Er glaubte, seine Babysitterin sei völlig gewöhnlich – bis er sie plötzlich im Vorstand seiner Firma sah

Der Hausmeister hielt seine Babysitterin für eine gewöhnliche junge Frau – bis er sie eines Tages im Vorstandsbüro seines eigenen Arbeitgebers sah

„Herr Berger?“

Ich blieb mitten auf dem glänzenden Flur stehen.

Die Frau vor mir trug ein dunkelblaues Kleid, elegante Schuhe und hielt eine Ledermappe unter dem Arm. Drei Männer in Anzügen warteten hinter ihr, als hinge ihre nächste Entscheidung von jedem ihrer Worte ab.

Ich kannte dieses Gesicht.

Nur kannte ich es sonst mit Mehl auf der Nase, Filzstiften an den Fingern und den Hausschuhen meiner Töchter unter dem Küchentisch.

„Sophie?“

Ihr Gesicht verlor die Farbe.

Einer der Männer sah verwundert zwischen uns hin und her.

„Frau Winter“, sagte er schließlich, „der Vorstand wartet bereits.“

Frau Winter.

In diesem Augenblick verstand ich, dass die junge Frau, der ich seit Monaten meine beiden Töchter anvertraute, mir etwas Entscheidendes verschwiegen hatte.

Und zwar nicht irgendeine Kleinigkeit.

Sie gehörte der Familie, der praktisch die ganze Firma gehörte, in der ich seit sechzehn Jahren arbeitete.

Mein Name ist Thomas Berger. Ich bin 52 Jahre alt und hatte damals längst aufgehört, an Überraschungen zu glauben.

Mit Anfang zwanzig denkt man noch, das Leben liege vor einem wie eine frisch asphaltierte Straße.

Mit fünfzig weiß man, dass diese Straße Schlaglöcher hat.

Manche sieht man rechtzeitig.

Andere reißen einem beinahe die Achse ab.

Vier Jahre zuvor war meine Frau Martina gestorben.

Krebs.

Ein Wort, das früher zu anderen Familien gehört hatte, zu Menschen aus Zeitungsartikeln und Gesprächen im Wartezimmer.

Dann saß plötzlich ich neben einem Krankenhausbett und hielt die Hand der Frau, mit der ich fünfzehn Jahre verheiratet gewesen war.

Unsere Zwillingstöchter Anna und Lea waren damals gerade drei.

Sie verstanden nicht, warum Mama immer schwächer wurde.

Und später verstanden sie nicht, warum sie nicht zurückkam.

Wie erklärt man zwei Dreijährigen den Tod?

Ich hatte keine Antwort.

Also tat ich das, was Männer meiner Generation oft gelernt haben.

Ich funktionierte.

Morgens Brotdosen.

Kindergarten.

Arbeit.

Einkaufen.

Waschmaschine.

Abendessen.

Zähneputzen.

Geschichten vorlesen.

Und wenn beide schliefen, saß ich manchmal allein in unserer Küche und starrte auf Martinas alte Kaffeetasse, die ich monatelang nicht wegstellen konnte.

Meine Töchter waren der Grund, warum ich jeden Morgen wieder aufstand.

Nicht, weil ich besonders stark war.

Sondern weil Kinder keine Pause machen, nur weil einem Erwachsenen das Herz gebrochen wurde.

Ich arbeitete als Leiter der Instandhaltung in einem großen Maschinenbauunternehmen am Rand einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Kein schicker Beruf.

Aber ein ehrlicher.

Wenn eine Produktionsanlage ausfiel, rief man mich.

Ich konnte Pumpen zerlegen, Lager wechseln und am Geräusch eines Motors erkennen, ob etwas nicht stimmte.

Mit Menschen war das schwieriger.

Mein Gehalt reichte.

Mehr aber auch nicht.

Wir wohnten noch immer in dem kleinen Reihenhaus, das Martina und ich gekauft hatten, als die Zinsen günstig gewesen waren und wir glaubten, wir hätten alle Zeit der Welt.

Der Kredit lief weiter.

Dann kamen Strom, Versicherungen, Schulessen, Schuhe, Klassenkasse und die kleinen Dinge, die sich am Monatsende zu großen Zahlen addieren.

Meine Mutter Erika half, wann immer sie konnte.

Sie war damals 74.

Eine Frau aus einer Generation, die lieber sagte „Das geht schon“ als „Ich bin erschöpft“.

Doch ich sah, wie sie nach einem Nachmittag mit zwei siebenjährigen Mädchen die Hand an den Rücken legte, sobald sie dachte, ich würde es nicht bemerken.

„Mama, du musst das nicht machen.“

„Ach, Thomas.“

Dann kam immer dieser Blick.

„Für meine Enkel mache ich das gern.“

Natürlich tat sie das.

Aber irgendwann musste ich zugeben, dass Liebe keine zusätzliche Kraft in die Knie zaubert.

Also suchte ich Betreuung.

Ich probierte einiges.

Eine Studentin war freundlich, sagte aber regelmäßig eine Stunde vorher ab.

Eine andere war pünktlich, schaute jedoch mehr auf ihr Handy als auf Anna und Lea.

Einmal kam ich nach Hause und fand die Mädchen vor dem Fernseher, während die Babysitterin mit Kopfhörern in meiner Küche saß.

Ich wollte niemanden, der nur dafür sorgte, dass meine Kinder bis zu meiner Rückkehr noch im Haus waren.

Ich wollte jemanden, der sie sah.

Vielleicht war das zu viel verlangt.

Dann entdeckte ich eines Samstagnachmittags den kleinen Zettel.

Er hing an einer Pinnwand in einem Café nahe unserer Stadtbibliothek.

Handschriftlich.

Kein Hochglanz.

Keine großen Versprechen.

„Erfahrung mit Kindern. Geduldig, zuverlässig, kreativ. Referenzen vorhanden. Faire Vergütung.“

Darunter eine Telefonnummer.

Sophie.

Ich steckte mir die Nummer ein.

Am Abend, nachdem die Mädchen im Bett waren, rief ich an.

Eine junge Frau ging ran.

Ihre Stimme war ruhig.

Nicht aufgesetzt freundlich.

Einfach angenehm.

Wir telefonierten fast eine halbe Stunde.

Das war ungewöhnlich.

Die meisten fragten zuerst:

Wie viele Stunden?

Wie viel Geld?

Wie weit weg?

Sophie fragte:

„Was mögen Ihre Töchter?“

„Sind sie eher wild oder ruhig?“

„Gibt es etwas, wovor sie Angst haben?“

Dann fragte sie plötzlich:

„Sie haben ihre Mutter verloren, richtig?“

Ich schwieg kurz.

„Ja.“

„Dann würde ich sie beim ersten Treffen nicht bedrängen“, sagte sie. „Kinder, die jemanden verloren haben, entscheiden oft selbst, wie schnell sie Nähe zulassen.“

Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend meine Kaffeetasse abstellte.

Dieser Satz traf mich.

Nicht wegen irgendeiner psychologischen Weisheit.

Sondern weil Sophie als Erste verstand, dass es bei meinen Mädchen nicht nur darum ging, ob sie Nudeln mochten oder wann sie ins Bett mussten.

Es ging um Vertrauen.

Wir verabredeten uns für Samstag.

Als es klingelte, stand eine blonde Frau Ende zwanzig vor meiner Tür.

Jeans.

Cremefarbener Pullover.

Haare zum Pferdeschwanz gebunden.

Keine auffällige Uhr.

Kein Schmuck außer kleinen Ohrsteckern.

Über der Schulter trug sie eine Stofftasche.

„Sie müssen Thomas sein.“

Sie gab mir die Hand.

„Sophie.“

Anna und Lea saßen im Wohnzimmer auf dem Teppich.

Lea versteckte sich beinahe hinter ihrem Stoffhasen.

Anna musterte Sophie so kritisch, als würde sie Personal für einen Konzern einstellen.

Sophie ging nicht direkt auf sie zu.

Sie setzte sich etwa zwei Meter entfernt auf den Teppich.

Dann öffnete sie ihre Tasche.

„Ich habe Buntstifte dabei“, sagte sie. „Aber nur, falls jemand Lust hat.“

Anna schaute sofort hin.

„Welche?“

„Sehr viele.“

„Auch Türkis?“

Sophie tat so, als müsse sie nachdenken.

„Ich glaube sogar zwei Türkistöne.“

Das Eis war gebrochen.

Zwanzig Minuten später lagen drei Menschen auf meinem Wohnzimmerboden und zeichneten Tiere.

Lea hatte Sophie ihren Stoffhasen gegeben.

Das war bemerkenswert.

Diesen Hasen durfte normalerweise niemand anfassen.

Nicht einmal ich, wenn Lea schlechte Laune hatte.

Ich stand in der Küchentür und beobachtete sie.

Es war einer dieser seltenen Augenblicke, in denen man als Vater plötzlich spürt:

Vielleicht wird etwas leichter.

Sophie begann in der folgenden Woche.

Drei Nachmittage.

Manchmal auch samstags, wenn in der Firma Überstunden anfielen.

Ihr Preis war erstaunlich niedrig.

„Sind Sie sicher?“, fragte ich.

„Andere nehmen deutlich mehr.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich mache es gern.“

Damit war die Sache für sie erledigt.

In den folgenden Monaten wurde Sophie ein Teil unseres Alltags.

Und das geschah so unauffällig, dass ich erst später begriff, wie tief sie bereits zu uns gehörte.

Sie holte die Mädchen manchmal von der Grundschule ab.

Sie ging mit ihnen auf den Spielplatz.

Sie bastelte.

Sie las vor.

Sie machte Hausaufgaben, ohne sie ihnen einfach abzunehmen.

Eines Abends kam ich nach Hause und auf unserer kleinen Terrasse standen plötzlich fünf Töpfe.

Petersilie.

Schnittlauch.

Minze.

Basilikum.

Und irgendeine Pflanze, von der ich bis heute nicht weiß, was sie war.

„Unser Garten!“, rief Lea.

„Damit Papa nicht immer getrocknete Kräuter nimmt“, erklärte Anna streng.

Sophie stand daneben und versuchte, nicht zu lachen.

Ein anderes Mal hatten sie Pizza gebacken.

Die Küche sah aus, als hätte jemand einen Mehlsack gesprengt.

Früher hätte mich so etwas nervös gemacht.

Doch Anna hielt mir eine schiefe Pizza hin, auf der Oliven ein Gesicht bildeten.

„Die ist für dich.“

Dann war mir das Mehl egal.

Sophie räumte trotzdem alles auf.

Nicht perfekt.

Aber ordentlich.

Das gefiel mir fast noch mehr.

Sie war kein Mensch, der in unsere Familie kam und plötzlich alles besser konnte.

Manchmal verbrannte ihr etwas.

Einmal verwechselte sie Waschmittel und Weichspüler.

Sie sang fürchterlich falsch.

Und sie konnte beim „Mensch ärgere Dich nicht“ überraschend beleidigt sein.

Meine Mädchen liebten sie dafür.

Und ich?

Ich merkte irgendwann, dass ich auf die kurzen Gespräche mit ihr wartete.

Ich kam um halb sieben nach Hause.

Die Mädchen erzählten gleichzeitig.

Sophie stand am Herd.

Dann saßen wir manchmal noch zehn Minuten zusammen, während Anna und Lea ihre Sachen für den nächsten Tag zusammensuchten.

„Schlimmer Tag?“, fragte Sophie, wenn sie meine Schultern sah.

„Hydraulikpumpe.“

„Ist das schlimm?“

„Wenn du um fünf Feierabend machen willst: ja.“

Sie verstand nichts von Maschinen.

Ich verstand wenig von dem Leben, das sie außerhalb unseres Hauses führte.

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