Dreimal wurde dieser Kater zurückgebracht, weil er angeblich „aggressiv“ war – sechs Monate später begriff ich, dass nicht er das eigentliche Problem gewesen war.
„Lassen Sie es lieber.“
Die Mitarbeiterin im Tierheim stand hinter mir, während ich vor dem Gehege Nummer 18 hockte. Vor mir saß ein großer grauer Kater mit dem Rücken zur Scheibe. Er starrte gegen die gekachelte Wand, als hätte er längst aufgehört, etwas von Menschen zu erwarten.
„Drei Vermittlungen“, sagte die Frau und schlug seine Akte auf. „Drei Rückgaben.“
Sie hieß Ingrid, war Ende fünfzig und hatte diesen müden Blick von Menschen, die zu oft gesehen haben, wie gute Absichten schiefgehen.
„Die erste Familie wollte eine Schmusekatze für die Kinder. Er hat gekratzt. Dann kam eine ältere Dame. Bei ihr hat er ständig gefaucht. Der dritte Mann brachte ihn nach zwei Tagen zurück.“
Sie sah mich ernst an.
„Alle sagen dasselbe: schwierig, unberechenbar, aggressiv.“
Ich arbeitete in der IT in Kassel. Mein Alltag bestand aus Fehlern, Systemen und Dingen, die nicht funktionierten.
Wenn ein Server abstürzte, gab es meistens einen Grund.
Also sah ich den Kater an und dachte nur: Vielleicht gibt es auch bei ihm einen Grund.
Er wirkte nicht böse.
Er wirkte, als hätte er abgeschaltet.
„Ich nehme ihn“, sagte ich.
Ingrid seufzte.
„Sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“
Ich nannte ihn Jaro.
Die erste Woche war eine Katastrophe.
Ich lebte allein in einer ruhigen Zweizimmerwohnung. Ich hatte gedacht, genau das würde ihm helfen. Kein Lärm, keine Kinder, keine anderen Tiere.
Kaum öffnete ich die Transportbox, verschwand Jaro unter meinem Sofa.
Drei Tage lang sah ich ihn fast überhaupt nicht.
Nachts hörte ich manchmal seine Krallen über den Boden. Morgens war der Futternapf leer. Mehr bekam ich von meinem neuen Mitbewohner nicht zu sehen.
Am vierten Abend machte ich meinen ersten großen Fehler.
Ich kam erschöpft von der Arbeit nach Hause. Ein Projekt war schiefgegangen, mein Vorgesetzter hatte schlechte Laune gehabt, und ich fühlte mich leer.
Ich wollte einfach irgendein Zeichen, dass da jemand auf mich wartete.
Also kniete ich mich vor das Sofa.
„Na komm, Jaro“, sagte ich leise. „Alles gut.“
Unter dem Sofa kam ein tiefes Knurren.
Ich hätte es verstehen müssen.
Tat ich aber nicht.
Ich schob meine Hand weiter hinein.
Jaro explodierte förmlich.
Ein Fauchen, ein grauer Schatten, Krallen.
Ich riss meine Hand zurück. Drei rote Linien zogen sich über meinen Handrücken.
„Verdammt!“
Unter dem Sofa leuchteten zwei gelbe Augen.
Keine Reue.
Nur Angst.
Damals erkannte ich den Unterschied noch nicht.
„Dann bleib eben da“, sagte ich wütend.
In den folgenden zwei Wochen lebten wir wie zwei Fremde in derselben Wohnung.
Wenn ich in die Küche ging, verschwand er.
Wenn ich ihn ansah, drehte er den Kopf weg.
Wenn irgendwo etwas herunterfiel, zuckte sein ganzer Körper zusammen.
Langsam verstand ich, warum die anderen ihn zurückgebracht hatten.
Wir holen Tiere zu uns und stellen uns vor, wie sie uns begrüßen. Wie sie auf dem Sofa neben uns liegen. Wie sie unsere Einsamkeit kleiner machen.
Jaro machte meine Einsamkeit zunächst nur sichtbarer.
Er erinnerte mich jeden Tag daran, dass Füttern kein Recht auf Zuneigung schafft.
An einem Dienstag war ich kurz davor, das Tierheim anzurufen.
Bei der Arbeit war alles schiefgegangen. Auf dem Heimweg hatte ich mich gefragt, warum ich mir zusätzlich diesen Kater zugemutet hatte.
Ich schloss meine Wohnungstür hinter mir, ließ meine Tasche fallen und setzte mich einfach im Flur auf den Boden.
Kein Licht.
Kein Fernseher.
Ich rief auch nicht nach Jaro.
Ich saß nur da, den Kopf in den Händen.
Nach einer Weile hörte ich leise Schritte.
Tap.
Tap.
Tap.
Ich hob den Kopf nicht.
Dann spürte ich Wärme in der Nähe meines Beins.
Jaro saß ungefähr einen Meter von mir entfernt.
Nicht auf meinem Schoß.
Nicht an meinem Bein.
Einfach dort.
Er sah mich an.
Dann blinzelte er langsam.
Und plötzlich verstand ich etwas.
Die Familien vor mir hatten Nähe gewollt.
Ich hatte Nähe gewollt.
Wir hatten alle darüber entschieden, wann Jaro angefasst werden sollte.
Wann er Vertrauen zeigen sollte.
Wann er dankbar sein sollte.
Und wenn er sich wehrte, nannten wir ihn schwierig.
Vielleicht war er nicht wütend.
Vielleicht hatte er einfach Angst.
„Okay“, flüsterte ich.
Meine Hände blieben auf meinen Knien.
„Ich fasse dich nicht an.“
Jaro blieb sitzen.
Nach einigen Minuten legte er sich hin.
So verbrachten wir fast eine Stunde.
Ein Mann auf dem Boden.
Ein Kater einen Meter entfernt.
Nichts Spektakuläres geschah.
Und trotzdem war es der erste Abend, an dem ich das Gefühl hatte, dass wir uns wirklich begegneten.
Danach änderte ich mein Verhalten.
Ich lockte ihn nicht mehr.
Ich griff nicht nach ihm.
Wenn ich nach Hause kam und er im Flur saß, sagte ich manchmal nur: „Na, Jaro.“
Dann ging ich weiter.
Wochen vergingen.
Ein Meter Abstand wurde ein halber.
Dann saß er manchmal neben meinem Schreibtisch.
Drei Monate später arbeitete ich gerade am Rechner, als ich plötzlich etwas an meinem Knöchel spürte.
Jaro.
Er lehnte sich gegen mein Bein.
Nur leicht.
Ich bewegte mich keinen Millimeter.
Ich streichelte ihn nicht.
Ich ließ ihn einfach dort stehen.
Und meine Augen wurden feucht.
Sechs Monate nach seiner Ankunft hätte Ingrid ihn vermutlich kaum wiedererkannt.
Er war noch immer keine Schmusekatze.
Besuch mochte er nicht.
Schnelle Bewegungen machten ihn nervös.
Aber wenn ich nach Hause kam, wartete er manchmal im Flur.
Dann kam der Abend, an dem es an meiner Tür klopfte.
Drei feste Schläge.
Vor mir stand Herr Mertens von der Hausverwaltung.
Er hielt einen Ordner unter dem Arm.
„Herr Falk? Wir haben Beschwerden wegen Ihrer Katze bekommen.“
Mir wurde sofort heiß.
„Wegen Jaro? Der ist doch in der Wohnung.“
Herr Mertens schüttelte langsam den Kopf.
„Ein Bewohner hat gestern eine graue Katze im Hausflur gesehen. Außerdem gab es wohl eine Situation beim Treppenhaus.“
Ich sah automatisch nach unten.
An meiner Wohnungstür verlief eine alte Dichtung.
Und plötzlich bemerkte ich Kratzspuren daran.
Offenbar hatte Jaro irgendwann herausgefunden, wie er die Tür ein kleines Stück aufdrücken konnte.
„Ich wusste das nicht“, sagte ich.
„Ich will Ihnen keinen Ärger machen“, antwortete Herr Mertens. „Aber wir müssen Beschwerden ernst nehmen. Bitte sorgen Sie dafür, dass das nicht noch einmal passiert.“
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