Als ich von der Beerdigung meines kleinen Bruders zurückkam, stand sein Motorrad verkohlt auf dem Hof. Daneben wartete der Hausverwalter – mit einem Räumungszettel in der Hand.
Ich blieb mitten auf dem Parkplatz stehen.
Für einen Augenblick dachte ich, ich hätte mich im Wohnblock geirrt. Die drei grauen Häuser waren dieselben. Die Mülltonnen standen noch an ihrem Platz. Sogar der alte Blumenkübel neben der Eingangstür war unverändert.
Aber dort, wo seit acht Jahren das Motorrad meines Bruders gestanden hatte, lag nur noch ein schwarzes, verbogenes Gerippe.
Der Scheinwerfer war geplatzt. Der Tank hatte sich unter der Hitze verformt. Von der Sitzbank waren lediglich die verkohlten Metallfedern übrig geblieben.
Ich erkannte das Motorrad nur an einer kleinen Delle am vorderen Schutzblech.
Die hatte ich selbst verursacht.
Vor sechs Jahren, als mein Bruder Thomas und ich die Maschine gemeinsam in seiner Garage restaurierten, war mir ein Schraubenschlüssel aus der Hand gerutscht.
Thomas hatte damals nur gelacht.
„Lass die Delle drin, Frank. Dann wissen wir wenigstens, dass du auch mal gearbeitet hast.“
Jetzt kniete ich vor diesem Stück verbogenen Blechs und konnte nicht begreifen, dass es noch am Morgen zu einem Motorrad gehört hatte.
„Na endlich.“
Die Stimme kam von rechts.
Ich drehte mich um.
Herr Seidel, der Hausverwalter, stand vor dem Eingang. Ein Mann Anfang fünfzig, immer ordentlich gekleidet, mit blank geputzten Schuhen und einer Art zu lächeln, die mir schon bei unserer ersten Begegnung unangenehm gewesen war.
Er hielt einen Briefumschlag in der Hand.
„Ich habe schon auf Sie gewartet, Herr Breuer.“
Ich sah ihn an.
„Was ist hier passiert?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Offenbar haben irgendwelche Leute das Motorrad angezündet. Die Feuerwehr war schon da. Ist zum Glück nichts auf die Gebäude übergegriffen.“
„Wann?“
„Heute Vormittag.“
Heute Vormittag.
Während ich auf dem Friedhof neben dem Sarg meines Bruders gestanden hatte.
Während ich versucht hatte, vor seinen alten Kameraden nicht zusammenzubrechen.
Während der Pfarrer über Thomas gesprochen hatte, über seine Hilfsbereitschaft und darüber, dass manche Menschen mehr geben, als sie selbst besitzen.
In genau diesen Stunden hatte jemand das zerstört, was Thomas neben seinem Leben am meisten bedeutet hatte.
„Hat die Polizei den Täter gefunden?“, fragte ich.
Seidel verzog den Mund.
„Keine Ahnung. Die werden sich schon kümmern. Mir geht es jetzt erst mal darum, dass dieser Schrott verschwindet.“
Ich stand langsam auf.
„Schrott?“
„Herr Breuer, wir wollen hier ein ordentliches Wohnumfeld. Ihr Bruder hat mit diesem alten Motorrad ohnehin nie richtig ins Bild gepasst.“
Dann sagte er etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
„Ein Toter braucht schließlich keinen Parkplatz mehr.“
Ich bin einundsechzig Jahre alt. Ich habe vierzig Jahre in einer Metallfabrik gearbeitet, erst an der Maschine, später als Schichtführer. Ich habe Streit erlebt, Entlassungen, schwere Unfälle und Menschen, die sich vor Wut kaum noch beherrschen konnten.
Aber in diesem Moment musste ich sämtliche Kraft zusammennehmen, um ruhig zu bleiben.
„Mein Bruder wurde heute beerdigt“, sagte ich. „Sie könnten wenigstens ein bisschen Anstand zeigen.“
Seidel sah auf seine Armbanduhr.
„Mein Beileid. Trotzdem muss die Fläche geräumt werden.“
Er hielt mir den Umschlag hin.
„Und das betrifft auch Sie.“
Ich nahm ihn nicht.
„Was soll das sein?“
„Die Aufforderung, die Wohnung zu verlassen. Ihr Bruder war der Mieter. Sie sind hier nicht gemeldet und haben keinen Mietvertrag.“
„Ich habe ihn die letzten Wochen gepflegt.“
„Das mag sein. Aber daraus ergibt sich kein dauerhaftes Wohnrecht.“
„Das weiß ich.“
„Na also. Dann verstehen wir uns ja.“
Er wedelte mit dem Umschlag.
„Achtundvierzig Stunden. Ich möchte nicht, dass sich das unnötig hinzieht.“
Ich sah erst ihn an, dann die verbrannte Maschine.
Thomas hatte die Miete für seine Wohnung immer pünktlich überwiesen. Für seinen Stellplatz zahlte er zusätzlich fünfunddreißig Euro im Monat.
Acht Jahre lang.
Kein einziges Mal hatte er sich darüber beschwert, obwohl Seidel ihm ausgerechnet den hintersten Stellplatz zugeteilt hatte.
Thomas hätte einen Platz nahe am Hauseingang gebraucht.
Seit einem Auslandseinsatz als Soldat hatte er Probleme mit seinem rechten Bein. Ein Metallsplitter hatte damals einen Nerv beschädigt. An manchen Tagen konnte er kaum hundert Meter gehen, ohne stehen bleiben zu müssen.
Trotzdem hatte Seidel seine Bitten um einen näheren Stellplatz immer wieder abgewiesen.
„Alle Mieter haben ihre Wehwehchen“, hatte er einmal gesagt.
Thomas erzählte mir das erst Monate später.
Er war keiner, der gern über Ungerechtigkeit sprach.
Er machte meistens einen schlechten Witz daraus und ging weiter.
So war mein kleiner Bruder.
Bis der Krebs kam.
Thomas war vierundfünfzig geworden.
Früher hatte er als Kfz-Mechaniker gearbeitet. Nach seinen Auslandseinsätzen war er irgendwann nicht mehr belastbar genug für eine volle Stelle gewesen.
Seine Hände konnten trotzdem noch alles.
Einen festgefressenen Motor auseinandernehmen. Einen kaputten Wasserhahn reparieren. Ein altes Fahrrad wieder flottmachen, das andere längst auf den Sperrmüll gestellt hätten.
Nur seinen eigenen Körper konnte er am Ende nicht mehr reparieren.
Die alte Maschine war Baujahr 1975.
Unser Vater hatte uns als Kinder schon beigebracht, dass man Dinge nicht einfach wegwirft, bloß weil sie nicht mehr funktionieren.
Er hatte eine kleine Werkstatt hinter unserem Elternhaus in Duisburg gehabt. Dort verbrachten Thomas und ich unzählige Samstagnachmittage.
Als Thomas die alte Maschine vor einigen Jahren günstig von einem Rentner kaufte, war sie kaum fahrbereit.
Andere hätten sie ausgeschlachtet.
Thomas brachte sie auf einem Anhänger nach Hause und rief mich an.
„Frank, ich brauche dich.“
„Wofür?“
„Für etwas völlig Unvernünftiges.“
„Wie teuer?“
Er lachte.
„Teurer, wenn du nicht hilfst.“
Zwei Jahre arbeiteten wir daran.
Nicht jeden Tag. Oft nur ein paar Stunden am Wochenende.
Manchmal saßen wir länger auf alten Werkstatthockern und tranken Kaffee, als dass wir tatsächlich schraubten.
Aber ich bemerkte etwas.
Wenn Thomas an dem Motorrad arbeitete, wurde er ruhig.
Seine Hände zitterten nicht mehr so stark. Er sprach weniger über die Schmerzen. Und manchmal erzählte er Geschichten aus seiner Zeit als Soldat, über die er sonst schwieg.
Es waren keine Heldengeschichten.
Meistens handelte es sich um Kleinigkeiten.
Um einen Kameraden, der ihm einmal heimlich frische Socken zugesteckt hatte. Um einen Mechaniker, der selbst nach einer sechzehnstündigen Schicht noch einen kaputten Wagen repariert hatte. Um einen jungen Soldaten, der so schrecklich Heimweh hatte, dass Thomas ihm jeden Abend beim Kartenspielen Gesellschaft leistete.
Ich verstand irgendwann, dass diese Maschine für Thomas mehr war als ein Motorrad.
Sie war ein Ort, an dem er seine Gedanken sortieren konnte.
Und sie war etwas, das er trotz seiner Verletzungen noch selbst in Ordnung bringen konnte.
Jetzt lag sie verbrannt vor meinen Füßen.
Ich hörte, wie Seidel ungeduldig ausatmete.
„Herr Breuer, haben Sie mich verstanden?“
Ich nahm ihm den Umschlag aus der Hand.
„Sie werden von mir hören.“
„Sparen Sie sich Drohungen.“
„Das war keine Drohung.“
Er wollte noch etwas sagen, doch ich ging an ihm vorbei.
Im Treppenhaus standen mehrere Wohnungstüren einen Spalt offen.
Ich erkannte Frau Özdemir aus dem dritten Stock. Sie war zweiundsiebzig, verwitwet und lebte mit ihrer Tochter und zwei Enkelkindern zusammen.
Thomas hatte ihr während einer längeren Erkrankung wochenlang die Einkäufe hochgetragen.
Im ersten Stock sah ich Herrn Kowalski.
Er war früher Schlosser gewesen und seit seiner Hüftoperation nicht mehr gut zu Fuß. Thomas hatte ihm im vergangenen Winter kostenlos den alten Wagen repariert, damit er weiterhin zu seinen Arztterminen fahren konnte.
Auch Nadine, eine junge Pflegekraft aus dem Erdgeschoss, stand hinter ihrer Tür.
Thomas hatte sie nach ihren späten Diensten manchmal vom Parkplatz bis zum Eingang begleitet, weil die Beleuchtung am hinteren Weg seit Monaten nicht funktionierte.
Sie alle sahen mich an.
Niemand sagte etwas.
Ich nahm es ihnen übel.
Damals jedenfalls.
Heute weiß ich, dass Angst Menschen still machen kann.
Aber an diesem Nachmittag fühlte sich ihr Schweigen an wie ein zweiter Abschied von meinem Bruder.
In Thomas‘ Wohnung roch es noch nach seinem Kaffee und der Handcreme, die er zuletzt wegen seiner trockenen Haut benutzt hatte.
Auf dem Küchentisch stand seine Lieblingstasse.
Ein kleiner Sprung verlief vom Henkel bis zum Rand.
Meine Frau hatte ihm vor Jahren eine neue geschenkt. Er benutzte trotzdem immer die alte.
„Die kennt mich schon länger“, hatte er gesagt.
Ich setzte mich auf seinen Küchenstuhl und hielt die Tasse zwischen beiden Händen.
Erst dort fing ich an zu weinen.
Nicht auf dem Friedhof.
Nicht, als der Sarg hinabgelassen wurde.
Sondern in seiner Küche, mit einer kaputten Tasse in der Hand.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß.
Irgendwann hörte ich Schritte auf dem Flur.
Es klopfte leise.
Frau Özdemir stand vor der Tür.
Sie hatte eine Schüssel Kartoffelsuppe mitgebracht.
„Sie haben bestimmt nichts gegessen, Herr Breuer.“
Ich wollte sagen, dass ich keinen Hunger hatte.
Aber sie stellte die Schüssel einfach auf die Arbeitsplatte und blieb stehen.
Ihre Hände zitterten leicht.
„Ich muss Ihnen etwas sagen.“
Ich sah sie an.
„Wegen des Motorrads?“
Sie nickte.
Dann blickte sie zur offenen Wohnungstür.
„Können Sie die bitte zumachen?“
Ich schloss sie.
Frau Özdemir setzte sich nicht. Sie blieb neben dem Küchentisch stehen, als hätte sie Angst, zu lange hier zu sein.
„Es war der Neffe vom Herrn Seidel“, flüsterte sie.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was?“
„Der Nico. Der hilft manchmal beim Hausmeisterdienst. Ich habe ihn gesehen.“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Er hatte einen Kanister. Und Herr Seidel stand am Fenster von seinem Büro.“
Ich starrte sie an.
„Sind Sie sicher?“
„Ich kenne den Jungen. Der kommt seit zwei Jahren hierher. Ich habe genau gesehen, wie er etwas über das Motorrad gegossen hat.“
„Und dann?“
Sie senkte den Blick.
„Dann hat es gebrannt.“
Eine Weile sagte keiner von uns etwas.
Schließlich fragte ich: „Warum haben Sie das der Polizei nicht gesagt?“
Sie bekam Tränen in die Augen.
„Herr Seidel ist nachher durchs Haus gegangen. Er hat gesagt, wer irgendwelche Geschichten erzählt, bekommt Ärger. Er behauptet schon seit Monaten, dass meine Tochter nicht bei mir wohnen darf.“
Ich wusste, dass Frau Özdemir eine kleine Rente hatte.
Ihre Tochter arbeitete in Teilzeit in einer Bäckerei. Ohne die gemeinsame Wohnung hätte keine von beiden gewusst, wie es weitergehen sollte.
„Ich kann nicht riskieren, dass meine Enkel auf der Straße stehen“, sagte sie.
Ihre Stimme brach.
„Aber Ihr Bruder war so ein guter Mensch.“
Sie griff in die Tasche ihrer Strickjacke.
Daraus holte sie ein kleines, ordentlich zusammengefaltetes Stück Papier.
Es war eine alte Einkaufsliste.
„Thomas hat mir jeden Dienstag die schweren Sachen hochgebracht. Als ich mich einmal bedanken wollte, hat er gesagt, ich soll lieber meinen Enkeln etwas Schönes kaufen.“
Sie strich mit dem Daumen über das Papier.
„Er hat nie Geld genommen.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Dann fragte sie leise: „Sind Sie jetzt böse, weil ich geschwiegen habe?“
Ich sah diese alte Frau an.
Ihre dünnen Hände. Die Angst in ihrem Gesicht. Die Suppe, die sie gebracht hatte, obwohl sie selbst kaum über die Runden kam.
„Nein“, sagte ich schließlich. „Ich bin böse auf den Menschen, der Ihnen solche Angst macht.“
Sie weinte.
Als sie gegangen war, stand ich lange vor dem Küchenfenster.
Unten war das Motorrad nur noch als dunkler Umriss zu erkennen.
Die Polizei hatte den Brand aufgenommen. Für die Ermittlungen war die Maschine zunächst nicht angerührt worden, und ich hatte eine Vorgangsnummer bekommen.
Doch Seidel hatte so gesprochen, als könne er sie jederzeit einfach abtransportieren lassen.
Ich nahm mir vor, das nicht zuzulassen.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen.
Also begann ich, Thomas‘ Unterlagen zu ordnen.
Es waren die Dinge, die Menschen hinterlassen, ohne zu wissen, wie schwer sie anderen einmal in den Händen liegen werden.
Alte Rechnungen.
Versicherungsbriefe.
Fotos.
Ein eingerissener Geburtstagskalender.
In seinem Schlafzimmer hing noch die dunkle Jacke, die er früher bei seinen Motorradtouren getragen hatte.
Sie war an den Ärmeln abgeschabt, und ein Knopf an der Innentasche fehlte.
Ich zog sie vom Bügel.
Sie roch schwach nach Leder und diesem besonderen Werkstattgeruch aus Öl, Staub und Metall, den ich seit meiner Kindheit kannte.
Plötzlich war Thomas wieder zwölf Jahre alt.
Er stand neben unserem Vater an der Werkbank, die Haare durcheinander, das Gesicht schmutzig.
„Frank, halt mal fest!“, rief er.
Ich musste mich auf die Bettkante setzen.
Dort sah ich unter dem Schrank einen grauen Aktenordner.
Auf dem Rücken stand mit schwarzem Filzstift:
„DIE ALTE.“
So hatte Thomas sein Motorrad immer genannt.
Ich zog den Ordner hervor.
Darin befanden sich Rechnungen für Ersatzteile, Fotos von der Restaurierung und ein Wertgutachten.
Zweiundzwanzigtausend Euro.
So viel war die Maschine bei der letzten Begutachtung wert gewesen.
Ich blätterte weiter.
Zwischen zwei Fotos steckte ein Umschlag.
Darauf stand mein Name.
„Für Frank.“
Ich öffnete ihn vorsichtig.
Darin lag ein handgeschriebenes Blatt mit Datum und Unterschrift.
Thomas hatte darin festgehalten, dass ich nach seinem Tod das Motorrad bekommen sollte.
Darunter standen ein paar persönliche Zeilen.
Frank,
du hast mir damals geholfen, die Alte wieder auf die Straße zu bringen. Ohne dich hätte ich nach meiner Rückkehr wahrscheinlich vieles nicht geschafft.
Falls ich irgendwann nicht mehr da bin, soll sie dir gehören.
Verkauf sie nicht gleich. Und stell sie bitte nicht nur irgendwo hin, wo sie langsam einrostet.
Fahr mit ihr.
Auch wenn ich dann nicht mehr hinten an der Werkbank stehe und dir sage, dass du die falsche Schraube genommen hast.
Dein kleiner Bruder.
Ich las den Brief dreimal.
Dann legte ich ihn neben die Tasse.
„Zu spät, Tom“, flüsterte ich.
Zum ersten Mal an diesem Tag spürte ich nicht nur Trauer.
Ich spürte etwas anderes.
Den festen Willen, dass dieser Mann nicht einfach über das Andenken meines Bruders bestimmen durfte.
Am nächsten Morgen rief ich zuerst bei der Polizei an.
Ich erzählte, was Frau Özdemir mir unter vier Augen gesagt hatte, ohne sie zu einer Aussage zu drängen. Der Beamte hörte aufmerksam zu und erklärte mir, dass man mögliche Zeugen behutsam ansprechen werde.
Dann rief ich einen Mann an, den ich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Horst Becker.
Horst war siebenundsechzig, früher Werkstattleiter in einem großen Industriebetrieb und ein alter Freund unseres Vaters.
Er war keiner von den Menschen, die man auf Anhieb sympathisch fand.
Breite Schultern. Grauer Bürstenhaarschnitt. Eine tiefe Narbe über der rechten Augenbraue. Hände wie Schraubstöcke.
Wenn Horst sprach, klang es oft wie eine Beschwerde.
Als mein Vater starb, hatte Horst das kleine Werkstattinventar mit uns sortiert.
Er sagte damals kaum ein Wort.
Er trug nur stundenlang schwere Kisten, ohne eine Pause zu machen.
Zum Abschied drückte er meiner Mutter einen Umschlag in die Hand.
Darin steckte genug Geld für die Beerdigung.
Wir erfuhren erst Monate später, dass Horst dafür seinen geplanten Urlaub abgesagt hatte.
So ein Mensch war er.
Als ich ihn anrief, meldete er sich mit seinem üblichen knappen „Becker“.
„Horst, hier ist Frank Breuer.“
Kurze Stille.
„Frank? Von Pauls Jungs?“
„Ja.“
„Wie geht’s dem Thomas? Ich hab gehört, er war krank.“
Ich schluckte.
„Er ist gestern beerdigt worden.“
Horst sagte lange nichts.
Dann hörte ich, wie er sich räusperte.
„Verdammt.“
Ich erzählte ihm von dem Motorrad.
Vom Feuer.
Von Seidel.
Von dem Brief.
Horst unterbrach mich nur ein einziges Mal.
„War die Polizei da?“
„Ja.“
„Gut. Dann lass die Hände von der Maschine, bis die alles aufgenommen haben.“
Als ich fertig war, hörte ich ihn tief ausatmen.
„Frank?“
„Ja?“
„Ich komme.“
„Horst, du musst wirklich nicht—“
„Hab nicht gefragt.“
Dann legte er auf.
Eine Stunde später stand ein alter grauer Transporter vor dem Haus.
Horst stieg aus.
Er trug eine dunkelblaue Arbeitsjacke, an deren Ärmel noch ein kleiner Brandfleck von irgendeiner Schweißarbeit saß.
Ohne Begrüßung ging er zu dem Motorrad.
Er betrachtete die Reste lange.
Dann kniete er sich vorsichtig hin.
„Mein Gott, Thomas“, murmelte er.
Ich stand neben ihm.
„Kann man da noch etwas retten?“
Horst schwieg.
Er schaute auf den verzogenen Lenker, den beschädigten Motorblock und den verkohlten Tank.
Dann richtete er sich mühsam auf.
„Nicht alles.“
Ich nickte.
„Hab ich mir gedacht.“
Er legte mir seine schwere Hand auf die Schulter.
„Aber einiges.“
Ich sah ihn an.
Horst blickte weiter auf die Maschine.
„Dein Bruder hat mir vor ein paar Jahren Fotos geschickt, als ihr sie fertig hattet. Weißt du, was er geschrieben hat?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dass er froh war, wieder etwas mit seinen Händen hinbekommen zu haben.“
Horst sah mich ernst an.
„So was vergisst man nicht.“
Dann holte er sein Telefon aus der Jackentasche.
„Ich kenne noch ein paar Leute.“
Bis zum Mittag telefonierte er.
Mit einem ehemaligen Kollegen, der alte Motoren überholte.
Mit einem Schweißer aus Oberhausen.
Mit einem Mann aus einer kleinen Motorradwerkstatt, der Thomas früher Ersatzteile besorgt hatte.
Und mit Jörg, einem ehemaligen Kameraden meines Bruders.
Jörg hatte während eines Auslandseinsatzes mit Thomas zusammengearbeitet. Später hatten sie den Kontakt nie ganz verloren.
Manchmal trafen sie sich zum Kaffee.
Manchmal half Thomas ihm bei einer Reparatur.
Sie redeten wenig über früher.
Aber sie verstanden einander.
Als Jörg hörte, was geschehen war, sagte er nur: „Thomas hat mir damals etwas versprochen. Ich konnte mich nie revanchieren.“
Ich fragte, was Thomas ihm versprochen hatte.
Jörg antwortete: „Dass ich nicht allein durch eine schwere Zeit muss.“
Dann sagte er: „Jetzt bin ich dran.“
Währenddessen tauchte Seidel erneut auf.
Er blieb am Rand des Parkplatzes stehen und betrachtete Horsts Transporter.
„Was soll das hier werden?“, fragte er.
Horst drehte sich um.
„Ein Gespräch unter Erwachsenen, wenn Sie uns lassen.“
Seidel verzog das Gesicht.
„Sie haben hier nichts zu suchen.“
„Ich bin bei Herrn Breuer zu Besuch.“
„Dann sollten Sie vielleicht dafür sorgen, dass er seinen Müll beseitigt.“
Horst sah ihn schweigend an.
Es war ein langer Blick.
Dann fragte er ganz ruhig: „Haben Sie schon einmal einen Menschen beerdigt, den Sie geliebt haben?“
Seidel wirkte irritiert.
„Was hat das damit zu tun?“
„Dann wissen Sie wahrscheinlich, dass man danach nicht besonders gut auf solche Sprüche reagiert.“
Seidel wurde rot.
„Ich lasse mich nicht einschüchtern.“
„Will ich auch nicht.“
Horst zeigte auf das verbrannte Motorrad.
„Ich möchte bloß, dass Sie diesem Mann die Zeit geben, die er braucht, und die Ermittlungen abwarten.“
Seidel stieß ein höhnisches Lachen aus.
„Sie tun ja gerade so, als wäre hier ein Menschenleben zerstört worden.“
Horsts Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Augenblick.
„Nein“, sagte er leise. „Das ist schon vorher passiert. Aber Sie sollten wenigstens das achten, was von seinem Leben übrig geblieben ist.“
Seidel fand darauf keine Antwort.
Er drehte sich um und ging.
Horst sah ihm nach.
„Der hat Angst.“
„Wovor?“
„Dass jemand genauer hinschaut.“
Ich verstand erst später, wie recht er damit hatte.
Denn am selben Nachmittag klopfte es erneut an Thomas‘ Wohnungstür.
Diesmal stand Nadine davor.
Die Pflegekraft aus dem Erdgeschoss.
Sie hielt ihr Handy so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
„Herr Breuer, ich muss Ihnen etwas zeigen.“
Sie wirkte erschöpft.
„Ich hätte gestern schon kommen sollen.“
Ich ließ sie herein.
Nadine setzte sich an den Tisch und öffnete eine Videodatei.
Das Bild war verwackelt.
Man sah den hinteren Parkplatz, aufgenommen von ihrem Küchenfenster.
Dann erschien ein junger Mann mit einer dunklen Jacke.
Er trug einen Kanister.
Ich erkannte Nico, Seidels Neffen.
Er ging zu Thomas‘ Motorrad.
Eine dunkle Flüssigkeit lief über Tank und Sitzbank.
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