Ich wollte im Tierheim nur einen neuen Hund kennenlernen, doch hinter einer Gittertür saß plötzlich der Hund, den ich vor sechs Jahren zurückgelassen hatte.
„Joris?“
Der Name kam kaum hörbar über meine Lippen.
Der alte Mischlingsrüde hob den Kopf. Erst langsam. Dann erstarrte er.
Für einen Moment bewegte sich keiner von uns.
Ich stand mitten im Gang des Tierheims, eine Hand noch an meiner Tasche. Joris saß hinter der Gittertür und starrte mich an, als hätte jemand sechs Jahre einfach aus seinem Leben herausgeschnitten.
Dann begann seine Rute auf den Boden zu schlagen.
Einmal.
Zweimal.
Immer schneller.
„Sie kennen ihn?“, fragte die Mitarbeiterin neben mir.
Ich konnte nur nicken.
„Er gehörte meinem Ex-Mann.“
Eigentlich hatte ich an diesem Samstag nur schauen wollen. Nach meinem Umzug in eine kleinere Wohnung am Rand von Kassel war es dort still geworden. Zu still.
Eine Freundin hatte gesagt: „Kerstin, du brauchst wieder jemanden, der dich morgens aus dem Bett zwingt.“
Also war ich ins Tierheim gefahren.
Und nun saß dort Joris.
Der Hund, den Falk und ich als jungen Rüden aufgenommen hatten.
Der Hund, der zwischen uns auf dem Sofa gelegen hatte.
Der Hund, der bei unserer Trennung bei Falk geblieben war.
Ich ging in die Hocke.
Joris drückte die Schnauze gegen das Gitter.
„Mein Gott“, flüsterte ich. „Was machst du denn hier?“
Er winselte.
Dieses Geräusch traf mich härter, als ich erwartet hatte.
Vor sechs Jahren hatten Falk und ich uns getrennt. Nicht mit Geschrei. Nicht mit zerbrochenen Tellern. Nicht mit einer großen Szene, die man später seinen Freunden erzählen konnte.
Unsere Ehe war einfach immer leiser geworden.
Falk arbeitete damals als Bauzeichner in einem kleinen Planungsbüro. Ich leitete eine Buchhandlung.
Er mochte feste Abläufe, klare Pläne und Ruhe.
Ich mochte spontane Sonntage, volle Küchentische und Menschen, die sagten, was sie dachten.
Am Anfang hatte uns genau das angezogen.
Später trennte es uns.
Im letzten Jahr unserer Ehe konnten wir zusammen frühstücken, ohne mehr als drei Sätze zu wechseln.
„Kaffee?“
„Ja.“
„Bist du heute spät zurück?“
„Wahrscheinlich.“
Das war manchmal alles.
Als ich irgendwann sagte, dass ich nicht mehr konnte, sah Falk lange auf seine Hände.
Dann nickte er.
„Wenn du das wirklich willst.“
Keine Frage.
Kein „Bleib“.
Kein „Lass es uns noch einmal versuchen“.
Vielleicht hatte ich genau darauf gewartet.
Als ich meine Sachen packte, blieb Joris bei Falk.
Es war logisch. Falk arbeitete näher an unserer Wohnung, konnte mittags nach Hause und hatte zu Joris eine Bindung, die ich nie zerstören wollte.
Ich kniete damals im Flur, nahm Joris’ Kopf zwischen meine Hände und sagte: „Pass auf ihn auf, ja?“
Ich wusste bis heute nicht, ob ich Joris oder Falk gemeint hatte.
Danach verloren wir den Kontakt.
Nicht sofort.
Zuerst kamen noch kurze Nachrichten.
„Dein Brief ist angekommen.“
„Danke.“
„Joris war beim Tierarzt. Alles okay.“
„Gut.“
Dann wurde daraus gar nichts mehr.
Und jetzt saß Joris vor mir.
Älter.
Dünner.
Sein Fang war fast weiß geworden.
Aber er war sauber, gepflegt und offensichtlich nicht lange auf der Straße gewesen.
„Wie ist er hierhergekommen?“, fragte ich.
Die Mitarbeiterin, eine Frau namens Imke, sah in ihre Unterlagen.
„Er wurde vor einigen Wochen gebracht. Von einer Frau, die sagte, sie kümmere sich vorübergehend um ihn. Sie konnte ihn aber nicht behalten.“
„Hat sie einen Namen hinterlassen?“
Imke schüttelte den Kopf.
„Nur die notwendigen Angaben. Mehr darf ich Ihnen darüber auch nicht sagen.“
Das verstand ich.
Trotzdem begann mein Herz schneller zu schlagen.
Falk hätte Joris niemals freiwillig weggegeben.
Nicht einfach so.
Dafür kannte ich ihn zu gut.
Falk konnte vieles verschweigen. Er konnte sich tagelang in Arbeit vergraben. Er konnte behaupten, alles sei in Ordnung, obwohl man ihm ansah, dass nichts in Ordnung war.
Aber Joris?
Den hätte er nicht verlassen.
„Kann ich ihn kurz sehen?“
Imke öffnete die Tür.
Joris kam nicht langsam heraus.
Er warf sich gegen mich.
Fast neun Jahre alt, steife Hinterbeine, weißes Gesicht – und plötzlich benahm er sich wieder wie der junge Hund, der früher durch unseren Flur gerannt war.
Ich setzte mich einfach auf den Boden.
Joris drückte seinen Kopf gegen meine Brust.
Ich vergrub das Gesicht in seinem Fell.
„Wo ist Falk?“, flüsterte ich.
Joris antwortete natürlich nicht.
Aber in diesem Moment wusste ich, dass ich es herausfinden musste.
Noch am selben Nachmittag fuhr ich zu unserer früheren Wohnung.
Falk wohnte dort nicht mehr.
Am Klingelschild stand ein anderer Name.
Eine ältere Nachbarin erkannte mich trotzdem.
Frau Seidel hatte schon dort gewohnt, als Falk und ich eingezogen waren.
„Kerstin?“, sagte sie überrascht. „Das gibt’s doch nicht.“
Nach ein paar höflichen Sätzen fragte ich nach Falk.
Ihr Gesicht veränderte sich.
„Der ist schon vor Monaten ausgezogen.“
„Wissen Sie, wohin?“
„Nein.“
Sie zögerte.
Dann sagte sie leiser: „Er sah zuletzt nicht gut aus.“
Mir wurde kalt.
„Was heißt das?“
„Er hatte stark abgenommen. Ich habe ihn einmal unten an den Briefkästen getroffen. Er musste sich am Geländer festhalten.“
„Und was hat er gesagt?“
Frau Seidel schnaubte leise.
„Was Männer wie er immer sagen. Alles in Ordnung.“
Das war Falk.
Dieser eine Satz war so typisch für ihn, dass ich beinahe lachen wollte.
Stattdessen musste ich schlucken.
„Hat er etwas von Joris gesagt?“
„Nur dass eine Bekannte sich eine Zeit lang um ihn kümmern würde.“
Da wusste ich endgültig, dass etwas passiert war.
Ich fuhr nach Hause, setzte mich in meine Küche und starrte fast eine Stunde auf mein Handy.
Falks alte Nummer funktionierte nicht mehr.
Auch seine damalige E-Mail-Adresse brachte nichts.
Ich schrieb zwei Menschen, die wir früher gemeinsam gekannt hatten.
Einer wusste gar nichts.
Der andere erinnerte sich, dass Falk nach längerer Krankheit in eine kleinere Wohnung gezogen sein sollte.
Mehr nicht.
Am nächsten Morgen fuhr ich wieder zum Tierheim.
Joris stand bereits auf, als er mich sah.
Als hätte er gewusst, dass ich zurückkommen würde.
Ich beantragte, ihn zu mir zu nehmen.
Diesmal nicht aus Einsamkeit.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, eine Verantwortung zurückzubekommen, die ich vor sechs Jahren an der Tür unserer alten Wohnung abgegeben hatte.
Einige Tage später durfte Joris mit.
Im Auto saß er auf der Rückbank und schaute immer wieder nach vorn zu mir.
„Ich weiß auch nicht, wo er ist“, sagte ich.
Joris legte den Kopf schief.
„Aber wir finden es heraus.“
Den entscheidenden Hinweis bekam ich schließlich von Frau Seidel.
Sie rief mich an.
„Mir ist etwas eingefallen“, sagte sie. „Falk hatte kurz vor seinem Auszug einen Brief für die Hausverwaltung bei mir abgegeben, weil er nicht mehr gut zu Fuß war. Darauf stand seine neue Anschrift.“
Sie durfte mir die Adresse nicht einfach geben.
Also schrieb sie Falk einen Brief und legte meine Telefonnummer hinein.
Zwei Tage geschah nichts.
Am dritten Abend klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sagte etwas.
„Hallo?“
Dann hörte ich eine Stimme, die ich seit sechs Jahren nicht gehört hatte.
„Kerstin?“
Ich musste mich am Küchentisch festhalten.
„Falk.“
Joris hob sofort den Kopf.
„Frau Seidel hat mir geschrieben“, sagte er.
Seine Stimme klang dünner als früher.
„Wo ist Joris?“
Keine Begrüßung.
Keine Erklärung.
Nur diese Frage.
Ich sah zu Joris.
„Bei mir.“
Am anderen Ende hörte ich einen langen Atemzug.
„Geht es ihm gut?“
„Ja.“
Wieder Stille.
Früher hätte mich diese Stille wütend gemacht.
Diesmal nicht.
„Falk“, sagte ich, „ich komme morgen vorbei.“
„Das musst du nicht.“
„Ich weiß.“
Er schwieg.
„Aber ich komme trotzdem.“
Am nächsten Nachmittag stand ich vor einer kleinen Doppelhaushälfte in einem ruhigen Kasseler Wohnviertel.
Joris erkannte die Straße offenbar schon vor mir.
Er begann im Auto zu fiepen.
Als ich die Leine befestigte, zitterte sein ganzer Körper.
Kaum war die Autotür offen, zog er los.
Nicht schnell.
Dafür war er inzwischen zu alt.
Aber mit einer Entschlossenheit, die mich fast stolpern ließ.
Vor einer grünen Haustür blieb er stehen.
Dann bellte er.
Einmal.
Noch einmal.
Drinnen hörte ich Schritte.
Die Tür ging auf.
Und dort stand Falk.
Ich hätte ihn beinahe nicht erkannt.
Er war schmal geworden. Seine Wangen waren eingefallen, seine Haare fast vollständig grau.
Er trug eine weite Strickjacke und stützte eine Hand am Türrahmen ab.
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