschen bekommen, wenn sie schon zu viel gesehen haben und trotzdem freundlich bleiben wollen.

Sie stellten sich vor.

Ich merkte mir die Namen nicht.

Mein Kopf war wie mit Watte ausgestopft.

Ich erzählte alles.

Den Park.

Die Frau am Tiefkühlregal.

Das Mädchen.

Das Wort Mama.

Die Polizistin kniete sich vor das Kind.

„Hallo. Weißt du, wie du heißt?“

Das Mädchen schwieg.

„Magst du uns deinen Namen sagen?“

Sie schaute zu mir.

Ich sagte leise: „Du darfst es sagen.“

Da flüsterte sie:

„Mila.“

„Mila“, wiederholte die Polizistin. „Das ist ein schöner Name. Weißt du auch deinen Nachnamen?“

Mila schüttelte den Kopf.

„Wie alt bist du?“

Sie hob eine Hand und zeigte fünf Finger.

„Weißt du, wo du wohnst?“

Keine Antwort.

„Wer hat dich hierhergebracht?“

Mila legte ihre kleine Hand wieder auf meine.

„Mama“, sagte sie.

Die Polizistin blickte zu mir hoch.

Ich hob sofort die Hände, soweit Mila es zuließ.

„Ich kenne dieses Kind nicht.“

Der Polizist bat um meinen Ausweis.

Ich gab ihm meinen Personalausweis, meine Adresse, meine Telefonnummer, sogar den Namen meiner Mutter, obwohl niemand danach gefragt hatte.

Man wird in solchen Momenten überkorrekt, wenn man unschuldig ist.

Man will jede Lücke füllen, bevor sie verdächtig aussieht.

Der Filialleiter zeigte die Kameraaufnahmen.

Da war ich am Eingang.

Da war Mila.

Ein paar Meter hinter mir.

Ich nahm einen Wagen.

Mila blieb stehen, wartete, folgte.

Ich ging zu den Äpfeln.

Mila stand zwischen zwei Regalen und sah mir zu.

Ich ging zum Brot.

Sie folgte.

Ich schrieb meiner Mutter.

Sie wartete.

Es war nicht panisch.

Nicht wirr.

Fast zielgerichtet.

Als hätte dieses Kind eine Entscheidung getroffen.

Die Polizistin telefonierte.

Der Polizist sprach mit dem Jugendamt.

Es gab keine aktuelle Vermisstenmeldung.

Kein Kind namens Mila, fünf Jahre alt, im Umkreis gesucht.

Niemand hatte angerufen.

Niemand schien sie zu vermissen.

Das war der Moment, in dem die Sache von seltsam zu unerträglich wurde.

Ein verlorenes Kind ist schlimm.

Ein Kind, nach dem niemand sucht, ist etwas anderes.

Ich blieb drei Stunden in diesem Büro.

Drei Stunden, in denen meine Mutter siebenmal anrief.

Beim dritten Mal ging ich ran.

„Marion? Wo bleibst du denn? Ist was passiert?“

Ich sah auf Mila, die mit einem stumpfen Buntstift auf der Rückseite eines alten Lieferscheins malte.

Ein Haus.

Ein Baum.

Drei Strichfiguren.

„Mama“, sagte ich. „Es ist etwas passiert. Aber ich erkläre es dir später.“

„Bist du im Krankenhaus?“

„Nein.“

„Hast du einen Unfall gehabt?“

„Nein.“

„Dann kommst du doch noch?“

Ich hätte fast gelacht.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil meine Mutter in jeder Katastrophe zuerst an den Einkaufszettel dachte.

„Ich komme später“, sagte ich. „Versprochen.“

„Marion?“

„Ja?“

Ihre Stimme wurde kleiner.

„Klingst du so, weil Katrin wieder Thema ist?“

Mir rutschte das Handy fast aus der Hand.

„Wie kommst du darauf?“

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Man hört manches, bevor es gesagt wird.“

Ich legte auf, ohne zu antworten.

Kurz darauf kam eine Frau vom Jugendamt.

Sie hieß Frau Berger.

Sie war nicht kalt, aber geübt.

Solche Menschen müssen freundlich sein, ohne sich jedes Mal zerbrechen zu lassen.

Sie sprach leise mit Mila.

Bot ihr Apfelsaft an.

Fragte nach Puppen, Kindergarten, Zuhause.

Mila antwortete kaum.

Nur wenn ich sie ansah, nickte sie manchmal.

Als Frau Berger sagte, sie werde Mila jetzt an einen sicheren Ort bringen, passierte es.

Mila kletterte von ihrem Stuhl und warf sich an mich.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Sie klammerte sich einfach fest.

„Bitte nicht wieder weggehen“, flüsterte sie.

Wieder.

Dieses Wort traf mich wie ein Schlag.

Frau Berger hörte es auch.

„Mila“, sagte sie vorsichtig. „War Marion schon einmal bei dir?“

Mila schüttelte den Kopf.

„Aber sie ist doch da“, sagte sie.

Ich sah Frau Berger an.

„Kann ich bei ihr bleiben? Nur heute Nacht?“

Frau Berger atmete langsam aus.

„So einfach geht das nicht.“

Natürlich ging es nicht so einfach.

Wir sind in Deutschland.

Hier gibt es für alles ein Formular, sogar für Notlagen.

Vielleicht ist das manchmal gut.

Vielleicht rettet es Kinder.

Aber in diesem Moment saß da ein kleines Mädchen, das niemand anders anschauen wollte als mich.

Und ich spürte etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte.

Nicht Mitleid.

Nicht Pflicht.

Etwas Älteres.

Blut vielleicht.

Oder Erinnerung.

Oder der Teil von mir, der Katrin nie retten konnte.

„Prüfen Sie mich“, sagte ich. „Sofort. Alles. Führungszeugnis, Wohnung, Nachbarn, was Sie brauchen. Aber nehmen Sie sie nicht einfach weg, wenn sie gerade zum ersten Mal ruhig ist.“

Frau Berger sagte nichts.

Der Polizist auch nicht.

Dann telefonierten sie.

Lange.

Ich hörte Wörter wie Bereitschaftspflege, Ausnahme, vorläufige Inobhutnahme, Verwandtschaftsbezug.

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht verwandt sind?“, fragte Frau Berger schließlich.

„Ich wüsste es“, sagte ich.

Doch während ich es sagte, sah ich Mila an.

Ihre Augen.

Die Form ihres Mundes.

Die Art, wie sie beim Nachdenken die Stirn leicht kräuselte.

Katrin hatte genau so geschaut, wenn sie als Kind eine Lüge vorbereitete und gleichzeitig hoffte, niemand würde sie danach fragen.

Mir wurde übel.

„Meine Schwester ist tot“, sagte ich leise. „Seit sieben Jahren.“

„Hatte sie Kinder?“

„Nein.“

Dann schwieg ich.

Weil ich plötzlich nicht mehr sicher war, ob nein dasselbe war wie ich weiß es nicht.

Am späten Nachmittag durfte Mila mit mir kommen.

Vorläufig.

Unter Auflagen.

Frau Berger fuhr hinter uns her, sah sich meine Wohnung an, notierte, dass ich ein Gästezimmer hatte, keine gefährlichen Tiere, keine offenen Medikamente, keine ungeklärten Personen im Haushalt.

Mein Zuhause war klein.

Zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon.

In einem westdeutschen Randbezirk, wohin ich nach der Wende gezogen war, zuerst wegen der Arbeit, dann aus Gewohnheit.

Ich arbeitete als freie Grafikerin für kleine Betriebe.

Bäckereien.

Handwerker.

Vereine.

Niemand wurde reich damit.

Aber es reichte für Miete, Versicherungen und ab und zu eine neue Jacke.

In meinem Gästezimmer stand noch die alte Nähmaschine meiner Mutter.

Daneben Kartons mit Fotos, die ich nie sortiert hatte.

Mila setzte sich auf das Sofa, zog die Beine an und legte den Stoffhasen unter ihr Kinn.

„Hast du Hunger?“, fragte ich.

Sie nickte.

Ich machte Nudeln mit Butter.

Das Einzige, was mir einfiel.

Sie aß langsam, aber alles.

Dann fragte sie: „Schläfst du auch hier?“

„Ja“, sagte ich. „Ich schlafe im Schlafzimmer. Du kannst hier auf dem Sofa schlafen. Oder im Gästezimmer, wenn du möchtest.“

Sie zeigte auf den Sessel neben dem Sofa.

„Da.“

„Ich soll da sitzen?“

Sie nickte.

Also saß ich dort.

Die ganze Nacht.

Ich schlief vielleicht zwanzig Minuten am Stück.

Jedes Mal, wenn ich mich bewegte, öffnete Mila die Augen.

„Ich bin noch da“, flüsterte ich.

Dann schlief sie weiter.

Am nächsten Morgen rief meine Mutter um sechs Uhr zweiundvierzig an.

„Ich habe nicht geschlafen“, sagte sie.

„Ich auch nicht.“

„Komm her.“

„Mama, ich kann nicht einfach—“

„Bring das Kind mit.“

Ich fuhr um neun zu ihr.

Mila saß hinten im Auto, angeschnallt, den Hasen auf dem Schoß.

Sie schaute aus dem Fenster, als würde sie jede Straße wiedererkennen, obwohl sie noch nie hier gewesen sein konnte.

Meine Mutter wartete in der Wohnungstür, auf ihren Rollator gestützt.

Sie trug ihre gute Strickjacke.

Die beige mit den Holzknöpfen.

Das machte sie immer, wenn etwas Wichtiges passierte.

Mila versteckte sich halb hinter meinem Bein.

Meine Mutter sah sie an.

Lange.

Zu lange.

Dann wurde sie weiß im Gesicht.

„Marion“, sagte sie.

„Was?“

Sie hob eine zitternde Hand an den Mund.

„Sie sieht aus wie Katrin, als sie klein war.“

Ich hatte gehofft, sie würde es nicht sagen.

Jetzt stand es im Flur wie ein Möbelstück, über das wir alle stolpern mussten.

Mila sah meine Mutter an.

„Bist du Oma?“, fragte sie.

Meine Mutter machte ein Geräusch, das halb Lachen, halb Weinen war.

„Das weiß ich noch nicht“, sagte sie. „Aber du darfst trotzdem reinkommen.“

An diesem Vormittag saßen wir zu dritt in der kleinen Küche meiner Mutter.

Der Tisch war mit Wachstuch bedeckt.

An der Wand hing immer noch die alte Uhr, die mein Vater einmal reparieren wollte und nie repariert hatte. Sie ging seit Jahren fünf Minuten nach.

Meine Mutter stellte Butterkekse hin.

Mila nahm einen.

Dann noch einen.

Meine Mutter beobachtete jede Bewegung.

„Katrin hat genau so gegessen“, sagte sie plötzlich. „Erst die Ecken.“

„Mama.“

„Ist doch wahr.“

„Bitte.“

„Du willst es nicht hören, aber es ist wahr.“

Mila summte leise.

Eine Melodie ohne Worte.

Meine Mutter ließ den Keks fallen.

Nicht auf den Boden.

Auf den Teller.

„Das Lied“, flüsterte sie.

Ich kannte es auch.

Kein richtiges Lied.

Nur eine kleine Tonfolge.

Katrin hatte sie als Kind gesummt, wenn sie Angst hatte.

Im Keller bei Luftschutzsirenenübungen in der Schule.

Später im Treppenhaus, wenn unsere Eltern stritten.

Und einmal, Jahre später, als sie betrunken vor meiner Tür stand und so tat, als sei alles gut.

„Woher kennst du das?“, fragte ich Mila.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Mama hat es gemacht.“

Meine Mutter presste die Lippen zusammen.

„Welche Mama?“

Mila zeigte auf mich.

„Nein, Schatz“, sagte ich leise. „Meinst du die Mama von früher?“

Mila sah auf ihren Hasen.

„Die mit den roten Stiefeln.“

Meine Mutter begann zu weinen.

Still.

Ohne Hand vor dem Gesicht.

Tränen liefen einfach über ihre Falten.

Katrin hatte rote Stiefel gehabt.

Nicht einmal.

Jahrelang.

Rote Kunstlederstiefel vom Flohmarkt, die sie selbst im Winter trug, obwohl sie innen rissen.

Noch am selben Tag rief die Polizei an.

Sie baten mich zur Dienststelle.

Mit Mila, wenn es nicht anders ginge.

Es ging nicht anders.

Mila ließ mich nicht aus den Augen.

Der Beamte hieß Krüger.

Er war sachlich, aber nicht herzlos.

Auf dem Tisch lag eine dünne Mappe.

Viel zu dünn für das Gewicht, das sie gleich bekommen würde.

„Wir haben erste Hinweise“, sagte er.

Ich hielt Milas Hand unter dem Tisch.

„Es gibt keine Vermisstenanzeige“, sagte er. „Aber wir konnten über eine alte Melderegisterspur und eine medizinische Akte eine Verbindung herstellen.“

Ich wusste es, bevor er den Namen sagte.

„Die mutmaßliche Mutter des Kindes war Katrin Seidel.“

Meine Schwester.

Mein Blut.

Mein wunder Punkt.

Meine tote, wütende, verlorene Schwester.

Ich hörte meine eigene Stimme nicht, als ich fragte:

„Wie?“

Krüger erklärte es langsam.

Katrin hatte Mila in einer kleinen Stadt in Sachsen zur Welt gebracht.

Nicht in einer großen Klinik.

In einem angeschlossenen Geburtshaus.

Sie hatte ihren richtigen Namen angegeben, aber keine Familie.

Keinen Vater.

Keine Adresse, die lange gültig blieb.

Ein paar Monate später war sie verschwunden.

Mila kam zu einem älteren Ehepaar, das Katrin wohl aus einer Beratungsstelle kannte.

Keine offizielle Adoption.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen