Der kleine Hund kehrte ins sinkende Auto zurück und rettete damit seine ganze Familie

Der kleine Hund war schon gerettet, dann sprang er zurück in das sinkende Auto, weil seine Mutter und drei Geschwister noch darin gefangen waren.

Der kleine Hund war nur noch einen Schritt von unserem Boot entfernt.

Ich hielt ihm ein Handtuch hin. Mein Kollege Armin hatte das Aluminiumboot direkt neben dem fast versunkenen Wagen zum Stillstand gebracht.

„Komm, Kleiner. Komm zu mir.“

Der Welpe sah mich an.

Dann drehte er sich um.

Und verschwand durch die zerbrochene Seitenscheibe wieder im Auto.

Für eine Sekunde konnte ich nur auf das leere Dach starren.

„Warum macht er das?“, sagte Armin.

Dann hörten wir es.

Ein tiefes Bellen aus dem Wagen.

Danach drei leise, hohe Laute.

Mir wurde sofort klar, was passiert war.

Der kleine Hund war nicht allein.

Ich heiße Heike Brenner und war damals 38 Jahre alt. Nach tagelangem Hochwasser half ich freiwillig bei einer örtlichen Rettungsgruppe in Rheinland-Pfalz.

Wir hatten an diesem Morgen bereits mehrere Menschen und Tiere aus überfluteten Häusern geholt.

Als wir den Welpen auf dem Dach des dunkelblauen Autos sahen, dachte ich noch: Das wird heute unsere einfachste Rettung.

Er war vielleicht zehn Wochen alt.

Hellbraunes Fell, weiße Brust, viel zu große Pfoten. Ein Ohr stand gerade, das andere hing schief über seiner Stirn.

Das Wasser reichte bereits fast bis zum Dach.

Armin befestigte unser Boot am Dachträger.

Ich leuchtete mit einer Taschenlampe durch das zerbrochene Fenster.

Und sah eine Hündin.

Sie stand auf der Rückbank, so hoch sie konnte. Das Wasser reichte ihr schon bis zum Bauch.

Hinter ihr drängten sich drei Welpen auf den letzten trockenen Zentimetern des Sitzes.

Und neben ihr stand wieder der kleine Hund vom Dach.

Er bellte direkt in Richtung meiner Lampe.

Da verstand ich.

Er war nicht hinausgeklettert, um seine Familie zu verlassen.

Er war hinausgeklettert, damit irgendjemand sie sehen konnte.

Als wir endlich gekommen waren, wollte er nicht mitfahren.

Nicht ohne die anderen.

Die Hündin war dünn. Ihre Rippen zeichneten sich unter dem nassen Fell ab.

Um ihren Hals lag ein Halsband.

Daran hing ein ausgefranstes Seil, das irgendwo zwischen Rückbank und Boden festsaß.

Sie konnte das Fenster erreichen.

Aber nicht hindurch.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte Armin.

Der Wagen bewegte sich unter uns.

Ich griff durch die Öffnung.

Der erste Welpe war schwarz und so kalt, dass er kaum reagierte.

Ich zog ihn heraus und legte ihn in eine Decke.

Dann kam ein kleines gestromtes Weibchen mit einer weißen Vorderpfote.

Danach ein hellbrauner Rüde.

Der kleine Hund vom Dach blieb bei seiner Mutter.

„Du kannst kommen“, sagte ich zu ihm.

Natürlich verstand er meine Worte nicht.

Aber er hätte einfach auf meine Hände klettern können.

Er tat es nicht.

Dann sackte das Heck des Autos plötzlich ab.

Wasser schoss durch das Fenster.

Die Hündin verlor den Halt.

Der kleine Welpe verschwand unter der Oberfläche.

Ich griff hinein, ohne etwas sehen zu können.

Meine Hand fand Fell.

Ich zog ihn hoch und presste ihn gegen meine Brust.

Armin bekam gleichzeitig das Seil der Mutter frei.

Wenige Sekunden später lag auch sie im Boot.

Kaum waren wir ein paar Meter entfernt, verschwand der hintere Teil des Autos fast vollständig im Wasser.

Keiner sagte etwas.

Die Hündin dagegen begann sofort zu zählen.

Nicht mit Zahlen.

Mit ihrer Nase.

Sie schnupperte am schwarzen Welpen.

Dann an dem mit der weißen Pfote.

Dann am hellbraunen.

Zuletzt schob sie ihre Schnauze gegen den kleinen Hund, der auf dem Dach gewesen war.

Erst danach ließ sie sich auf den Boden unseres Bootes sinken.

Der Kleine kroch zu ihr.

Er legte sein Kinn auf ihre Vorderpfote.

Wir nannten ihn später Kaspar.

Seine Mutter bekam den Namen Fine.

In einer provisorischen Tierstation untersuchte eine Tierärztin alle fünf Hunde.

Fine war ungefähr vier Jahre alt.

Sie war untergewichtig und dehydriert. An einer Schulter hatte sie eine ältere entzündete Wunde.

Die Welpen waren ausgekühlt, aber sie hatten unglaubliches Glück gehabt.

Kaspar hatte von allen die niedrigste Körpertemperatur.

Die Tierärztin, Britta Seifert, wickelte ihn in warme Tücher.

Dann fragte sie mich etwas, worüber ich noch lange nachdenken sollte.

„Wie ist dieser kleine Hund überhaupt auf das Dach gekommen?“

Ich wusste es nicht.

Für einen Welpen seiner Größe war der Weg fast unmöglich gewesen.

Vom Sitz zum Fenster.

Durch die scharfkantige Öffnung.

Dann irgendwie hoch auf das Dach.

Britta sah Fine an.

„Vielleicht hat sie ihm geholfen.“

„Wie?“

„Vielleicht hat sie ihn hochgeschoben.“

Plötzlich sah ich die Sache anders.

Vielleicht war Kaspar nicht allein der kleine Held dieser Geschichte.

Vielleicht hatte seine Mutter verstanden, dass einer von ihnen sichtbar werden musste.

Einer musste raus.

Einer musste Hilfe holen.

Während die anderen bei ihr blieben.

Später wurde festgestellt, dass Fine registriert war. So fanden die Behörden die Menschen, bei denen sie zuvor gelebt hatte.

Sie waren rechtzeitig aus der überfluteten Gegend weggefahren.

Die Hunde jedoch waren zurückgeblieben.

Zunächst hieß es, man habe geglaubt, Fine und die Welpen seien entkommen.

Doch das passte nicht zum Zustand des Autos.

Die Türen waren geschlossen gewesen.

Die meisten Scheiben waren intakt.

Und Fine war im Inneren festgebunden gewesen.

Was genau vorher geschehen war, wurde anschließend von den zuständigen Stellen untersucht.

Für uns änderte das an diesem Tag nichts.

Vor uns lag eine erschöpfte Mutter mit vier kleinen Hunden.

Und sie kümmerte sich noch immer mehr um sie als um sich selbst.

Wenn einer der Welpen zur Untersuchung weggetragen wurde, hob Fine sofort den Kopf.

Wenn einer fiepte, versuchte sie aufzustehen.

Kaspar war besonders auffällig.

Der Hund, der draußen allein auf einem Autodach ausgeharrt hatte, wollte plötzlich kaum einen Meter von seiner Mutter entfernt sein.

Abends fand ich ihn schlafend an ihrem Hals.

Armin stand neben mir.

„Er hätte auf dem Dach bleiben können.“

Ich nickte.

„Ja.“

„Und als wir kamen, hätte er direkt ins Boot springen können.“

Ich sah den kleinen Körper neben Fine.

Genau das war der Punkt.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.

Kaspar hatte Angst.

Er zitterte.

Er war kalt.

Er sah unser Boot.

Und trotzdem ging er zurück.

Weil seine ganze Welt noch im Auto war.

Die Geschichte verbreitete sich schnell in sozialen Netzwerken.

Plötzlich wollten unzählige Menschen Kaspar adoptieren.

Fast jeder fragte nach dem „kleinen Helden“.

Viel weniger Menschen fragten nach Fine.

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