Elf Stunden suchten wir nach einem vermissten Siebenjährigen im Sauerland. Dann fanden wir einen fast verhungerten Schäferhund und der Junge weigerte sich, ohne ihn heimzugehen.
Ich leite seit fast zwanzig Jahren eine ehrenamtliche Suchgruppe in Nordrhein-Westfalen.
In dieser Zeit habe ich Menschen aus Gräben geholt, Senioren aus Waldstücken geführt und Jugendliche gefunden, die nach einem Streit einfach verschwunden waren.
Aber diese Suche vergesse ich nicht.
Der Anruf kam am späten Nachmittag. Jonas, sieben Jahre alt, war von einem kleinen Familienzeltplatz am Rand eines großen Waldgebiets verschwunden. Seine Mutter hatte ihn nur wenige Minuten aus den Augen gelassen.
Dann war er weg.
Wir suchten die ganze Nacht. In Reihen, mit Lampen, Funkgeräten und zwei ausgebildeten Suchhunden. Wege, Böschungen, Forstschneisen, dichtes Unterholz.
Nichts.
Am Morgen waren mehr als fünfzehn Stunden vergangen. Jeder von uns wusste, was das für ein Kind bedeutete, das nur ein dünnes Shirt und eine leichte Hose getragen hatte.
Keiner sprach es aus.
Kurz nach sieben meldete sich Stefan über Funk.
Er sagte zuerst gar nichts. Nur Atem. Dann kam seine Stimme, und ich hörte sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Ich hab was gefunden.“
Ich blieb stehen.
„Jonas?“
Wieder diese Pause.
„Nein. Einen Hund.“
Ich brauchte vier Minuten bis zu ihm.
Zwischen zwei alten Buchen lag ein Deutscher Schäferhund. Zumindest sah man unter dem verfilzten Fell noch, was für ein Hund er einmal gewesen war.
Seine Rippen standen deutlich hervor. Um den Hals lag eine schwere Kette, befestigt an einem Baum. Die Haut darunter war wund und an mehreren Stellen aufgekratzt.
Neben ihm lag ein umgekippter Plastikeimer.
Leer.
Kein Futter. Kein Wasser.
Der Hund lebte noch, aber kaum. Als Stefan etwas Wasser in seine Hand goss und sie vor die Schnauze hielt, bewegte sich die Zunge des Tieres langsam nach vorn.
Mehr schaffte er nicht.
Wir standen da und wussten genau, was eigentlich zu tun war.
Wir suchten ein Kind.
Ein lebendes Kind, hoffentlich.
Jede Minute zählte.
Bei einer Vermisstensuche darfst du dich nicht von allem ablenken lassen, was dir unterwegs begegnet. Du musst Prioritäten setzen, so hart das klingt.
Ich sah den Hund an.
Dann meine Leute.
Und ich wusste sofort: Keiner von uns würde ihn einfach dort liegen lassen.
„Wir teilen uns auf“, sagte ich. „Stefan und Miriam bleiben hier. Wasser geben, warm halten, Hilfe für den Hund holen. Der Rest kommt mit mir.“
Zwei Leute blieben zurück.
Acht von uns gingen weiter.
Achtundfünfzig Minuten später fanden wir Jonas.
Er saß unterhalb eines Felsvorsprungs, ungefähr achthundert Meter weiter oben am Hang. Seine Arme und Beine waren zerkratzt, seine Lippen blass, sein ganzer Körper zitterte.
Aber er lebte.
Als er uns sah, fing er sofort an zu weinen.
Einer meiner Kollegen drehte sich weg. Ich selbst musste schlucken, bevor ich zu ihm knien konnte.
„Jonas“, sagte ich. „Ich bin Klaus. Wir bringen dich jetzt zu deiner Mutter. Hast du irgendwo Schmerzen?“
Er schüttelte den Kopf.
Dann sah er mich an und fragte:
„Geht es dem Hund gut?“
Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört.
„Welchem Hund?“
„Dem am Baum.“
Mir wurde kalt im Bauch.
Wir hatten ihm nichts erzählt.
Niemand hatte ihm gesagt, dass wir einen Hund gefunden hatten.
Jonas zog die Knie an den Körper und sagte mit einer Stimme, die viel zu fest für einen Siebenjährigen klang:
„Ich gehe nicht ohne ihn nach Hause.“
In diesem Moment verstand ich: Dieser Junge kannte den Hund.
Später bekamen wir die Geschichte Stück für Stück zusammen.
Jonas war am Rand des Zeltplatzes einem Hund hinterhergelaufen. Er hatte zwischen den Bäumen ein Tier gesehen, das hinkte, und geglaubt, es hätte sich verlaufen.
Also folgte er ihm.
Sieben Jahre alt.
Kein Handy.
Kein Gefühl dafür, wie schnell im Wald aus hundert Metern ein Kilometer werden kann.
Irgendwann verlor Jonas den ersten Hund aus den Augen. Er wusste nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war. Er lief weiter, suchte den Weg zurück und geriet immer tiefer zwischen die Bäume.
Dann fand er den zweiten Hund.
Den Schäferhund an der Kette.
Wir gehen bis heute davon aus, dass es zwei verschiedene Tiere waren. Die Stelle, an der Jonas den ersten Hund zuletzt gesehen hatte, lag zu weit entfernt von dem angeketteten Schäferhund.
Jonas erzählte, er habe sofort versucht, die Kette zu lösen.
Er zog daran. Drehte am Verschluss. Suchte einen Ast, mit dem er etwas aufhebeln konnte.
Es funktionierte nicht.
Dann gab er dem Hund den Müsliriegel, den er noch in der Hosentasche hatte.
Sein einziges Essen.
Der Hund fraß.
Im Eimer war kein Wasser.
Jonas wusste nicht, was er tun sollte.
Also blieb er.
Als er müde wurde und immer stärker fror, legte er sich neben den Hund. Er schob sich dicht an dessen Seite, obwohl das Fell schmutzig war und das Tier kaum noch Kraft hatte.
Der Hund bewegte sich nicht weg.
Er legte nur den Kopf ein kleines Stück näher an Jonas.
Später sagte der Arzt, dass genau das dem Jungen vermutlich geholfen hatte. Der wenige Körperkontakt, die Wärme des großen Tieres, die geschützte Stelle am Baum – all das hatte vielleicht verhindert, dass Jonas noch stärker auskühlte.
Aber ich glaube, es war nicht nur Jonas, der in dieser Nacht etwas bekam.
Vielleicht hielt auch der Junge den Hund am Leben.
Vielleicht spürte dieses ausgehungerte Tier zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Hand, die nicht wehtat.
Am Morgen bekam Jonas Angst, dass niemand sie finden würde. Also lief er los, um einen Weg oder Menschen zu suchen.
Aber er ging nicht weit.
Er sagte später, er sei immer wieder ein Stück zurückgelaufen, weil er den Hund nicht allein lassen wollte.
Deshalb war er noch in der Nähe, als wir ihn fanden.
Als ich ihm sagte, dass zwei unserer Leute bei dem Schäferhund waren, sah er mich lange an.
„Die gehen nicht weg?“
„Nein.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Er nickte.
Auf dem Weg zum Rettungswagen fragte er immer wieder dasselbe.
„Der Hund wird nicht eingeschläfert, oder?“
Wir konnten ihm nichts versprechen, was wir nicht wussten.
Aber wir sagten ihm, dass der Hund jetzt behandelt würde.
Jonas hielt meinen Ärmel fest.
„Er ist nicht böse“, sagte er. „Er wurde nur zurückgelassen.“
Diesen Satz habe ich damals gehört.
Verstanden habe ich ihn erst viel später.
Der Schäferhund kam in eine Tierarztpraxis und war in einem schlechten Zustand. Er war stark dehydriert, viel zu dünn und hatte eine entzündete Wunde am Hals.
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