Der Hund kam hinter einem rostigen Kühlschrank hervor und zog eine aufgerissene Plastiktüte über den Schotter. Bei jedem Sprung schleifte sein Körper kurz über den Boden.
Schrrr.
Pause.
Schrrr.
Ich stand vielleicht zehn Meter entfernt und hatte meine schwere Maschine am Rand eines Feldwegs abgestellt. Eigentlich wollte ich nur ein Stück Plane von einem Zaun lösen, bevor es auf die Straße flog.
Dann sah ich sein Hinterbein.
Oder besser gesagt: die Stelle, an der einmal eines gewesen war.
Der Hund war groß, schwarzbraun, mit langen Ohren und einem Fell, das stumpf vor Dreck war. Seine Rippen zeichneten sich deutlich ab. Das linke Hinterbein fehlte oberhalb des Gelenks.
Er zog die Tüte weiter, bis sie riss.
Alte Essensreste fielen heraus.
Sofort senkte er den Kopf und begann zu fressen, hektisch, beinahe panisch. Nicht wie ein Hund, der Hunger hatte.
Wie einer, der gelernt hatte, dass ihm jedes Stück Nahrung wieder weggenommen werden konnte.
Dann bemerkte er mich.
Wir erstarrten beide.
Sein Blick ging zu meinen Händen, zu meinen Stiefeln und schließlich zu meinem linken Bein.
Unter der Hose war die schwarze Gelenkmechanik meiner Prothese zu erkennen.
Ich verlagerte mein Gewicht.
Klick.
Der Hund spannte seine drei Beine an.
Ich heiße Detlef Mertens, bin 58 und repariere seit vielen Jahren Motorräder in einer kleinen Werkstatt am Rand von Dortmund. Die meisten Leute halten mich beim ersten Blick für jemanden, mit dem man besser keinen Streit anfängt.
Grauer Bart. Breite Schultern. Tätowierte Arme. Lederweste.
Vor zwölf Jahren verlor ich mein linkes Bein bei einem Verkehrsunfall.
Seitdem begleitet mich dieses Klicken.
Klick beim Aufstehen.
Klick auf Beton.
Klick auf Treppen.
Irgendwann hört man selbst kaum noch hin.
Andere Menschen hören es immer.
Der Hund offenbar auch.
„Ganz ruhig“, sagte ich.
Er wich einen Schritt zurück.
Nur einen.
Mehr kostete ihn zu viel Kraft.
Das kannte ich.
Wenn dir ein Bein fehlt, bekommt jede Bewegung einen Preis.
Ich öffnete meine Seitentasche und fand ein Stück Trockenfleisch, das ich unterwegs gekauft hatte. Ich legte ein kleines Stück auf einen sauberen Kartonrest und ging zurück.
Der Hund starrte darauf.
Dann auf mich.
Dann wieder auf mein Bein.
Schließlich humpelte er vor.
Er schnappte sich das Fleisch und verschwand hinter dem Kühlschrank.
Dabei sah ich sein Halsband.
Blau.
Ausgeblichen.
Kein Anhänger.
Viel zu locker.
Dieser Hund war nicht dort geboren worden.
Er hatte einmal jemandem gehört.
Ich rief Ingrid an.
Ingrid betreibt zusammen mit einigen Helfern eine kleine private Tierauffangstelle. Wir kannten uns, weil ich ihr manchmal kostenlos Transportboxen oder alte Metallrahmen reparierte.
„Ich habe hier einen dreibeinigen Hund“, sagte ich.
„Verletzt?“
„Die Amputation ist alt. Aber er frisst Müll.“
Kurze Pause.
„Kannst du ihn anfassen?“
Ich sah zu dem Kühlschrank.
„Nein.“
„Dann versuch es nicht. Setz dich hin. Lass ihn entscheiden.“
Also setzte ich mich auf den Schotter.
Fast eine halbe Stunde lang schob ich kleine Fleischstücke über den Boden.
Immer näher.
Der Hund kam langsam hervor.
Zum ersten Mal konnte ich seine Augen richtig sehen.
Braun.
Müde.
Misstrauisch.
Ich weiß nicht, warum ich es sagte.
Vielleicht für ihn.
Vielleicht für mich.
„Uns beiden fehlt etwas“, murmelte ich. „Dann müssen wir uns wenigstens nichts vormachen.“
Ingrid kam später mit einem alten Transporter.
Auch sie ging nicht sofort auf den Hund zu. Sie setzte sich neben mich und öffnete eine Dose Futter.
Der Geruch erledigte den Rest.
Der Hund kam näher.
Langsam.
Sein einziges Hinterbein zitterte. Seine Vorderläufe mussten fast das gesamte Gewicht auffangen.
Ingrid wartete.
Er fraß.
Er wich zurück.
Kam wieder.
Erst viel später ließ er sich eine lockere Leine über den Kopf legen.
Ingrid zog nicht daran.
„Gut gemacht“, flüsterte sie.
Der Hund stand völlig still.
Dann geschah etwas Kleines.
Sein Körper blieb angespannt, aber seine Augen veränderten sich.
Als hätte er verstanden, dass nicht jede Hand etwas von ihm wollte.
Wir brachten ihn zu einer Tierarztpraxis.
Dort wurde ein Chip gefunden.
Der Hund hieß Benny.
Über alte Kontaktdaten erreichten wir schließlich eine Frau namens Andrea.
Als sie hörte, welchen Hund wir gefunden hatten, wurde sie still.
„Benny“, sagte sie schließlich. „Das muss Benny sein.“
Er hatte ihrem Bruder Frank gehört.
Vor knapp einem Jahr war Benny von einem Auto erfasst worden. Das linke Hinterbein konnte nicht gerettet werden.
Frank hatte der Operation zugestimmt.
Danach wurde alles schwieriger.
Benny brauchte Medikamente, Hilfe beim Aufstehen, Teppiche auf glatten Böden und viel Geduld.
Andrea erzählte uns, ihr Bruder habe immer häufiger gesagt, der Hund sei „nicht mehr derselbe“.
Irgendwann sei Benny verschwunden.
Frank behauptete, er sei weggelaufen.
Andrea hatte das nie geglaubt.
Als sie Benny in der Praxis sah, begann sie zu weinen.
Sie konnte ihn selbst nicht aufnehmen. Aber sie gab uns alle Unterlagen, die sie noch hatte.
Während sie sprach, lag Benny auf einer Decke.
Satt.
Zum ersten Mal wahrscheinlich seit langer Zeit.
Ich sah auf seinen fehlenden Hinterlauf.
Dann auf meine Prothese.
Nach meinem Unfall hatten Menschen ähnliche Dinge über mich gesagt.
Nicht böse.
Zumindest glaubten sie das.
„Du bist ja jetzt eingeschränkt.“
„Das wird nie wieder wie früher.“
„Das ist bestimmt schwer für alle.“
Eine Frau, mit der ich damals zusammen war, sagte irgendwann, sie könne „dieses ganze Kämpfen nicht mehr sehen“.
Sie ging.
Ich verstand plötzlich, warum mich Bennys Geschichte so wütend machte.
Andere Spezies.
Gleiche Wunde.
Nicht die Amputation.
Das Gefühl, jemandem zu anstrengend geworden zu sein.
Einige Tage später fragte Ingrid mich, ob Benny vorübergehend zu mir könnte.
Ich lachte.
„Ich wohne über meiner Werkstatt.“
„Du hast hinten einen kleinen Hof.“
„Da sind Stufen.“
„Dann bauen wir eine Rampe.“
„Ich habe selbst nur ein richtiges Bein.“
Ingrid sah meine Prothese an.
„Ist mir aufgefallen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin doch nicht der ideale Mensch für einen behinderten Hund.“
„Vielleicht braucht er keinen idealen Menschen.“
Der Satz traf mich unerwartet.
Also kam Benny mit.
Sein erstes Ziel in meiner Wohnung war der Platz hinter dem Sofa.
Dort blieb er drei Stunden.
Ich setzte mich auf den Boden und aß mein Abendbrot ebenfalls dort.
Nicht neben ihm.
Einfach so, dass er mich sehen konnte.
Später stellte ich sein Futter in die Mitte des Zimmers und ging weg.
Er wartete, bis ich ihm den Rücken zudrehte.
In der ersten Nacht schlief ich auf dem Sofa.
Irgendwann hörte ich Krallen auf dem Boden.
Benny stand im Flur.
Meine Prothese lehnte am Couchtisch.
Er kam näher.
Schnupperte daran.
Dann an meinem Stumpf.
Ich bewegte mich nicht.
Benny sah mich an.
Kein Mitleid.
Keine Verwirrung.
Nur dieser lange, ruhige Blick.
„Ja“, flüsterte ich. „Das Ding kann man abnehmen.“
Er setzte sich unbeholfen hin.
Dann streckte ich meine Hand aus, ohne ihn zu berühren.
Benny kam näher.
Seine Nase berührte meine Finger.
Einmal.
Danach verschwand er wieder hinter dem Sofa.
Aber am nächsten Morgen lag er davor.
Drei Wochen später hatte er etwas zugenommen.
Er folgte mir inzwischen durch die Wohnung. Immer mit Abstand, aber er wollte wissen, wo ich war.
Die Tierärztin erklärte mir, dass Benny zwar auf drei Beinen laufen konnte, seine Vorderläufe und das verbliebene Hinterbein aber bereits überlastet waren.
Für längere Strecken könne ein kleiner Rollwagen helfen.
Ich musste lachen.
„Ein Rollstuhl für Hunde?“
„Eine Unterstützung“, sagte sie. „Keine Niederlage.“
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