Als ich nachts keine Luft mehr bekam, tat Rex etwas, das mir das Leben rettete

Um 1:47 Uhr lag ich neben meinem Bett, bekam kaum noch Luft, und mein Schäferhund Rex tat etwas, das ich ihm niemals beigebracht hatte.

Ich wollte nach meinem Inhalator greifen.

Meine Hand kam nicht einmal bis zur Matratze.

Ich lag auf der rechten Seite auf dem Schlafzimmerboden, meine Schulter brannte, und der kleine Inhalator lag oben auf dem Nachttisch. Vielleicht zwanzig Zentimeter über mir.

In diesem Moment hätten es auch zwanzig Meter sein können.

Ich heiße Margarete, bin 59 Jahre alt und wohne in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Kassel. Mein Mann Dieter und ich haben es 2008 gekauft.

Ich habe seit vielen Jahren Asthma.

Und Rex ist mein fünfjähriger Deutscher Schäferhund. Schwarzbraun, knapp 38 Kilo schwer und mit einem Gesicht, das auf Fremde oft ernster wirkt, als er eigentlich ist.

Ich hatte ihn drei Jahre zuvor aus einem Tierheim übernommen.

Seitdem schlief er jede Nacht neben meinem Bett.

Fast immer auf seinem alten Kissen.

Manchmal schlich er sich nachts auf die Decke, obwohl er genau wusste, dass ich das eigentlich nicht wollte.

In jener Nacht war plötzlich alles anders.

Es war exakt 1:47 Uhr.

Ich weiß das noch, weil die roten Zahlen meines Weckers direkt vor meinen Augen leuchteten, als ich hochschreckte.

Ich hatte keinen Albtraum.

Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich so plötzlich aufwachte.

Ich setzte mich ruckartig auf, verlor das Gleichgewicht und rutschte seitlich aus dem Bett.

Meine rechte Schulter traf zuerst den Boden.

Der Schmerz war sofort da.

Aber er war nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste war meine Brust.

Sie zog sich zusammen.

Menschen, die keine Asthmaanfälle kennen, stellen sich Atemnot manchmal so vor, als würde man einfach zu wenig Luft bekommen.

Bei mir fühlt es sich anders an.

Es ist, als würde jemand eine Tür in der Brust zuschlagen und von der anderen Seite abschließen.

Du willst einatmen.

Dein Körper versucht es.

Aber da kommt fast nichts.

Ich wollte Dieters Namen rufen.

Er war an diesem Wochenende mehrere hundert Kilometer entfernt bei seinem Bruder.

Aus meinem Mund kam nur ein dünnes Pfeifen.

Mein Telefon lag ebenfalls auf dem Nachttisch.

Neben dem Inhalator.

Ich streckte den linken Arm nach oben.

Zu kurz.

Ich versuchte mich aufzustützen.

Sofort schoss der Schmerz durch meine rechte Schulter und ich sackte wieder zusammen.

Da bekam ich wirklich Angst.

Nicht diese alltägliche Angst, bei der man denkt: Das wird schon.

Es war diese klare, kalte Angst, bei der man versteht, dass man gerade ein Problem hat, das man allein vielleicht nicht lösen kann.

Und dann erinnerte ich mich an ein Wort.

Ein einziges Wort.

„Hol.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Rex reagierte sofort.

Ich hörte seine Krallen auf dem Boden.

Dann war seine Schnauze an meinem Gesicht.

Er stupste meine Wange an und zog den Kopf wieder zurück.

„Hol“, flüsterte ich noch einmal.

Dieses Kommando hatte ich ihm beigebracht, kurz nachdem er zu uns gekommen war.

Eigentlich war es nur ein Spiel gewesen.

Ich zeigte auf einen Ball.

„Hol.“

Er brachte ihn.

Ich zeigte auf sein Stoffseil.

„Hol.“

Er brachte es.

Später funktionierte es sogar mit meinen Hausschuhen.

Ich hatte das immer lustig gefunden.

An diesem Morgen war daran nichts lustig.

Mein Inhalator war kein Ball.

Er roch nicht nach Futter.

Er war klein, glatt und aus Kunststoff.

Ich hatte Rex niemals beigebracht, so etwas zu holen.

Schon gar nicht von einem Nachttisch.

Rex stand neben mir und beobachtete mich.

Dann sah er zum Nachttisch.

Wieder zu mir.

Wieder zum Nachttisch.

Ich konnte nicht mehr sprechen.

Ich hob meine linke Hand ein paar Zentimeter und versuchte, nach oben zu zeigen.

Mehr ging nicht.

Meine Sicht wurde unscharf.

In meinem Kopf tauchten plötzlich völlig unsinnige Gedanken auf.

Ich dachte an meine Tochter Katrin.

An meinen Sohn Tobias.

An Dieter.

Und daran, dass keiner von ihnen wusste, dass ich gerade neben meinem Bett lag und kaum Luft bekam.

Rex bewegte sich.

Er stellte sich auf die Hinterbeine und legte die Vorderpfoten an die Kante des Nachttisches.

Die Platte war etwas zu hoch.

Er konnte nicht richtig daraufsehen.

Seine Pfoten rutschten wieder herunter.

Er probierte es erneut.

Nichts.

Dann trat er einen Schritt zurück.

Er sprang.

Sein Körper stieß gegen den Nachttisch.

Die Lampe wackelte.

Mein Telefon bewegte sich ein kleines Stück.

Der Inhalator blieb liegen.

Rex sprang noch einmal.

Und noch einmal.

Ich hörte Holz knarren.

Beim nächsten Versuch fiel die kleine Lampe herunter und landete auf dem Teppich.

Ich zuckte zusammen.

Aber Rex ließ sich nicht ablenken.

Er sprang wieder.

Diesmal hörte ich ein leises Klackern.

Etwas rollte über die Tischplatte.

Dann fiel es auf den Boden.

Mein Inhalator.

Rex war schneller bei ihm, als ich schauen konnte.

Er nahm ihn ins Maul.

Für einen Augenblick bekam ich noch mehr Angst.

Rex hatte kräftige Kiefer.

Ein falscher Biss, und das Plastik hätte beschädigt werden können.

Doch er biss nicht zu.

Er hielt den Inhalator ganz vorsichtig zwischen den Zähnen.

Fast so, als hätte er plötzlich verstanden, dass dieses kleine Ding wichtiger war als alles, was er bisher für mich getragen hatte.

Er kam zu mir.

Dann legte er ihn direkt vor mein Gesicht.

Ich wollte danach greifen.

Meine Finger bewegten sich kaum.

Rex sah auf den Inhalator.

Dann auf meine Hand.

Dann tat er etwas, das ich ihm nie beigebracht hatte.

Er schob den Inhalator mit seiner Nase über den Boden.

Langsam.

Noch ein Stück.

Bis das Plastik meine Finger berührte.

Ich schloss die Hand darum.

Beim ersten Versuch bekam ich kaum etwas hin.

Beim zweiten etwas mehr.

Beim dritten spürte ich endlich, wie wieder Luft in meine Lungen kam.

Nicht viel.

Aber genug.

Ich saß mit dem Rücken an der Wand und atmete.

Noch einmal.

Und noch einmal.

Langsam ließ der Druck nach.

Mir liefen Tränen über die Wangen.

Rex setzte sich vor mich.

Er sprang nicht herum.

Er bellte nicht.

Er leckte mir nicht hektisch durchs Gesicht.

Er saß einfach da.

Und sah mich an.

Sein Blick wanderte zwischen meinem Gesicht und meiner Brust hin und her, als würde er jede Bewegung kontrollieren.

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich dort saß.

Irgendwann schaffte ich es, mich ein kleines Stück bequemer hinzusetzen.

Aufstehen konnte ich wegen meiner Schulter noch nicht.

Also blieb ich auf dem Boden.

Rex legte sich neben mich.

Ich lehnte den Kopf zurück.

Meine Augen fielen irgendwann zu.

Als ich wieder wach wurde, zeigte der Wecker 5:30 Uhr.

Das Erste, was ich bemerkte, war Wärme.

Mein Inhalator lag noch immer in meiner Hand.

Aber er fühlte sich nicht mehr kalt an.

Dann merkte ich, warum.

Rex lag so dicht bei mir, dass mein Arm an seinem Körper ruhte.

Mein Kopf lag auf seiner Seite.

Er hatte sich irgendwann so unter mich geschoben, dass sein Körper wie ein Kissen unter meiner Wange lag.

Ich hörte sein Herz.

Langsam.

Gleichmäßig.

Bumm.

Bumm.

Bumm.

Ich blieb einen Moment ganz still.

Dann bemerkte ich etwas anderes.

Rex schlief nicht.

Seine Augen waren offen.

Sein Kopf lag an meiner Brust.

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