Der Hund, der keinen neuen Menschen wählte und fünfzehn Männer wieder zusammenbrachte

Diesel ging an fünfzehn Männern vorbei, roch an jeder Hand, und legte sich am Ende ausgerechnet vor den leeren Stuhl seines toten Herrchens.

Ich weiß noch, wie still es in unserer Halle wurde.

Es war eine schwere Stille. Jeder hatte denselben Gedanken, aber niemand wollte ihn aussprechen.

Henning war seit vier Tagen tot.

Achtundfünfzig Jahre alt. Herzinfarkt. Einfach so.

Am Tag zuvor hatte er noch an der Werkbank gestanden. Am nächsten Morgen fand ich ihn in seinem Haus. Diesel lag neben der Haustür.

Ich war sein Stellvertreter in unserer Motorradgemeinschaft. Wir kannten uns fast zwanzig Jahre und machten beide keine großen Worte.

Drei Tage nach seinem Tod saßen wir mit einem Anwalt in der Halle.

Henning hatte drei Wünsche hinterlassen.

Seine alte Lederjacke sollte verbrannt werden.

Seine Asche sollte an einem bestimmten Abschnitt der Bundesstraße 64 verstreut werden, wo er früher oft mit Diesel Pause gemacht hatte.

Und Diesel sollte sich seinen neuen Menschen selbst aussuchen.

Unter fünfzehn Männern.

Niemand lachte, als der Anwalt das vorlas. Trotzdem dachten wir alle, der dritte Wunsch sei der einfachste.

Diesel kannte uns. Er war fast jeden Tag in der Halle gewesen. Er wusste, wer ihm Futter zusteckte, wer ihn am Kopf kraulte und wer beim Schrauben immer ein Stück Wurst in der Tasche hatte.

Ich war sicher, dass er mich wählen würde.

Ich war nach Henning derjenige, bei dem Diesel am häufigsten gelegen hatte.

Also stellten wir die Stühle im Kreis auf.

Fünfzehn Männer taten so, als wäre es nur eine praktische Entscheidung.

In der Mitte blieb Hennings Stuhl frei.

Keiner hatte ihn dorthin gestellt. Er stand einfach noch da, wo Henning zuletzt gesessen hatte. Sein Kaffeebecher stand sogar noch auf dem kleinen Tisch daneben. Ich hätte ihn wegnehmen können.

Ich tat es nicht.

Diesel kam aus dem Nebenraum.

Er war zehn Jahre alt, kräftig und schon grau um die Schnauze. Henning hatte ihn jung aufgenommen, nachdem zwei Leute ihn zurückgegeben hatten. Zu stur, hatten sie gesagt.

Henning hatte nur geantwortet:

„Dann passt er zu mir.“

Diesel ging langsam los.

Er roch an der ersten Hand. Dann an der zweiten. Einer sprach leise mit ihm. Ein anderer hielt ein Stück Fleisch hin. Diesel nahm es nicht.

Er ging weiter.

Als er vor mir stand, hielt ich den Atem an.

Er schaute hoch.

Für einen kurzen Moment dachte ich, das sei es.

Dann drehte er den Kopf weg und ging weiter.

Es traf mich, als hätte Henning mich noch einmal geprüft und ich wäre durchgefallen.

Diesel roch am letzten Mann.

Dann blieb er stehen.

Niemand bewegte sich.

Schließlich drehte er um, lief durch den Kreis zurück und stellte sich vor Hennings leeren Stuhl.

Er legte das Kinn auf die Sitzfläche.

Einer räusperte sich.

Ich sagte:

„Das zählt nicht.“

Es klang härter, als ich wollte.

Diesel hob den Kopf, ging zur Hallentür und schob sie mit der Nase auf.

Wir folgten ihm hinaus.

Unter einer Abdeckung stand Hennings schwarze Tourenmaschine. Schwer, gepflegt, viel zu groß für die meisten von uns. Hinter dem Fahrersitz hatte Henning einen breiten, gepolsterten Platz für Diesel montiert. Mit Gurten, seitlichen Stützen und einer niedrigen Lehne.

Diesel zog mit den Zähnen an der Abdeckung, bis sie herunterrutschte.

Dann setzte er die Vorderpfoten auf die Fußraste und versuchte hochzukommen.

Beim ersten Mal rutschte er ab.

Beim zweiten Mal auch.

Keiner half ihm.

Beim dritten Versuch schaffte er es.

Er drehte sich einmal auf dem Sitz, legte sich hin und presste die Schnauze gegen Hennings Rückenlehne.

Da verstand jeder von uns dasselbe.

Diesel hatte gewählt.

Nur keinen von uns.

Er hatte den leeren Stuhl gewählt. Die Maschine. Den Geruch von Leder, Öl und Hennings Händen.

Ich ging zu ihm und legte die Hand an sein Halsband.

„Komm runter“, sagte ich.

Diesel knurrte.

Nicht böse. Nur deutlich.

Ich ließ los.

Am Abend war ich der Letzte in der Halle. Manche wollten Diesel Zeit geben, andere die Auswahl wiederholen.

Ich wusste nur, dass ein alter Hund nicht dauerhaft in einer Werkhalle leben konnte.

Henning hatte doch gewollt, dass Diesel einen Menschen bekam.

Einen festen Platz. Einen geregelten Alltag. Ein Zuhause.

Ich zog die Abdeckung wieder über die Maschine, so gut es ging, während Diesel noch darauf lag.

Dabei sah ich auf dem Lenker einen Streifen Klebeband. Darauf stand in Hennings krakeliger Schrift:

Entscheidet nicht für ihn.

Ich blieb lange davor stehen.

Typisch Henning: kurz, unhöflich und eindeutig. Diesmal konnte ich nicht darüber lachen.

Ich lernte Henning kennen, als ich noch in einer kleinen Werkstatt arbeitete. Damals war ich sechsunddreißig und hielt mich für unverwüstlich. Dann hob ich ein Getriebe falsch an und ruinierte mir den Rücken.

Monatelang kam ich kaum aus meiner Wohnung. Die Arbeit war weg, meine Beziehung vorbei. Ich sagte allen, ich brauche Zeit. In Wahrheit brauchte ich einen Grund aufzustehen.

Henning stand eines Tages vor meiner Tür, stellte eine Werkzeugkiste in den Flur und sagte:

„Meine Kupplung macht Geräusche. Du hast Hände. Also komm.“

Er fragte nicht, wie es mir ging.

Er fragte nicht, ob ich reden wollte.

Er gab mir eine Aufgabe.

Das war seine Art. Diesel legte sich beim Schrauben neben meinen Stuhl. Aus einem Nachmittag wurde ein fester Tag, später unsere Motorradgemeinschaft.

Keine große Sache. Nur Männer, die Maschinen mochten und sonst nicht immer wussten, wohin mit sich.

Wir halfen einander beim Umzug. Reparierten Dächer. Holten jemanden vom Krankenhaus ab. Saßen zusammen, wenn eine Ehe zerbrach oder ein Job wegfiel.

Aber wir redeten nicht darüber.

Henning schon gar nicht.

Eine Woche vor seinem Tod hatte er mich gefragt:

„Was glaubst du, wen Diesel nimmt, wenn ich mal nicht mehr da bin?“

Ich lachte.

„Den mit der größten Wursttasche.“

Henning grinste nicht.

Er strich Diesel über den Kopf und sagte:

„Der nimmt keinen, nur weil es bequem ist.“

Ich fragte nicht nach.

In den Tagen nach der Auswahl versuchten wir alles.

Einer nahm Diesel für eine Nacht mit. Am nächsten Morgen saß der Hund an seiner Wohnungstür und wollte nicht fressen.

Ein anderer holte ihn für zwei Tage. Diesel lief bei jedem Motorengeräusch zum Fenster.

Bei mir hielt er es bis Mitternacht aus. Dann stand er im Flur, sah mich an und legte sich nicht mehr hin.

Ich brachte ihn zurück in die Halle.

Kaum war die Tür offen, ging er direkt zur Tourenmaschine.

Das wurde sein Platz.

Am Anfang fanden wir das rührend.

Nach einer Woche wurde es schwierig.

Die Halle kostete Geld. Diesel brauchte Futter und Betreuung. Ich schlug vor, Hennings Maschine zu verkaufen und das Geld für ihn zurückzulegen.

Als ich die Abdeckung anhob, stellte er sich vor das Vorderrad.

„Geh weg“, sagte ich.

Er blieb.

„Diesel, Schluss jetzt.“

Er blieb.

Irgendetwas in mir riss.

„Er kommt nicht zurück!“, sagte ich laut.

Diesel zuckte nicht.

Ich zeigte auf die Maschine.

„Du kannst hier liegen, bis du umfällst. Henning kommt trotzdem nicht zurück.“

Diesel sah mich an.

Dann ging er langsam in die hintere Ecke der Halle, drehte sich zur Wand und legte sich hin.

Ich stand da wie ein Idiot.

Denn plötzlich wusste ich, dass ich nicht mit dem Hund gesprochen hatte.

Ich hatte mit mir gesprochen.

Ich ließ Hennings Tasse stehen, löschte seine Nummer nicht und hoffte bei jedem Motor vor der Halle, er käme zurück.

Am nächsten Morgen fand ich Diesel unter Hennings Stuhl.

Nicht auf der Maschine.

Ich setzte mich daneben.

„War nicht so gemeint“, sagte ich.

Er sah mich nicht an.

Zwei Tage später wollten wir den ersten Wunsch erfüllen.

Wir stellten eine große Metallschale auf den Hof. Darin sollte die Lederjacke verbrannt werden. Alles war vorbereitet. Kontrolliert, ordentlich, ohne großes Gerede.

Ich legte die Jacke in die Schale.

Diesel kam aus der Halle, packte einen Ärmel und zog sie heraus.

„Nein“, sagte ich.

Er zog fester.

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