Auf 2.800 Metern fand Martin eine Hündin mit drei Welpen, dann begann der schwerste Abstieg seines Lebens

Auf 2.800 Metern fand Martin eine Hündin mit drei Welpen im Schnee, und wusste sofort, dass keiner von ihnen drei Stunden überleben würde.

Martin Keller blieb mitten auf dem schmalen Bergpfad stehen.

Vor ihm lag eine Hündin im Schnee. Fast bewegungslos. Ihr Fell war mit kleinen Eiskristallen bedeckt, ihre Beine dicht unter den Körper gezogen.

Doch es war nicht die Hündin allein, die Martin den Atem nahm.

Zwischen ihrem Bauch und den Vorderpfoten lagen drei winzige Welpen.

So eng an ihre Mutter gepresst, dass man sie auf den ersten Blick kaum erkennen konnte.

Martin war 52 Jahre alt und seit fast drei Jahrzehnten in den Bergen unterwegs. Er hatte Verletzte gesehen, Menschen aus schwierigen Situationen begleitet und selbst Nächte in einfachen Berghütten verbracht.

Aber auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet.

Er ging langsam in die Hocke.

Die Hündin hob den Kopf.

Ihre Augen waren wach, obwohl ihr Körper erschöpft wirkte.

Martin blieb auf Abstand.

„Ganz ruhig“, sagte er leise.

Die Hündin knurrte nicht.

Sie sah ihn nur an.

Dann bewegte sich ihre Rute einmal ganz schwach über den Schnee.

Martin blickte auf seine Uhr.

Es war später Nachmittag.

Der nächste einfache Schutzraum lag ungefähr drei Stunden entfernt. Ein kleiner, unbewirtschafteter Unterstand weiter unten im Tal, den Wanderer bei schlechtem Wetter nutzen konnten.

Drei Stunden.

Für einen gesunden Menschen kein großes Problem.

Für drei neugeborene Welpen möglicherweise eine Ewigkeit.

Martin nahm seinen Rucksack ab und öffnete ihn.

Eine Wolldecke.

Ein Thermobecher mit warmem Kräutertee.

Ein paar Müsliriegel.

Ein kleines Erste-Hilfe-Set.

Ersatzhandschuhe.

Mehr hatte er nicht.

Kein Funkgerät mit ausreichendem Empfang. Sein Handy zeigte zwar noch Akku, aber kein Netz.

Er schaute zurück in Richtung Gipfel.

Weiter nach oben zu gehen war ausgeschlossen.

Dort gab es keinen Schutz.

Also blieb nur der Weg nach unten.

Martin setzte sich für einen Moment auf seinen Rucksack und dachte an einen Satz seines alten Bergführers Paul.

Der hatte ihm vor vielen Jahren einmal gesagt:

„Wenn du draußen keine gute Lösung hast, such nicht nach der perfekten. Mach das Vernünftigste, was jetzt möglich ist.“

Damals hatte Martin darüber gelächelt.

Jetzt verstand er jedes Wort.

Er zog langsam die Wolldecke aus dem Rucksack und rückte näher.

Die Hündin beobachtete jede Bewegung.

Martin legte die Decke zuerst neben sie, damit sie daran riechen konnte.

Dann schob er sie vorsichtig unter ihren Rücken und zog einen Teil über ihre Flanke.

Die drei Welpen ließ er frei.

Einer von ihnen bewegte kurz den Kopf.

Der zweite gab ein kaum hörbares Quieken von sich.

Der dritte lag vollkommen still.

Martins Magen zog sich zusammen.

Er öffnete seinen Thermobecher.

Der Tee war zu heiß, also goss er etwas davon in den Metalldeckel und wartete.

Dann hielt er seine Hand hinein, bis die Flüssigkeit nur noch lauwarm war.

Er ließ einige Tropfen auf seine Handfläche laufen und hielt sie vor die Hündin.

Sie schnupperte.

Dann begann sie zu trinken.

Gierig.

So schnell, dass Martin sofort wieder nachgoss.

„Langsam“, murmelte er. „Du bekommst noch mehr.“

Die Hündin sah kurz zu ihren Welpen.

Dann wieder zu ihm.

Martin wusste, dass er handeln musste.

Er stand auf und räumte seinen Rucksack aus.

Alles, was nicht unbedingt nötig war, ließ er zurück.

Ein zusätzliches Oberteil.

Eine kleine Sitzunterlage.

Ein Taschenbuch.

Ein paar Dinge, über die er am Morgen noch nicht einmal nachgedacht hatte.

Jetzt ging es nur noch um Gewicht.

Mit seinen Handschuhen schob er Schnee zu einem niedrigen Wall zusammen, damit der Wind die Hündin nicht direkt traf.

Es war kein richtiger Schutz.

Aber vielleicht reichte es für einige Minuten.

Dann öffnete er seine Jacke.

Er hatte mehrere Schichten Kleidung an.

Martin zog das Funktionsshirt etwas hoch und hielt den Stoff seiner inneren Jackenschicht offen.

Danach kniete er sich neben die Welpen.

„Ich nehme sie nur kurz“, sagte er zur Hündin.

Natürlich wusste er, dass sie seine Worte nicht verstehen konnte.

Trotzdem redete er weiter.

Vielleicht half es ihm selbst.

Vielleicht half der ruhige Ton auch ihr.

Martin schob beide Hände unter den ersten Welpen.

Er war erschreckend leicht.

Kaum mehr als ein warmes Bündel Fell.

Martin legte ihn unter seine Jacke, dicht an seinen Brustkorb.

Der Kleine bewegte sich.

Dann nahm er den zweiten.

Auch er war kalt, aber nicht völlig ausgekühlt.

Beim dritten zögerte Martin.

Dieser Welpe hatte sich noch immer nicht bewegt.

Martin hielt ihn vorsichtig ans Ohr.

Da war etwas.

Ein winziges Geräusch.

Ein Atemzug.

Dann noch einer.

„Komm schon“, flüsterte Martin.

Er legte auch ihn unter seine Jacke.

Drei kleine Körper lagen nun an seiner Brust.

Martin konnte ihre Bewegungen spüren.

Ein Zittern.

Ein Zucken.

Winzige Herzschläge.

Er sah zur Mutterhündin.

Sie hatte alles beobachtet.

Martin hatte damit gerechnet, dass sie aufspringen oder die Zähne zeigen würde.

Stattdessen blieb sie liegen.

Ihre Augen waren auf seine Brust gerichtet.

Dann blickte sie ihm direkt ins Gesicht.

Martin würde später sagen, dass genau dieser Moment ihm am stärksten im Gedächtnis geblieben war.

Nicht der Schnee.

Nicht die Kälte.

Nicht die Angst.

Sondern dieser Blick.

Als hätte die Hündin verstanden, was er vorhatte.

Martin nahm eine weiche Bandschlinge aus seinem Rucksack.

Er befestigte sie locker an seinem Hüftgurt und machte am anderen Ende eine provisorische Schlaufe für die Hündin.

Nicht um sie zu ziehen.

Nur damit sie nicht abrutschen konnte und er merkte, falls sie zurückblieb.

„Wir gehen zusammen“, sagte er.

Die Hündin versuchte aufzustehen.

Beim ersten Versuch knickten ihre Hinterbeine weg.

Martin fing sie am Brustkorb auf.

Beim zweiten Versuch stand sie.

Unsicher.

Aber sie stand.

Dann begann der Abstieg.

Die ersten hundert Meter waren langsam.

Martin setzte einen Fuß vor den anderen.

Unter seiner Jacke spürte er die drei Welpen.

Immer wieder legte er eine Hand an seine Brust.

Nicht weil er wirklich etwas tun konnte.

Er wollte nur fühlen, dass sie noch da waren.

Die Hündin ging hinter ihm.

Nach vielleicht zwanzig Minuten blieb sie stehen.

Martin drehte sich um.

Sie hatte den Kopf gesenkt.

Ihre Beine zitterten.

„Pause.“

Er ging zurück und kniete sich neben sie.

Aus einem Müsliriegel brach er ein kleines Stück ab, zerdrückte es mit etwas lauwarmem Wasser und bot es ihr an.

Die Hündin fraß.

Langsam.

Dann legte sie für einige Sekunden den Kopf auf Martins Knie.

Er schluckte.

„Du darfst jetzt nicht aufgeben.“

Martin hatte sein Leben lang Hunde gemocht, aber nie selbst einen gehalten.

Sein Alltag war zu unregelmäßig gewesen.

Er lebte allein in einem kleinen Haus am Rand eines Ortes im Allgäu und verbrachte viele freie Tage in den Bergen.

Er hatte immer gesagt, ein Hund passe nicht in sein Leben.

In diesem Moment dachte er darüber nicht mehr nach.

Sie gingen weiter.

Der Pfad wurde steiler.

Unter dem Schnee lagen Steine und gefrorene Wurzeln.

Mehrmals rutschte Martin weg.

Einmal fiel er auf ein Knie.

Sofort legte er beide Arme schützend um seine Brust.

Die Welpen blieben sicher.

Die Hündin stand neben ihm.

Und wartete.

„Alles gut.“

Martin stand wieder auf.

Noch ungefähr zwei Stunden.

Er versuchte nicht mehr, an die gesamte Strecke zu denken.

Nur an den nächsten Baum.

Dann an die nächste Kurve.

Dann an den nächsten Felsen.

Schritt für Schritt.

Nach einer weiteren Stunde spürte Martin plötzlich etwas, das ihm Angst machte.

Einer der Welpen bewegte sich kaum noch.

Er blieb stehen.

Vorsichtig öffnete er die Jacke.

Der kleine hellgraue Welpe lag zwischen seinen Geschwistern und wirkte schlaffer als zuvor.

„Nein.“

Martin setzte sich auf einen Felsen.

Er nahm den Kleinen in beide Hände und hielt ihn eng an seine Brust.

Dann öffnete er den Thermobecher.

Nur noch wenig warme Flüssigkeit.

Er ließ einen Tropfen auf seinen Finger laufen und berührte vorsichtig das Maul des Welpen.

Nichts.

Noch ein Tropfen.

Die winzige Zunge bewegte sich.

Martin schloss für einen Moment die Augen.

„Ja. Genau so.“

Noch ein Tropfen.

Wieder eine kleine Bewegung.

Die Hündin stand direkt vor ihm.

Sie winselte leise.

Martin legte den Welpen zurück zu seinen Geschwistern.

„Er lebt.“

Er wusste selbst nicht, warum er das der Hündin sagte.

Aber sie stupste seine Jacke mit der Nase an.

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