21 Morgen lang brachte ein abgemagerter Bernhardiner denselben Kinderschuh zur Wache – erst als eine Ermittlerin die grüne Naht sah, verstanden wir, wen er retten wollte.
Am ersten Morgen legte der Hund den roten Turnschuh direkt vor unsere Glastür.
Dann setzte er sich daneben.
Ich war damals 43 Jahre alt und leitete an diesem Vormittag den Empfang eines Polizeireviers im Westen von Essen. Mein Name ist Silke Mertens. Nach fast zwanzig Dienstjahren glaubte ich, ziemlich schnell zu erkennen, wenn jemand Hilfe brauchte.
Bei diesem Hund lag ich drei Wochen lang falsch.
Er war ein Bernhardiner, aber von dem kräftigen Tier, das er einmal gewesen sein musste, war kaum noch etwas übrig. Unter dem schmutzigen Fell zeichneten sich seine Rippen ab. Eine Hüfte stand deutlich hervor. An seiner Unterlippe verlief eine alte Narbe.
Zwischen seinen Vorderpfoten lag ein Kinderschuh.
Rot.
Die linke Schnürsenkelhälfte fehlte. An der Seite war ein kleiner blauer Stern aufgenäht. Vorne am Stoff hatte jemand einen Riss mit grünem Garn zusammengenäht.
„Na, wo hast du den denn geklaut?“, fragte ich.
Der Hund sah mich nur an.
Ich brachte ihm ein Stück Brötchen mit Wurst.
Er roch daran.
Dann schaute er wieder zur Tür.
Er wollte nicht fressen.
Nach ungefähr vierzig Minuten nahm er den Turnschuh ins Maul und ging davon.
Am nächsten Morgen war er wieder da.
Mit demselben Schuh.
Am dritten Tag stellte mein Kollege Torsten ihm Hähnchen hin. Am fünften Tag stand ständig eine Wasserschüssel vor der Wache.
Am achten Morgen versuchte eine Mitarbeiterin des örtlichen Tierdienstes, ihm eine Leine anzulegen.
Der Bernhardiner ließ sich streicheln.
Doch als sie die Leine befestigen wollte, wich er zurück, nahm den Schuh und verschwand zwischen zwei parkenden Fahrzeugen.
Er biss nicht.
Er knurrte nicht.
Er wollte einfach nicht mit.
Was uns auffiel: Er interessierte sich fast ausschließlich für Menschen in Uniform.
Kam ein Passant vorbei, blieb er liegen.
Trat einer von uns vor die Tür, hob er sofort den Kopf.
Dann schob er den roten Schuh ein Stück nach vorn.
Wir hielten es für eine Marotte.
Heute schäme ich mich für dieses Wort.
Jeden Morgen sah der Hund schlechter aus.
Die Ballen seiner Pfoten waren aufgeplatzt. An einem Vorderbein klebte getrocknetes Blut. Sein Fell roch manchmal nach feuchtem Keller, manchmal nach altem Fett, manchmal nach Staub.
Trotzdem kam er.
Immer mit diesem Schuh.
Wir prüften Meldungen über entlaufene Tiere. Niemand suchte einen Bernhardiner, auf den seine Beschreibung passte.
Um seinen Hals verlief ein heller Streifen.
Dort hatte früher ein breites Halsband gesessen.
Aber er trug keine Marke.
Niemand wusste, woher er kam.
Vor der Wache stellten Menschen inzwischen Futter hin.
Der Hund ließ fast alles liegen.
Nach jedem Besuch nahm er den roten Turnschuh wieder mit und ging Richtung Westen.
Am vierzehnten Morgen folgte ich ihm mit einem zivilen Wagen.
Er lief über mehrere Kreuzungen, wartete an Ampeln und benutzte Seitenstraßen, als hätte er diesen Weg hundertmal geübt.
Dann verschwand er unter einer schmalen Bahnunterführung.
Mit dem Auto kam ich dort nicht weiter.
Als ich eine andere Straße nahm, war er weg.
Am nächsten Morgen saß er wieder vor unserer Tür.
7:15 Uhr.
Schlamm hing an seinem Bauch.
In seinem Schwanz steckte ein Stück graues Dämmmaterial.
Diesmal legte er den Schuh direkt vor meine Füße.
Dann stupste er ihn mit der Nase an.
Einmal.
Noch einmal.
„Was willst du von mir?“, fragte ich leise.
Der Hund sah den Schuh an.
Dann meine Uniform.
Dann die Straße.
Ich verstand es immer noch nicht.
Eine Woche später betrat Yvonne Reuter die Wache.
Yvonne arbeitete seit Monaten an einem Vermisstenfall.
Sie ging drei Schritte durch den Eingangsbereich und blieb so abrupt stehen, dass ihr eine Akte aus der Hand rutschte.
„Woher habt ihr diesen Schuh?“
Ich sah sie an.
„Welchen?“
Sie zeigte durch die Glastür.
Auf den kleinen blauen Stern.
Auf das grüne Garn.
Yvonne wurde blass.
„Der gehört Jannik.“
Jannik Rehfeld war neun Jahre alt.
Seit fast drei Monaten fehlte von ihm jede Spur.
Seine Mutter Anke arbeitete morgens in einer Pflegeeinrichtung. Janniks Vater war einige Jahre zuvor gestorben. Mutter und Sohn lebten zusammen in einer kleinen Wohnung über einem Waschsalon.
An dem Nachmittag, an dem Jannik verschwand, war er noch in einer Schulbibliothek gewesen.
Eine Kamera hatte ihn kurz nach vier beim Verlassen des Gebäudes aufgenommen.
Später sah man ihn noch an einer Kreuzung.
Danach nichts mehr.
Wochenlang hatten Menschen nach ihm gesucht.
Hinterhöfe.
Keller.
Garagen.
Leerstehende Gebäude.
Grünflächen.
Keine Spur.
Auf jeder Vermisstenmeldung waren seine roten Turnschuhe erwähnt worden.
Anke hatte den linken Schuh am Abend vor seinem Verschwinden mit grünem Garn repariert.
Jannik wollte kein anderes Paar tragen.
Die roten Schuhe waren ein Geschenk seines verstorbenen Vaters gewesen.
Der blaue Stern verdeckte einen alten Riss.
Yvonne kannte jedes Detail.
Wir holten die Vergleichsbilder.
Abrieb an der Ferse.
Naht.
Stern.
Eine verblasste Markierung unter der Lasche.
Alles passte.
Der Hund stand währenddessen draußen.
Er zitterte.
Nicht vor Angst.
Seine Hinterbeine waren einfach zu schwach geworden.
Ich nahm den Schuh und trat hinaus.
Der Bernhardiner kam sofort hoch.
Ich hielt ihm den Turnschuh hin.
Er nahm ihn ganz vorsichtig.
Diesmal setzte er sich nicht.
Er drehte sich um und ging.
Wir folgten ihm.
Zwei Wagen mit Abstand.
Yvonne und ich zu Fuß, solange es möglich war.
Der Hund wurde plötzlich schneller.
Er sah immer wieder zurück.
Nicht um zu prüfen, ob wir ihn verfolgten.
Es wirkte, als kontrolliere er, ob wir noch da waren.
Nach etwa zwei Kilometern lief er hinter einer kleinen Bäckerei vorbei.
Eine ältere Frau trat aus einer Seitentür.
„Da bist du ja wieder.“
Sie legte zwei trockene Brötchen auf den Boden.
Der Hund ließ den Turnschuh fallen.
Ein Brötchen fraß er sofort.
Das zweite nahm er ins Maul.
Dann hob er zusätzlich den Schuh auf.
„Kennen Sie den Hund?“, fragte ich.
„Nein. Er kommt seit ein paar Wochen.“
„Was macht er mit dem zweiten Brötchen?“
Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Er nimmt immer eins mit. Ich dachte, irgendwo wartet vielleicht ein anderer Hund.“
Yvonne und ich sahen uns an.
Weiter.
An einem kleinen Kiosk kannte man ihn ebenfalls.
Der Besitzer gab ihm manchmal ein belegtes Brot.
„Wenn ich ihm nur eins gebe, frisst er es nie hier“, sagte er. „Er trägt es weg.“
Der Hund wartete bereits an der nächsten Ecke.
Er wollte, dass wir weiterkamen.
Schließlich erreichten wir ein Viertel mit mehreren leerstehenden Häusern.
Der Bernhardiner bog zwischen zwei alten Mehrfamilienhäusern hindurch und lief in einen verwilderten Hinterhof.
Am Ende stand ein Gebäude, dessen Fenster teilweise mit Holzplatten verschlossen waren.
Der Hund ging nicht zum Eingang.
Er lief um das Haus herum.
Dort befand sich knapp über dem Boden eine schmale Kelleröffnung.
Vielleicht zwanzig Zentimeter hoch.
Der Hund legte das Brötchen davor.
Dann schob er Janniks roten Turnschuh durch den Spalt.
Wir standen wenige Meter entfernt.
Und dann geschah etwas, das ich bis heute sehe, wenn ich nachts nicht schlafen kann.
Aus der Dunkelheit kam eine kleine Hand.
Sie griff durch die Öffnung.
Die Finger berührten die Nase des Hundes.
Yvonne ging sofort in die Knie.
„Jannik?“
Die Hand verschwand.
Sekundenlang hörten wir nichts.
Dann eine dünne Kinderstimme.
„Hat Basko euch geholt?“
So nannte Jannik den Hund.
Basko.
Yvonne musste schlucken.
„Ja, Jannik. Basko hat uns hergebracht.“
Von drinnen kam ein leises Klirren.
Metall.
„Mama sucht dich“, sagte Yvonne.
Es dauerte einen Moment.
Dann fragte Jannik:
„Ist sie noch da?“
Yvonne legte eine Hand an die Wand.
„Ja. Sie wartet auf dich.“
Wir riefen Verstärkung und Rettungskräfte.
Niemand wusste, ob sich noch jemand im Gebäude befand.
Basko wich keinen Zentimeter von der Kelleröffnung.
Er legte sich davor und presste die Nase gegen Janniks Finger.
Wenig später wurde ein Seiteneingang geöffnet.
Im Keller stand eine einzelne Lampe.
Hinter provisorisch befestigten Holzplatten fanden wir eine dünne Matratze.
Darauf saß Jannik.
Viel schmaler als auf den Fotos.
Die Haare hingen ihm ins Gesicht.
Um einen Knöchel lag eine Sicherung, die ihn daran hinderte, den kleinen Raum zu verlassen.
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