Ich warf meinen alten Hund in den Schnee – erst ein Notizbuch meiner verstorbenen Frau erklärte mir, warum er trotzdem vor der Tür blieb.
Ich packte den Hund am Halsband, zog die Haustür auf und schob ihn hinaus.
Er stolperte über die beiden Stufen, rutschte seitlich in den Schnee und blieb dort liegen. Kein Bellen. Kein Knurren. Nur dieser Blick.
„Und jetzt bleib draußen“, sagte ich und schlug die Tür zu.
Meine Hände zitterten.
Überall waren Haare auf meiner Hose. Auf meiner guten dunklen Hose, die ich sonntags trug. Grete konnte Unordnung nicht ausstehen.
„Die hat doch heute Morgen erst gesaugt“, murmelte ich.
Ich sah auf die Wanduhr.
17.15 Uhr.
Grete musste jeden Moment vom Supermarkt zurückkommen. Sie wollte Rinderrouladen holen. Dienstag war Rouladentag. Danach ein Bier, die Nachrichten im Fernsehen und früh ins Bett.
So war das seit Jahren.
Oder?
Ich drehte mich zum Wohnzimmer um.
Irgendetwas stimmte nicht.
Der Teppich war an mehreren Stellen dünn. Neben meinem Sessel stand ein kleiner Tisch mit Medikamentenschachteln. Auf der Kommode lagen Briefe, die ich nicht kannte.
Ich ging zum Spiegel im Flur.
Ich wollte meine Krawatte richten.
Doch ich trug gar keine.
Im Spiegel stand ein alter Mann mit grauem Haar, eingefallenen Wangen und einem fleckigen Flanellhemd.
Ich wich zurück.
„Wer bist du?“
Der Mann im Spiegel tat dasselbe.
Mein Herz raste.
Ich war doch fünfundvierzig. Schichtmeister in einer großen Maschinenfabrik. Breite Schultern, schwarze Haare, kräftige Hände.
Der Mann im Spiegel war nicht fünfundvierzig.
Er war sehr alt.
„Grete?“
Keine Antwort.
„Grete!“
Nichts.
Ich rief noch einmal, diesmal lauter.
Die Stille im Haus machte mir plötzlich Angst.
Wo war sie?
Und warum lief seit Stunden dieser fremde Hund hinter mir her?
Er war mir von der Küche bis ins Wohnzimmer gefolgt. Langsam, mit steifen Hinterbeinen. Seine Krallen hatten auf dem Boden geklickt. Immer wieder hatte er mich angesehen.
Ich besaß keinen Hund.
Grete wollte nie einen.
Davon war ich überzeugt.
Dann sah ich das Buch.
Es lag auf dem kleinen Tisch neben meinem Sessel. Dickes, braunes Leder. Auf dem Umschlag klebte ein Streifen blaues Klebeband.
Darauf stand mit schwarzem Filzstift:
LIES DAS, WENN DU ANGST HAST.
Ich kannte die Schrift.
Gretes Schrift.
Meine Finger zitterten, als ich das Buch öffnete.
Auf der ersten Seite stand:
Mein lieber Walter,
wenn du das hier liest, ist wieder einer von diesen Tagen, an denen alles durcheinandergerät. Du bist zu Hause. Du bist sicher. Das Wichtigste zuerst: Ich kann dir das leider nicht mehr selbst sagen.
Ich bin vor vier Jahren gestorben.
Du warst bei mir.
Ich hörte auf zu lesen.
„Nein.“
Meine Stimme klang dünn.
„Nein, nein. Du bist einkaufen.“
Ich sah zur Tür, als müsste Grete in diesem Moment hereinkommen, mit zwei Einkaufstaschen in den Händen und diesem Blick, der sagte, dass ich wieder vergessen hatte, den Tisch zu decken.
Aber die Tür blieb zu.
Ich zwang mich weiterzulesen.
Walter, ich weiß, dass dir diese Wahrheit jedes Mal wieder wehtut. Es tut mir leid. Aber du bist nicht allein.
Such Jasko.
Jasko ist unser Hund. Er ist vierzehn Jahre alt. Wir haben ihn vor zwölf Jahren aufgenommen, kurz nachdem du in Rente gegangen bist. Du wolltest ihn zuerst nicht. Du hast gesagt: „Ich fange jetzt nicht an, hinter einem Hund herzuwischen.“
Am ersten Abend hat er sich auf deinen Hausschuh gelegt und ist eingeschlafen.
Du bist fast zwei Stunden im Flur sitzen geblieben, weil du ihn nicht wecken wolltest.
Ich musste mich am Tisch festhalten.
Jasko.
Draußen.
Gretes Text ging weiter.
Als ich am Ende kaum noch laufen konnte, lag Jasko jeden Abend an meinem Bett. Danach blieb er bei dir. Er hört schlecht. Seine Hüften tun ihm weh. Morgens bekommt er seine Tablette in einem Stück Käse.
Bitte sei gut zu ihm.
Er kennt unser gemeinsames Leben noch, wenn du es gerade nicht findest.
Ich liebe dich.
Deine Grete.
Das Buch glitt mir aus der Hand.
Plötzlich sah ich wieder die trüben Augen des Hundes.
Er hatte sich nicht gewehrt, als ich ihn hinausgeschoben hatte.
Er hatte mir vertraut.
„Jasko“, flüsterte ich.
Dann schrie ich seinen Namen.
Ich riss die Haustür auf.
Vor der Treppe lag eine goldbraune Gestalt halb im Schnee.
Er war nicht weggelaufen.
Er war dort geblieben, wo ich ihn hinausgeworfen hatte.
Als würde er darauf warten, dass ich wieder ich selbst wurde.
Ich ging ohne Jacke hinaus.
Meine Hausschuhe waren sofort nass. Meine Knie schmerzten bei jedem Schritt.
Neben Jasko sank ich auf die Knie.
Er zitterte am ganzen Körper.
„Mein Junge“, brachte ich heraus. „Was habe ich getan?“
Ich schob den Schnee von seinem Rücken und legte beide Arme um ihn.
Jasko hob langsam den Kopf.
Dann leckte er mir über die Wange.
Einmal.
Sein Schwanz klopfte schwach gegen den Boden.
Ich begann zu weinen.
Nicht leise.
Ich weinte wie ein Kind.
Ich versuchte, ihn hochzuheben, aber mein Rücken machte nicht mehr mit. Jasko war schwer, und ich war nicht mehr der Mann, der früher Metallteile durch eine Werkhalle getragen hatte.
„Wir machen das zusammen“, sagte ich.
Ich zog.
Er drückte sich mit den Hinterbeinen hoch.
So kamen wir irgendwie bis zur Tür.
Drinnen fielen wir beide auf die Fußmatte.
Ich holte Gretes alte Wolldecke vom Sofa und legte sie über Jasko. Dann fand ich in der Küche eine Scheibe Käse.
Er nahm sie ganz vorsichtig.
Wir saßen nebeneinander auf dem Boden.
Ich strich über die Stelle hinter seinem Ohr.
Und plötzlich war da ein Bild.
Grete im Sessel.
Jasko noch jung, viel zu große Pfoten, meinen Schnürsenkel im Maul.
Grete lachte.
Ich schimpfte.
Dann lachte ich auch.
Die Erinnerung war nur wenige Sekunden da.
Aber sie war echt.
„Du kennst mich noch“, sagte ich zu Jasko.
Er sah mich an.
Und ich verstand etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte.
Mein Kopf konnte mich im Stich lassen.
Aber dieser Hund tat es nicht.
Am nächsten Morgen wachte ich im Sessel auf.
Jasko lag auf dem Teppich, halb unter Gretes Decke.
Für einen Moment wusste ich wieder nicht, welches Jahr wir hatten.
Dann sah ich das Notizbuch.
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