Ein gefesselter Hund kämpfte im Wasser ums Leben doch seine wahre Rettung begann erst danach

Sie hatte nur noch den Kopf über Wasser – dann sahen wir, warum sie nicht schwimmen konnte. Als ich unter die Oberfläche griff, fand ich etwas, das mich bis heute nicht loslässt.

Uwe hupte zweimal.

Ich dachte zuerst, er wolle mich vor einem Schlagloch warnen. Dann zeigte er mit der linken Hand zum Straßengraben.

Wir waren zu fünft auf dem Rückweg Richtung Goslar. Keine große Motorradgruppe, kein Verein mit Abzeichen und Regeln. Einfach ein paar Männer, die seit Jahren zusammen fuhren und an diesem Samstag Lebensmittel zu einer kleinen Ausgabestelle gebracht hatten.

Ich nahm das Gas weg.

Im braunen Wasser des Grabens bewegte sich etwas.

Erst hielt ich es für einen alten Sack.

Dann hob es den Kopf.

Ein Hund.

Nur der Kopf war noch zu sehen.

Ich heiße Ralf Neumann. Die meisten nennen mich Bär. Ich war damals 58, fast zwei Meter groß, grauer Bart, lange Haare im Nacken zusammengebunden, schwere Stiefel, alte Lederweste.

Leute wechseln manchmal die Straßenseite, wenn sie mich sehen.

Dieser Hund tat das Gegenteil.

Sie sah mich an, als wäre ich das Letzte, was zwischen ihr und dem Tod stand.

„Anhalten!“, brüllte ich.

Die Motorräder kamen hintereinander zum Stehen.

Uwe war als Erster bei mir. Er ist 61, breitschultrig, Glatze, ein Mann, der normalerweise selbst dann ruhig bleibt, wenn andere längst fluchen.

Diesmal nicht.

„Ralf“, sagte er.

Mehr nicht.

Ich sah genauer hin.

Die Hündin paddelte nicht.

Ihre Beine bewegten sich überhaupt nicht.

Ihr Kopf sank kurz unter die Oberfläche. Sie kämpfte sich wieder hoch, schnappte nach Luft und drehte sich hilflos zur Seite.

Ich rutschte die Böschung hinunter.

„Warte!“, rief Uwe.

Aber ich wartete nicht.

Das Wasser reichte mir fast bis zur Brust. Unter meinen Stiefeln war nur Schlamm. Jeder Schritt zog mich tiefer hinein.

Die Hündin sah mich kommen.

Ich hob langsam eine Hand.

„Ganz ruhig. Ich komme zu dir.“

Ihr Kopf sank wieder.

Ich sprang die letzten Meter nach vorn und bekam meinen Arm unter ihren Brustkorb.

Sie war erschreckend leicht.

Und sie zitterte.

Mit der freien Hand tastete ich unter Wasser nach ihren Beinen.

Dann fühlte ich die Schnur.

Einen Moment lang verstand ich nicht, was meine Finger da fanden.

Dann doch.

Ihre Pfoten waren zusammengebunden.

Nicht eine.

Nicht zwei.

Alle vier.

Vorder- und Hinterbeine waren so eng zusammengezogen, dass sie weder schwimmen noch stehen konnte.

Mir wurde heiß vor Wut.

Aber Wut half diesem Hund nicht.

„Uwe! Messer!“

„Hast du doch am Gürtel!“

Stimmt.

Meine Hände zitterten so sehr, dass ich es vergessen hatte.

Die Hündin hustete Wasser gegen meine Schulter.

„Bleib bei mir“, sagte ich.

Ich weiß nicht, ob ich mit ihr sprach oder mit mir selbst.

Die Schnur war nass und festgezogen. Ich konnte unter dem braunen Wasser nichts sehen. Ich musste fühlen, wo Haut war und wo das Seil.

Ich schob zwei Finger darunter.

Die Hündin zuckte zusammen.

Sofort blieb ich still.

Da begriff ich etwas, das später noch wichtig werden sollte.

Sie hatte nicht nur Angst vor dem Wasser.

Sie hatte Angst vor Händen.

Jemand hatte sie festgehalten.

Jemand hatte diese Schnur gebunden.

Jemand hatte entschieden, dass dieses Tier nicht mehr aus eigener Kraft zurückkommen sollte.

„Meine Hand ist anders“, murmelte ich.

Dann setzte ich die Klinge an.

Der erste Strang gab nicht nach.

Der zweite auch nicht.

Ihre Nase verschwand wieder unter Wasser.

Ich zog sie höher.

„Komm schon.“

Hinter mir hörte ich die anderen Männer rufen. Einer hatte den Notruf gewählt. Ein anderer hielt den Verkehr an der schmalen Stelle auf Abstand.

Für mich existierte nur noch dieser Hund.

Ein Atemzug.

Noch einer.

Die Klinge rutschte.

Dann riss endlich die erste Schlaufe.

Ein Vorderbein wurde frei.

Es hing zuerst nur schlaff im Wasser.

Ich tastete weiter.

Die Schnur an den Hinterbeinen war noch fester.

„Ralf, brauchst du Hilfe?“

„Noch nicht!“

Ich wollte niemanden zusätzlich in diesen Schlamm holen.

Die Hündin legte ihren Kopf gegen meine Brust.

Sie kämpfte kaum noch.

Das machte mir mehr Angst als alles andere.

Ich schnitt wieder.

Die Schnur platzte.

Ihre Hinterbeine lösten sich.

„Jetzt!“

Uwe und Cem, der Jüngste von uns, warfen mir ein Abschleppseil zu. Ich klemmte die Hündin an meinen Körper und arbeitete mich zur Böschung.

Zweimal rutschte ich zurück.

Beim dritten Versuch packte Uwe meinen Arm.

Gemeinsam zogen sie uns hoch.

Die Hündin lag im Gras.

Niemand sagte etwas.

Sie hustete.

Einmal.

Dann noch einmal.

Ihre Beine zitterten so stark, dass die Pfoten über das Gras rutschten.

Cem kniete sich hin und schnitt die letzten Stücke der Schnur weg.

Uwe zog seine Lederweste aus und legte sie unter ihren Körper.

Ich nahm ein altes Hemd aus meiner Seitentasche und deckte sie zu.

Dann öffnete sie die Augen.

Ich saß neben ihr.

Völlig durchnässt, voller Schlamm und wahrscheinlich genauso erschöpft wie sie.

Sie sah meine Hand an.

Ich bewegte sie nicht.

Langsam hob sie den Kopf.

Dann leckte sie einmal über meine Fingerknöchel.

Nur einmal.

Ich musste wegsehen.

„Du solltest mich eigentlich hassen“, sagte ich.

Sie leckte meine Hand noch einmal.

In diesem Moment bekam sie ihren Namen.

Lina.

Warum Lina?

Keine Ahnung.

Der Name war plötzlich da.

Vielleicht brauchte ich etwas Sanftes nach all dem, was gerade passiert war.

Die Helfer vom örtlichen Tierrettungsdienst kamen kurz danach. Eine Frau kniete sich einige Meter entfernt hin und sprach erst mit Lina, bevor sie sie berührte.

Das gefiel mir.

Keine schnellen Hände.

Kein Greifen.

Nur eine ruhige Stimme.

„Sie fahren mit?“, fragte die Frau.

Ich sah Lina an.

Immer wenn ich mich bewegte, folgten ihre Augen mir.

„Ja.“

In der Tierpraxis stellte man fest, dass nichts gebrochen war.

Das war die gute Nachricht.

An den Beinen waren tiefe Druckstellen. Die Muskeln waren überlastet. Man machte sich Sorgen wegen des Wassers, das sie eingeatmet hatte.

Aber das Schlimmste, sagte die Tierärztin, würde vermutlich länger bleiben.

Die Angst.

Lina blieb zwölf Tage dort.

Ich kam jeden Tag.

Anfangs wusste ich nicht, was ich tun sollte.

Ich wollte sie streicheln.

Natürlich wollte ich das.

Ich wollte ihren Kopf nehmen und ihr irgendwie erklären, dass nie wieder jemand ihre Beine zusammenbinden würde.

Doch jedes Mal, wenn eine Hand zu schnell in ihre Richtung kam, drückte sie sich auf den Boden.

Also lernte ich etwas, das mir schwerfiel.

Nichts zu tun.

Ich setzte mich vor ihre Box.

Meine Hand lag auf meinem Knie.

„Ich bin wieder da, Lina.“

Am ersten Tag reagierte sie nicht.

Am dritten sah sie mich länger an.

Am fünften bewegten sich ihre Ohren.

Am siebten klopfte ihre Schwanzspitze einmal gegen die Decke.

Ein einziges Mal.

Ich hätte beinahe geheult.

Am zehnten Tag stand sie auf, als sie meine Stimme hörte.

Sie kam zur Tür.

Langsam.

Unsicher.

Aber freiwillig.

Genau das war entscheidend.

Freiwillig.

Draußen im kleinen Hof der Praxis stand eine Wasserschüssel.

Lina sah sie.

Ihr Körper erstarrte.

Sie wich zurück.

Ich stellte mich zwischen sie und die Schüssel.

„Du musst nicht.“

Die Tierärztin sagte leise: „Es kann sein, dass sie Wasser sehr lange fürchtet.“

Ich sah Lina an.

„Dann fürchtet sie es eben.“

Niemand sollte von ihr verlangen, eine perfekte Geschichte zu liefern.

Gerettet.

Geheilt.

Fröhlich.

Fertig.

So funktioniert Angst nicht.

Nach zwölf Tagen durfte ich sie zunächst zur Pflege mit nach Hause nehmen.

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