Vier Tage verschwunden – doch ein ausgehungerter Straßenhund hielt zwei Kinder heimlich am Leben

Vier Tage lang suchte eine ganze Stadt nach zwei verschwundenen Geschwistern, doch tief in einem alten Abflussrohr hielt ein ausgehungerter Straßenhund beide Kinder am Leben.

Als Polizeihauptmeisterin Nina Hartmann die Äste vor dem alten Betonrohr zur Seite drückte, sah sie zuerst nur eine graue Schnauze.

Dann zwei braune Augen.

Und Zähne.

Der Hund lag quer im Rohr und bewegte sich keinen Zentimeter.

Nina hatte mit einem verletzten Streuner gerechnet. Vielleicht mit einem Tier, das dort seine Jungen versteckte.

Doch hinter seinem Rücken lag ein kleiner Junge.

Vor seiner Brust hatte sich ein Mädchen zusammengerollt.

Nina erstarrte.

„Mara?“, fragte sie leise.

Das Mädchen öffnete die Augen.

Sie war zehn Jahre alt, seit vier Tagen vermisst und so blass, dass Nina für einen Moment kaum Luft bekam.

Der sechsjährige Jonas schlief hinter dem Hund. Eine seiner Hände hielt sich im nassen Fell des Tieres fest.

Der Hund knurrte.

Nicht aggressiv.

Eher wie ein Tier, das keine Kraft mehr hatte und trotzdem beschlossen hatte, nicht nachzugeben.

„Ich tue euch nichts“, sagte Nina.

Sie legte ihre Taschenlampe auf den Boden.

Der Hund hob den Kopf.

Er war groß, aber viel zu dünn. Unter seinem dunklen, struppigen Fell zeichneten sich die Rippen ab. Unter dem Hals hatte er einen weißen Fleck. Ein Ohr stand aufrecht, das andere war an der Spitze eingerissen und hing seitlich herunter.

Nina kroch ein Stück näher.

Sofort legte der Hund eine Vorderpfote über Jonas’ Beine.

„Er beschützt uns“, flüsterte Mara.

Nina sah sich um.

Auf einer erhöhten Stelle des Rohres lagen Pappe, trockenes Laub und eine alte, zerrissene Wolldecke.

Daneben lagen Verpackungen.

Eine leere Brötchentüte.

Zwei Folien von belegten Broten.

Ein zerknitterter Papierbeutel.

Nina erinnerte sich an den Mann vom nahe gelegenen Kiosk, mit dem sie zwanzig Minuten zuvor gesprochen hatte.

Er hatte erzählt, dass seit einigen Tagen ein dunkler Hund hinter den Geschäften nach Essbarem suchte.

Merkwürdig sei nur gewesen, dass er kaum etwas an Ort und Stelle gefressen habe.

Er habe ein Brötchen aufgenommen und sei damit davongelaufen.

Immer in Richtung des brachliegenden Geländes.

Nina sah wieder auf den abgemagerten Hund.

„Hat er euch das gebracht?“

Mara nickte.

„Jeden Morgen.“

„Und was hat er gegessen?“

Das Mädchen schwieg.

Dann sagte sie:

„Nichts.“

Nina dachte zuerst, sie hätte sich verhört.

„Gar nichts?“

„Jonas wollte ihm etwas geben. Er hat es nicht genommen.“

Mara strich dem Hund über den Hals.

„Er hat gewartet, bis wir fertig waren.“

Draußen hörte Nina ihren Kollegen Tobias Kern telefonieren. Rettungskräfte waren unterwegs.

Seit Dienstagabend hatten Einsatzkräfte, freiwillige Helfer und Nachbarn nach den Geschwistern gesucht.

Ihr vorläufiger Vormund, Ralf Wegener, ein entfernter Verwandter ihrer verstorbenen Mutter, hatte behauptet, die Kinder seien nach einem Streit weggelaufen.

Wegen eines Tablets.

Schon diese Erklärung hatte Nina misstrauisch gemacht.

Mara war in der Schule als still und zuverlässig bekannt.

Sie holte Jonas jeden Nachmittag aus seiner Klasse ab. Sie achtete darauf, dass er seine Jacke anzog, seine Brotdose einpackte und beim Überqueren der Straße ihre Hand hielt.

Kein Lehrer konnte sich erinnern, dass sie jemals einfach verschwunden war.

Noch merkwürdiger war etwas anderes gewesen.

Eine Schulbegleiterin hatte berichtet, dass Jonas seit einigen Monaten Lebensmittel in seinem Ranzen versteckte.

Brot.

Kekse.

Manchmal einen Apfel.

Als sie ihn einmal fragte, warum, antwortete er nur:

„Für später.“

Nina hatte diesen Satz seitdem nicht vergessen.

Jetzt lag Jonas in einem Betonrohr und klammerte sich an einen fremden Hund.

„Mara“, sagte Nina. „Wir bringen euch jetzt hier raus.“

Das Mädchen spannte sofort den Körper an.

„Nicht zurück.“

„Ihr geht heute nicht zurück zu Ralf.“

„Versprochen?“

Nina wusste, wie vorsichtig man mit solchen Versprechen sein musste.

„Ich verspreche dir, dass wir zuerst herausfinden, was passiert ist.“

Mara schaute zum Hund.

„Er weiß es.“

Der Hund hatte mehrere alte Narben an Schulter und Hals.

Nina wusste nicht, was ihm früher passiert war.

Aber in diesem Moment wirkte es, als hätte ein Tier, das selbst Angst kannte, zwei Kinder gefunden, deren Angst ähnlich roch.

Als die ersten Rettungskräfte am Eingang erschienen, stand der Hund auf.

Seine Beine zitterten.

Trotzdem stellte er sich wieder vor die Kinder.

Mara begann zu weinen.

„Er muss mit.“

Nina zog ihre Einsatzjacke aus und legte sie auf den Beton.

„Ich habe hier nicht zwei gefunden.“

Sie sah den Hund an.

„Ich habe drei gefunden.“

Für einige Sekunden geschah nichts.

Dann wich das Tier einen halben Schritt zurück.

Nina hob Jonas hoch.

Der Junge wurde wach und suchte sofort nach dem Hund.

„Falk“, murmelte er.

„Falk?“, fragte Nina.

Mara nickte.

„Jonas hat ihn so genannt. Weil er immer draußen nachgesehen hat, ob jemand kommt.“

Falk folgte ihnen bis zum Ausgang.

Doch als Nina nach ihm greifen wollte, zog er sich zurück.

Er hatte offensichtlich Angst vor Händen.

Mara nahm eine Ecke der Jacke und legte sie vorsichtig über seinen Rücken.

„Wir gehen zusammen.“

Diesmal ließ er es zu.

Draußen wurde Jonas in eine Decke gewickelt.

Als die Rettungskräfte Mara untersuchten, blieb Falk so dicht neben ihr, dass seine Flanke ihr Knie berührte.

Eine Tierärztin wurde dazugeholt.

Sie tastete vorsichtig seinen Bauch ab.

Dann sah sie Nina an.

„Der Hund ist stark unterernährt.“

„Wie lange hat er nichts gegessen?“

„Schwer zu sagen. Aber in den letzten Tagen offenbar fast gar nichts.“

Mara hörte jedes Wort.

„Ich hab’s doch gesagt.“

Im Krankenhaus bestätigte sich wenig später, dass beide Kinder erschöpft und ausgekühlt waren, sich aber erholen würden.

Bei Falk sah es ähnlich aus.

Seine Pfoten waren aufgeschnitten. Sein Körper war zu leicht für seine Größe. Um seinen Hals verlief eine alte Druckstelle, als hätte er früher lange an einem viel zu engen Halsband oder einer Kette gelebt.

Als man ihm Futter hinstellte, rührte er es nicht an.

Er stand nur vor dem Napf und schaute zur Tür.

Erst als Mara und Jonas später in einen ruhigen Besucherraum gebracht wurden, änderte sich das.

Falk wurde hereingeführt.

Er rannte an drei Erwachsenen vorbei.

Direkt zu den Kindern.

Dann legte er sich zwischen sie.

Eine Seite seines Körpers berührte Mara.

Die andere Jonas.

Erst danach fraß er.

Langsam.

Bissen für Bissen.

Währenddessen wurde immer deutlicher, warum die Kinder verschwunden waren.

Sie waren nicht wegen eines Tablets weggelaufen.

Mara erzählte den Fachkräften, dass Ralf Lebensmittel als Strafe weggeschlossen habe.

Wenn er wütend gewesen sei, mussten die Kinder lange in ihrem Zimmer bleiben.

Die Speisekammer war mit einem Riegel versehen worden, den Jonas nicht erreichen konnte.

Mara hatte sich immer wieder vorgenommen, in der Schule etwas zu sagen.

Doch sie hatte Angst gehabt.

Nicht nur vor Ralf.

Sondern davor, dass man sie und Jonas trennen könnte.

In der Nacht ihres Verschwindens hatte sie schließlich entschieden, dass Weggehen weniger gefährlich war als Bleiben.

Sie packte zwei Schulrucksäcke.

Vier Müsliriegel.

Eine Flasche Wasser.

Einen Pullover.

Dann nahm sie Jonas an die Hand.

Das alte Entwässerungsgelände kannte sie aus dem Schulbus.

Dort versteckten sie sich.

Am ersten Abend erschien Falk.

Mara hatte einen Ast nach ihm geworfen.

Der Hund verschwand.

Einige Stunden später kam er zurück.

Mit einem Stück Brot im Maul.

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