Die Hündin war schon gerettet, dann sprang sie zurück ins sinkende Auto, weil unter dem leeren Babysitz noch jemand lebte.
Die Hündin war bereits durch das zerbrochene Fenster draußen, als sie sich aus meinen Armen riss und zurück in das halb versunkene Auto sprang.
Für einen Moment dachte ich, die Panik hätte sie völlig verwirrt.
Dann sah ich, wohin sie blickte.
Nicht zur Tür.
Nicht zu mir.
Zum Boden hinter der Rückbank.
Mein Name ist Rolf Dietrich. Ich bin 59 Jahre alt, früher Berufsfeuerwehrmann und heute im Ruhestand. Nach schweren Unwettern helfe ich manchmal mit einer kleinen Gruppe Motorradfahrer bei Transporten und einfachen Hilfsarbeiten.
An diesem Tag waren wir außerhalb von Kassel unterwegs, als wir den dunklen Geländewagen entdeckten.
Er hing schräg an einer verbogenen Leitplanke.
Das Wasser stand bereits fast bis zu den Fenstern.
Wir sahen keine Menschen.
Nur einen Hund.
Eine große Golden-Retriever-Hündin schlug mit den Vorderpfoten gegen die Scheibe. Ihr dunkelgoldenes Fell klebte am Körper. Unter dem Kinn hatte sie einen kleinen weißen Fleck, und eines ihrer Ohren hing leicht gefaltet herunter.
Später erfuhr ich, dass sie Lotte hieß.
In diesem Moment wusste ich nur eines:
Wenn wir sie nicht schnell herausbekamen, würde sie dort drin sterben.
Wir befestigten mich mit einer Sicherungsleine. Zwei Männer hielten die Verbindung vom Straßenrand aus, während ich mich langsam zum Wagen vortastete.
Das Wasser drückte seitlich gegen meine Beine.
Der Wagen bewegte sich.
Nicht viel.
Aber genug, dass mir klar war, wie wenig Zeit wir hatten.
Ich schlug die hintere Seitenscheibe ein.
Wasser schoss durch die Öffnung.
Lotte kam sofort zu mir.
Ich bekam einen Arm unter ihren Brustkorb und zog sie durch das Fenster.
„Hab sie!“, rief ich.
Am Ufer wurde die Leine gespannt.
Und genau in diesem Moment trat die Hündin mit beiden Hinterpfoten gegen meine Schwimmweste.
Sie riss sich los.
Dann verschwand sie wieder im Wagen.
„Verdammt!“
Ich griff nach ihr.
Zu spät.
Lotte tauchte in den hinteren Bereich.
Sekunden später erschien ihr Kopf wieder.
Im Maul hielt sie einen Stoffhasen.
Sie ließ ihn vor mir ins Wasser fallen.
Ich starrte das Spielzeug an.
Vielleicht war sie deshalb zurückgegangen.
Vielleicht gehörte es ihr.
Doch Lotte bellte.
Einmal.
Kurz und scharf.
Dann drehte sie sich um und tauchte wieder ab.
Jetzt sah ich den Kindersitz.
Oder besser gesagt:
Ich sah nur dessen Basis.
Sie war noch auf der Rückbank befestigt.
Die Gurte darüber waren leer.
„Da ist ein Kindersitz!“, rief ich.
Vom Ufer kam sofort die Frage:
„Kind drin?“
„Ich sehe keins!“
Dann erschien Lotte wieder.
Diesmal hatte sie eine rosafarbene Decke zwischen den Zähnen.
Sie zog daran.
Der Stoff spannte sich unter der Wasseroberfläche.
Und plötzlich kam neben der Rückbank ein schwarzer Kunststoffgriff zum Vorschein.
Da verstand ich.
Der Kindersitz bestand aus zwei Teilen.
Die Basis war noch oben auf der Rückbank.
Die herausnehmbare Babyschale dagegen war beim Aufprall aus ihrer Halterung gerissen und in den Fußraum gekippt.
Eine Tasche schwamm darüber.
Darunter lag die Schale.
Und darin war ein Baby.
Ich weiß noch genau, wie mein Magen sich zusammenzog.
Ich tauchte mit dem Arm hinein.
Meine Finger fanden den Griff.
Die Schale klemmte zwischen verdrehten Gurten und Sitzteilen fest.
Ich zog.
Nichts.
Der Wagen bewegte sich wieder.
Metall knirschte an der Leitplanke.
„Rolf! Raus da!“
Ich hörte es.
Aber jetzt wusste ich, dass dort unten ein Kind lag.
Lotte packte die rosa Decke und zog sie seitlich weg.
Dadurch konnte ich einen Gurt erkennen, der sich um den Griff gelegt hatte.
Ich bekam ihn frei.
Die Schale stieg ein Stück hoch.
Dann blieb sie am Fensterrahmen hängen.
Jetzt sah ich das Kind zum ersten Mal richtig.
Ein kleines Mädchen.
Vielleicht acht oder neun Monate alt.
Die Augen geschlossen.
Der Kopf zur Seite gefallen.
Sie bewegte sich nicht.
„Baby gefunden!“
Plötzlich war am Ufer niemand mehr laut.
Einer meiner Freunde, Matthias, kam an einer zweiten Sicherungsleine zu mir.
Gemeinsam veränderten wir den Winkel der Babyschale.
Lotte drängte sich unter meinen Arm und zog an einem losen Schultergurt.
Ich weiß nicht, ob sie verstand, was wir taten.
Aber sie wusste, dass wir genau dort arbeiten mussten.
Endlich passte die Schale durch das zerbrochene Fenster.
Matthias nahm sie.
„Ich hab sie!“
Er drehte sich Richtung Ufer.
Erst jetzt ließ Lotte zu, dass ich sie wieder unter dem Brustkorb packte.
Hinter uns rutschte der Wagen tiefer.
Die hintere Scheibe, durch die wir gerade gekommen waren, verschwand teilweise unter Wasser.
Am Straßenrand nahmen wir das Mädchen aus der Schale.
Sie atmete nicht normal.
Lotte brach neben meinen Knien zusammen.
Ich begann mit den Maßnahmen, die ich aus meinem früheren Beruf kannte, während jemand den Rettungsdienst einwies.
Die Hündin lag regungslos daneben.
Nur ihre Nase bewegte sich.
Sie hielt sie dicht an den kleinen nassen Socken des Kindes.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hustete das Mädchen.
Ganz schwach.
Lotte hob sofort den Kopf.
Dann kam noch ein Husten.
Und ein leiser, unregelmäßiger Atemzug.
Niemand jubelte.
Dafür war es zu früh.
Aber plötzlich hatten wir Hoffnung.
Der Rettungswagen brachte das Kind sofort in eine Kinderklinik.
Lotte wollte hinterherlaufen.
Ihre Hinterbeine gaben nach.
Also wurde auch sie versorgt und in eine Tierklinik gebracht.
Das Kind fuhr in die eine Richtung.
Der Hund in die andere.
Und wir wussten noch immer nicht, wem der Wagen gehörte.
Erst später erfuhren wir die ganze Geschichte.
Das Baby hieß Mia Berger.
Acht Monate alt.
Ihre Eltern, Tobias und Anne Berger, hatten ihre Wohnung am frühen Morgen verlassen, nachdem das Wasser im Hof immer höher gestiegen war.
Sie wollten nur wenige Kilometer zu Annes Schwester fahren, die auf höherem Gelände wohnte.
Lotte saß hinten neben Mia.
Sie gehörte schon Anne, bevor Tobias in ihr Leben gekommen war.
Als Mia geboren wurde, schlief Lotte oft vor der Kinderzimmertür.
Wenn das Baby weinte, lief sie zu Anne oder Tobias.
Die Familie scherzte manchmal, Lotte sei Mias vierbeinige Aufpasserin.
Natürlich ließen sie das Baby nie allein in ihrer Verantwortung.
Es war einfach eine dieser Gewohnheiten, die sich zwischen einem Familienhund und einem Kind entwickeln.
Auf einer überfluteten Straße verlor Tobias plötzlich die Kontrolle über den Wagen.
Das Wasser sah zunächst nicht tief aus.
Doch unter der Oberfläche lag eine Senke.
Der Wagen wurde angehoben und seitlich gegen die Leitplanke gedrückt.
Durch den Aufprall löste sich die Babyschale teilweise aus ihrer Basis.
Dann drang Wasser in den Innenraum.
Tobias versuchte, Mias hintere Tür zu öffnen.
Der Wasserdruck hielt sie zu.
Anne kletterte nach hinten.
Dann traf ein Ast die Frontscheibe.
Tobias schlug ein Seitenfenster ein.
Er wollte zuerst hinaus und sich anschließend umdrehen, um Anne und Mia herauszuziehen.
Doch draußen war die Strömung stärker, als er erwartet hatte.
Seine Beine wurden weggerissen.
Anne griff nach ihm.
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