Drei Tage nach dem Tod meines Bruders bewachte sein Hund noch immer die Schlafzimmertür, bis ich auf seinem Laptop verstand, warum er nicht aufgab.
Jaro kratzte wieder an der Tür.
Nicht wild. Nicht laut. Immer dieselbe Bewegung mit der rechten Pfote, dann drückte er seine feuchte Nase gegen den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen.
Mein Bruder war seit drei Tagen tot.
Aber sein Hund schien das nicht zu akzeptieren.
„Komm, Jaro“, sagte ich leise.
Der Weimaraner sah nicht einmal zu mir.
Er blieb vor Henriks Zimmer liegen.
Mein Name ist Klara. Ich bin 31 und wohne eigentlich in einer kleinen Wohnung am anderen Ende von Kassel. Seit jener Nacht schlafe ich wieder im Haus meiner Eltern, weil keiner von uns allein sein möchte.
Henrik war 24.
Wenn man nur seine Fotos gesehen hätte, hätte man ihn für einen dieser Menschen gehalten, bei denen alles irgendwie läuft.
Wandern im Habichtswald. Grillabende mit Freunden. Geburtstage. Ein breites Grinsen neben Jaro. Kleine Videos vom Fahrradfahren oder Kochen.
Immer unterwegs.
Immer irgendein dummer Spruch.
Immer: „Alles gut.“
Wir glaubten ihm.
Das ist der Satz, der mir inzwischen am meisten wehtut.
Wir glaubten ihm.
In der Nacht, in der wir Henrik verloren, hatte ich Jaros Krallen im Flur gehört.
Dann ein dumpfes Geräusch.
Noch eins.
Ich lag im Gästezimmer und war müde.
„Jaro! Ruhe!“, rief ich durch die Wand.
Danach wurde es für ein paar Sekunden still.
Später fing er wieder an.
Ich zog mir das Kissen über den Kopf.
Am Morgen stand meine Mutter im Flur.
Ihr Gesicht werde ich nie vergessen.
Henrik reagierte nicht mehr.
Was danach kam, habe ich nur noch in einzelnen Bildern im Kopf.
Mein Vater im Türrahmen.
Meine Mutter mit beiden Händen vor dem Mund.
Menschen im Haus.
Leise Stimmen.
Jaro, den wir kaum aus Henriks Zimmer bekamen.
Und diese Tür.
Unten im Holz waren tiefe Kratzer.
Ich dachte zuerst, Jaro hätte sie in seiner Unruhe verursacht.
Er war eben ein Hund, der seinen Menschen suchte.
Mehr wollte ich darin nicht sehen.
Nach der Beerdigung kamen Nachbarn und Verwandte vorbei.
Jemand stellte Kuchen in die Küche.
Eine Tante brachte einen Auflauf.
Andere hielten Tassen in beiden Händen und sagten Dinge, die wahrscheinlich freundlich gemeint waren.
„So ein lebensfroher Junge.“
„Man hat ihm doch nichts angemerkt.“
„Er war doch immer so fröhlich.“
Dieser letzte Satz machte mich irgendwann wütend.
Nicht auf die Menschen.
Auf uns alle.
Denn sie hatten recht.
Henrik hatte gelacht.
Er hatte gearbeitet.
Er hatte Freunde getroffen.
Er hatte meiner Mutter noch zwei Tage vorher eine Nachricht geschickt, dass er am Sonntag zum Essen komme.
Und trotzdem war etwas in ihm passiert, von dem wir nichts wussten.
Am vierten Abend ging ich endlich in sein Zimmer.
Jaro war schon dort.
Er lag auf Henriks grauem Kapuzenpullover, den er aus dem Wäschekorb gezogen hatte.
Sein Kopf ruhte auf dem Stoff.
Die bernsteinfarbenen Augen blieben auf Henriks leerem Schreibtischstuhl gerichtet.
„Du wartest wirklich noch“, flüsterte ich.
Jaro hob nur kurz die Augenbrauen.
Auf dem Schreibtisch lag Henriks Laptop.
Henrik filmte gern.
Keine professionellen Sachen. Kleine Clips von Wanderungen, Ausflügen, Jaro am See oder irgendwelchem Unsinn mit seinen Freunden.
Ich wollte seine Stimme hören.
Das war der einzige Grund, warum ich den Laptop aufklappte.
Zumindest rede ich mir das bis heute ein.
In einem Ordner lagen mehrere Videos.
Das neueste war knapp zwei Wochen alt.
Ich klickte darauf.
Das Bild zeigte nicht den Wald.
Es zeigte Henriks Zimmer.
Die Kamera stand offenbar auf dem Boden.
Henrik saß an der Wand, die Knie angezogen, beide Hände vor dem Gesicht.
Seine Schultern zitterten.
Sein Atem ging viel zu schnell.
Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was ich da sah.
Mein kleiner Bruder hatte eine Panikattacke.
Und er hatte sie aufgenommen.
Dann kam Jaro ins Bild.
Keine Tricks.
Kein Bellen.
Der große graue Hund lief einfach zu ihm.
Er stellte sich dicht vor Henrik, schob seinen Körper gegen dessen Beine und legte schließlich den schweren Kopf auf Henriks Brust.
Henrik umklammerte seinen Hals.
Eine Weile passierte nichts.
Nach und nach wurde sein Atem ruhiger.
Dann hörte ich die Stimme meines Bruders.
„Tut mir leid, Alter.“
Pause.
„Du merkst es immer, oder?“
Er strich Jaro durchs Fell.
Dann sagte er etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzog.
„Sag Klara nichts. Die macht sich sonst nur Sorgen.“
Ich stoppte das Video.
Jaro lag keine zwei Meter von mir entfernt.
Plötzlich sah ich wieder diese Kratzspuren an der Tür.
Die Geräusche jener Nacht.
Das Stoßen gegen das Holz.
Mein genervtes „Ruhe!“.
Jaro war nicht einfach rastlos gewesen.
Er hatte zu Henrik gewollt.
Vielleicht verstand er nicht, was genau geschah.
Aber er wusste offensichtlich, dass hinter dieser Tür etwas nicht stimmte.
Und ich hatte ihn fortgeschickt.
Ich setzte mich auf den Boden.
Die Schuld kam sofort.
Hart und kalt.
Jaro stand auf und kam zu mir.
Er drückte seine Schulter gegen meine.
Genau so, wie er es im Video bei Henrik getan hatte.
Ich weinte zum ersten Mal seit der Beerdigung richtig.
Nicht dieses stille Weinen im Badezimmer.
Ich meine hässliches, unkontrolliertes Weinen.
Jaro blieb einfach sitzen.
Am nächsten Abend fand ich weitere Aufnahmen.
Henrik sprach darin direkt in die Kamera.
Ohne Lächeln.
Ohne Witze.
„Ich weiß nicht, warum es mir so geht“, sagte er in einem Clip. „Eigentlich habe ich doch keinen Grund.“
Er schaute auf seine Hände.
„Das macht es irgendwie schlimmer.“
In einem anderen Video sagte er:
„Wenn Leute fragen, wie es läuft, sage ich automatisch gut. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich damit angefangen habe.“
Dann lachte er kurz.
Nicht fröhlich.
Eher erschöpft.
„Ich glaube, niemand will wirklich hören, dass es nicht gut läuft.“
Ich saß auf seinem Bett und spürte Jaros Gewicht an meinem Bein.
Mein Bruder hatte uns geliebt.
Daran zweifelte ich keine Sekunde.
Und wir hatten ihn geliebt.
Auch daran zweifelte ich nicht.
Aber Liebe allein hatte nicht bedeutet, dass wir verstanden, was in ihm vorging.
Das war schwer zu ertragen.
Am nächsten Morgen saßen meine Eltern in der Küche.
Meine Mutter schmierte Brote, obwohl niemand Hunger hatte.
Mein Vater starrte in seinen Filterkaffee.
„Wir sollten langsam Henriks Sachen durchgehen“, sagte meine Mutter.
Ich sah sie an.
„Warum?“
Sie zuckte zusammen.
„Nicht alles. Nur ein bisschen.“
Mein Vater räusperte sich.
„Und wir müssen nicht jedem erklären, was genau passiert ist.“
Da wurde mir heiß.
„Was sollen wir denn sagen?“
Meine Mutter sah zur Spüle.
„Dass er plötzlich gestorben ist.“
Ich zog Henriks Handy aus meiner Tasche.
„Und dann?“
Beide sahen mich an.
„Dann erzählen wir jahrelang, Henrik sei immer glücklich gewesen?“
Mein Vater spannte den Kiefer an.
„Klara.“
„Ich habe seine Videos gesehen.“
Meine Mutter wurde blass.
„Welche Videos?“
„Er hatte Panikattacken. Er hat sie versteckt.“
Stille.
Jaro lag im Kücheneingang.
Bei Henriks Namen hob er sofort den Kopf.
„Er wollte nicht, dass wir uns Sorgen machen“, sagte ich. „Er dachte, er müsse immer funktionieren.“
Mein Vater schob seine Kaffeetasse weg.
„Wir haben doch ständig gefragt, ob alles in Ordnung ist.“
„Ja“, sagte ich.
Meine Stimme brach.
„Und er hat ständig ja gesagt.“
Keiner antwortete.
Später öffnete ich Henriks Nachrichten.
Ich weiß bis heute nicht, ob das richtig war.
Damals brauchte ich Antworten stärker als Anstand.
Zwischen belanglosen Gruppen, Fußballnachrichten und Witzen fand ich einen Chat mit einem merkwürdigen Namen:
Heute bleibst du hier.
Darin waren Menschen, die ich nicht kannte.
Henrik hatte nachts mit ihnen geschrieben.
Keine großen Reden.
Oft nur ein paar Sätze.
„Ich bin noch da.“
„Schreib ruhig weiter.“
„Du musst heute nicht alles lösen.“ „Hol dir Unterstützung. Du musst das nicht allein tragen.“
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