Ich konnte den Zaun nicht überwinden, er kam nicht an sein Wasser, also trafen wir uns jeden Morgen genau dazwischen.
Der Hund lag nur wenige Meter von seinem Wassernapf entfernt.
Aber seine Kette war zu kurz.
Ich saß auf der anderen Seite des Zauns in meinem Rollstuhl und konnte nicht einfach hinübersteigen.
Also trafen wir uns dort, wo wir beide noch hinkamen.
Unter dem Zaun.
Mein Name ist Hendrik Bauer. Damals war ich 48 Jahre alt und lebte allein in einer kleinen Doppelhaushälfte am Rand von Mainz.
Früher hatte ich als Elektriker auf Baustellen gearbeitet. Sechs Jahre zuvor war bei einem Einsatz ein provisorisches Geländer nachgegeben.
Ich stürzte mehrere Meter tief und verletzte meine Wirbelsäule schwer. Seitdem benutzte ich einen Rollstuhl.
Ich konnte arbeiten.
Ich konnte Auto fahren.
Ich konnte einkaufen.
Aber irgendwann hatte ich aufgehört, irgendwohin zu fahren, wenn es nicht unbedingt nötig war.
Nicht wegen des Rollstuhls.
Wegen der Menschen.
Ich war müde davon, dass Fremde zuerst meine Begleitung ansprachen, obwohl ich direkt vor ihnen saß. Müde von Treppen. Müde von Blicken. Müde davon, jedes Mal vorher zu prüfen, ob ich irgendwo hineinkam.
Dann zog nebenan ein neuer Mieter ein.
Ralf.
Und er brachte einen Hund mit.
Ein großer Schäferhund-Mischling. Schwarzbraunes Fell, breite Schultern, eine Ohrspitze abgeknickt.
Eigentlich hätte er kräftig aussehen müssen.
Stattdessen konnte ich nach wenigen Wochen seine Rippen zählen.
Eine schwere Kette führte von seinem Halsband zu einem Metallpflock im Boden.
Sie reichte bis zu einer alten Hundehütte.
Bis zu einem kahlen Stück Erde.
Aber nicht bis unter das Vordach.
Der Wassereimer stand oft umgekippt außerhalb seiner Reichweite.
Manchmal bekam der Hund Futter.
Manchmal nicht.
Ich meldete es zweimal bei der zuständigen Stelle.
Beide Male geschah etwas Merkwürdiges.
Kurz vor der Kontrolle war plötzlich Wasser da.
Der Napf war voll.
Ralf erklärte, der Hund sei normalerweise im Haus und nur kurz draußen.
Die Kontrolleure gingen.
Die Kette blieb.
Der Hund wurde dünner.
Eines Nachmittags sah ich ihn von meinem Küchenfenster aus zum umgestürzten Wassereimer kriechen.
Er streckte den Hals.
Die Kette spannte sich.
Noch zwanzig Zentimeter.
Vielleicht dreißig.
Mehr fehlte nicht.
Er versuchte es noch einmal.
Dann ließ er den Kopf auf die Erde sinken.
Ich weiß nicht, warum gerade dieser Moment etwas in mir veränderte.
Vielleicht weil ich wusste, wie es sich anfühlt, etwas direkt vor sich zu sehen und trotzdem nicht heranzukommen.
Ich füllte eine Plastikschüssel mit Wasser, packte ein paar Stücke gekochtes Huhn ein und legte alles auf meinen Schoß.
Der gemeinsame Gartenbereich war uneben.
Meine kleinen Vorderräder blieben zweimal im Boden hängen. Ich musste zurücksetzen, schräg anfahren und mich mit den Armen Stück für Stück vorwärtsdrücken.
Als ich den Zaun erreichte, hatte ich genug.
Der Hund sah mich.
Sofort kroch er hinter einen kaputten Gartenstuhl.
„Schon gut“, sagte ich.
Er blieb dort.
Unter dem Maschendrahtzaun hatte sich an einer Stelle die Erde abgesenkt.
Nur eine kleine Lücke.
Ich schob die Wasserschüssel hindurch.
Der Hund bewegte sich nicht.
Also rollte ich einen Meter zurück.
Er wartete.
Dann kam er langsam hervor.
Bauch tief.
Kopf gesenkt.
Er roch an der Schüssel und begann zu trinken.
Nicht normal.
Gierig.
So schnell, dass ihm das Wasser an beiden Seiten aus dem Maul lief.
Als die Schüssel leer war, leckte er noch den Boden aus.
Dann sah er mich an.
Das war unser Anfang.
Ich schob das Huhn unter dem Zaun durch.
„Du schuldest mir nichts“, sagte ich. „Iss einfach.“
Am nächsten Morgen lag er bereits an der Lücke.
Also kam ich wieder.
Von da an brachte ich jeden Morgen Wasser und etwas Futter.
Abends saß ich manchmal dort und redete.
Ich kannte seinen Namen nicht.
Deshalb nannte ich ihn einfach Nachbar.
Ich erzählte ihm Dinge, die ich anderen Menschen längst nicht mehr erzählte.
Von dem Unfall.
Von den Monaten im Krankenhaus.
Davon, wie schnell aus einem selbstständigen Mann plötzlich „der Mann im Rollstuhl“ werden konnte.
„Das Verrückte ist“, sagte ich einmal, „der Rollstuhl hat mir meine Beweglichkeit zurückgegeben. Und trotzdem mache ich mein Leben jeden Monat kleiner.“
Der Hund legte sich an den Zaun.
Seine Nase berührte fast mein Vorderrad.
In der ersten Woche fraß er mit Abstand.
In der zweiten blieb er liegen, wenn ich kam.
In der dritten schlief er manchmal ein, während ich redete.
Dann erwischte Ralf uns.
„Was machen Sie da?“
Ich drehte mich um.
„Ihrem Hund Wasser geben.“
„Der hat Wasser.“
Ich zeigte auf den umgekippten Eimer.
Ralf ging zum Hund und griff nach der Kette.
Er zog einmal ruckartig daran.
Der Hund warf sich sofort flach auf den Boden.
Nicht nach dem zweiten Ruck.
Nach dem ersten.
Als hätte er genau gelernt, was danach kam.
Ich zog mein Handy heraus und begann zu filmen.
Ralf ließ die Kette los.
Er sah auf meinen Rollstuhl.
Dann sagte er etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
„Glauben Sie wirklich, irgendwer hört auf Sie?“
Früher hätte mich dieser Satz getroffen.
An diesem Tag nicht.
Ich sah zum Hund.
„Vielleicht nicht heute.“
Noch am selben Abend legte ich einen Ordner an.
Fotos.
Videos.
Datum.
Uhrzeit.
Leere Näpfe.
Der Zustand des Hundes.
Jede Meldung, die ich bereits gemacht hatte.
Drei Wochen später lag Nachbar wieder neben dem Zaun.
Diesmal hob er nicht einmal den Kopf.
Die Kette hatte sich um den kaputten Stuhl gewickelt.
Er konnte weder zur Hütte noch zu seinem Wasser.
Ich rief erneut die zuständige Stelle und zusätzlich die Polizei.
Diesmal hatte ich nicht nur eine Vermutung.
Ich hatte alles dokumentiert.
Die Beamten kamen auf das Grundstück.
Die Kette wurde durchtrennt.
Zwei Männer trugen den Hund auf einer Decke hinaus.
Als sie an meiner Einfahrt vorbeikamen, öffnete er kurz die Augen.
Er sah meinen Rollstuhl.
Seine Schwanzspitze bewegte sich einmal.
Mehr schaffte er nicht.
In der Tierklinik wurde sein Chip ausgelesen.
Sein richtiger Name war Arko.
Er war schon einmal aus schlechten Verhältnissen gekommen und später vermittelt worden.
Bei der Vermittlung hatte der neue Halter angegeben, einen sicheren Garten zu haben.
Das stimmte nicht.
Arko war deutlich untergewichtig, ausgetrocknet und voller Flohbisse. Unter dem Halsband fanden die Tierärzte entzündete Stellen und alte Narben.
Ich besuchte ihn jeden Nachmittag.
Beim ersten Mal hatte er Angst vor meinem Rollstuhl.
Das Klicken der Bremse.
Die Fußstütze.
Die Räder.
Alles war ihm fremd.
Also blieb ich an der Tür stehen.
„Ich bin’s nur.“
Sein abgeknicktes Ohr bewegte sich.
Ich legte ein Stück Huhn auf den Boden.
Wie damals.
Dann rollte ich zurück.
Arko kam.
Am dritten Tag lief er einige Meter neben mir durch den Flur.
Nach elf Tagen durfte er die Klinik verlassen, zunächst jedoch nicht einfach irgendwohin vermittelt werden.
Es musste geklärt werden, wer künftig für ihn verantwortlich sein durfte.
Eine Mitarbeiterin fragte mich schließlich:
„Könnten Sie sich vorstellen, ihn vorübergehend aufzunehmen?“
Ich lachte.
„Ich?“
„Warum nicht?“
„Ich lebe allein.“
„Das tun viele Hundehalter.“
„Wenn er wegläuft, kann ich ihm nicht hinterherrennen.“
„Dafür gibt es Leinen und einen geschlossenen Garten.“
Ich zeigte auf meinen Rollstuhl.
Sie schaute kurz hin.
Dann wieder in mein Gesicht.
„Und?“
Nur dieses eine Wort.
Und plötzlich merkte ich, was ich da tat.
Jahrelang hatte ich mich darüber geärgert, wenn andere meine Behinderung automatisch mit Unfähigkeit gleichsetzten.
Jetzt machte ich genau dasselbe mit mir selbst.
Mein Haus hatte einen stufenlosen Eingang.
Breite Türen.
Einen kleinen eingezäunten Garten.
Ich arbeitete inzwischen hauptsächlich von zu Hause.
Und Arko vertraute mir.
Also sagte ich:
„Zwei Wochen.“
Arko zog an einem Dienstag ein.
Er lief zunächst durch jedes Zimmer und überprüfte jede Tür.
Das schöne Hundebett, das man uns mitgegeben hatte, ignorierte er vollständig.
Stattdessen legte er sich neben mein linkes Vorderrad.
Wenn ich in die Küche fuhr, kam er mit.
Wenn ich ins Arbeitszimmer fuhr, kam er mit.
Wenn ich stehen blieb, blieb er stehen.
Die zwei Wochen endeten nie.
Einige Monate später fiel einer Trainerin auf, dass Arko jedes Mal aufstand, wenn mir etwas herunterfiel.
Schlüssel.
Handtuch.
Handy.
Er ging hin, schnupperte daran und sah mich an.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






