Der Biker, vor dem meine Tochter floh, war in Wahrheit ihr einziger Schutzengel

Ein riesiger, furchteinflößender Biker verfolgte meine sechzehnjährige Tochter kilometerweit. Ich geriet in absolute Panik und rief die Polizei – doch als sie ihn stoppten, stockte mir der Atem.

Meine Hände zitterten so stark, dass ich mein Telefon kaum festhalten konnte. Am anderen Ende der Leitung weinte meine Tochter Emma so heftig, dass ich zunächst kaum verstand, was sie sagte.

„Mama, da ist ein Mann auf einem Motorrad. Er fährt die ganze Zeit hinter mir her. Ich werde ihn nicht los.“

Ich stand im Aufenthaltsraum der Physiotherapiepraxis, in der ich arbeitete. Plötzlich hörte ich nur noch Emmas Atem, das Summen ihres kleinen Leichtautos und im Hintergrund das tiefe Dröhnen einer schweren Maschine.

Emma durfte das gebrauchte Leichtfahrzeug mit ihrem Führerschein fahren. Es sah wie ein winziger Kleinwagen aus, fuhr aber höchstens fünfundvierzig. Weil die Busverbindungen zu ihrer Berufsschule schlecht waren, bedeutete es für sie ein Stück Freiheit.

Nach dem Unterricht hatte sie an einer Tankstelle gehalten und wollte anschließend zu einer Freundin fahren. Die Strecke kannte sie gut.

„Wo bist du jetzt?“, fragte ich und bemühte mich, ruhig zu klingen.

„Hinter dem Baumarkt, kurz vor der Unterführung. Er ist immer noch da.“

„Fahr nicht nach Hause“, sagte ich sofort. „Und fahr auch nicht zu Lena. Bleib auf einer belebten Strecke. Ich rufe die Polizei.“

„Er winkt mir zu“, schluchzte sie. „Er zeigt dauernd nach rechts. Mama, er will, dass ich anhalte.“

Das Motorengeräusch wurde lauter. Emma schrie kurz auf.

Ich musste mich mit der freien Hand an der Tischkante festhalten. In meinem Kopf entstanden Bilder, die ich nicht stoppen konnte. Ein großer Mann, schwarzes Leder, grauer Bart, schwere Stiefel. Meine Tochter allein in diesem kleinen, langsamen Fahrzeug. Keine Chance, ihm davonzufahren.

„Du hältst nicht an“, sagte ich. „Unter keinen Umständen. Verriegle die Türen. Lass das Handy über die Freisprechanlage laufen und fahr Richtung Polizeiwache.“

In unserem Ort gab es nur eine kleine Dienststelle, die nicht rund um die Uhr besetzt war. Die nächste größere Wache lag in der Kreisstadt. Emma hätte fast zwanzig Minuten gebraucht. Mit ihrem Leichtauto vielleicht länger.

Mit dem Telefon meiner Kollegin wählte ich die 110 und blieb gleichzeitig mit Emma verbunden. Ich gab Kennzeichen, Fahrzeug und Standort durch. Die Beamtin fragte ruhig nach dem Motorrad und nach weiteren Fahrzeugen.

„Emma, schau nur kurz in den Spiegel“, sagte ich. „Nicht lange. Was siehst du?“

„Ein schwarzes Motorrad. Sehr groß. Der Mann trägt eine schwarze Weste mit vielen Aufnähern. Er hat einen langen Bart. Und er fährt so dicht hinter mir, dass ich sein Licht kaum noch sehe.“

„Ist noch jemand da?“

Es dauerte ein paar Sekunden.

„Da ist ein grauer Kombi hinter ihm“, sagte Emma. „Der war vorhin auch schon da. Ich glaube, der war an der Tankstelle.“

Die Beamtin hörte mit. Sofort wurde ihre Stimme noch konzentrierter. Sie bat Emma, auf der Bundesstraße zu bleiben und keine abgelegenen Abkürzungen zu nehmen. Zwei Streifenwagen seien bereits unterwegs.

Ich rannte zum Empfang und rief meiner Chefin zu, dass ich sofort wegmusste. Sie sah mein Gesicht und stellte keine Fragen. Ich griff nach meiner Tasche, lief zum Auto und fuhr los.

Ich fuhr nicht zu schnell. So sehr alles in mir danach schrie, wusste ich, dass Emma nichts davon hätte, wenn ich selbst einen Unfall verursachte. Trotzdem kam mir jede rote Ampel endlos vor. Ich hielt das Telefon in der Freisprechanlage und hörte weiter zu.

„Mama, der Kombi versucht links vorbeizukommen“, sagte Emma plötzlich.

Dann dröhnte das Motorrad so laut, dass die Verbindung knackte.

„Was passiert?“

„Der Biker ist jetzt weiter links. Er lässt den Kombi nicht an mir vorbei. Jetzt ist er wieder hinter mir.“

Ich verstand die Situation nicht. Für mich klang es nur bedrohlicher. Der Motorradfahrer fuhr mal links, mal rechts hinter Emma. Er beschleunigte, ließ sich zurückfallen und kam wieder näher. Immer wieder hob er einen Arm.

„Vielleicht will er dich von der Straße drängen“, sagte ich, obwohl ich das gar nicht wissen konnte.

Im selben Moment bereute ich den Satz. Emma begann noch stärker zu weinen.

„Hör nicht auf mich“, sagte ich sofort. „Bleib ruhig. Die Polizei ist gleich da.“

Die Beamtin aus der Leitstelle blieb ebenfalls in der Leitung. Sie sagte Emma, sie solle gleich an einer großen Kreuzung vorbeikommen. Dort würden die Streifenwagen übernehmen.

Dann hörte ich Sirenen.

Zuerst weit entfernt, dann immer deutlicher.

„Ich sehe sie“, rief Emma. „Zwei Polizeiautos. Sie kommen von vorne.“

Ein Streifenwagen wendete. Der andere setzte sich hinter die Fahrzeuggruppe. Über Lautsprecher kam eine Aufforderung. Emma sollte weiterfahren und an der nächsten sicheren Stelle rechts auf einen großen Parkplatz fahren. Das Motorrad sollte anhalten.

„Sie stoppen ihn“, sagte Emma.

Dann war für einige Sekunden nur Rauschen zu hören.

„Emma?“

Keine Antwort.

„Emma, sag etwas!“

„Ich bin hier“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang anders. Noch immer ängstlich, aber auch verwirrt. „Mama, sie legen ihm keine Handschellen an.“

„Was machen sie?“

„Einer von den Polizisten redet mit ihm. Der andere zeigt auf den grauen Kombi. Jetzt fährt ein Streifenwagen hinter dem Kombi her.“

Ich bog auf die Bundesstraße ein. Noch sechs Kilometer.

„Und der Biker?“

„Der nimmt seinen Helm ab. Ein Polizist schüttelt ihm die Hand.“

Mein Magen zog sich zusammen. Ich verstand überhaupt nichts mehr.

Als ich den Parkplatz erreichte, sah ich Emmas kleines Fahrzeug sofort. Es stand zwischen einem Streifenwagen und einer großen schwarzen Reiseenduro. Die Maschine wirkte neben Emmas Leichtauto fast riesig.

Der Motorradfahrer stand ein paar Meter entfernt. Er war tatsächlich ein beeindruckender Mann. Groß, breite Schultern, langer grauer Bart, schwere Lederstiefel. Auf seiner Weste waren mehrere Stoffabzeichen, aber keine aggressiven Symbole. Trotzdem sah er aus wie jemand, dem ich nachts nicht allein begegnen wollte.

Ich stellte mein Auto ab, sprang heraus und rannte zu Emma.

Sie saß noch hinter dem Steuer. Als ich die Tür öffnete, löste sie den Gurt und fiel mir in die Arme. Ihr ganzer Körper zitterte. Ich hielt sie so fest, als könnte ich dadurch alles rückgängig machen.

Dann drehte ich mich zu den Beamten um.

„Warum steht dieser Mann einfach hier?“, fragte ich viel zu laut. „Er hat meine Tochter kilometerweit verfolgt. Sie ist sechzehn und allein unterwegs.“

Ein Beamter hob ruhig die Hand.

„Frau Berger, bitte hören Sie uns kurz zu. Ihre Tochter ist in Sicherheit. Der Mann heißt Thomas Albrecht. Er hat uns selbst über den Notruf informiert.“

Ich starrte ihn an.

„Er hat angerufen?“

„Ja. Noch bevor Sie uns erreicht haben.“

Thomas trat einen Schritt näher, blieb aber mit deutlichem Abstand stehen. Aus der Nähe wirkte sein Gesicht nicht hart. Er hatte tiefe Falten um die Augen und einen müden, fast entschuldigenden Blick.

„Es tut mir leid“, sagte er. Seine Stimme war ruhig und überraschend sanft. „Ich habe Ihrer Tochter große Angst gemacht. Das war nicht meine Absicht.“

„Was war denn Ihre Absicht?“, fragte ich. Meine Wut war noch da, aber sie bekam erste Risse.

Thomas sah Emma an.

„Warst du vorhin an der Tankstelle am Gewerbering?“

Emma nickte vorsichtig.

„Haben dich dort zwei Männer aus einem grauen Kombi angesprochen?“

Jetzt veränderte sich ihr Gesicht. Sie wurde blass und sah mich an.

„Ja“, sagte sie leise. „Sie standen neben dem Getränkeautomaten. Einer fragte, ob ich allein sei. Der andere wollte wissen, wo ich wohne. Ich habe gesagt, dass meine Mutter gleich kommt, obwohl das nicht stimmte.“

„Warum hast du mir das nicht erzählt?“, fragte ich.

Emma zog die Schultern hoch. „Ich dachte, es wäre nur unangenehm. Ich wollte einfach weg.“

Thomas nickte.

„Ich war an der anderen Zapfsäule. Die beiden haben dich beobachtet, seit du ausgestiegen bist. Als du weggefahren bist, sind sie sofort hinterher. Ich habe gesehen, wie der Beifahrer sein Handy auf dein Fahrzeug gerichtet hat. Vielleicht hat er nur gefilmt. Vielleicht hat er das Kennzeichen fotografiert. Ich wusste es nicht. Aber mir gefiel die Situation nicht.“

Der Beamte ergänzte: „Herr Albrecht hat uns angerufen und den Kombi beschrieben. Er blieb hinter Ihrer Tochter, damit das Fahrzeug nicht direkt an sie herankam.“

Ich sah zu Thomas. „Dann sind Sie gar nicht ihr gefolgt?“

„Doch“, sagte er. „Aber nicht, um ihr etwas zu tun. Ich bin zwischen ihr und dem Kombi geblieben.“

Er erklärte, dass die Männer mehrfach versucht hatten, an ihm vorbeizufahren. Weil Emmas Leichtauto so langsam war, hätten sie leicht neben sie kommen können. Thomas hatte seine Maschine bewusst versetzt gefahren. Mal etwas links, mal etwas rechts. Nicht um Emma einzukesseln, sondern um den Kombi auf Abstand zu halten.

„Ich habe gewinkt, weil ich wollte, dass sie an der beleuchteten Tankstelle an der nächsten Kreuzung anhält“, sagte er. „Dort waren mehrere Leute. Ich wollte ihr erklären, was los ist. Aber als ich gesehen habe, wie panisch sie wurde, habe ich aufgehört, näher heranzufahren.“

Emma wischte sich über das Gesicht.

„Sie waren die ganze Zeit so dicht hinter mir.“

Thomas senkte den Blick. „Ja. Das war mein Fehler. Ich wollte verhindern, dass der Kombi sich dazwischenschiebt. Ich habe nicht bedacht, wie ich in deinem Rückspiegel wirken muss.“

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