Mein Mann vergaß Fietes Tablette doch sein Satz danach zerstörte endgültig mein Vertrauen in unsere Ehe

Mein Mann vergaß die lebenswichtige Tablette unseres Hundes, doch erst sein Satz nach dem Tierarzt zeigte mir, dass unsere Ehe längst zerbrochen war.

„Du hättest mich doch noch einmal erinnern können.“

Dieser eine Satz war schlimmer als alles, was in den Stunden davor passiert war.

Schlimmer als die Fahrt mitten in der Nacht zur Tierklinik. Schlimmer als das Zittern in meinen Händen. Schlimmer als der Anblick unseres Hundes, der verkrampft zwischen Bett und Nachttisch lag.

Denn in diesem Moment begriff ich etwas, das ich jahrelang nicht hatte sehen wollen.

Mein Name ist Gisela. Ich bin 48 Jahre alt und lebe seit vielen Jahren in Kassel. Mein Mann Norbert und ich waren fast sechzehn Jahre verheiratet.

Wenn man unsere Nachbarn gefragt hätte, hätten die meisten wahrscheinlich gesagt, dass Norbert ein guter Mann sei.

Er trank kaum Alkohol. Er spielte nicht um Geld. Er schrie mich nicht an. Er brachte meiner Mutter manchmal die Getränkekisten in den Keller und half den Nachbarn, wenn irgendwo ein Regal aufgehängt werden musste.

Bei Geburtstagsfeiern war er derjenige, der alle zum Lachen brachte.

Und genau deshalb verstand später kaum jemand, warum ich ging.

Unser Hund Fiete war damals neun Jahre alt.

Wir hatten ihn drei Jahre zuvor aus einer privaten Vermittlung übernommen. Er war ein mittelgroßer Mischling mit rauem, braunem Fell, etwas zu großen Pfoten und einem Gesicht, das immer aussah, als würde er sich über irgendetwas Sorgen machen.

Fiete hatte eine leichte Epilepsie.

Nichts Dramatisches, solange er regelmäßig seine Medikamente bekam.

Jeden Abend um 20 Uhr erhielt er eine kleine Tablette. Der Tierarzt hatte uns erklärt, dass wir dabei möglichst zuverlässig bleiben sollten.

Also tat ich es.

Jeden Abend.

20 Uhr.

Ich wusste auch, wann Fietes nächste Kontrolle war. Wann wir neue Tabletten holen mussten. Welches Futter er vertrug. Wann seine Versicherung abgebucht wurde.

Und nicht nur bei Fiete war es so.

Ich wusste, wann unser Auto zur Hauptuntersuchung musste.

Ich wusste, dass Norberts Mutter dienstags nicht angerufen werden wollte, weil sie dann ihren Seniorenkurs hatte.

Ich wusste, wann die Mülltonnen herausgestellt werden mussten, wann der Stromzähler abgelesen wurde und welche Milch Norbert morgens mochte.

Norbert sagte oft:

„Du hast solche Sachen einfach besser im Kopf.“

Früher empfand ich das fast als Kompliment.

Irgendwann merkte ich, dass es eigentlich bedeutete:

Du kümmerst dich darum.

Wenn ich Norbert bat, Fiete zu füttern, fütterte er ihn.

Wenn ich ihm die Leine gab und sagte, er solle eine Runde gehen, ging er.

Wenn ich einen Einkaufszettel schrieb, brachte er die Sachen meistens mit.

Er war nicht faul.

Das machte es so schwer zu erklären.

Er wartete einfach immer darauf, dass jemand anders bemerkte, was getan werden musste.

Und dieser jemand war fast immer ich.

An einem Dienstag änderte sich alles.

In meinem Büro war kurzfristig ein Problem aufgetaucht. Zwei Kollegen waren krank, ein wichtiger Termin musste vorbereitet werden, und ich wusste gegen halb sieben, dass ich deutlich später nach Hause kommen würde.

Also rief ich Norbert an.

„Ich schaffe es heute nicht rechtzeitig“, sagte ich. „Das Abendessen steht im Kühlschrank. Aber bitte denk an Fiete. Um acht braucht er seine Tablette.“

„Klar“, sagte Norbert.

Seine Stimme klang völlig entspannt.

„Mach dir keinen Kopf.“

„Die Packung liegt auf der Küchenablage.“

„Hab ich gesehen.“

Ich legte auf.

Um 19.45 Uhr schrieb ich ihm trotzdem noch einmal.

Fiete – Tablette um acht. Bitte nicht vergessen.

Norbert antwortete mit einem Daumen nach oben.

Ich dachte, damit sei alles erledigt.

Als ich kurz nach 22 Uhr unsere Haustür öffnete, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte.

Fiete kam nicht.

Normalerweise hörte ich schon beim Aufschließen seine Krallen auf dem Laminat. Selbst wenn er geschlafen hatte, stand er spätestens an der Garderobe und drückte seinen Kopf gegen mein Bein.

Diesmal war es still.

Im Wohnzimmer lief der Fernseher.

Norbert saß auf dem Sofa. Auf dem Couchtisch stand ein Teller mit zwei übrig gebliebenen Pizzastücken.

„Wo ist Fiete?“

Norbert schaute kurz zu mir.

„Oben, glaube ich.“

„Glaubst du?“

„Der hat sich irgendwann verzogen. Wahrscheinlich müde.“

Ich ließ meine Tasche fallen und rannte die Treppe hinauf.

Im Schlafzimmer fand ich ihn.

Fiete lag zwischen Nachttisch und Bett.

Sein Körper war steif. Seine Beine zuckten. Speichel hing an seiner Schnauze.

Für ein paar Sekunden konnte ich mich nicht bewegen.

Dann funktionierte ich nur noch.

Ich rief seinen Namen, kniete mich neben ihn und griff nach meinem Handy. Kurz darauf trug ich ihn so vorsichtig wie möglich nach unten.

„Was ist los?“, fragte Norbert.

Ich sah ihn an.

„Hat er seine Tablette bekommen?“

Norbert wurde still.

Nur eine Sekunde.

Aber diese Sekunde reichte.

„Scheiße.“

Ich weiß bis heute, wie dieses Wort klang.

Nicht erschrocken genug.

Eher wie jemand, der gerade merkt, dass er vergessen hat, eine Rechnung zu überweisen.

„Du hast sie vergessen?“

„Gisela, ich hab die Zeit völlig—“

Ich hörte den Rest nicht mehr.

Ich brachte Fiete zum Auto und fuhr zur tierärztlichen Notsprechstunde.

Die nächsten Stunden verbrachte ich auf einem Plastikstuhl unter grellem Licht.

Ich hatte Fietes Leine um meine Hand gewickelt, obwohl er längst im Behandlungsraum war.

Immer wieder sah ich auf die Tür.

Ich dachte an die Nachricht.

19.45 Uhr.

Fiete – Tablette um acht.

Daumen hoch.

Der Tierarzt konnte ihn stabilisieren.

Es ging ihm nicht gut, aber er würde sich voraussichtlich erholen.

Gegen drei Uhr morgens durfte ich ihn mit nach Hause nehmen.

Fiete war müde und benommen. Ich legte eine Decke auf die Rückbank und hob ihn hinein.

Als ich in unsere Straße fuhr, stand Norbert bereits vor dem Haus.

Er trug Jogginghose und eine Jacke über seinem T-Shirt.

„Geht’s ihm gut?“

„Er ist stabil.“

Norbert atmete aus.

Dann sagte er:

„Gott sei Dank.“

Ich wollte an ihm vorbeigehen.

Doch dann kam dieser Satz.

„Aber Gisela, ganz ehrlich, du machst daraus gerade auch ein Riesending. Ich hab’s vergessen. Ich war in der Serie drin. Du hättest mich doch um acht noch einmal anrufen können.“

Ich blieb stehen.

Fiete lag hinter mir im Auto.

Die Straßenlaterne warf ein blasses Licht über unsere Einfahrt.

„Was hast du gesagt?“

Norbert hob die Hände.

„Ich meine nur, wenn es so wichtig ist…“

„Wenn es so wichtig ist?“

„So meine ich das nicht.“

Plötzlich war ich ganz ruhig.

„Ich habe dich angerufen.“

Er schwieg.

„Ich habe dir erklärt, was du tun musst.“

Keine Antwort.

„Ich habe dir fünfzehn Minuten vorher geschrieben.“

„Ja, aber—“

„Und jetzt sagst du mir, ich hätte dich ein drittes Mal erinnern sollen?“

Norbert sah genervt aus.

„Gisela, jeder macht mal einen Fehler.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum denn dann?“

Ich sah ihn an.

Und zum ersten Mal konnte ich es klar aussprechen.

„Darum, dass du glaubst, ich sei dafür verantwortlich, dass du Verantwortung übernimmst.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das ist doch Quatsch.“

„Nein.“

„Ich mache hier ständig Sachen.“

„Wenn ich sie dir sage.“

„Das stimmt überhaupt nicht.“

„Wann bekommt Fiete seine Tablette?“

Er schwieg.

Ich wartete.

„Um acht“, sagte er schließlich.

„Wo liegt sie?“

Wieder eine Pause.

„In der Küche.“

„Wo genau?“

Norbert wurde rot.

„Das ist doch jetzt lächerlich.“

Aber es war nicht lächerlich.

Genau darum ging es.

Drei Jahre lebte dieser Hund bei uns.

Drei Jahre bekam er jeden Abend dasselbe Medikament.

Und Norbert hatte es nie wirklich als seine Aufgabe betrachtet.

Es war meine Aufgabe.

Manchmal führte er sie aus.

„Ich bin nicht deine Mutter“, sagte ich.

Norbert sah mich an, als hätte ich ihn geschlagen.

„Was soll das denn jetzt?“

„Ich möchte nicht mehr diejenige sein, die an alles denken muss.“

„Ich helfe dir doch.“

Da war dieses Wort.

Helfen.

Ich hatte es hundertmal gehört.

„Du hilfst mir nicht“, sagte ich. „Wir leben beide hier.“

Norbert schüttelte den Kopf.

„Jetzt machst du wegen einer vergessenen Tablette unsere ganze Ehe schlecht.“

Ich öffnete die Autotür.

Fiete hob schwach den Kopf.

In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht im Haus schlafen würde.

Ich packte einige Sachen in eine Reisetasche.

Norbert folgte mir durchs Schlafzimmer.

„Willst du jetzt ernsthaft abhauen?“

„Ich fahre zu meiner Schwester.“

„Mitten in der Nacht?“

„Ja.“

„Das ist doch völlig übertrieben.“

Vielleicht war es das für ihn.

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