Ein gebrochener Schäferhund kroch nach Hause doch unsere Tochter war noch draußen

Unser Schäferhund schleppte sich mit gebrochenen Hinterbeinen bis zur Terrasse – erst als ich seinem Blick folgte, begriff ich, warum unsere Tochter nicht zurückkam.

Bero hatte sich noch nie vor meiner Hand weggedreht.

Nicht einmal dann, wenn er Schmerzen hatte.

Doch an diesem Morgen schleppte sich unser Schäferhund nur mit den Vorderbeinen über den Rasen. Seine Hinterbeine lagen reglos hinter ihm. Schlamm klebte an seinem Bauch, und im Gras blieb eine dünne dunkle Spur zurück.

Ich rannte barfuß von der Terrasse.

„Bero!“

Er sah mich an.

Dann sah er an mir vorbei.

Nicht zur Haustür. Nicht zu seinem Wassernapf.

Zum Feld hinter unserem Grundstück.

Als ich mich hinkniete und ihn anfassen wollte, zog er den Kopf weg.

Ganz leicht.

Nicht aggressiv.

Als wollte er sagen: Nicht ich.

Schau dort hin.

Wir lebten damals am Rand von Kassel, dort, wo hinter den letzten Häusern schon Wiesen, Feldwege und kleine Entwässerungsgräben begannen.

Unsere Tochter Amelie war sechs Jahre alt.

Sie war an diesem Morgen mit einem gefalteten Papierboot hinausgegangen. Sie hatte es aus einem alten Einkaufszettel gebastelt und mit einem violetten Stern bemalt.

„Nur bis zum Zaun“, hatte ich gesagt.

„Bero kommt mit“, antwortete sie.

Das hatte mich beruhigt.

Zehn Minuten später war es im Haus plötzlich zu still.

Dann hörte ich dieses Schaben draußen.

Bero.

Er zog sich über den Rasen.

Sein Halsband hing schief.

Am Metallring klemmte ein Stück gelber Stoff.

Gelb.

Amelies Jacke war gelb.

Mein Mann Jens kam hinter mir aus dem Haus.

„Was ist passiert?“

Ich konnte nicht antworten.

Bero versuchte, sich zu drehen. Er schaffte es kaum. Trotzdem drückte er eine Vorderpfote in den Boden und bewegte den Kopf wieder zum hinteren Feld.

Dann hörte ich etwas.

Ganz weit weg.

Ein dünnes Geräusch.

Metallisch.

Kurz.

Dann noch einmal.

Amelies kleine Pfeife.

Sie trug sie manchmal draußen um den Hals. Mein Vater hatte ihr das angewöhnt, nachdem sie sich als Kleinkind einmal im Gartenschuppen versteckt hatte und wir sie fast eine halbe Stunde gesucht hatten.

Ich sah das gelbe Stück Stoff an Beros Halsband.

Dann sah ich Jens an.

Wir verstanden es gleichzeitig.

Bero war zurückgekommen.

Amelie nicht.

Wir liefen los.

Im hohen Gras konnten wir erkennen, wo Bero sich entlanggeschleppt hatte. Stellenweise waren die Halme plattgedrückt. Dazwischen lagen Schlamm und kleine dunkle Flecken.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, was sie bedeuteten.

„Amelie!“, rief Jens.

Keine Antwort.

Dann wieder die Pfeife.

Schwächer.

Wir liefen weiter.

Vielleicht sollte ich erklären, warum dieses Geräusch für Bero mehr bedeutete als für jeden anderen Hund.

Wir hatten ihn aufgenommen, als Amelie zwei Jahre alt war.

Bero war damals drei, ein großer schwarz-brauner Schäferhund mit einem abgeknickten Ohr und einer halbmondförmigen Narbe auf der Schnauze.

Amelie liebte diese Narbe.

„Sein Mond“, nannte sie sie.

Am Anfang betrachtete Bero unsere kleine Tochter eher skeptisch. Sie war laut, schnell und ständig mit irgendetwas beschäftigt.

Doch nach wenigen Tagen schlief Amelie auf dem Wohnzimmerteppich ein, eine Hand in seinem Fell.

Bero blieb liegen.

Fast eine Stunde.

Obwohl sein Hinterbein längst eingeschlafen sein musste.

Von da an gehörten die beiden zusammen.

Als Amelie sprechen lernte, war „Bero“ eines ihrer ersten klaren Wörter.

Wenn sie im Garten spielte, lag er in ihrer Nähe.

Wenn sie zur Schule musste und morgens keine Lust hatte, brachte er ihr manchmal einen Schuh aus dem Flur.

Und wenn sie zu dicht an den hinteren Zaun ging, stellte er sich zwischen sie und den Graben.

Damals fanden wir das fast lustig.

Heute nicht mehr.

Mein Vater hatte früher mit Hunden gearbeitet und liebte einfache Suchspiele.

Eines davon spielte er mit Amelie und Bero.

Amelie versteckte sich hinter einem Baum oder Schuppen.

Dann pfiff sie.

Bero sollte zu uns zurücklaufen, einmal bellen und uns zu ihr führen.

Mein Vater nannte das Kommando einfach:

„Hol Hilfe.“

Für Amelie war es ein Spiel.

Sie versteckte sich in Kartons, hinter Gartenstühlen und einmal sogar unter einer Decke mitten auf der Terrasse.

Bero fand sie jedes Mal.

Nach dem Tod meines Vaters hörten wir irgendwann auf damit.

Nicht bewusst.

Es gab einfach andere Dinge.

Arbeit.

Schule.

Rechnungen.

Alltag.

Aber Bero hatte es offenbar nie vergessen.

Als Jens und ich endlich den hinteren Graben erreichten, sah ich zuerst das Papierboot.

Es hing zwischen nassen Pflanzen.

Der violette Stern war verschmiert.

Ein paar Meter weiter lag ein violetter Gummistiefel.

Mein Magen zog sich zusammen.

„Amelie!“

Diesmal kam eine Stimme.

„Mama.“

Leise.

Viel zu leise.

Jens rutschte die Böschung hinunter.

Der Graben war tiefer, als er vom Haus aus wirkte. An einer Stelle hatten sich Äste und Wurzeln verfangen.

Dort hing Amelie fest.

Ihre gelbe Jacke war an einem Ast eingerissen. Ein Arm lag im schlammigen Wasser. Mit der anderen Hand hielt sie die Schnur ihrer Pfeife.

„Nicht bewegen“, sagte Jens.

„Mir ist kalt.“

„Ich weiß.“

Dann sagte sie etwas, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

„Bero ist nach Hause.“

Jens bekam einen Arm um ihren Oberkörper.

Ich hielt ihn oben am Gürtel fest.

Für einen Moment rutschte sein Fuß weg.

Ich dachte, ich verliere beide.

Dann riss Amelies Jacke am Ast.

Jens zog sie hoch.

Ich packte sie unter den Armen und zog sie zu mir.

Sie zitterte am ganzen Körper.

Eine Hand hielt sie merkwürdig steif, aber sie war bei Bewusstsein.

Sie atmete.

Das war alles, was in diesem Moment zählte.

Kurz darauf kamen Rettungskräfte über den Feldweg.

Ein Nachbar hatte Bero auf unserem Rasen gesehen und Hilfe gerufen.

Amelie wurde untersucht und in eine Klinik gebracht.

Ihr Handgelenk war verletzt. Sie war stark ausgekühlt und voller Prellungen.

Aber sie lebte.

Ich fuhr mit ihr.

Jens blieb bei Bero.

Im Behandlungsraum hielt ich Amelies Hand und dachte immer wieder denselben Satz:

Wir haben sie gefunden.

Wir haben sie gefunden.

Das hätte das Ende sein können.

Dann rief Jens an.

Seine Stimme klang anders.

„Kerstin“, sagte er.

Eine Pause.

„Beros Hinterbeine sind gebrochen.“

Ich schloss die Augen.

In meinem Kopf entstand sofort eine Erklärung.

Amelie war in den Graben gefallen.

Bero hatte versucht, sie zu erreichen.

Dann war er losgekrochen oder gelaufen, um Hilfe zu holen, und irgendwo dabei war er von einem Fahrzeug erfasst worden.

Schrecklich.

Aber logisch.

Nur stimmte diese Reihenfolge nicht.

Am Nachmittag kam eine Polizeibeamtin zu uns.

Sie hatte Amelies zweiten Stiefel dabei.

Er war nicht am Graben gefunden worden.

Sondern weiter oben.

Nah an der schmalen Straße hinter dem Feld.

An der Sohle klebte feiner Straßenschmutz.

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