Ein Jahr liebte sie den stummen Rollstuhlfahrer – dann stand er plötzlich vor ihr auf

Ein Jahr lang liebte Klara einen stummen Mann im Rollstuhl – bis er vor ihr aufstand und mit einer Stimme sprach, die ganze Vorstände verstummen ließ

„Setzen Sie sich ruhig. Ich beiße nur, wenn man mir Mitleid anbietet.“

Klara sagte es mit einem müden Lächeln, obwohl der Mann im Rollstuhl sie vermutlich gar nicht verstand. Der Regen trommelte so laut auf das verrostete Dach der Bushaltestelle, dass selbst ein Schrei darin untergegangen wäre.

Am Stadtrand von Berlin flackerte eine einzelne Laterne. Ihr gelbes Licht fiel auf nasses Pflaster, überquellende Gullys und zwei Menschen, die aussahen, als hätte die Stadt sie vergessen.

Klara Winter war 53 Jahre alt und arbeitete als Sozialkoordinatorin in einer kleinen Einrichtung für Kinder mit Hörbehinderung. Seit fast drei Jahrzehnten half sie anderen, Formulare auszufüllen, Hilfsmittel zu beantragen und nach Rückschlägen wieder aufzustehen.

An diesem Abend konnte sie selbst kaum noch stehen.

Ihre Hose war bis zu den Knien voller Schlamm. Die Wimperntusche hatte dunkle Spuren unter ihren Augen hinterlassen, und in ihren Armen hielt sie eine durchnässte Aktenmappe, als wäre sie das letzte Brett eines sinkenden Schiffes.

Der Mann saß am anderen Ende der Bank in einem alten, handbetriebenen Rollstuhl.

Seine Jacke war abgetragen. Die Schuhe wirkten, als hätten sie viele Nächte im Freien gesehen. Aus der Brusttasche ragten ein billiger Kugelschreiber und ein kleines Notizbuch.

Er sagte kein Wort.

Klara bemerkte, dass seine Lippen vor Kälte bläulich waren. Ohne nachzudenken, wickelte sie ihren roten Wollschal ab und legte ihn ihm um den Hals.

Der Schal war das letzte Geschenk ihrer Mutter gewesen.

„Der ist älter als manche Ehe“, murmelte Klara. „Also verlieren Sie ihn nicht.“

Der Mann sah sie an, als hätte sie ihm gerade etwas Unbezahlbares gegeben.

„Schauen Sie nicht so erschrocken“, sagte sie. „Heute Abend bin ich innerlich genauso bewegungsunfähig wie Sie. Damit sind wir quitt.“

Sie setzte sich neben ihn.

Vielleicht war es der Regen. Vielleicht die Erschöpfung. Vielleicht brauchte sie einfach einen Menschen, der sie nicht mit gut gemeinten Ratschlägen unterbrach.

Also erzählte sie.

Von dem zehnjährigen Jungen, den sie ein Jahr lang betreut hatte. Von seiner schweren Erkrankung. Von seiner Mutter, die noch am Morgen gehofft hatte, er könne bald wieder nach Hause.

Am Nachmittag war er gestorben.

Klara erzählte auch von der Kündigung ihrer Wohnung. Der Eigentümer wollte sanieren, die Miete sollte steigen, und sie wusste nicht, wohin sie mit ihren Bücherkisten, den alten Möbeln ihrer Eltern und dem kleinen Küchentisch sollte, an dem ihr Sohn früher Hausaufgaben gemacht hatte.

Ihr ehemaliger Lebensgefährte hatte ebenfalls angerufen.

Nicht, um zu fragen, wie es ihr ging.

Er wollte wissen, wann er seine Bohrmaschine abholen könne.

Der fremde Mann blieb still. Doch seine Augen veränderten sich. In ihnen lag kein billiges Bedauern, sondern eine tiefe, beinahe schmerzhafte Aufmerksamkeit.

Klara zog die Schultern hoch und sah in den Regen.

„Manchmal ist die Welt nur eine kaputte Bushaltestelle“, sagte sie leise. „Alles zieht, alles tropft, und der nächste Bus kommt nicht. Dann bleibt einem nur, näher zusammenzurücken, damit man nicht ganz so friert.“

Der Mann senkte den Blick.

Als Klaras Bus endlich kam, schrieb er etwas in sein Notizbuch.

Danke für den Schal.

Darunter stand ein Name.

Matthias.

Eine Woche später saß Klara im Tiergarten auf einer feuchten Parkbank und kämpfte mit einem Lehrbuch für Deutsche Gebärdensprache.

Sie wollte besser mit den Kindern in ihrer Einrichtung kommunizieren. Doch ihre Finger fühlten sich steif an, und einige Bewegungen sahen bei ihr eher wie hektisches Fliegenverscheuchen aus.

„Das kann doch nicht so schwer sein“, schimpfte sie mit sich selbst.

Da bemerkte sie unter einer alten Kastanie einen Rollstuhl.

Matthias saß dort. Seine Hände bewegten sich ruhig und präzise. Er gebärdete zu einem älteren gehörlosen Mann, der neben ihm stand.

Klara sprang auf.

„Sie!“

Matthias blickte zu ihr. Für einen Moment wirkte er, als überlege er, davonzufahren.

Dann sah er das Lehrbuch in ihrer Hand.

Klara zeigte auf seinen Hals.

„Mein Schal? Haben Sie den noch?“

Matthias griff in die Tasche seines Rollstuhls und zog den roten Wollschal hervor. Er war sauber gefaltet.

Klara strahlte.

„Gut. Meine Mutter hätte Sie sonst vermutlich im Jenseits angezeigt.“

Der ältere Mann neben Matthias lachte lautlos und verabschiedete sich.

Matthias hob die Hände und gebärdete eine kurze Folge.

Klara blinzelte.

„War das echte Gebärdensprache? Natürlich war das echte Gebärdensprache. Entschuldigung, das war eine dumme Frage.“

Sie setzte sich auf die Bank neben ihn und schlug das Buch auf.

„Ich heiße Klara. Ich arbeite mit Kindern, die schlechter hören als ich auf vernünftige Ratschläge. Könnten Sie mir Unterricht geben?“

Matthias musterte sie lange.

Dann nickte er.

Er nahm ihr das Buch ab, strich eine falsche Abbildung mit dem Finger durch und zeigte ihr die richtige Bewegung.

Klara versuchte es nachzumachen.

Matthias verzog das Gesicht.

„So schlimm?“

Er nickte.

„Na wunderbar. Mein erster Lehrer, und schon hält er mich für hoffnungslos.“

Zum ersten Mal lächelte er.

Es war ein zurückhaltendes Lächeln, fast unbeholfen. Aber Klara nahm es mit nach Hause wie etwas Kostbares.

Am selben Abend leuchtete ihr Telefon auf.

Eine Nachricht von Matthias.

Kaffee in Berlin ist meistens zu dünn. Trotzdem akzeptiere ich ihn als Unterrichtsgebühr.

Darunter war ein kurzes Video. Seine Hände buchstabierten langsam ihren Namen.

In den folgenden Monaten wurden ihre Treffen zu einem festen Teil ihres Lebens.

Sie saßen in Bibliotheken, in kleinen Cafés und manchmal in Klaras Küche, wo der Heizkörper klopfte und der alte Kühlschrank brummte.

Matthias sprach nie.

Er schrieb, tippte und gebärdete.

Klara störte das nicht. Im Gegenteil. Nach Jahren voller Menschen, die nur auf ihre eigene Antwort warteten, war es beinahe heilsam, von jemandem angesehen zu werden, der wirklich zuhörte.

„Heute hat Jonas gelacht“, gebärdete sie eines Abends über einen Videoanruf.

Jonas war ein kleiner Patient, der seit einer Operation kaum noch Kontakt zugelassen hatte.

„Ich wollte Apfel gebärden“, erklärte Klara. „Aber offenbar habe ich Liebe gezeigt. Der Junge hat sich fast verschluckt vor Lachen.“

Matthias tippte.

Vielleicht war es kein Fehler. Du bringst Liebe mit, auch wenn du nur Obst anbieten willst.

Klara spürte, wie ihr Gesicht warm wurde.

Sie verliebte sich nicht plötzlich in ihn.

Es geschah langsam.

In den stillen Minuten zwischen zwei Gebärden. In der Art, wie er alte Menschen zuerst durch Türen ließ. In seinem Blick, wenn Klara von einem schwierigen Tag erzählte.

Doch es gab Dinge, die nicht zusammenpassten.

Seine Hände zum Beispiel.

Sie waren kräftig, gepflegt und fast ohne Schwielen.

„Du hast schöne Hände“, gebärdete Klara eines Abends. „Nicht gerade die Hände eines Mannes, der auf der Straße lebt.“

Matthias erstarrte.

Dann zog er seine Hände aus dem Bild.

Wenig später schrieb er, er habe früher immer Handschuhe getragen.

Klara lachte über die seltsame Ausrede. Aber die Panik in seinen Augen vergaß sie nicht.

Ein anderes Mal traf sie ihn in einer Bibliothek.

Matthias war so sehr in ein dickes Fachbuch über Unternehmensfinanzierung vertieft, dass er Klara nicht bemerkte.

Als sie neben ihm stand, schlug er das Buch sofort zu und schob eine Zeitung darüber.

„Suchst du nach günstigen Aktien für unsere Rente?“, fragte sie scherzend.

Er lächelte nicht.

Im ersten Schnee des Winters wollte Klara ihm beweisen, dass ein Rollstuhl kein Grund war, auf Unsinn zu verzichten.

Sie stellte sich auf die Fußstützen, legte die Arme um seinen Hals und verlagerte vorsichtig ihr Gewicht.

„Vertrau mir“, gebärdete sie. „Wir tanzen.“

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