26 Tage lang leckte diese Hündin dieselbe Stelle im Tierheim – erst als ihr fast blindes Baby zurückkam, verstanden wir warum.
Um 17.11 Uhr trug eine Tiermedizinische Fachangestellte einen kleinen Welpen durch unseren Flur.
Die Mutter hörte das leise Fiepen sofort.
Ihre Ohren gingen hoch. Ihr ganzer Körper spannte sich an.
Und dann tat sie etwas, das keiner von uns verstand.
Sie ging nicht zu ihrem Baby.
Sie drehte sich um, lief zur Trennwand zwischen zwei Zwingern und begann wieder, dieselbe Stelle auf dem Boden zu lecken.
Genau wie jeden Tag zuvor.
„Sie erkennt die Kleine nicht mehr“, flüsterte Jonas neben mir.
Ich dachte dasselbe.
Heute weiß ich, wie falsch wir lagen.
Ich arbeite seit vielen Jahren in einem Tierheim am Rand von Kassel. Ich habe Hunde gesehen, die nach Monaten noch auf jedes Motorengeräusch reagierten, weil sie glaubten, ihre Menschen kämen zurück.
Ich habe Tiere erlebt, die tagelang kaum fraßen.
Aber so etwas wie bei Runa hatte ich noch nie gesehen.
Runa war eine kräftige graue Mischlingshündin, ungefähr vier Jahre alt. Als sie zu uns kam, war sie viel zu dünn. An den Ohren hatte sie alte Narben, und ihre Rippen zeichneten sich deutlich unter dem Fell ab.
Trotzdem war sie ruhig.
Fast erschreckend ruhig.
Gefunden wurde sie an einem Montagmorgen in einem leer stehenden Haus außerhalb von Kassel.
Ein Handwerker war wegen eines Wasserschadens dort gewesen und hatte im Keller plötzlich einen Hund gesehen.
Runa stand vor einem alten, undichten Warmwasserspeicher.
In einer Ecke lagen sieben winzige Welpen auf alten Handtüchern, Pappe und einem Stück Dämmmaterial.
Der Boden war nass.
Die Einsatzkräfte brachten die Kleinen einzeln nach oben.
Runa beobachtete jeden von ihnen.
Sie schnupperte.
Sie zählte auf ihre Weise.
Als der siebte Welpe draußen war, legte jemand ihr vorsichtig eine Leine an.
Runa ging drei Stufen nach oben.
Dann blieb sie stehen.
Sie drehte sich um.
Und lief zurück zum Warmwasserspeicher.
Ein Helfer dachte, sie habe Angst.
Doch Runa drückte ihre Schnauze gegen eine lockere Metallabdeckung und kratzte daran.
„Da ist nichts mehr“, sagte jemand.
Runa kratzte erneut.
Schließlich kniete sich einer der Männer hin und löste die Abdeckung.
Dahinter, zwischen einem Rohr und der Wand, lag noch ein Welpe.
Das achte Baby.
Die Kleine war eiskalt.
Sie wog kaum mehr als eine große Packung Butter und atmete so schwach, dass man ihren Brustkorb fast nicht arbeiten sah.
Später nannten wir sie Lotte.
An diesem Morgen hatte sie noch keinen Namen.
Runa ließ niemanden mit ihr gehen, bevor sie die Kleine gründlich beschnuppert hatte.
Dann kamen alle zu uns ins Tierheim.
Wir brachten Runa in Zwinger 14. Der Nebenbereich, Zwinger 15, wurde für die Untersuchung der Welpen genutzt.
Zwischen beiden Räumen gab es unten eine kleine Durchreiche.
Immer wenn wir einen Welpen untersuchten, nahmen wir ihn auf der einen Seite heraus und gaben ihn nach wenigen Minuten durch diese Öffnung zurück.
Runa wartete dort.
Sie schnupperte an jedem Baby.
Eins.
Zwei.
Drei.
Bis sieben.
Lotte kam zuletzt.
Schon beim Abhören wurde klar, dass etwas nicht stimmte.
Sie bekam kaum Luft.
Ihre Körpertemperatur war viel zu niedrig. Außerdem kam ein wenig Milch aus einem Nasenloch.
Die Tierärztin sah mich an.
„Die Kleine muss sofort in die Klinik.“
Wir bereiteten eine Transportbox vor.
Runa leckte Lottes weißen Fleck unter dem Kinn. Dann den Nacken. Dann alle vier Pfoten.
Zum Schluss legte sie ihr linkes Vorderbein neben den Welpen.
Als wir Lotte anhoben, folgte Runa bis zur Durchreiche.
Die Box verschwand durch Zwinger 15.
Lotte kam an diesem Tag nicht zurück.
Zehn Minuten später ging Runa in den leeren Nebenbereich.
Sie stellte sich an genau die Stelle, an der die Transportbox gestanden hatte.
Und leckte den Boden.
Wir dachten, dort rieche etwas nach Futter.
Am nächsten Morgen tat sie es wieder.
Und am Abend wieder.
Lotte hatte die erste Nacht überlebt.
Dann die zweite.
Dann die dritte.
Aber jedes Telefonat aus der Klinik begann mit denselben Worten:
„Sie ist noch nicht stabil.“
Die Kleine bekam Sauerstoff und musste zeitweise mit einer Sonde gefüttert werden.
Zwischendurch sank ihre Körpertemperatur gefährlich ab. Einmal fiel auch ihr Blutzucker so stark, dass eine Pflegerin fast eine Stunde bei ihr blieb und sie dicht am Körper wärmte.
Bei Runa im Tierheim änderte sich unterdessen nichts.
Sie kümmerte sich vorbildlich um die sieben Welpen.
Sie fraß.
Sie ging ruhig an der Leine.
Sie ließ uns problemlos an ihr Futter.
Aber mehrmals am Tag ging sie in den Nachbarzwinger und leckte diese eine Stelle.
Nicht die Tür.
Nicht das Gitter.
Nur dieses kleine Stück Boden direkt neben der Durchreiche.
Nach einer Woche schrieben wir in ihre Unterlagen:
„Wiederholtes Lecken vermutlich durch Trennungsstress.“
Eine weitere Woche später stand dort:
„Möglicherweise zwanghaftes Verhalten.“
Zwei Interessenten für eine spätere Pflegestelle sprangen ab.
Eine Frau hatte Sorge, Runa würde in ihrer Wohnung ständig den Boden bearbeiten.
Damals konnte ich das verstehen.
Heute schäme ich mich für diesen Gedanken.
Denn Runa zeigte uns jeden Tag, was sie tat.
Wir waren nur zu beschäftigt damit, es als Problem zu bezeichnen.
Einmal reinigte ein Mitarbeiter den Nebenbereich besonders gründlich.
Kaum war er fertig, drängte Runa durch die halb geöffnete Durchreiche.
Sie legte sich mit der Brust auf die frisch gewischte Stelle.
Sie knurrte nicht.
Sie schnappte nicht.
Sie wollte nur nicht weg.
Nachdem wir sie vorsichtig zurückgeführt hatten, ging sie sofort wieder hin und leckte fast eine Stunde lang den Boden.
Ich schrieb an diesem Abend in mein privates Notizbuch:
„Sie putzt nicht. Sie ersetzt etwas.“
Ich hatte keine Ahnung, was.
Nach elf Tagen wurden die gesunden Welpen immer aktiver.
Sie krabbelten aus ihrer Decke und erkundeten den Zwinger.
Runa trug jeden zurück.
Danach kontrollierte sie alle.
Immer in derselben Reihenfolge.
Wenn sie bei Nummer sieben angekommen war, hielt sie kurz inne.
Dann schnupperte sie zweimal an der freien Stelle neben ihrem linken Vorderbein.
Erst danach ging sie zur Durchreiche.
Dort leckte sie den Boden.
Am selben Tag bekamen wir ein Foto von Lotte.
Ihre Augen waren geöffnet.
Doch die Tierärztin hatte einen neuen Verdacht.
Lotte reagierte kaum auf Bewegungen.
Vor allem das linke Auge wirkte trüb.
Ob sie später normal sehen würde, konnte niemand sagen.
Wir wussten nicht, dass genau diese Information alles verändern würde.
Ab der dritten Woche zogen die ersten gesunden Welpen zu erfahrenen Pflegefamilien.
Immer zwei zusammen.
Runa suchte nicht panisch nach ihnen.
Sie schnupperte an den leeren Plätzen.
Dann kontrollierte sie die übrigen Babys.
Und danach ging sie wieder zu dieser Stelle im Nachbarzwinger.
Am 23. Tag war nur noch ein gesunder Welpe bei ihr.
Wir nannten ihn Arne.
Ein kräftiger kleiner Kerl, der am liebsten auf Runas Hals schlief.
Trotzdem prüfte Runa weiterhin die leeren Plätze der anderen Welpen.
Dann Arne.
Dann wieder die Durchreiche.
Unsere Tierärztin begann ebenfalls zu zweifeln, ob wir Runas Verhalten richtig verstanden hatten.
Also machten wir einen einfachen Versuch.
Wir legten drei Stoffstücke in Zwinger 15.
Eines trug Runas Geruch.
Eines roch nach Arne.
Eines war frisch gewaschen.
Runa ignorierte alle drei.
Am nächsten Tag brachte uns jemand aus der Klinik ein kleines Stück Stoff, auf dem Lotte gelegen hatte.
Wir legten es mehrere Meter entfernt auf den Boden.
Runa betrat den Zwinger.
Sie schnupperte.
Nahm den Stoff vorsichtig ins Maul.
Und trug ihn direkt zu ihrer alten Stelle.
Sie legte ihn dort ab.
Leckte den Stoff.
Dann den Boden.
Dann ihre linke Vorderpfote.
Niemand sagte etwas.
Die Tierärztin stand neben mir.
„Das ist nicht zufällig“, sagte sie.
„Was macht sie dann?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es noch nicht.“
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