Eine Pflegefamilie ließ einen achtjährigen autistischen Jungen einfach vor dem Jugendamt zurück. Wenige Meter entfernt wartete ein tauber, vernarbter Hund auf seine Einschläferung. Dann geschah etwas Unglaubliches.
„Wir nehmen ihn nicht wieder mit! Haben Sie verstanden? Wir sind völlig überfordert!“
Die Frau stand vor dem Jugendamt in Kassel und gestikulierte aufgebracht. Ihr Mann hatte bereits den Autoschlüssel in der Hand. Beide schauten demonstrativ an dem kleinen Jungen vorbei, der neben dem Eingang stand.
„Er spricht kaum, reagiert auf nichts und bekommt wegen jeder Kleinigkeit einen Anfall“, sagte die Frau. „Wir haben alles versucht. Wir können nicht mehr.“
Der Junge hieß Mats. Er war acht Jahre alt.
Seine viel zu große Jacke hing ihm bis über die Hände. Auf dem Kopf trug er dicke Kopfhörer, die ihn vor störenden Geräuschen schützen sollten. Er wippte auf den Fersen und starrte auf einen Riss im Pflaster.
Ich saß in meinem alten Transporter auf der anderen Straßenseite und bekam jedes Wort mit.
Mein Name ist Hartmut Krüger. Damals war ich sechzig Jahre alt, ehemaliger Berufssoldat und seit zehn Jahren Betreiber eines kleinen Gnadenhofs außerhalb von Kassel.
Eigentlich wollte ich nur einen Hund aus dem benachbarten Tierheim abholen.
Doch an diesem Vormittag sollte sich mein ganzes Leben verändern.
Hinter dem Zaun des Tierheims führten zwei Mitarbeiter einen riesigen Mischlingshund über den Hof.
Das Tier hatte einen breiten Kopf, einen kräftigen Körper und mehrere alte Narben. Sein Fell war grau und braun, und an seiner Brust fehlten einige Haare.
Er war vollständig taub.
Das Tierheim hatte ihn als schwer vermittelbar eingestuft. Nach mehreren gescheiterten Vermittlungsversuchen stand nun seine Einschläferung bevor.
Ich wusste das, weil ich zuvor mit der Leiterin gesprochen hatte.
Plötzlich betätigte ein Müllwagen an der Kreuzung seine laute Hupe.
Mats zuckte zusammen.
Obwohl er seine Kopfhörer trug, warf ihn das Geräusch vollkommen aus der Bahn. Er ging auf die Knie, presste die Hände an den Kopf und begann zu schreien.
Die Mitarbeiterin des Jugendamtes eilte zu ihm.
„Mats, beruhige dich! Komm jetzt!“
Sie fasste ihn an der Schulter.
Der Junge erschrak noch mehr. Er riss sich los, stolperte rückwärts und verlor dabei seine Jacke.
Dann rannte er los.
Durch eine beschädigte Stelle am unteren Zaun gelangte er auf das Gelände des Tierheims.
Direkt auf den riesigen Hund zu.
„Halt! Weg da!“, rief einer der Mitarbeiter.
Ich sprang aus meinem Wagen.
Doch bevor jemand eingreifen konnte, war Mats bereits bei dem Tier angekommen.
Er warf sich gegen dessen Brust, klammerte sich an das dichte Fell und vergrub sein Gesicht am Hals des Hundes.
Alle hielten den Atem an.
Der Hund bewegte sich zunächst nicht.
Dann senkte er langsam seinen schweren Körper auf den Boden.
Er legte sich neben Mats, ganz ruhig, ohne zu knurren oder nach ihm zu schnappen.
Der Junge weinte weiter, aber seine Schreie wurden leiser.
Seine kleinen Hände hielten sich an dem Fell fest.
Der Hund blieb liegen.
Ich kniete mich einige Schritte entfernt hin und bat die anderen, Abstand zu halten.
„Bitte nicht anfassen. Gebt ihm einen Moment.“
Nach einigen Minuten hob Mats den Kopf.
Seine Augen waren rot. Die Tränen liefen ihm noch über die Wangen.
Doch zum ersten Mal, seit ich ihn gesehen hatte, wirkte er nicht mehr völlig verloren.
Er schaute den Hund an.
Dann legte er seine Hand vorsichtig auf dessen Brust.
Der Hund atmete ruhig weiter.
Ich werde diesen Augenblick nie vergessen.
Zwei Lebewesen, die andere Menschen als zu schwierig bezeichnet hatten, saßen mitten auf dem Kies und gaben einander etwas, das keiner der Erwachsenen gerade geschafft hatte.
Ruhe.
Die Mitarbeiterin des Jugendamtes erklärte mir später, dass Mats vorübergehend in einer betreuten Wohngruppe untergebracht werden sollte.
Seine Pflegefamilie hatte die Betreuung beendet. Eine neue Familie war nicht gefunden worden.
„Er braucht sehr viel Unterstützung“, sagte sie erschöpft.
„Das sehe ich“, antwortete ich. „Aber er braucht auch jemanden, der ihn versteht.“
Ich erzählte ihr von meinem Hof.
Dort lebten alte Pferde, drei Esel, einige Katzen und mehrere Hunde mit gesundheitlichen Einschränkungen. Ich arbeitete außerdem mit einer kleinen Einrichtung zusammen, die tiergestützte Angebote für Kinder organisierte.
Ich hatte Erfahrung als Pflegeperson und war für entsprechende Aufgaben überprüft worden.
Trotzdem konnte ich Mats natürlich nicht einfach mitnehmen.
Es folgten Gespräche, Telefonate und eine Menge Papierkram.
Gleichzeitig sprach ich mit der Tierheimleiterin.
„Was ist mit dem Hund?“
„Er heißt eigentlich Rocco“, antwortete sie. „Aber auf seinen Namen reagiert er natürlich nicht.“
Ich sah durch das Fenster.
Mats saß noch immer neben Rocco.
„Ich würde ihn gern übernehmen.“
Die Leiterin musterte mich lange.
Dann fragte sie nach meinem Hof, den anderen Tieren und meiner Erfahrung.
Am Nachmittag unterschrieben wir die Übernahmeunterlagen. Die geplante Einschläferung wurde abgesagt.
Für Mats fand das Jugendamt nach weiteren Prüfungen eine kurzfristige Unterbringung bei mir.
Zunächst nur für wenige Tage.
Niemand konnte damals wissen, was daraus werden würde.
Am ersten Abend wollte Mats nicht im Gästezimmer schlafen.
Ich fand ihn im Stall, wo Rocco bereits auf einer dicken Decke lag.
„Hier?“, fragte ich vorsichtig.
Mats nickte.
Ich holte eine Matratze, zusätzliche Decken und ein kleines Nachtlicht. Nachdem alles sicher eingerichtet war, setzte ich mich eine Weile zu den beiden.
Rocco legte sich neben die Matratze.
Mats nahm seine Kopfhörer ab.
Das hatte ich den ganzen Tag noch nicht gesehen.
Er hörte auf das gleichmäßige Atmen des Hundes und schloss langsam die Augen.
Am nächsten Morgen saß er bereits vor Rocco und zeigte ihm etwas mit den Händen.
Es war eine kleine Bewegung.
Rocco beobachtete sie aufmerksam.
„Willst du ihm etwas beibringen?“, fragte ich.
Mats nickte.
Also begannen wir mit einfachen Handzeichen.
Futter.
Wasser.
Komm.
Bleib.
Gut gemacht.
Rocco lernte schnell.
Und Mats hatte plötzlich jemanden, mit dem er kommunizieren konnte, ohne sprechen zu müssen.
In den folgenden Wochen wurde unser Alltag ruhiger.
Mats brauchte feste Abläufe. Er wollte wissen, wann wir frühstückten, wann die Tiere versorgt wurden und wer zu Besuch kam.
Überraschungen machten ihm Angst.
Also schrieb ich kleine Tagespläne.
Ich kündigte Berührungen an und fragte, bevor ich ihn umarmte.
Und ich lernte, dass Schweigen nicht bedeutete, dass Mats nichts zu sagen hatte.
Manchmal setzte er sich eine Stunde lang neben Rocco und zeigte ihm mit den Händen Dinge, die er draußen gesehen hatte.
Ich verstand davon anfangs kaum etwas.
Rocco hingegen schaute ihn an, als wäre jedes Zeichen wichtig.
Einmal hörte ich Mats ganz leise sagen:
„Guter Hund.“
Nur zwei Worte.
Aber ich stand hinter der Stalltür und musste mir die Augen abwischen.
Aus den wenigen Tagen wurden Wochen.
Aus Wochen wurden Monate.
Mit Unterstützung der zuständigen Fachleute erhielt ich die Erlaubnis, Mats längerfristig bei mir aufzunehmen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






