Die Hündin war nur zehn Meter vom Schatten entfernt doch ihre Kette ließ sie nicht hin

Die Hündin lag nur zehn Meter vom Schatten entfernt, doch die Kette hielt sie fest, bis ein Fremder anhielt und alles veränderte.

Als ich die Kette sah, stellte ich den Motor ab, noch bevor ich richtig wusste, was ich da eigentlich vor mir hatte.

Die gestromte Hündin stand neben einem verlassenen Grundstück an einer Landstraße nördlich von Kassel. Vor ihr lag eine umgekippte Plastikschüssel. Hinter ihr war die Kette um einen alten Metallpfosten gelegt.

Und ungefähr zehn Meter weiter begann der Schatten eines großen Baumes.

Zehn Meter.

Mehr nicht.

Sie konnte den kühlen Boden sehen. Sie konnte wahrscheinlich sogar riechen, dass es dort angenehmer war.

Aber sie kam nicht hin.

Mein Name ist Ralf Berger. Damals war ich 57, trug einen grauen Bart, hatte Tätowierungen auf beiden Armen und fuhr seit Jahrzehnten Motorrad. Die meisten Menschen sahen zuerst die Lederweste, meine breiten Schultern und die Narben an meinen Händen.

Danach entschieden sie, was für ein Mensch ich sein musste.

Das war mir längst egal geworden.

Doch als diese Hündin den Kopf hob und mich ansah, war mir plötzlich überhaupt nichts mehr egal.

Ihre Rippen zeichneten sich deutlich ab. Die Zunge hing trocken aus ihrem Maul. Sie verlagerte ständig das Gewicht von einer Pfote auf die andere, als würde selbst der Boden unter ihr wehtun.

Ich ging langsam näher.

Sie wich zurück.

Die Kette spannte sich.

Sofort blieb ich stehen.

„Schon gut“, sagte ich leise. „Ich komme nicht näher.“

Ich hatte noch Wasser im Seitenwagen meines alten Motorradgespanns. Eigentlich war es für mich gedacht.

Ich holte die Flasche, setzte mich mehrere Meter von der Hündin entfernt auf den Boden und goss etwas Wasser in eine kleine Schale, die ich immer für unterwegs dabeihatte.

Dann schob ich sie langsam nach vorn.

Die Hündin starrte darauf.

Nicht auf mich.

Nur auf das Wasser.

Sie machte einen Schritt.

Dann noch einen.

Die Kette wurde straff.

Ihre Vorderbeine gaben kurz nach.

Ich sah, wie sie sich wieder hochdrückte.

In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht einfach weiterfahren würde.

Ich schob die Schale so weit zu ihr, wie ich konnte.

Sie trank hektisch.

So schnell, dass ich die Schale wieder ein Stück zurückziehen musste.

„Langsam“, sagte ich. „Du bekommst mehr.“

Sie verstand natürlich nicht jedes Wort.

Aber sie verstand offenbar, dass das Wasser wiederkam.

Ein wenig trinken.

Pause.

Noch ein wenig.

Wieder Pause.

So saßen wir dort.

Dann bemerkte ich die Stelle an ihrem Hals.

Unter dem Halsband war das Fell verklebt. Die Haut darunter war wund. Bei jeder Bewegung rieb das Material über die verletzte Stelle.

Ich rief eine Tierarztpraxis an, bei der ich früher schon einmal mit einem verletzten Fundtier gewesen war.

Dr. Miriam Falk ging selbst ans Telefon.

Ich erklärte ihr, was ich sah.

Ihre Stimme wurde sofort ernst.

„Kühlt sie langsam“, sagte sie. „Kleine Mengen Wasser. Nicht alles auf einmal. Und bringt sie her, sobald sie transportfähig ist.“

Ich legte mein Handy neben mich und zog meine Lederweste aus.

Dann hielt ich sie so, dass sie der Hündin zusätzlich Schatten gab.

Eine ganze Weile passierte fast nichts.

Autos fuhren vorbei.

Manche wurden langsamer.

Niemand hielt an.

Die Hündin beobachtete jedes Fahrzeug.

Bei einem lauten Motor zuckte sie so stark zusammen, dass ich instinktiv die Hand ausstreckte.

Sofort erstarrte sie.

Also zog ich meine Hand wieder zurück.

„Gut“, murmelte ich. „Dann eben ohne Anfassen.“

Ich setzte mich zurück.

Beide Hände sichtbar auf den Boden.

Nach vielleicht zwanzig Minuten bewegte sie sich ein kleines Stück in meine Richtung.

Nicht weit.

Nur so weit, dass ihre Nase meinen Schuh erreichen konnte.

Sie schnupperte.

Dann legte sie ihren Kopf auf meine Stiefelspitze.

Das traf mich härter, als ich erwartet hatte.

Dieser Hund kannte mich seit kaum einer halben Stunde.

Er hatte offensichtlich schlechte Erfahrungen gemacht.

Und trotzdem legte er seinen Kopf auf den Schuh eines völlig fremden Mannes.

Nicht weil er mir vertraute.

Noch nicht.

Sondern weil er keine Kraft mehr hatte, allein aufzupassen.

Schließlich gelang es mir, die Befestigung der Kette zu lösen.

Die Hündin stand plötzlich frei.

Für einen Moment bewegte sie sich überhaupt nicht.

Sie schaute nur nach vorn.

Dann ging sie direkt unter den Baum.

Keine Runde.

Kein Schnuppern.

Kein Blick zurück.

Sie lief zu dem Schatten, den sie so lange vor Augen gehabt hatte, legte sich hin und schloss die Augen.

Ich setzte mich neben sie.

Da bekam sie ihren Namen.

Schatten.

Nicht besonders originell.

Aber in diesem Moment passte kein anderer.

Fast zwei Stunden blieb ich dort.

Ich feuchtete ein Tuch an, kühlte vorsichtig ihre Pfoten und gab ihr immer wieder kleine Mengen Wasser.

Als ihre Atmung ruhiger wurde, bereitete ich meinen Seitenwagen vor.

Eine Decke hinein.

Meine Lederweste darüber.

Ein Handtuch unter ihren Kopf.

Als ich sie hochhob, spannte sich ihr ganzer Körper an.

„Nur kurz“, sagte ich. „Dann bist du hier weg.“

Sie winselte leise.

Aber sie schnappte nicht.

Im Seitenwagen legte sie sofort den Kopf auf meine Weste.

Ich fuhr langsam zur Praxis.

Jedes Schlagloch nahm ich vorsichtiger als sonst.

Bei jeder roten Ampel sah ich hinüber.

Einmal hob Schatten den Kopf.

Ihr Schwanz bewegte sich.

Nur einmal gegen die Decke.

Ein kleiner Schlag.

Mehr Kraft hatte sie nicht.

In der Praxis wartete Miriam bereits.

Als zwei Helferinnen mit einer Trage kamen, spannte Schatten sich wieder an.

Miriam sah es sofort.

„Ralf, trag du sie.“

Also nahm ich die Hündin wieder hoch.

Diesmal legte sie den Kopf an meine Brust.

Die Untersuchungen bestätigten, was wir befürchtet hatten.

Sie war stark ausgetrocknet und deutlich zu dünn. Ihre Pfoten waren gereizt. Die Wunde am Hals hatte sich entzündet.

Aber sie hatte eine Chance.

„Das hier ist nicht erst seit gestern so“, sagte Miriam.

Ich sah Schatten auf der Behandlungsmatte liegen.

„Das dachte ich mir.“

Dann kam das Lesegerät für den Mikrochip.

Wir rechneten beide nicht mit viel.

Doch es piepte.

Schatten war registriert.

Ihr früherer Name war Lotte.

Der eingetragene Halter hieß Klaus und hatte früher nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt gewohnt, an dem ich sie gefunden hatte.

Klaus war allerdings bereits Monate zuvor gestorben.

Miriam telefonierte länger mit seiner Familie.

Danach setzte sie sich zu mir.

„Es sieht so aus, als hätte er sie sehr geliebt.“

Das passte nicht zu dem Bild vor uns.

Also erzählte sie weiter.

Klaus hatte Lotte schon als junge Hündin aufgenommen. Sie schlief neben seinem Sessel, fuhr oft mit ihm im Auto mit und folgte ihm überallhin.

Als seine Gesundheit schlechter wurde, musste er sein Haus verlassen.

Jemand aus der Familie sollte sich vorübergehend um die Hündin kümmern.

Danach verlor sich ihre Spur.

Man hatte behauptet, sie sei weggelaufen.

Die Tochter von Klaus hatte gesucht.

Aber irgendwann wusste niemand mehr, wo Lotte geblieben war.

Bis ich sie fand.

An einer Kette.

Mit einer leeren Schüssel.

Zehn Meter vom Schatten entfernt.

Die zuständigen Stellen wurden eingeschaltet. Fotos wurden gemacht. Der Fundort wurde dokumentiert.

Was genau vorher passiert war, wurde später geprüft.

Für mich spielte in diesen Tagen etwas anderes eine größere Rolle.

Schatten wollte nicht, dass ich ging.

Wenn ich mich von ihrem Platz entfernte, wurde ihre Atmung schneller.

Wenn ich zurückkam, entspannte sie sich.

Am ersten Abend blieb ich bis weit nach Ladenschluss.

Miriam stellte mir irgendwann einen Stuhl hin.

„Du weißt schon, dass du irgendwann nach Hause musst?“

„Später.“

„Ralf.“

„Später.“

Kurz nach zwei Uhr morgens wachte Schatten auf.

Ich legte meine Hand neben ihren Kopf.

Sie schnupperte daran.

Dann schob sie ihre Schnauze auf meine Finger und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen sagte niemand in der Praxis mehr Lotte.

Alle nannten sie Schatten.

Fünf Tage blieb sie dort.

Ich kam jeden Tag.

Beim dritten Besuch stand sie auf, als sie mich sah.

Beim vierten drückte sie den Kopf gegen mein Bein.

Beim fünften fragte Miriam:

„Pflegestelle oder richtig?“

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