Der unheimliche Nachbar grub heimlich am Zaun und rettete damit unseren Hund

Ich wollte den unheimlichen Nachbarn bei der örtlichen Behörde anzeigen, weil er ständig heimlich an unserem Zaun grub. Doch was er dort im Dunkeln versenkte, verhinderte unsere absolute Lebenskatastrophe.

„He! Was machen Sie da an meinem Zaun?“

Meine Stimme klang lauter, als ich es wollte. In der einen Hand hielt ich mein Handy. Die Nummer der Behörde hatte ich schon geöffnet. Ein Fingertipp, und ich hätte angerufen.

Am Ende unseres Gartens kniete Jens.

Er wohnte zwei Häuser weiter. Ein stiller Mann, Ende sechzig, graue Haare, gebeugter Rücken, immer dieselbe abgetragene Arbeitsjacke. Ich kannte ihn nur vom Sehen. Er grüßte selten. Wenn er an unserem Haus vorbeiging, schaute er meistens auf den Boden.

Und jetzt kniete er auf meinem Grundstück.

Mit einem rostigen Spaten grub er direkt unter unserem alten Holzzaun. Nicht einmal. Nicht zufällig. Es war schon das dritte Mal in wenigen Tagen.

Ich war seit vier Monaten Mieterin dieser kleinen Doppelhaushälfte am Rand der Stadt. Für mich und meinen siebenjährigen Sohn Leon sollte es ein neuer Anfang sein. Kein lautes Mehrfamilienhaus mehr. Keine ständigen Streitereien im Treppenhaus. Einfach ein kleiner Garten, ein bisschen Ruhe, ein normales Leben.

Und dann war Balu zu uns gekommen.

Balu war ein großer, zotteliger Hund aus dem Tierschutz. Er hatte diesen Blick, den man nicht vergisst. Vorsichtig, wachsam, fast entschuldigend. Als hätte er schon zu oft gelernt, dass Menschen unberechenbar sind.

Leon liebte ihn vom ersten Tag an.

Balu brauchte länger. Bei jedem lauten Geräusch zuckte er zusammen. Wenn eine Tür zu hart zufiel, verschwand er unter dem Tisch. Wenn draußen ein Auto hupte, drückte er sich an meine Beine und zitterte.

Der Garten war für ihn ein riesiger Schritt. Am Anfang setzte er kaum eine Pfote auf den Rasen. Später ging er vorsichtig bis zum Apfelbaum. Dann bis zum alten Zaun.

Genau dieser Zaun war unser Problem.

Er war morsch, schief und an mehreren Stellen unten angefault. Ich hatte meinem Vermieter schon geschrieben. Die Antwort war wie immer: Man kümmere sich darum.

Also wartete ich.

Und während ich wartete, grub mein Nachbar darunter herum.

„Sie können hier nicht einfach Löcher machen!“, rief ich.

Jens hielt inne. Er sah mich an. Nicht erschrocken. Nicht frech. Eher müde. So müde, dass mich sein Blick kurz aus dem Konzept brachte.

Aber er sagte nichts.

Er zog den Spaten aus der Erde, sammelte sein Werkzeug zusammen und ging. Ohne Erklärung. Ohne Entschuldigung.

Das machte es nur schlimmer.

In der Nacht schlief ich kaum. Ich dachte an Einbruch, an Ärger mit Nachbarn, an all die Dinge, die man als alleinerziehende Mutter lieber nicht im Kopf haben will.

Am nächsten Tag ließ ich Balu nicht allein in den Garten. Leon fragte, warum.

„Nur zur Sicherheit“, sagte ich.

Drei Tage später hörte ich wieder Geräusche am Zaun.

Diesmal war es kein Graben. Es war ein dumpfes Schlagen. Metall auf Holz. Metall auf Erde.

Ich riss die Terrassentür auf.

Jens stand wieder dort. Neben ihm lagen Maschendraht, Metallpflöcke, Schrauben und ein schwerer Hammer. Er hatte bereits ein Stück Drahtgitter tief in den Boden geschoben und befestigte es an den alten Holzlatten.

Da platzte mir der Kragen.

„Jetzt reicht es wirklich!“

Ich stapfte durch den Garten. Balu blieb unsicher auf der Terrasse stehen. Sein Schwanz hing tief. Er merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Was soll das werden?“, fragte ich. „Sie kommen hier einfach rein, verändern meinen Zaun und sagen kein Wort. Wollen Sie mich verrückt machen?“

Jens schlug noch eine Schraube fest. Dann richtete er sich langsam auf.

Aus der Nähe sah er älter aus, als ich gedacht hatte. Seine Hände waren rissig. Unter den Fingernägeln steckte Erde. In seinem Gesicht lagen tiefe Falten, nicht diese freundlichen Lachfalten, sondern die Art Falten, die entstehen, wenn ein Mensch zu lange mit etwas allein bleibt.

„Es tut mir leid“, sagte er leise.

Seine Stimme war rau. Als würde er nicht oft sprechen.

„Ich wollte Ihnen keine Angst machen.“

„Dann erklären Sie mir bitte, was Sie hier tun.“

Er schaute zur Terrasse. Balu presste sich an die Hauswand und beobachtete uns.

Jens schluckte.

„Ich sichere den Zaun“, sagte er. „Für Ihren Hund.“

Ich lachte kurz auf, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte.

„Für meinen Hund? Sie kennen meinen Hund doch gar nicht.“

„Doch“, sagte Jens. „Nicht richtig. Aber genug.“

Dann legte er den Hammer auf den Boden und setzte sich auf einen umgedrehten Eimer, als hätten seine Beine plötzlich nachgegeben.

„Dieses Haus gehörte früher mir“, sagte er.

Ich schwieg.

„Vor dreißig Jahren. Meine Frau und ich haben hier gewohnt. Wir hatten keine Kinder. Nur unseren Hund. Max.“

Bei dem Namen veränderte sich sein Gesicht. Es wurde weicher, aber auch schmerzhafter.

„Max war ein Schäferhund. Groß, klug, treu. Nach dem Tod meiner Frau war er alles, was ich noch hatte.“

Ich stand immer noch mit verschränkten Armen vor ihm, aber meine Wut wurde kleiner.

„Meine Frau ist sehr schnell krank geworden“, sagte Jens. „Nach ein paar Monaten war sie nicht mehr da. Ich war danach kein richtiger Mensch mehr. Ich ging arbeiten, kam nach Hause, fütterte Max und saß einfach nur da.“

Er sah auf den Zaun.

„Der Zaun war damals schon schlecht. Genau an dieser Stelle. Unten war eine Lücke. Ich wusste das. Ich habe jeden Tag gedacht: Morgen mache ich das. Morgen repariere ich es.“

Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Aber ich habe es nicht gemacht.“

Balu kam langsam von der Terrasse herunter. Nur zwei Schritte. Dann blieb er wieder stehen.

Jens bemerkte es und lächelte traurig.

„An Silvester passierte es.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Max hatte Angst vor Böllern. Ich hatte ihn im Haus. Ich dachte, das reicht. Aber irgendwann gab es direkt vor dem Haus einen lauten Knall. Er riss sich los, drückte die Tür auf und rannte in den Garten.“

Jens zeigte auf den Zaun.

„Er lief genau hierher. Zu der Lücke. Ich war hinter ihm, aber ich war nicht schnell genug. Er grub sich unter dem Zaun durch. Dahinter ist die Landstraße.“

Ich wusste plötzlich, was kommen würde. Ich wollte es nicht hören.

Aber Jens musste es sagen.

„Ein Auto hat ihn erfasst.“

Er sprach den Satz ganz ruhig aus. Das machte ihn noch schlimmer.

„Ich habe Max verloren. Nicht, weil ich ihn nicht geliebt habe. Sondern weil ich eine einfache Arbeit immer wieder verschoben habe. Ein Stück Zaun. Ein bisschen Draht. Ein paar Stunden. Mehr hätte es nicht gebraucht.“

Seine Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich bin am nächsten Tag ausgezogen. Ich konnte dieses Haus nicht mehr sehen. Dreißig Jahre lang bin ich hier nicht vorbeigegangen.“

„Und dann haben Sie uns gesehen“, sagte ich leise.

Er nickte.

„Ich sah den Jungen im Garten. Dann Ihren Hund. Ich sah, wie er zusammenzuckte, als draußen ein Wagen hupte. Und dann sah ich den Zaun. Immer noch derselbe Fehler. Dieselbe Stelle.“

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