Er hielt für einen verletzten Schäferhund an und fand dabei selbst zurück ins Leben

Mein Bruder hatte nicht geweint, als unsere Mutter starb. Nicht, als seine Ehe zerbrach. Aber wegen eines fremden Hundes am Straßenrand brach er plötzlich zusammen.

Mein Bruder heißt Matthias.

Er ist neunundvierzig, arbeitet als Mechaniker in einem kleineren Betrieb am Rand von Hannover und gehört zu diesen Männern, die nie viel über sich erzählen.

Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, sagt er: „Passt schon.“

Wenn man noch einmal nachfragt, sagt er: „Wirklich.“

Und dann wechselt er das Thema.

Ich bin seine Schwester Anja. Drei Jahre jünger als er.

Früher waren wir uns ziemlich nah.

Nicht so, dass wir jeden Tag telefoniert hätten. So waren wir beide nie. Aber wir wussten voneinander. Sonntags Kaffee. Geburtstage. Mal zusammen essen. Mal eine Nachricht, wenn einer etwas Lustiges gesehen hatte.

Dann wurde es weniger.

Erst nach der Trennung von seiner Frau.

Dann nach dem Tod unserer Mutter.

Und irgendwann merkte ich, dass ich meinen eigenen Bruder fast nur noch über kurze Nachrichten kannte.

„Alles gut.“

„Viel Arbeit.“

„Bin müde.“

„Nächstes Wochenende vielleicht.“

Dieses „vielleicht“ dauerte fast zwei Jahre.

Matthias funktionierte.

Das ist wahrscheinlich das Wort, das am besten passt.

Er ging zur Arbeit.

Er kaufte ein.

Er brachte sein Auto zur Inspektion.

Er bezahlte seine Rechnungen.

Er sagte beim Bäcker Guten Morgen und im Treppenhaus Guten Abend.

Von außen sah alles normal aus.

Genau das machte es so schwer.

Niemand hätte gesagt: Mit dem Mann stimmt etwas nicht.

Er war nicht ungepflegt.

Er trank nicht zu viel.

Er kam nicht zu spät.

Er stritt sich mit niemandem.

Er wurde einfach immer stiller.

Seine Wohnung wurde still.

Sein Telefon wurde still.

Und irgendwann auch unser Verhältnis.

Ich fragte ihn oft, ob er sonntags zu mir kommen wollte.

Er schrieb:

„Diese Woche nicht. Bin platt.“

Eine Woche später:

„Vielleicht nächsten Sonntag.“

Dann:

„Muss noch was erledigen.“

Irgendwann hörte ich auf, beleidigt zu sein.

Ich fing an, mir Sorgen zu machen.

Aber Matthias war ein erwachsener Mann. Und je mehr ich drängte, desto mehr zog er sich zurück.

Also blieb mir nur, ab und zu anzuklopfen.

Nicht an seiner Tür.

An seinem Leben.

„Kaffee?“

„Spaziergang?“

„Ich hab zu viel Kartoffelsalat gemacht.“

Meist kam ein freundliches Nein.

Dann kam dieser Samstag.

Matthias war mit seinem Motorrad unterwegs gewesen. Er fuhr nicht mehr so viel wie früher, aber hin und wieder nahm er die Maschine, wenn er nach der Arbeit noch den Kopf frei bekommen wollte.

Er erzählte mir später, dass er auf einer Landstraße außerhalb von Hannover unterwegs war.

Kein besonderer Ort.

Keine besondere Strecke.

Einfach eine Straße, die er schon oft gefahren war.

Vor ihm bremste ein Wagen leicht ab.

Dann zog er nach links.

Matthias dachte zuerst, da läge etwas auf der Fahrbahn.

Ein Karton vielleicht.

Oder ein Ast.

Dann sah er die Ohren.

Ein Deutscher Schäferhund.

Groß.

Schwarz-braun.

Er lag halb auf der Fahrbahn, halb nahe der Mitte.

Ein zweites Auto fuhr um ihn herum.

Dann noch eins.

Keiner hielt.

Matthias sagte mir später:

„Ich will die Leute gar nicht verurteilen. Vielleicht haben sie es zu spät gesehen. Vielleicht hatten sie Angst. Vielleicht dachten sie, jemand hätte schon Hilfe gerufen.“

Dann schwieg er.

Und sagte:

„Aber ich konnte nicht weiterfahren.“

Er setzte den Blinker, bremste ab und stellte sein Motorrad sicher am Rand ab.

Dann lief er zurück.

Der Hund lebte.

Aber nicht gut.

Sein rechtes Hinterbein lag unnatürlich. An der Flanke war das Fell abgeschürft. Er atmete flach.

Als Matthias sich näherte, hob der Hund den Kopf ein kleines Stück.

Mehr schaffte er nicht.

Matthias blieb erst stehen.

Er wusste nicht, ob der Hund aus Schmerz schnappen würde.

Also hockte er sich mit etwas Abstand hin und legte eine Hand flach auf den Boden.

„Ganz ruhig“, sagte er.

Der Hund sah ihn an.

Dann ließ er den Kopf wieder sinken.

Direkt auf Matthias’ Hand.

Das war alles.

Kein Winseln.

Kein Knurren.

Nur dieses Gewicht.

Matthias sagte später:

„Da war es vorbei.“

Er rief Hilfe.

Er beschrieb die Stelle, den Zustand des Hundes und wartete bei ihm.

Er setzte sich neben ihn auf den Boden.

Einfach so.

Mitten in seinem Samstag.

Mitten in seinem alten Leben.

Er redete mit dem Hund, obwohl er selbst darüber später lachen musste.

„Ich hab ihm erzählt, dass ich auch keine Lust auf so einen Tag habe.“

Ich fragte:

„Was hast du noch gesagt?“

Matthias zuckte mit den Schultern.

„Alles Mögliche. Dass er liegen bleiben soll. Dass Hilfe kommt. Dass er keinen Blödsinn machen soll.“

„Hat er auf dich gehört?“

Matthias sah mich an.

„Besser als die meisten Menschen.“

Der Hund kam in eine Tierklinik.

Matthias durfte nicht überall mit hinein. Er blieb trotzdem.

Eine Mitarbeiterin sagte ihm irgendwann, dass der Schäferhund vermutlich von einem Fahrzeug erfasst worden war.

Die Hüfte war schwer verletzt.

Das Hinterbein ebenfalls.

Aber er hatte eine Chance.

Mehr konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

Matthias hinterließ seine Telefonnummer.

Er fragte, ob der Hund gechippt sei.

War er nicht.

Kein Halsband.

Keine Marke.

Keine Telefonnummer.

Nichts.

Er fuhr nach Hause.

Und dann geschah etwas, das ich damals noch nicht richtig verstand.

Er rief mich an.

Nicht ich ihn.

Er mich.

„Anja?“

„Ja?“

„Ich hab heute einen Hund gefunden.“

Ich dachte erst, er wolle mir einfach eine kurze Geschichte erzählen.

Das wäre schon ungewöhnlich genug gewesen.

Dann hörte ich seine Stimme.

Sie war anders.

Nicht aufgeregt.

Eher unruhig.

„Ist er okay?“, fragte ich.

„Noch nicht.“

Dann erzählte er mir alles.

Ich hörte zu.

Am Ende sagte ich:

„Du hast gemacht, was du konntest.“

Matthias antwortete sofort:

„Ja.“

Dann nichts.

Ich wartete.

Nach ein paar Sekunden sagte er:

„Ich hätte trotzdem gern gewusst, ob er die Nacht schafft.“

Am nächsten Morgen rief er in der Klinik an.

Mittags wieder.

Abends noch einmal.

Am zweiten Tag dasselbe.

Am dritten Tag rief ich ihn an.

„Und?“

„Operation ist gut gelaufen.“

Ich hörte tatsächlich Erleichterung in seiner Stimme.

„Das ist doch gut.“

„Ja.“

Dann sagte er:

„Er frisst aber kaum.“

„Vielleicht hat er Schmerzen.“

„Die kümmern sich.“

„Dann musst du ihnen vertrauen.“

„Mach ich.“

Zwei Sekunden später:

„Ich fahr morgen hin.“

Ich lächelte damals zum ersten Mal seit Langem wegen meines Bruders.

Nicht weil ein verletzter Hund im Krankenhaus lag.

Sondern weil Matthias plötzlich irgendwo hinwollte.

Am vierten Tag besuchte er den Schäferhund.

Später erzählte er mir jede Einzelheit.

Der Hund lag in einem abgetrennten Bereich auf einer Decke.

Das rechte Hinterbein war versorgt.

Die Haare an der Hüfte waren großflächig abrasiert worden.

Er wirkte älter, als Matthias zunächst gedacht hatte.

Vielleicht acht oder neun.

Als Matthias in den Raum kam, hob der Hund den Kopf.

Dann stellte er die Ohren auf.

Matthias blieb stehen.

„Ich wusste ja nicht, ob er mich überhaupt erkennt“, sagte er mir.

Der Hund versuchte aufzustehen.

Er schaffte es nicht.

Er rutschte nur ein Stück nach vorne.

Matthias ging sofort zu ihm.

Er setzte sich auf den Boden.

Der Hund zog sich noch ein Stück näher.

Dann legte er den Kopf auf Matthias’ Oberschenkel.

Und blieb so liegen.

Matthias saß fast eine Stunde dort.

Als er wieder zu Hause war, rief er mich an.

„Anja?“

„Mhm?“

„Ich glaube, der hat mich erkannt.“

„Klingt so.“

„Komisch, oder?“

„Eigentlich nicht.“

„Ich war vielleicht zwanzig Minuten bei ihm auf der Straße.“

„Manche zwanzig Minuten reichen.“

Er schwieg.

Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde.

„Schon lange hat niemand mehr so auf mich gewartet.“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

Also antwortete ich gar nicht.

Manchmal ist das besser.

In den nächsten Tagen meldete sich niemand, der den Hund vermisste.

Es gab keinen Chip.

Keine eindeutige Spur.

Niemand konnte sagen, woher er kam.

Matthias fragte immer wieder, was mit ihm passieren würde, sobald die Behandlung abgeschlossen war.

Und irgendwann sagte er:

„Wenn ihn keiner nimmt, nehme ich ihn.“

Ich dachte zuerst, er hätte es aus dem Moment heraus gesagt.

Matthias hatte seit unserer Kindheit keinen Hund mehr gehabt.

Er arbeitete Vollzeit.

Seine Wohnung war nicht besonders groß.

Der Hund war alt und brauchte wahrscheinlich lange Betreuung.

Ich fragte:

„Bist du sicher?“

Matthias sagte:

„Nein.“

Dann:

„Aber ich mache es trotzdem.“

Das war vermutlich die ehrlichste Antwort, die er mir seit Jahren gegeben hatte.

Ein paar Tage später kam der Schäferhund zu ihm.

Matthias nannte ihn Fiete.

Ich fragte, wie er auf den Namen gekommen sei.

Er sagte:

„Keine Ahnung. Sah nach Fiete aus.“

Das war alles.

Kein großer Grund.

Kein symbolischer Name.

Einfach Fiete.

Am ersten Abend schickte Matthias mir ein Foto.

Fiete lag auf einer alten Decke neben dem Sofa.

Matthias’ Fuß war am unteren Bildrand zu sehen.

Darunter stand:

„Er schnarcht.“

Ich schrieb:

„Wie du.“

Er antwortete:

„Frech.“

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