Der dreibeinige Paco vertraute niemandem bis ein Lieferfahrer jeden Mittag einfach nur bei ihm saß

286 Tage drehte der dreibeinige Hund jedem Besucher den Rücken zu bis ein Lieferfahrer seine Mittagspause vor seinem Zwinger verbrachte und nichts verlangte.

„Fass ihn bitte nicht an.“

Dietmar Fricke hatte seine Hand noch gar nicht ausgestreckt. Trotzdem sagte ich es sofort, als er sich vor Zwinger siebzehn auf den Betonboden setzte.

Er nickte nur.

Dann legte er beide Hände auf seine Knie und schaute nicht mehr direkt zum Hund.

Paco stand ganz hinten an der Wand.

Fünf Jahre alt, kräftiger grauer Mischling, weiße Brust, eine weiße Vorderpfote. Sein linkes Hinterbein fehlte seit langer Zeit. Die Operationsstelle war sauber verheilt.

Das Bein war aber nicht das, was ihm das Leben im Tierheim schwer machte.

Es waren Hände.

Sobald jemand vor seinem Zwinger stehen blieb oder sich zu ihm hinunterbeugte, wurde Paco steif.

Dann drehte er seine linke Seite zur Wand, senkte den Kopf und wartete.

Manche Besucher hielten das für Ablehnung.

Andere lasen die Karte an seiner Tür, sahen auf die drei Beine und sagten leise: „Das wird bestimmt kompliziert.“

Nach einer Minute gingen sie weiter.

Paco bellte ihnen nie hinterher.

Er wartete einfach, bis ihre Schritte verschwunden waren.

An diesem Tag war Paco seit 286 Tagen bei uns.

Dietmar war eigentlich nur gekommen, um mehrere Kartons mit medizinischem Material abzuliefern. Dunkle Arbeitshose, feste Schuhe, schlichtes braunes Hemd.

Er unterschrieb den Lieferschein und schob seinen leeren Wagen schon Richtung Ausgang.

Dann blieb er vor Zwinger siebzehn stehen.

Paco drehte sich sofort zur Wand.

„Hab ich ihn erschreckt?“, fragte Dietmar.

„Er macht das bei fast allen.“

Dietmar sah auf den Boden.

Nach einigen Sekunden zuckte Pacos rechtes Ohr.

„Was ist mit seinem Bein passiert?“

„Wissen wir nicht genau. Es wurde lange vor seiner Ankunft amputiert.“

Ich erklärte ihm, dass Paco auf drei Beinen erstaunlich gut laufen konnte. Aber glatte Böden waren schwierig. Zu viel Gewicht belastete seine verbliebenen Gelenke. Treppen mussten langsam genommen werden.

Dietmar hörte zu.

Dann fragte er etwas, das ich von einem Besucher noch nie gehört hatte.

„Sitzt eigentlich mal jemand einfach nur bei ihm? Ohne ihn anzufassen?“

Ich musste überlegen.

Natürlich beschäftigten wir uns mit ängstlichen Hunden.

Wir legten Futter aus. Wir übten mit Leinen. Wir lasen manchmal in ihrer Nähe.

Aber im Tierheim hatte fast alles ein Ziel.

Komm näher.

Nimm das Leckerli.

Lass dich anfassen.

Geh durch die Tür.

Dietmar nickte, als hätte er seine Antwort bekommen.

Am nächsten Mittag kam er wieder.

Diesmal hatte er keine Lieferung.

Er setzte sich ungefähr zwei Meter vor Pacos Zwinger, holte ein belegtes Brot und eine Wasserflasche aus seiner Tasche und begann zu essen.

Paco blieb hinten.

Dietmar sagte kein einziges Wort.

Nach einer halben Stunde stand er auf, steckte die Verpackung ein und ging.

Am Dienstag kam er wieder.

Am Mittwoch auch.

Am Donnerstag saß er erneut dort.

Immer derselbe Abstand.

Immer die Hände sichtbar.

Keine Rufe.

Kein „Na komm doch“.

Kein Versuch, Paco mit Futter anzulocken.

In der zweiten Woche kannten die anderen Hunde Dietmar bereits.

Sobald er den Gang betrat, bellten mehrere los und drückten ihre Nasen gegen die Gitter.

Dietmar begrüßte sie leise.

Dann ging er zu Zwinger siebzehn.

Paco begann auf das braune Arbeitshemd zu achten.

Am vierzehnten Tag musste Dietmar plötzlich niesen.

Paco fuhr hoch.

Früher hätte er sich sofort zur Wand gedreht.

Diesmal blieb er stehen und sah Dietmar an.

Nur zwei Sekunden.

Aber ich sah es.

Dietmar auch.

Er machte nichts daraus.

Genau das war wahrscheinlich der Grund, warum es weiterging.

Drei Tage später stellte Dietmar seine Wasserflasche neben sich.

Paco erhob sich und kam bis zur Mitte des Zwingers.

Er schnupperte.

Dietmar blieb vollkommen still.

Nach einigen Sekunden ging Paco wieder zurück.

Doch er versteckte sich nicht.

Am neunzehnten Tag kam Dietmar sechzehn Minuten später als sonst.

Ich weiß das so genau, weil Paco bereits vorne am Gitter stand.

Als Dietmar um die Ecke bog, sagte er leise:

„Entschuldige, mein Freund. Heute war mehr los.“

Pacos Schwanz bewegte sich einmal.

Kein richtiges Wedeln.

Nur eine kleine Bewegung.

Weil er nur ein Hinterbein hatte, musste Paco sofort sein Gewicht neu ausgleichen.

Dietmar sah demonstrativ zur Seite.

Paco kam noch einen Schritt näher.

Dann legte er sich direkt hinter das Gitter.

Zum ersten Mal zeigte seine fehlende linke Seite offen in den Gang.

Als Dietmar gegangen war, überprüfte ich später die Kameraaufnahme.

Dabei entdeckte ich etwas Seltsames.

Paco hatte kurz vor zwölf einen kleinen Stofffetzen aus seinem Bett genommen.

Es war ein Stück seiner alten Fleecedecke.

Er trug es nach vorne.

Dann legte er es direkt neben das Gitter.

Am nächsten Mittag lag Paco mit der Schnauze darauf und wartete auf Dietmar.

Ich sagte ihm sofort:

„Bitte nimm die Decke nicht.“

„Mach ich nicht.“

Dietmar setzte sich.

Eine Hand legte er neben sein Knie auf den Boden.

Noch immer weit genug entfernt.

Paco beobachtete sie.

Dann legte er seinen Kopf wieder auf den Stoff.

Zwischen ihnen lagen fast zwei Meter.

Aber es fühlte sich nicht mehr an wie früher.

In der dritten Woche durfte Dietmar bei Pacos ruhigen Runden im kleinen Auslauf dabei sein.

Draußen bewegte Paco sich sicherer.

Er konnte Abstand schaffen, wenn ihm etwas zu viel wurde.

Ich hielt die Leine.

Dietmar ging außerhalb des Zauns parallel zu uns.

Wenn Dietmar stehen blieb, blieb Paco ebenfalls stehen.

Wenn Dietmar weiterging, folgte Paco nach einigen Sekunden.

Beim vierten Mal lief Paco fast zwanzig Meter neben ihm her.

Nur der Zaun trennte sie.

Später legten wir zusätzliche rutschfeste Matten aus.

Paco war kein zerbrechlicher Hund.

Aber drei Beine bedeuteten, dass jedes verbliebene Gelenk mehr Arbeit leisten musste.

Dietmar fragte nach allem.

Teppiche.

Treppen.

Spaziergänge.

Autoeinstieg.

Gewicht.

Er hörte genauer zu als manche Menschen, die bereits einen Adoptionsvertrag unterschreiben wollten.

Dabei hatte er Paco noch immer nicht angefasst.

Am siebenundzwanzigsten Mittag öffneten wir die Zwingertür.

Eine zweite Absperrung blieb zwischen Paco und Dietmar.

Elf Minuten geschah nichts.

Dann kam Paco heraus.

Dietmars Hand lag auf dem Boden.

Paco streckte seinen Hals vor.

Zog ihn zurück.

Versuchte es wieder.

Beim dritten Mal berührte seine Nase ganz kurz Dietmars Finger.

Nicht einmal eine Sekunde.

Dietmar bewegte die Hand nicht.

Paco ging zurück in seinen Zwinger.

Drehte sich einmal auf seiner Decke.

Dann legte er sich hin.

Mit dem Gesicht zu Dietmar.

Am selben Nachmittag bat Dietmar um einen Adoptionsbogen.

Bei der Frage, welche Eigenschaften sein zukünftiger Hund haben sollte, schrieb er nur einen Satz:

„Ich möchte, dass der Hund aus Zwinger siebzehn selbst entscheidet, ob ich sicher für ihn bin.“

Trotzdem durfte Paco nicht einfach mitfahren.

Vertrauen im Tierheim war eine Sache.

Ein fremdes Haus war etwas anderes.

Dietmar lebte allein in einem kleinen eingeschossigen Haus am Stadtrand von Kassel.

Der Vermieter erlaubte Hunde. Hinter dem Haus lag ein eingezäunter Garten.

Es gab allerdings ein Problem.

Vor der Haustür lagen vier glatte Holzstufen.

Im Wohnzimmer Laminat.

Für einen Hund mit nur einem Hinterbein war beides schlecht.

Zwei Tage später zeigte Dietmar mir Fotos auf seinem Handy.

Über einer Seite der Treppe lag jetzt eine flache Rampe.

Vom Eingang durch das Wohnzimmer hatte er rutschfeste Läufer ausgelegt.

„Du weißt doch noch gar nicht, ob er mit dir nach Hause geht“, sagte ich.

Dietmar zuckte mit den Schultern.

„Wenn er es versucht, soll er nicht wegen meinem Boden scheitern.“

Unsere nächsten Treffen fanden in einem ruhigen Raum statt.

Dietmar saß an der Wand.

Paco konnte jederzeit zurückweichen.

Beim ersten Treffen versteckte er sich hinter einem Stuhl.

Dann hörte er das Rascheln von Dietmars Brottüte.

Seine Schultern entspannten sich sichtbar.

Beim zweiten Treffen nahm Paco ein Leckerli vom Boden.

Beim nächsten blieb er länger im Raum.

Inzwischen wartete er im Zwinger jeden Mittag vorne.

Andere Lieferfahrer erkannte er sofort.

Dann trat er einen Schritt zurück.

Bei Dietmar blieb er stehen.

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