Ein Taucher fand einen gefesselten Hund am Seegrund doch dann geschah das Unmögliche

Zwölf Meter unter mir lag ein Hund, an einen Betonblock gebunden, und als wir ihn bargen, flüsterte plötzlich jemand: „Warte… er lebt noch.“

Meine Hand glitt durch den Schlamm, als meine Finger plötzlich etwas Raues fanden.

Ein Seil.

Eigentlich war ich wegen eines Eherings dort unten.

Ich heiße Hannes Riedel, bin 46 Jahre alt und arbeite als Berufstaucher. Keine spektakulären Einsätze wie im Fernsehen. Meistens suchen Leute mich, weil ihnen Schlüssel, Handys, Werkzeuge oder Schmuck ins Wasser gefallen sind.

An diesem Tag hatte ein Mann an einem öffentlichen Steg an einem Baggersee bei Kassel seinen Ehering verloren.

Ein einfacher Auftrag.

Zumindest dachte ich das.

Unter Wasser konnte ich kaum etwas sehen. Also arbeitete ich mich Zentimeter für Zentimeter über den Grund und tastete den Schlamm mit meinen Handschuhen ab.

Nach etwa zwanzig Minuten fand ich das Seil.

In Seen liegt ständig irgendein alter Kram. Angelschnüre, Leinen, Metallteile, kaputte Eimer. Deshalb dachte ich mir zunächst nichts dabei.

Ich folgte dem Seil mit der Hand.

Dann stieß ich gegen etwas Hartes.

Einen schweren Betonblock.

Doch das Seil endete dort nicht.

Es führte weiter.

Vielleicht einen halben Meter.

Und dann berührte ich etwas Weiches.

Fell.

Ich blieb völlig still.

Meine Finger tasteten weiter.

Ein Bein.

Noch eins.

Ein Körper.

Ein Kopf.

Ein Halsband.

Und das Seil war am Hals befestigt.

In diesem Moment verstand ich, was ich dort unten gefunden hatte.

Jemand hatte einen Hund an einen schweren Block gebunden und ihn im tiefen Wasser versenkt.

Ich weiß noch, wie mein Herz gegen den Tauchanzug schlug.

Ich hatte schon Dinge aus dunklem Wasser geborgen, die man lieber nie gesehen hätte. Trotzdem traf mich dieser Anblick – oder besser gesagt dieses Ertasten – völlig unvorbereitet.

Der Hund bewegte sich nicht.

Er war kalt.

Schlaff.

Für mich gab es keinen Zweifel.

Er war tot.

Ich stieg schneller auf, als ich es hätte tun sollen.

Als mein Kopf über Wasser kam, riss ich den Atemregler heraus und rief dem Mann auf dem Steg zu:

„Rufen Sie die Polizei! Sofort!“

Er starrte mich an.

„Was ist passiert?“

Ich zog meine Maske hoch.

„Da unten liegt ein Hund.“

Mehr brachte ich zunächst nicht heraus.

Dann sagte ich:

„An einen Block gebunden.“

Wenig später kamen zwei Polizeibeamte.

Einer von ihnen hieß Marek Vogt. Anfang fünfzig, ruhiger Mann, kräftige Hände. Er hatte früher bei Wasserrettungseinsätzen geholfen und verstand sofort, was zu tun war.

„Können Sie die Stelle wiederfinden?“, fragte er.

Ich nickte.

Natürlich konnte ich.

Und trotzdem wollte jeder Teil meines Körpers genau das Gegenteil.

Ich wollte nicht noch einmal hinunter.

Es ist schwer zu erklären, wenn man so etwas nie erlebt hat. Einen verlorenen Gegenstand zu bergen ist Arbeit.

Einen toten Hund aus der Dunkelheit zu holen, den jemand absichtlich dort versenkt hat, ist etwas anderes.

Aber der Gedanke, ihn einfach dort unten liegen zu lassen, war schlimmer.

Also setzte ich die Maske wieder auf.

Ich tauchte ab.

Ich fand das Seil.

Mit meinem Tauchmesser durchschnitt ich die Verbindung zum Betonblock.

Dann nahm ich den Hund unter den Körper und begann mit ihm aufzusteigen.

Er hing schwer in meinen Armen.

Kein Zucken.

Keine Bewegung.

Am Steg half Marek mir, ihn aus dem Wasser zu ziehen.

Der Hund war ein Golden Retriever.

Sein Fell klebte am Körper. Ein Auge sah schwer verletzt aus. Sein Kopf fiel zur Seite, als wir ihn auf die Holzbretter legten.

Marek kniete sich sofort hin.

Er legte zwei Finger an den Brustkorb.

Dann veränderte sich sein Gesicht.

„Moment.“

Ich dachte, ich hätte ihn falsch verstanden.

Er tastete noch einmal.

„Hannes.“

„Was?“

Marek sah mich an.

„Ich glaube, da ist ein Herzschlag.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das kann nicht sein.“

Ich hatte den Hund zwölf Meter tief gefunden.

Er war regungslos gewesen.

Kalt.

Unter Wasser.

An einen Block gebunden.

Marek diskutierte nicht.

Er legte den Hund auf die Seite und begann sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen.

Ich hatte bis dahin keine Ahnung, dass man einen Hund auf diese Weise wiederbeleben konnte.

Marek schon.

Er drückte rhythmisch auf den Brustkorb, hielt das Maul geschlossen und beatmete ihn vorsichtig über die Nase.

Wasser lief aus dem Maul des Hundes.

Nichts geschah.

Marek machte weiter.

Eine Minute.

Drei.

Fünf.

Der zweite Beamte telefonierte mit einer Tierklinik und erklärte die Lage.

Die Antwort war kurz:

Weiter machen.

Nicht aufhören.

Nach vielleicht acht oder neun Minuten sah ich Mareks Arme zittern.

„Ich übernehme“, sagte ich.

Er zeigte mir innerhalb weniger Sekunden, wo ich drücken musste.

Also kniete ich mich neben diesen Hund, den ich wenige Minuten zuvor für tot gehalten hatte, und drückte auf seinen Brustkorb.

Immer wieder.

Marek beatmete ihn.

Dann wechselten wir.

Zehn Minuten.

Fünfzehn.

Kein Mensch am Steg sprach mehr.

Der Mann mit dem verlorenen Ehering stand einige Meter entfernt und hielt beide Hände vor den Mund.

Nach fast zwanzig Minuten sagte ein Teil in meinem Kopf:

Das reicht.

Er ist tot.

Ihr müsst aufhören.

Doch Marek hörte nicht auf.

Wir legten den Hund schließlich in das Fahrzeug und fuhren Richtung Tierklinik.

Auch dort machten wir weiter.

Und dann geschah etwas, das ich bis heute vor mir sehe.

Der Körper des Hundes zuckte.

Marek hielt inne.

„Noch mal.“

Der Hund zuckte erneut.

Dann kam plötzlich Wasser aus seinem Maul.

Viel Wasser.

Und er hustete.

Nur einmal.

Ein schwaches, schreckliches Geräusch.

Aber es war ein Husten.

„Er lebt!“, rief ich.

Der Hund würgte.

Dann hob sich sein Brustkorb.

Er holte Luft.

Keine ruhige Atmung.

Kein normales Atmen.

Es war ein rauer, verzweifelter Atemzug.

Aber er atmete.

Der Hund, den ich zwölf Meter tief im See gefunden hatte, atmete.

In der Tierklinik wurde er sofort übernommen.

Marek und ich blieben draußen sitzen.

Meine Kleidung war nass, meine Hände zitterten noch, und ich merkte erst dort, wie erschöpft ich war.

Nach einer langen Zeit kam die Tierärztin zu uns.

„Er wird es wahrscheinlich schaffen“, sagte sie.

Ich glaube, weder Marek noch ich verstanden den Satz sofort.

„Wirklich?“, fragte ich.

Sie nickte.

Der Hund hatte schwere Schäden davongetragen.

Ein Auge konnte nicht gerettet werden. Seine Lunge war angegriffen. Niemand konnte sagen, wie lange seine vollständige Genesung dauern würde.

Aber er lebte.

Ein Golden Retriever hatte etwas überstanden, das eigentlich nicht zu überstehen war.

Sein dichtes Fell hatte möglicherweise geholfen, seinen Körper länger vor dem Auskühlen zu schützen. Die lange Wiederbelebung hatte ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt.

Doch selbst die Tierärztin schüttelte immer wieder den Kopf.

„So etwas sieht man nicht oft.“

Bevor ich ging, durfte ich kurz zu ihm.

Er lag auf einer Decke.

Eine Infusion führte zu seinem Vorderbein.

Über seinem verletzten Auge lag ein Verband.

Ich legte meine Hand auf seinen Kopf.

Derselbe Kopf, den ich wenige Stunden zuvor unter Wasser ertastet hatte.

Diesmal war er warm.

Ich stand dort und weinte.

Nicht leise und würdevoll.

Ich weinte einfach.

Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Hund bald bei mir leben würde.

Aber wahrscheinlich wusste es irgendein Teil von mir bereits.

Die Polizei versuchte herauszufinden, wem er gehört hatte.

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