Meine Hündin liebte Autofahrten mehr als alles andere. Doch vor diesem gebrauchten Wagen zitterte sie so stark, dass selbst ich plötzlich Angst bekam.
Bis zu diesem Tag hatte Daisy noch nie vor einem Auto gezögert. Sie war sechs Jahre alt, ein Golden Retriever mit großen Pfoten, einem schiefen linken Ohr und der festen Überzeugung, dass jede offene Autotür eine Einladung war.
Sobald ich meinen Schlüsselbund nahm, stand sie im Flur. Dann sah sie mich an, als wollte sie sagen: Nun mach schon.
Deshalb verstand ich nicht, was an diesem Wagen anders sein sollte.
Ich hatte lange auf ein eigenes Auto gespart. Meine Wohnung lag am Rand von Hannover, meine Arbeitsstelle auf der anderen Seite der Stadt.
Ich arbeitete in der Backabteilung eines kleinen Supermarkts und begann oft so früh, dass die Busverbindungen kaum brauchbar waren. Außerdem wollte ich regelmäßig zum Grab meiner Mutter fahren, ohne jedes Mal mehrmals umsteigen zu müssen.
Der Wagen kostete 4.200 Euro. Ein dunkler, zwölf Jahre alter Mittelklassewagen mit einigen Kratzern und einem kleinen Fleck auf dem Beifahrersitz. Nichts Besonderes. Aber der Motor lief ruhig, die Hauptuntersuchung war noch lange gültig, und der Innenraum sah sauber aus.
Der Verkäufer hieß Walter. Er war Mitte sechzig, schmal, ordentlich gekleidet und sprach sehr leise. Er wirkte nicht unfreundlich. Eher müde.
„Der Wagen stand eine Weile“, sagte er. „Aber er wurde durchgesehen.“
Ich machte eine Probefahrt. Alles fühlte sich normal an. Als ich den Kaufvertrag unterschrieb, war ich stolz wie lange nicht mehr.
Daisy wartete bei mir zu Hause. Am Nachmittag holte ich sie ab, um unsere erste gemeinsame Fahrt zu machen. Ich öffnete die hintere Tür und klopfte auf den Sitz.
„Komm.“
Daisy blieb stehen.
Zuerst musste ich lachen. Ich nahm ein Leckerli aus der Tasche und hielt es in den Wagen.
Da senkte sie den Kopf.
Dann begann sie zu zittern.
Ihr ganzer Körper bebte. Sie drückte sich nach hinten, bis das Geschirr straff wurde. Ihre Augen waren weit geöffnet, und sie atmete so schnell, als wäre sie gerannt.
Ich kniete mich neben sie.
„Was ist denn los mit dir?“
Daisy sah nicht mich an. Sie starrte auf den Bereich zwischen Rückbank und Kofferraum.
Walter stand noch ein paar Meter entfernt. Er hatte mir den zweiten Schlüssel bringen wollen. Als er Daisy sah, blieb er stehen.
„Sie fährt sonst gern Auto“, sagte ich.
Er antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Vielleicht sollten Sie auf sie hören.“
Der Satz ärgerte mich.
„Der Wagen ist doch sauber, oder?“
„Ja“, sagte er schnell. „Natürlich.“
Er gab mir den Schlüssel und ging.
Am nächsten Morgen versuchte ich es wieder. Ich legte Daisys Decke auf die Rückbank, stellte ihren Wassernapf hinein und öffnete alle Türen. Sie setzte sich einige Meter entfernt auf den Boden und beobachtete mich.
Am dritten Tag legte ich eine Spur aus Leckerlis bis zum Wagen. Daisy fraß jedes Stück. Das letzte auf dem Sitz ließ sie liegen.
Zwei Nachbarn sahen zu. Einer fragte, ob Daisy schlechte Erfahrungen mit Autos gemacht habe.
„Nein“, sagte ich. „Sie stellt sich nur an.“
Schon beim Aussprechen tat mir der Satz leid.
Daisy stellte sich nie an. Sie hatte mich einmal nachts geweckt, weil eine Herdplatte nicht ganz ausgeschaltet war. Auf Spaziergängen bemerkte sie vereiste Stufen oder schnelle Fahrräder oft vor mir.
Trotzdem wollte ich keinen Grund sehen. Fast mein gesamtes Erspartes steckte in diesem Wagen.
Ich ließ den Innenraum erneut reinigen. Es wurde nichts Auffälliges gefunden. Danach setzte ich mich allein hinein und schloss die Türen.
Ich roch nichts.
Aber Daisy saß draußen und kam nicht näher.
Als ich den Kofferraum öffnete, stand sie auf. Sie kam zwei Schritte näher, hob die Nase und wich sofort zurück. Aus ihrer Kehle kam ein leises Winseln.
Im Kofferraum lagen nur ein Ersatzrad, ein Warndreieck und eine alte graue Decke, die Walter offenbar vergessen hatte. Ich nahm sie heraus. Daisy drehte den Kopf weg.
Ich steckte die Decke in einen Müllsack und brachte sie in den Keller. Danach wusch ich mir die Hände, obwohl sie nicht schmutzig waren.
In den folgenden Wochen änderte sich nichts. Ich fuhr allein zur Arbeit. Wenn ich zurückkam, begrüßte Daisy mich erst, nachdem ich Jacke und Schuhe gewechselt hatte.
Es war, als würde ich einen fremden Geruch mitbringen.
Einmal nahm ich sie im Wagen einer Kollegin mit. Daisy sprang ohne Zögern hinein, legte sich hin und schlief kurz darauf ein.
Da wusste ich, dass der Fehler nicht bei ihr lag.
Der Fehler lag bei meinem Auto.
Ich verkaufte den Wagen nach knapp zwei Monaten weiter. Ich machte Verlust, aber ich konnte Daisy nicht weiter zwingen. Von dem restlichen Geld kaufte ich einen kleineren Wagen. Er war älter, lauter und hatte eine Delle in der Beifahrertür.
Daisy sprang am ersten Tag auf die Rückbank, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich zufrieden hin.
Ich stand neben der offenen Tür und bekam eine Gänsehaut.
Sechs Monate später rief Walter an.
„Frau Tessa? Leben Sie noch mit dem Hund zusammen?“
„Natürlich.“
„Hat sie schon einmal auf einen Geruch reagiert, den Sie selbst nicht wahrnehmen konnten?“
Ich setzte mich an den Küchentisch. Daisy lag in meiner Nähe und hob den Kopf.
„Warum fragen Sie das?“
Walter atmete hörbar ein.
„Der Wagen gehörte vorher meinem Bruder. Er ist vor mehr als fünf Jahren in seiner Garage gestorben.“
Walter erzählte stockend, sein Bruder habe allein gelebt und nur noch wenig Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Eines Abends sei er in der Garage zusammengebrochen. Die Fahrertür des Autos habe offen gestanden. Gefunden worden sei er erst mehrere Tage später.
Es war ein plötzliches Herzversagen gewesen. Niemand hatte ihm etwas angetan. Trotzdem war der Gedanke schwer auszuhalten.
„Der Wagen wurde gründlich gereinigt“, sagte Walter. „Mehrmals. Ich bin danach selbst damit gefahren. Ich habe nichts gerochen.“
Ich sah Daisy an.
„Warum erzählen Sie mir das erst jetzt?“
Walter schwieg lange.
„Weil ich erst jetzt weiß, wer Sie sind.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Er erklärte, mein Nachname sei ihm bekannt vorgekommen. Vor einigen Tagen habe er in einem Mietlager alte Unterlagen und ein Foto gefunden. Darauf stand sein Bruder neben einer jungen Frau, die ein Baby im Arm hielt.
„Wie hieß die Frau?“, fragte ich.
Er nannte den Namen meiner Mutter.
Ich musste mich am Tisch festhalten.
Mein Vater war gegangen, als ich klein war. Meine Mutter hatte nie schlecht über ihn gesprochen. Sie hatte nur gesagt, manche Menschen warteten so lange mit einer Entschuldigung, bis sie nicht mehr wüssten, wie sie anfangen sollten.
Jetzt verstand ich diesen Satz.
„Ihr Bruder war mein Vater“, sagte ich.
Walter antwortete leise: „Ja.“
Ich legte auf.
Daisy kam zu mir und legte den Kopf auf meinen Oberschenkel.
Mein Vater war tot. Aber schlimmer war zunächst der Gedanke, dass er jahrelang nur wenige Stunden von mir entfernt gelebt hatte.
Er hätte anrufen können.
Er hätte schreiben können.
Er hatte nichts davon getan.
Am nächsten Tag hinterließ Walter eine Nachricht.
„Ich habe Briefe gefunden. Viele. Alle an Sie.“
Ich hörte die Nachricht dreimal. Dann löschte ich sie und stellte sie zwei Stunden später wieder her.
Drei Tage lang antwortete ich nicht. Ich ging arbeiten, kaufte ein und fütterte Daisy. Doch jedes Mal, wenn ich meinen neuen Wagen sah, dachte ich an den alten.
Am vierten Abend rief ich Walter an.
„Ich will die Briefe sehen.“
Wir trafen uns an einem Mietlager am Rand eines alten Gewerbegebiets. Ich nahm Daisy mit, weil ich nicht allein sein wollte.
Walter wartete vor einer grauen Metalltür. Er wirkte älter als bei unserem ersten Treffen. Seine Hände zitterten, als er den Schlüssel ins Schloss steckte.
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