Alle sechs Monate verschwand der Hund meines Vaters, bis ich herausfand, wohin er sie wirklich brachte

Mein Vater gab alle sechs Monate seinen Hund weg, bis ich ihm heimlich folgte und verstand, warum er jedes Mal danach allein weinte.

„Wo ist Hanno?“

Mein Vater sah nicht einmal von seiner Kaffeetasse auf.

„Nicht mehr hier.“

Ich stand mitten in seiner Küche und spürte, wie mir die Wut hochstieg. Hanno war ein siebenjähriger Golden-Retriever-Mischling mit nur einem Auge gewesen. Ein ruhiger, sanfter Hund, der meinem Vater auf Schritt und Tritt gefolgt war.

„Was heißt nicht mehr hier, Papa?“

„Genau das.“

Mein Vater, Gerd Albrecht, war damals 70 Jahre alt. Er lebte allein in einem kleinen Haus am Rand von Kassel, lief wegen einer alten Verletzung leicht hinkend und hatte ungefähr so viel Interesse an Gesprächen wie andere Leute an einer Steuerprüfung.

Aber Hunde?

Mit Hunden konnte er stundenlang reden.

Und genau das machte die Sache so seltsam.

Alle paar Monate holte Gerd einen Hund aus einem Tierheim in der Umgebung. Nie einen jungen, hübschen Hund, um den sich zehn Familien stritten.

Er nahm die anderen.

Die Alten.

Die Ängstlichen.

Die mit Narben.

Die Hunde, die sich hinten im Zwinger verkrochen und schon knurrten, wenn jemand nur die Hand hob.

Dann lebte dieses Tier etwa ein halbes Jahr bei ihm.

Mein Vater kaufte gutes Futter, kochte manchmal sogar Fleischreste mit Reis, ging morgens und abends lange Runden und saß nachts in seiner Garage auf einem alten Campingstuhl, wenn ein Hund nicht schlafen konnte.

Ich hatte gesehen, wie er einem völlig verängstigten Schäferhund zwanzig Minuten lang leise zugeredet hatte, nur damit das Tier aus dem Auto stieg.

Ich hatte auch gesehen, wie er einem alten Labrador das Futter Stück für Stück aus der Hand gab, weil der Hund aus irgendeinem Grund Angst vor seinem Napf hatte.

Und dann, nach fünf oder sechs Monaten, war der Hund plötzlich weg.

Kein Abschied.

Keine Erklärung.

Nur ein leerer Platz neben der Haustür.

Danach fuhr mein Vater wieder zum Tierheim und brachte den nächsten schwierigen Fall mit.

Die Nachbarn redeten längst.

Manche glaubten, er verkaufe die Tiere weiter.

Andere behaupteten, er trainiere aggressive Hunde.

Ein Ehepaar von gegenüber hatte sogar mehrmals die Behörden gerufen, weil ein neuer Hund nachts gebellt hatte.

Jahrelang hatte ich meinen Vater verteidigt.

Doch irgendwann wusste selbst ich nicht mehr, was ich glauben sollte.

Hanno war der Punkt, an dem ich genug hatte.

„Hast du ihn verkauft?“

Mein Vater hob langsam den Kopf.

„Nein.“

„Dann sag mir, wo er ist.“

„Er hat jetzt Arbeit.“

Ich starrte ihn an.

„Ein Hund hat Arbeit?“

Gerd nahm einen Schluck Kaffee.

„Manche mehr als Menschen.“

Das war alles.

Am nächsten Morgen sah ich ihn vom Fenster aus eine große Tüte Hundefutter in seinen alten Kombi laden. Daneben legte er eine neue Leine, eine Decke und eine dicke Mappe.

Ich wartete, bis er losfuhr.

Dann folgte ich ihm.

Ich fühlte mich lächerlich dabei.

Ich war eine erwachsene Frau und schlich meinem eigenen Vater hinterher wie in einem billigen Krimi.

Doch ich wollte endlich wissen, was er mit diesen Hunden machte.

Nach ungefähr vierzig Minuten hielt er vor einem schlichten Mehrfamilienhaus in einer kleineren Stadt.

Ich parkte einige Häuser weiter.

Gerd stieg aus, öffnete die Beifahrertür und pfiff einmal.

Ein großer Deutscher Schäferhund sprang heraus.

Ich erkannte ihn sofort.

Falko.

Mein Vater hatte ihn im Jahr davor aufgenommen.

Als Falko zu ihm gekommen war, hatte er bei jedem lauten Geräusch gezittert. Männer mit tiefen Stimmen konnte er überhaupt nicht ausstehen.

Jetzt lief er ruhig neben Gerd her.

Ohne an der Leine zu ziehen.

Ohne hektisch zu schauen.

An einer Erdgeschosswohnung klingelte mein Vater.

Ein junger Mann öffnete.

Vielleicht Ende zwanzig.

Er trug eine einfache Trainingshose und ein weites Sweatshirt. Sein Gesicht sah müde aus. Nicht müde nach einer schlechten Nacht.

Eher wie jemand, der schon sehr lange nicht mehr richtig zur Ruhe gekommen war.

Sein linker Unterarm fehlte.

Mein Vater sagte kaum etwas.

Er deutete nur auf Falko.

Der Hund ging sofort zu dem jungen Mann, setzte sich dicht an sein Bein und lehnte seinen Körper dagegen.

Der Mann erstarrte.

Dann ging er plötzlich in die Knie.

Er legte seinen Arm um den Hund und vergrub das Gesicht in seinem Fell.

Ich konnte ihn sogar von meinem Auto aus weinen sehen.

Falko blieb einfach sitzen.

Ruhig.

Fest.

Als könnte ihn nichts auf der Welt von dieser Stelle bewegen.

Mein Vater gab dem Mann die Mappe.

Dann drehte er sich um.

Ich stieg aus.

„Papa.“

Gerd fuhr zusammen.

Ich hatte meinen Vater selten erschrocken gesehen.

Aber in diesem Moment sah er fast ertappt aus.

„Was machst du hier?“

„Das könnte ich dich fragen.“

Er blickte zu Falko.

„Du solltest mir nicht folgen.“

„Du trainierst sie.“

Gerd schwieg.

„Die Hunde“, sagte ich. „Du gibst sie nicht einfach weg. Du trainierst sie für Menschen wie ihn.“

Er rieb sich über das Gesicht.

„Komm.“

Wir gingen ein paar Meter vom Eingang weg.

„Der Junge heißt Marvin Seidel“, sagte er leise. „Er ist 27. Er war mehrere Jahre in einem Beruf, bei dem er Dinge erlebt hat, die kein Mensch einfach abschüttelt. Seit er zurück ist, schläft er kaum. Menschenmengen gehen nicht. Einkaufen manchmal auch nicht.“

„Und Falko hilft ihm?“

„Falko merkt, wenn seine Atmung kippt. Er unterbricht bestimmte Bewegungen. Er legt sich an seine Beine, wenn er nachts aufschreckt. Er schafft Abstand, wenn es zu eng wird.“

Ich sah zurück.

Marvin saß inzwischen auf der Eingangsstufe.

Falko hatte den Kopf auf seinem Knie.

„Wo hast du das gelernt?“

Mein Vater zuckte mit den Schultern.

„Hunde beobachten.“

Natürlich.

Eine typische Gerd-Antwort.

„Und Hanno?“

Zum ersten Mal wurde sein Gesicht weich.

„Hanno ist seit drei Tagen bei einer Frau in Göttingen. Anfang vierzig. Seit einem schweren Erlebnis verlässt sie allein kaum noch ihre Wohnung.“

Er schluckte.

„Heute Morgen war sie mit ihm beim Bäcker.“

Mir wurde plötzlich eng im Hals.

„Darum behältst du die Hunde nur sechs Monate.“

„Ungefähr.“

„Und danach fängst du wieder von vorne an.“

Er nickte.

„Warum hast du mir nie etwas gesagt?“

Mein Vater schaute auf seine Schuhe.

„Weil ich keinen Applaus brauche.“

„Das ist kein Applaus. Die Leute halten dich für einen Tierhändler.“

„Sollen sie.“

„Mich eingeschlossen.“

Da sah er mich an.

Das tat weh.

Nicht weil er wütend war.

Sondern weil er überhaupt nicht wütend war.

„Ich kann nicht viel geben“, sagte er. „Geld habe ich nicht. Große Reden kann ich auch nicht. Aber Hunde verstehe ich. Und Zeit habe ich.“

Er blickte wieder zu Marvin.

„Manche von diesen Leuten warten lange auf passende Unterstützung. Manche verlieren unterwegs den Mut. Und gleichzeitig sitzen in Tierheimen Hunde, die niemand haben will.“

„Also reparierst du beide?“

Mein Vater schüttelte den Kopf.

„Menschen sind keine Maschinen. Hunde auch nicht.“

Dann sagte er etwas, das ich nie vergessen habe.

„Ich bringe zwei zusammen, die gelernt haben, der Welt nicht mehr zu vertrauen. Manchmal zeigen sie sich gegenseitig, dass es doch noch geht.“

Am Nachmittag fuhr ich mit ihm zum Tierheim.

Ganz hinten saß ein gedrungener Mischling mit einer Narbe auf der Nase.

Auf seinem Hinweisblatt stand, dass er bei Unsicherheit schnappen konnte.

Der Hund knurrte, sobald Gerd vor dem Gitter stehen blieb.

Mein Vater hockte sich hin.

„Na, du bist ja ein freundlicher Kollege.“

Der Hund zeigte die Zähne.

Gerd setzte sich einfach auf den Betonboden.

„Alles klar. Dann sitzen wir eben.“

Zwanzig Minuten später lag der Hund immer noch in der hintersten Ecke.

Aber er knurrte nicht mehr.

Mein Vater nannte ihn Piet.

Die ersten Wochen waren hart.

Piet erschrak bei Türen.

Bei Motorrädern.

Bei schnellen Händen.

Wenn jemand eine Mütze trug, wurde sein ganzer Körper steif.

Mein Vater trainierte keine spektakulären Kunststücke mit ihm.

Er begann mit Dingen, die für andere Hunde selbstverständlich waren.

Fressen, ohne Angst zu haben.

Sich berühren lassen.

Eine Leine tragen.

Neben einem Menschen sitzen, ohne ständig nach einem Fluchtweg zu suchen.

Morgens saß Gerd mit Piet manchmal einfach zwanzig Minuten vor der Garage.

Autos fuhren vorbei.

Fahrräder klingelten.

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