Sechs Monate wartete ein Schäferhund am Flughafen, doch das Wiedersehen mit seinem Herrchen brach allen das Herz

Sechs Monate wartete ein Schäferhund am Flughafen auf sein Herrchen, doch als der Mann endlich zurückkam, erkannte er seinen eigenen Hund kaum wieder.

„Bitte sagen Sie mir, dass er mich noch erkennt.“

Das waren die ersten Worte, die Ralf Becker sagte, als er vor dem Ausgang 7 des Münchner Flughafens stehen blieb.

Der 46-Jährige hatte seinen Schäferhund Ares seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Sechs Monate lang hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut. Er hatte sich vorgestellt, wie Ares auf ihn zustürmen, bellen und vor Freude an ihm hochspringen würde.

Doch der Hund, der wenige Meter vor ihm in einer offenen Hundehütte lag, bewegte sich kaum.

Sein Fell war stumpf. Die Rippen zeichneten sich unter der Haut ab. Und seine Augen wirkten so müde, als hätte er längst aufgehört, an irgendetwas zu glauben.

„Ares?“, flüsterte Ralf.

Der Hund hob langsam den Kopf.

Was dann geschah, brachte selbst die Flughafenmitarbeiter zum Weinen.

Aber um zu verstehen, warum Ares nicht sofort zu seinem Herrchen lief, muss man wissen, was in den sechs Monaten davor passiert war.

Alles hatte an einem gewöhnlichen Dienstag am Flughafen München begonnen.

Ralf Becker, ein Elektriker aus Freising, wollte für einige Wochen ins Ausland reisen, um dort bei einem größeren Bauprojekt zu helfen. Sein siebenjähriger Schäferhund Ares sollte mitkommen.

Die beiden waren seit Ares‘ Welpenzeit unzertrennlich.

Ralf lebte allein. Seine Ehe war vor einigen Jahren auseinandergegangen, Kinder hatte er keine. Ares war für ihn weit mehr als ein Haustier.

Wenn Ralf morgens die Küche betrat, lag Ares bereits vor der Tür.

Wenn Ralf abends nach Hause kam, wartete der Hund im Flur.

Und wenn Ralf einen schlechten Tag hatte, legte Ares seinen schweren Kopf auf dessen Knie, als wollte er sagen: Ich bin da.

Am Flughafen änderte sich ihr Leben innerhalb weniger Minuten.

Ralf wurde bei einer Kontrolle wegen einer Verwechslung festgehalten. Sein Name und einige persönliche Angaben stimmten mit denen eines Mannes überein, gegen den wegen einer schweren Straftat ermittelt wurde.

Er versuchte, die Situation aufzuklären.

Doch aus der Befragung wurde ein längeres Verfahren.

Sein Flugzeug startete ohne ihn.

Und Ares blieb zurück.

Zunächst sollte der Hund nur vorübergehend in einem gesicherten Betreuungsbereich des Flughafens untergebracht werden. Die Mitarbeiter gingen davon aus, dass Ralf bald zurückkommen würde.

Niemand ahnte, wie lange es dauern sollte.

Eine Mitarbeiterin namens Petra König, 58 Jahre alt, kümmerte sich an diesem ersten Abend um ihn.

„Na, mein Großer“, sagte sie und stellte ihm Wasser hin. „Dein Herrchen kommt bestimmt bald.“

Ares trank ein wenig.

Dann setzte er sich vor die Glastür, durch die Ralf zuletzt verschwunden war.

Und wartete.

In der ersten Woche war Ares noch voller Hoffnung.

Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, sprang er auf.

Er schnupperte in die Luft, stellte die Ohren auf und suchte zwischen den Menschen nach einem vertrauten Gesicht.

Manchmal wedelte er sogar.

Doch immer wieder schloss sich die Tür, ohne dass Ralf erschien.

Nach zwei Wochen fraß Ares schlechter.

Nach einem Monat wollte er kaum noch spielen.

Petra und ihre Kollegen hatten inzwischen eine feste Betreuung für ihn eingerichtet. In einem ruhigen, abgeschlossenen Bereich nahe dem Ausgang bekam er eine geräumige Hundehütte, weiche Decken und regelmäßige tierärztliche Untersuchungen.

Einige Mitarbeiter kamen sogar an ihren freien Tagen vorbei.

Aber Ares interessierte sich kaum für sie.

Sein Blick blieb auf den Eingang gerichtet.

Besonders schlimm wurde es, wenn Männer in dunklen Jacken vorbeigingen.

Dann richtete er sich plötzlich auf, als hätte er Ralf erkannt.

Für einen kurzen Moment schien wieder Leben in seinen Augen zu sein.

Und wenn der Fremde weiterging, ließ Ares den Kopf sinken.

„Es war furchtbar anzusehen“, erzählte Petra später. „Dieser Hund hat jeden Tag aufs Neue geglaubt, dass sein Mensch zurückkommt.“

Im dritten Monat bemerkten die Mitarbeiter Veränderungen, die ihnen Angst machten.

Ares begann nachts zu winseln.

Er kratzte mit den Vorderpfoten über den Boden seiner Hütte, obwohl dort nichts lag.

Wenn eine Lautsprecherdurchsage ertönte, zuckte er zusammen.

Manchmal verkroch er sich so weit in eine Ecke, dass Petra ihn nur mit viel Geduld wieder hervorlocken konnte.

Besonders auffällig reagierte er auf Uniformen.

Sobald jemand in einer bestimmten Dienstkleidung an seinem Betreuungsbereich vorbeiging, wurde Ares unruhig.

Er duckte sich, legte die Ohren zurück und begann zu zittern.

Dabei hatte er früher nie Angst vor fremden Menschen gehabt.

Ralf hatte ihn gut erzogen. Ares war freundlich, aufmerksam und ausgeglichen gewesen.

Jetzt schien selbst ein ganz gewöhnliches Geräusch zu viel für ihn zu sein.

Nach vier Monaten wurde eine Tierärztin hinzugezogen, die sich auf das Verhalten von Hunden spezialisiert hatte.

Dr. Andrea Schulz beobachtete Ares mehrere Stunden lang.

Sie untersuchte ihn, sprach mit den Betreuern und ließ sich erklären, wie sich sein Verhalten verändert hatte.

Ihre Einschätzung war ernst.

Ares zeigte ausgeprägte Stress- und Angstreaktionen, die mit der langen Trennung und den wiederholten Enttäuschungen zusammenhängen konnten.

Einige seiner Symptome erinnerten an traumabedingte Belastungsreaktionen.

„Stellen Sie sich vor, Sie warten jeden Tag auf jemanden, den Sie lieben“, erklärte sie Petra. „Sie hören Schritte, sehen eine Tür aufgehen und glauben jedes Mal, jetzt ist er endlich da.“

Sie schaute zu Ares hinüber.

„Und dann kommt wieder niemand.“

Niemand konnte genau sagen, was der Hund empfand.

Aber eines war offensichtlich: Ihm ging es schlecht.

Die Tierärztin stellte einen Behandlungsplan zusammen. Ares sollte weniger Reizen ausgesetzt werden, feste Abläufe bekommen und behutsam wieder Vertrauen fassen.

Doch selbst mit guter Betreuung würde die Erholung Zeit brauchen.

Inzwischen hatte sich Ares‘ Geschichte herumgesprochen.

Zuerst berichtete eine regionale Zeitung darüber.

Dann griffen weitere Medien den Fall auf.

Menschen aus ganz Deutschland schickten Briefe, Decken und Spielzeug.

Eine Grundschulklasse aus Freising sammelte Geld für eine größere Hundehütte.

Ein achtjähriges Mädchen malte Ares mit seinem Herrchen auf einer grünen Wiese.

Darunter schrieb sie:

„Ich hoffe, ihr seid bald wieder zusammen.“

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