Als ich die Kette durchtrennte, begann die völlig entkräftete Hündin direkt vor mir zu gebären – wenige Stunden später kämpfte unsere ganze Polizeiwache um sieben winzige Leben.
Die Kette fiel zwischen die Tannennadeln.
Ich erwartete, dass die Hündin sofort weglaufen würde.
Sie tat es nicht.
Sie sah mich nur an, machte einen unsicheren Schritt nach vorn und drückte ihren Kopf gegen mein Knie.
Dann verkrampfte sich ihr ganzer Körper.
„Oh nein“, murmelte ich.
Ich heiße Tobias Mertens, bin 48 Jahre alt und arbeite seit mehr als zwanzig Jahren im Streifendienst einer kleinen Stadt am Rand der Eifel.
Ich dachte damals, ich hätte schon vieles gesehen.
An diesem Vormittag lernte ich, wie falsch ich lag.
Die Hündin war mir aufgefallen, weil ich ein leises Winseln aus einem abgelegenen Waldstück gehört hatte. Dort führte ein alter Forstweg zwischen den Bäumen hindurch, den kaum noch jemand benutzte.
Hinter einem dicken Stamm fand ich sie.
Eine hellbraune Mischlingshündin mit weißer Brust und einem dunklen Fleck über dem linken Auge.
Hochschwanger.
Viel zu dünn.
Ihre Rippen standen deutlich hervor, obwohl ihr Bauch riesig war.
Um ihren Hals lag ein abgenutztes Halsband. Daran hing eine kurze Metallkette, die mehrfach um den Baum gelegt worden war.
Sie konnte kaum zwei Schritte machen.
Kein Napf.
Keine Decke.
Kein Mensch in der Nähe.
Ich ging langsam auf sie zu.
Sie wich nicht zurück.
Stattdessen versuchte sie tatsächlich, mit dem Schwanz zu wedeln.
Dann kam die nächste Wehe.
Sie sackte hinten kurz ein und stieß einen Laut aus, den ich nie vergessen werde.
Ich griff sofort zum Funkgerät und bat um Unterstützung. Gleichzeitig rief ich Nora Ebel an, eine Tierärztin aus der Gegend, die wir bei Einsätzen mit verletzten Tieren schon öfter kontaktiert hatten.
„Hochschwangere Hündin“, sagte ich. „An einen Baum gekettet. Stark abgemagert.“
„Wie weit ist die Geburt?“
Noch bevor ich antworten konnte, begann die Hündin wieder zu pressen.
„Nora“, sagte ich, „ich glaube, sie bekommt die Welpen jetzt.“
Noras Stimme wurde sofort ernst.
„Dann befreien Sie sie. Legen Sie etwas Warmes unter sie. Und hören Sie genau auf das, was ich Ihnen sage.“
Im Streifenwagen hatte ich Werkzeug, alte Handtücher und eine Rettungsdecke.
Als ich zurückkam, stand die Hündin noch immer da.
Nicht weil sie wollte.
Die kurze Kette ließ ihr kaum eine andere Möglichkeit.
Ich setzte die Zange an einem rostigen Glied an.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Versuch sprang das Metall auseinander.
Die Kette fiel zu Boden.
Die Hündin war frei.
Sie hätte weglaufen können.
Stattdessen kam sie zu mir und legte den Kopf gegen meine Schulter.
Ihr Körper zitterte.
Ich strich ihr einmal vorsichtig über den Rücken.
„Komm“, sagte ich. „Wir machen das zusammen.“
Ich führte sie zum Streifenwagen und breitete die Rettungsdecke auf der Rückbank aus.
Sie kletterte hinein, drehte sich schwerfällig und legte sich auf die Seite.
Keine Minute später hielt ich einen Welpen in den Händen.
Er bewegte sich nicht.
„Nora?“
„Die Hülle entfernen. Nase und Maul frei. Dann mit dem Handtuch kräftig reiben.“
Meine Hände zitterten.
Ich hatte Menschen nach Unfällen versorgt. Ich hatte Erste Hilfe geleistet und in Situationen funktioniert, in denen andere kaum sprechen konnten.
Aber dieses winzige Tier in meinen Händen machte mich vollkommen hilflos.
Ich rieb seinen Brustkorb.
Nichts.
Die Mutter hob den Kopf.
Sie beobachtete mich.
Ausgehungert. Erschöpft. Eine offene Scheuerstelle am Hals.
Und trotzdem interessierte sie in diesem Moment nur ihr Welpe.
„Komm schon“, flüsterte ich.
Ich rieb weiter.
Plötzlich kam ein leises Quieken.
Die Hündin hob die Ohren.
Ich legte den Kleinen vor ihre Schnauze.
Sie begann sofort, ihn abzulecken.
Dann kam die nächste Wehe.
Aus einem Welpen wurden zwei.
Dann drei.
Als meine Kollegin Heike Lorenz eintraf, kniete ich neben der geöffneten hinteren Tür meines Streifenwagens und hatte keine Ahnung mehr, wie viel Zeit vergangen war.
„Tobias?“
Ich zeigte nur auf die Rückbank.
Heike schaute hinein.
Vier Welpen.
Dann kam Nummer fünf.
Nummer sechs.
Beim siebten dauerte es plötzlich lange.
Viel zu lange.
Die Mutter war inzwischen so erschöpft, dass ihr Kopf immer wieder auf die Decke sank.
„Bleib bei uns“, sagte Heike leise.
Dann bewegte sich die Hündin noch einmal.
Der siebte Welpe kam.
Einen Moment lang blieb es still.
Ich hörte meinen eigenen Atem.
Dann schrie der Kleine.
Heike drehte sich weg und wischte sich über die Augen.
Sieben.
Alle lebten.
Und auch ihre Mutter lebte.
Später gaben wir ihr den Namen Maja.
Damals wusste sie davon natürlich nichts.
Sie wusste nur, dass die Kette nicht mehr an ihrem Hals zog.
In der Tierarztpraxis wurde erst deutlich, wie schlecht es ihr wirklich ging.
Maja war stark unterernährt und ausgetrocknet. Unter dem Fell fanden sich alte Narben. Die Haut unter ihrem Halsband war wund.
Nora untersuchte jeden Welpen einzeln.
„Sie haben Glück gehabt“, sagte sie schließlich.
„Alle?“
Sie nickte.
„Im Moment ja.“
Im Moment.
Ich hielt mich an diesen zwei Worten fest.
Maja und die Welpen bekamen einen ruhigen Raum mit Decken und Wärmemöglichkeiten. Anfangs beobachtete sie jede Hand, die sich ihren Jungen näherte.
Als Heike zu nah kam, knurrte sie leise.
Heike blieb sofort stehen.
„Ist gut, Mama“, sagte sie. „Keiner nimmt sie dir weg.“
Maja hörte auf zu knurren.
Am nächsten Morgen wusste bereits die gesamte Wache von den sieben Welpen.
Mein Vorgesetzter, Rolf Hartmann, stand vor meinem Schreibtisch.
„Du hast ernsthaft sieben Hunde auf der Rückbank zur Welt gebracht?“
„Nicht ich.“
Er sah mich an.
„Du weißt, was ich meine.“
„Sieben.“
Rolf nahm seine Brille ab.
„Natürlich sieben.“
Schon zwei Tage später wollten plötzlich Kollegen die Hündin besuchen, die sonst behaupteten, mit Hunden überhaupt nichts anfangen zu können.
Eine Kollegin brachte Decken.
Jemand anderes besorgte Futter nach den Vorgaben der Tierärztin.
Auf unserem internen Brett hing bald ein Foto von Maja und ihren sieben Jungen.
Dann begann die Diskussion über Namen.
„Wir können sie doch nicht ewig Nummer eins bis sieben nennen“, sagte Heike.
Es kamen die üblichen Vorschläge.
Blumennamen.
Alte deutsche Vornamen.
Figuren aus Filmen.
Nichts überzeugte.
Bis unsere Kollegin Petra vom Nachtdienst das Foto betrachtete.
„Sieben Welpen“, sagte sie. „Warum nicht sieben Wochentage?“
Alle wurden still.
Dann lachten wir.
Und fünf Minuten später war die Sache entschieden.
Montag war der dunkle Rüde mit der weißen Schnauze. Schon als Welpe sah er aus, als hätte er zu wenig geschlafen.
Dienstag war braun und ständig unterwegs.
Mittwoch war der Kleinste.
Donnerstag war eine gestromte Hündin, die ihre Geschwister schon nach wenigen Tagen zur Seite schob.
Freitag mochte jeden Menschen.
Samstag schlief fast immer.
Und Sonntag war der Letzte.
Der Welpe, dessen erster Laut mir fast die Knie weggezogen hatte.
Die Namen sollten eigentlich nur vorübergehend sein.
Natürlich blieben sie.
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