Ein Pitbull stellte sich vor ein Rehkitz doch der wahre Grund dafür lag Jahre zurück

Wir hielten den Pitbull für gefährlich, bis ein zitterndes Rehkitz hinter ihm den Kopf hob und er sich absichtlich vor das nächste Auto stellte.

Ich trat so hart auf die Bremse, dass mein Kaffeebecher gegen das Armaturenbrett flog.

Zwölf Meter vor meinem Dienstwagen stand ein kräftiger, dunkel gestromter Hund mitten auf der Landstraße. Weiße Brust, eingerissenes linkes Ohr, Schlamm bis an die Beine.

Er bellte nicht.

Er knurrte nicht.

Er stand einfach da und sah mich durch die Windschutzscheibe an.

Dann bewegte sich etwas hinter ihm.

Im hohen Gras hob ein Rehkitz den Kopf.

Es musste erst wenige Tage alt sein. Die weißen Flecken auf seinem Rücken waren deutlich zu sehen, seine dünnen Beine lagen seltsam unter dem Körper.

Mein erster Gedanke war sofort:

Der Hund hat es angegriffen.

Heute schäme ich mich dafür.

Mein Name ist Katrin Wolff. Ich war damals 51 und arbeitete für einen kommunalen Bauhof im Raum Kassel. An diesem Morgen sollte ich einen verstopften Straßendurchlass kontrollieren.

Stattdessen saß ich plötzlich in meinem Wagen und starrte auf einen Hund, den ich besser kannte als jeder andere Mensch dort.

Denn er gehörte mir.

Rocco.

Sechs Jahre alt.

Seit vierzehn Monaten lebte er bei mir.

Und trotzdem erkannte ich in diesem Moment zuerst seinen kräftigen Körper, seinen breiten Kopf und das hilflose Tier hinter ihm.

Nicht seine Augen.

Ein Mann in Arbeitskleidung hatte seinen Transporter einige Meter weiter vorne abgestellt. Er hielt einen Radschlüssel in der Hand.

„Bleiben Sie zurück“, rief er. „Ich vertreibe den Hund.“

Rocco sah auf das Metall.

Dann machte er einen Schritt rückwärts.

Nicht zum Mann.

Zum Rehkitz.

„Nicht!“, rief ich.

Der Mann schlug den Radschlüssel gegen die Leitplanke.

Das Geräusch hallte über die Straße.

Das Rehkitz zuckte zusammen.

Rocco drehte sich sofort um, ging tief herunter und legte seinen Körper zwischen das kleine Tier und die Fahrbahn.

Er biss nicht.

Er bedrängte es nicht.

Er schirmte es ab.

Eine Frau war inzwischen ausgestiegen. Sie hatte eine Decke dabei und hielt ihr Telefon in der Hand.

„Ich rufe jemanden“, sagte sie.

Als sie auf das Rehkitz zuging, stellte Rocco sich vor sie.

Sie ging nach links.

Rocco ging nach links.

Sie blieb stehen.

Er blieb stehen.

Dann trat sie zurück.

Rocco kehrte zum Kitz zurück.

„Der lässt niemanden hin“, sagte sie leise.

Genau so sah es aus.

Und genau das machte mir Angst.

Dann kam ein grauer Wagen viel zu schnell um die Kurve.

Der Fahrer bemerkte unsere stehenden Fahrzeuge erst spät.

Rocco hörte den Motor.

Plötzlich ließ er das Rehkitz allein.

Er rannte mitten auf die Fahrbahn.

Vier Pfoten auf nassem Asphalt.

Der Wagen bremste hart.

Rocco blieb stehen.

Keinen Meter vor der Stoßstange.

Der Wagen kam zum Stillstand.

Erst dann drehte Rocco sich um und lief zurück zu dem Kitz.

In diesem Augenblick hörte ich auf zu fragen, ob mein Hund das kleine Tier verletzt hatte.

Ich begann mich zu fragen, warum er bereit war, sich überfahren zu lassen, um es zu schützen.

Wir bekamen eine Wildtierpflegerin ans Telefon.

„Halten Sie Menschen fern“, sagte sie. „Wenn die Ricke in der Nähe ist, muss sie einen freien Weg zum Kitz haben.“

Ich sah zur Straße.

Rocco blockierte die Fahrbahnseite.

Die Waldseite ließ er vollständig offen.

Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass er nicht einfach irgendwie herumstand.

Er hatte einen Korridor geschaffen.

Wenige Minuten später knackte ein Ast.

Zwischen den Bäumen erschien ein Reh.

Die Mutter.

Sie stand vielleicht zwanzig Meter entfernt und starrte zu ihrem Jungen.

Fünf Menschen standen zwischen ihr und dem Kitz.

Rocco sah zur Ricke.

Dann zu uns.

Und plötzlich kam er auf uns zu.

Langsam.

Bestimmt.

Wir wichen zurück.

Als alle wieder hinter ihren Fahrzeugen standen, ging Rocco zur Seite.

Die Ricke machte einen Schritt.

Das Kitz gab einen dünnen Laut von sich.

Dann noch einen.

Die Mutter kam näher.

Rocco setzte sich auf die Mittellinie.

Nicht beim Kitz.

Nicht bei der Ricke.

Auf der Straße.

Dort, wo die Autos kamen.

Die Ricke erreichte ihr Junges und begann, es abzulecken.

Das Kleine versuchte aufzustehen.

Einmal.

Es fiel um.

Beim zweiten Versuch stand es einige Sekunden.

Rocco bewegte sich.

Die Ricke stampfte mit dem Vorderlauf.

Rocco blieb sofort stehen.

Dann legte er sich hin.

Fast dreißig Meter entfernt.

Als hätte er verstanden, dass seine Aufgabe vorbei war.

Beim dritten Versuch blieb das Kitz auf den Beinen.

Seine Mutter ging langsam Richtung Wald.

Das Kleine folgte ihr.

Bevor es zwischen den Bäumen verschwand, drehte es noch einmal den Kopf.

Rocco hob nur die Ohren.

Er folgte nicht.

Ich ging zu ihm.

Seine Vorderbeine zitterten.

Als ich meine Hand auf seine weiße Brust legte, raste sein Herz.

Er war die ganze Zeit nicht ruhig gewesen.

Er hatte Angst gehabt.

Und war trotzdem geblieben.

Der Mann mit dem Radschlüssel stand einige Meter entfernt.

„Ich hätte ihn beinahe geschlagen“, sagte er.

Ich antwortete nichts.

Er legte das Werkzeug zurück in seinen Transporter.

Dann sagte er nur:

„Es tut mir leid.“

Ich dachte, damit wäre die Geschichte vorbei.

Das war sie nicht.

Denn drei Tage später bekam ich einen Anruf vom örtlichen Tierdienst.

Ein Mitarbeiter hatte Roccos alte Unterlagen gefunden.

„Können Sie vorbeikommen?“, fragte er.

„Warum?“

Kurze Pause.

„Weil wir wissen, warum er sich vor Autos stellt.“

Rocco war vierzehn Monate zuvor über eine Vermittlungsstelle zu mir gekommen.

Damals hatte ich nicht nach einem Hund gesucht.

Mein Mann Thomas war elf Monate zuvor plötzlich gestorben. Danach war unser Haus so still geworden, dass ich manchmal absichtlich das Radio laufen ließ, nur damit irgendwo eine Stimme war.

Im Tierheim saß Rocco ganz hinten.

Zwei Familien hatten ihn bereits zurückgebracht.

Eine schrieb, er würde an stark befahrenen Straßen „erstarren“.

Die andere schrieb, er sei „übertrieben beschützend gegenüber kleineren Tieren“.

Als ich mich damals vor seinen Zwinger setzte, kam er erst nach mehreren Minuten näher.

Dann legte er eine Pfote auf meinen Schuh.

Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei.

Rocco sah sofort zur Tür.

Nicht erschrocken.

Aufmerksam.

Ich nahm ihn trotzdem mit.

Zu Hause gewöhnte er sich schnell ein.

Er schlief neben Thomas’ alter Bettseite, sprang aber nie aufs Bett.

Fast jeden Morgen trug er einen alten Gartenhandschuh meines Mannes aus dem Hauswirtschaftsraum in die Küche.

Er kaute nie darauf herum.

Er legte ihn einfach irgendwo ab, von wo aus er beide Türen sehen konnte.

Nur Straßen blieben schwierig.

An jeder Bordsteinkante blieb Rocco stehen.

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