Ich wollte meine Enkel retten und verlor fast das Vertrauen meiner Tochter

Habe ich unrecht, weil ich das Ersparte für die Ausbildung meiner jüngeren Tochter opfere, nur weil ihre Schwester ihr viertes Kind bekommen hat?

Meine ältere Tochter Anna (24) hat vor sechs Monaten ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Früher hat sie als Küchenhilfe gearbeitet, aber wegen gesundheitlicher Probleme nach ihrem zweiten Kind (chronische Rückenschmerzen) und ihrem dritten Kind (Folgen eines Steißbeinbruchs und weitere Schmerzen, die ihr das Stehen und Bewegen erschweren), kann sie nicht mehr körperlich arbeiten. Sie hat ihr Bestes versucht und einen Bürojob über eine Zeitarbeitsfirma angenommen. Aber nach etwa einer Woche sagte die Abteilungsleiterin zu ihr: „Das funktioniert so nicht.“

Diese Frau war sehr streng. Sie behauptete, nur weil sie für die Einarbeitung anderer bei der Dateneingabe maximal drei Tage brauche, müsse sie jetzt keine Rücksicht auf jemanden nehmen, der etwas langsamer lernt. Diese Frau hat wahrscheinlich dafür gesorgt, dass meine Tochter bei der Zeitarbeitsfirma einen schlechten Ruf bekam und nirgendwo anders mehr vermittelt wurde.

Annas Freund Lukas (28) arbeitet in einem großen Supermarkt. Als sie schwanger war, hatte er viel mehr Schichten, aber seitdem schwanken seine Arbeitsstunden stark. Er meinte, er würde sich in Zukunft mal einen Tag Zeit nehmen, um nach einer besseren Arbeit zu suchen, aber es war einfach zu viel los mit der Familie.

Ich habe großes Mitgefühl mit meiner Tochter und ihrem Freund und wünschte, ich könnte ihnen mehr helfen. Aber ich bin selbst alleinerziehend und arbeite in einem Pflegeheim, wo ich kaum auf eine Vollzeitstelle komme. Mein Ex-Mann hat damals hohe Schulden auf unser beider Namen gemacht und lebt jetzt im Ausland.

Für meine jüngere Tochter Marie (17) habe ich ein Sparbuch für ihre Ausbildung angelegt. Das Geld darauf würde ausreichen, um ihr in den ersten Jahren ihres Studiums die Miete und den Lebensunterhalt zu finanzieren (zusätzlich zum BAföG, das sie wahrscheinlich bekommen würde). Sie schwankte noch zwischen einer praktischen Ausbildung und einem Studium an der Universität, wofür sie dann einen Nebenjob oder einen Studienkredit bräuchte.

Die Katastrophe passierte, als Annas Vermieter herausfand, dass Lukas‘ Bruder und dessen Freundin heimlich in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung lebten. Sie hatten dort gewohnt, um bei der Miete zu helfen. Daraufhin wurde ihnen fristlos gekündigt.

Meine Tochter sieht ein, dass es falsch war, den Vermieter anzulügen. Beide Elternteile sind völlig verzweifelt, weil ihr Freund ein Jobangebot in einem anderen Bundesland bekommen hat und sie dafür von ihrer Familie und ihrem vertrauten Umfeld wegziehen müssten. Sie kamen zu mir und baten mich um Hilfe, damit sie mehr Zeit haben, hier vor Ort wieder finanziell auf die Beine zu kommen. Ich war hin- und hergerissen, aber als ich meine Enkelkinder sah, wusste ich, dass es meine Pflicht ist, mich um die Schwächsten in der Familie zu kümmern.

Also werde ich bei der Bank anrufen, um das Sparbuch meiner jüngeren Tochter vorzeitig aufzulösen. Ich nehme auch in Kauf, dass dabei Abzüge und Strafzinsen anfallen. Das habe ich meiner Tochter Marie auch so gesagt. Sie wurde eiskalt und meinte nur: „Du prahlst doch immer damit, was für ein gutes Gedächtnis du hast – ich hoffe, du erinnerst dich für immer an diesen Moment.“

Seitdem hat sie kein Wort mehr mit mir gewechselt. Letztes Wochenende hat sie im Bekanntenkreis herumgefragt, ob Krankenhäuser Studenten für die Küche oder am Empfang einstellen. Im Internet machte sie kryptische Andeutungen, dass sie wohl eines Tages dankbar sein wird, dass sie nicht das Privileg hat, einfach das zu studieren, was sie möchte, sondern etwas rein Technisches lernen muss, womit sie immer einen sicheren Job findet.

Ich verstehe nicht, warum sie aus einer Mücke so einen Elefanten macht. Ihre Schwester hat vier Kinder, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Marie hat ihr ganzes Leben noch vor sich, um das mit ihrer Ausbildung zu regeln. Habe ich wirklich unrecht, weil ich mich für hungrige Babys und gegen das Ausbildungsgeld eines Teenagers entscheide? Oder ist meine jüngere Tochter einfach nur egoistisch und versteht nicht, dass Familie bedeutet, auch mal Opfer für diejenigen zu bringen, die es am dringendsten brauchen?

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