Das kleine Mädchen klammerte sich an die schmutzige Arbeitsjacke eines alten Schlossers, während ihre Mutter verzweifelt schrie. Niemand ahnte, warum sie ihn nicht loslassen wollte.
„Emma! Jetzt ist aber Schluss! Lass den Mann endlich in Ruhe!“
Die Stimme der Frau hallte durch den Supermarkt. Einige Kunden drehten sich um. Eine ältere Dame blieb mit ihrem Einkaufswagen stehen, ein junger Mann an der Kühltheke nahm sogar sein Handy heraus.
Ich stand zwischen dem Brotregal und den Getränkekisten, hielt eine Packung Kaffee in der Hand und wusste zunächst nicht, was ich tun sollte.
An meinem linken Ärmel hing ein kleines Mädchen. Vielleicht sieben Jahre alt. Braune Haare, die etwas unordentlich zu einem Zopf gebunden waren, eine ausgewaschene rosa Jacke und Turnschuhe, deren Klettverschlüsse schon bessere Zeiten gesehen hatten.
Sie sagte kein Wort.
Sie hielt einfach nur fest.
„Entschuldigen Sie“, sagte ihre Mutter hastig. „Sie ist manchmal schwierig. Sie versteht nicht, dass man fremde Leute nicht belästigt.“
Ich sah zu ihr hinüber.
Die Frau mochte Mitte dreißig sein. Sie war schmal, hatte dunkle Ringe unter den Augen und trug eine viel zu dünne Strickjacke. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte, das Mädchen von mir wegzuziehen.
„Ist schon gut“, sagte ich.
„Nein, ist es nicht! Emma, sofort herkommen!“
Das Mädchen drückte sich noch enger an mein Bein.
Und da fiel mir etwas auf.
Als ihre Mutter nach ihrem Arm griff, rutschte der Ärmel der kleinen Jacke hoch.
Darunter waren blaue Flecken.
Nicht einer. Mehrere.
Einige bereits gelblich verfärbt, andere deutlich dunkler.
Die Mutter bemerkte meinen Blick und zog den Ärmel sofort wieder herunter.
„Sie fällt oft hin“, sagte sie schnell.
Ich hatte nichts gefragt.
Vielleicht sollte ich erklären, wer ich bin.
Mein Name ist Günther Seidel. Ich bin vierundsechzig Jahre alt, gelernter Schlosser und habe zweiundvierzig Jahre lang in einer Metallwerkstatt gearbeitet, bevor ich vor einem Jahr in Altersteilzeit ging.
Meine Freunde nennen mich Bär.
Nicht, weil ich besonders freundlich aussehe.
Ich bin knapp einen Meter neunzig groß, habe breite Schultern, einen grauen Vollbart und eine tiefe Stimme, die nach vier Jahrzehnten zwischen Schweißgeräten und Maschinen nicht gerade sanfter geworden ist.
An meiner linken Hand fehlt die Spitze des Ringfingers. Ein Arbeitsunfall aus dem Jahr 1987.
Mein rechtes Knie macht bei jedem zweiten Schritt Geräusche, und meine Frau Monika behauptet seit Jahren, ich würde sogar beim Zeitunglesen so aussehen, als wollte ich jemanden zusammenschimpfen.
An diesem Samstag trug ich meine alte dunkelblaue Arbeitsjacke. An den Ärmeln waren Ölflecken, die selbst nach zwanzig Waschgängen nicht verschwanden.
Ich war nur gekommen, um Kaffee, Kartoffeln und ein Glas Gewürzgurken zu kaufen.
Stattdessen stand ich plötzlich mitten in einer Situation, die mein Leben verändern sollte.
„Kleine“, sagte ich vorsichtig und ging etwas in die Knie. „Wie heißt du denn?“
Das Mädchen antwortete nicht.
Sie blickte nur zu ihrer Mutter, dann wieder zu mir.
„Sie spricht kaum“, erklärte die Frau. „Mein Freund sagt, sie ist wahrscheinlich autistisch. Bitte nehmen Sie das nicht persönlich.“
„Mache ich nicht.“
Ich wollte gerade etwas hinzufügen, als Emma vorsichtig in ihre Jackentasche griff.
Sie holte ein kleines Notizbuch hervor.
Rosa Einband. Zwei Einhörner auf der Vorderseite. An einer Ecke hatte sich die Pappe bereits gelöst.
Sie drückte es mir in die Hand.
„Was soll das denn jetzt?“, fragte ihre Mutter.
Emma öffnete die erste Seite.
Mit einem roten Buntstift standen dort vier Wörter.
„Er tut uns weh.“
Darunter, etwas kleiner:
„Bitte hilf uns.“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Ohren rauschte.
Auf der nächsten Seite war eine Zeichnung.
Ein großer Mann mit breiten Schultern. In seiner Hand etwas Langes, vermutlich ein Gürtel.
Daneben zwei kleine Figuren.
Eine Frau.
Ein Kind.
Über beiden hatte Emma dicke blaue Striche gemalt.
Unter der Zeichnung stand:
„Nicht Mama.“
Und darunter:
„Mamas Freund.“
Ich sah langsam auf.
Die Mutter hatte plötzlich jede Farbe im Gesicht verloren.
„Geben Sie mir das Buch“, flüsterte sie.
Ich hielt es noch einen Augenblick fest.
„Ist das wahr?“
„Sie verstehen das nicht.“
„Dann erklären Sie es mir.“
Die Frau blickte hektisch zur Eingangstür.
„Bitte. Geben Sie es mir einfach.“
In diesem Moment verstand ich etwas Entscheidendes.
Die Frau hatte ihre Tochter nicht angeschrien, weil sie wütend auf sie war.
Sie hatte Angst.
Richtige Angst.
Eine Angst, die ich schon einmal gesehen hatte.
Vor vielen Jahren, bei einer Nachbarin, die jeden Montag mit einer anderen Ausrede für ihre Verletzungen zur Arbeit gekommen war. Damals hatte ich geschwiegen, weil ich dachte, mich ginge das nichts an.
Das hatte ich später oft bereut.
Emma zog erneut an meiner Jacke.
Als ich zu ihr hinunterblickte, schlug sie eine weitere Seite auf.
Darauf war eine Uhr gemalt.
Der große Zeiger zeigte auf die Zwölf. Der kleine auf die Zwei.
Daneben hatte sie einen schwarzen Kasten gezeichnet. Darüber stand ein Kreuz.
„Zwei Uhr?“, fragte ich.
Emma nickte so heftig, dass sich ihr Zopf löste.
Ihre Mutter presste die Lippen zusammen.
„Wir müssen nach Hause“, sagte sie. „Bis zwei. Sonst gibt es Ärger.“
Ich schaute auf meine Armbanduhr.
13.07 Uhr.
„Wer wartet auf Sie?“
Sie antwortete nicht.
„Ihr Freund?“
Ein kaum sichtbares Nicken.
„Wo ist er?“
„Draußen.“
„Auf dem Parkplatz?“
Wieder dieses Nicken.
„Er sitzt im Wagen“, flüsterte sie. „Er will nicht mit einkaufen. Wir sollten nur schnell etwas holen.“
Emma begann zu zittern.
Ich legte das rosa Notizbuch behutsam auf einen Stapel Getränkekisten.
„Hören Sie“, sagte ich leise. „Ich heiße Günther. Sie müssen jetzt nicht allein damit fertigwerden.“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Doch. Doch, das muss ich.“
„Warum?“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Weil Sie ihn nicht kennen.“
Sie sah sich um und senkte ihre Stimme noch weiter.
„Er hat gesagt, wenn wir nicht um zwei zu Hause sind, wird Emma dafür bezahlen. Er sagt immer, es sei ihre Schuld, wenn ich nicht gehorche.“
Mir wurde übel.
„Wie heißen Sie?“
„Sandra.“
„Sandra, darf ich die Polizei rufen?“
Sie wich zurück, als hätte ich ihr eine Ohrfeige angedroht.
„Nein! Auf keinen Fall!“
Ein älterer Mann am Nachbarregal drehte sich um.
Sandra bemerkte es sofort.
„Bitte nicht so laut“, flüsterte sie. „Wenn er erfährt, dass ich mit jemandem gesprochen habe …“
Sie beendete den Satz nicht.
Emma aber nahm wieder meine Hand.
Fest.
So fest, dass ich ihre kleinen Fingernägel durch meine Haut spürte.
Ich wusste nicht, was die beiden erlebt hatten.
Ich wusste nur, dass ich sie nicht einfach zu diesem Mann zurückschicken konnte.
„Sandra“, sagte ich, „ich werde nichts tun, ohne Ihnen zu sagen, was ich vorhabe. Aber Emma bittet um Hilfe. Das kann ich nicht ignorieren.“
Ihre Augen wanderten zum Notizbuch.
Dann zu ihrer Tochter.
Zum ersten Mal sah sie wirklich hin.
Nicht auf die Uhr.
Nicht zur Eingangstür.
Sondern auf Emma.
„Du hast das alles aufgeschrieben?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.
Emma nickte.
„Seit wann?“
Das Mädchen blätterte ganz nach hinten.
Auf einer Seite stand ein Datum.
Elf Monate zuvor.
Sandras Hand fuhr vor ihren Mund.
„Mein Gott.“
Dann kamen die Tränen.
Still, ohne Schluchzen.
Als hätte sie längst vergessen, wie man richtig weint.
Ich legte das Buch in meine Jackentasche und sah zu einer Verkäuferin hinüber, die inzwischen aufmerksam geworden war.
Sie trug ein grünes Poloshirt und ein Namensschild. Vielleicht Ende fünfzig.
Ich winkte sie heran.
„Können Sie mir bitte helfen?“
„Was ist denn los?“
Ich beugte mich etwas zu ihr.
„Die Frau und ihre Tochter brauchen Schutz. Ihr Lebensgefährte wartet draußen. Es gibt Hinweise auf Gewalt. Bitte holen Sie Ihre Marktleiterin und rufen Sie unauffällig die Polizei.“
Die Verkäuferin sah mich erschrocken an.
Dann zu Emma.
Sie stellte keine unnötigen Fragen.
„Einen Moment“, sagte sie.
Und ging.
Ich werde dieser Frau ihre Reaktion nie vergessen.
Kein großes Gerede.
Kein neugieriges Nachfragen.
Einfach jemand, der begriffen hatte, dass jetzt gehandelt werden musste.
Sandra hatte inzwischen angefangen, ihre Einkäufe hektisch in eine Stofftasche zu stopfen.
„Ich muss gehen“, murmelte sie.
„Sandra, bitte.“
„Sie wissen nicht, was passiert, wenn er warten muss.“
Sie drehte sich zur Tür.
Emma ließ meine Hand los.
Für einen schrecklichen Augenblick dachte ich, sie würde ihrer Mutter folgen.
Doch stattdessen stellte sie sich vor mich.
Ein kleines, dünnes Mädchen mit verrutschtem Zopf.
Sie hob beide Arme.
Nicht, um mich zu umarmen.
Sondern um ihrer Mutter den Weg zu versperren.
Sandra blieb stehen.
„Emma …“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und dann hob sie die Hände an ihren eigenen Kopf, als wollte sie sich vor etwas schützen.
Sandra sank neben ihr in die Hocke.
„Mein Schatz“, flüsterte sie.
Emma wich nicht zurück.
Aber sie umarmte ihre Mutter auch nicht.
Sie stand einfach da.
Mit Tränen in den Augen.
Und wartete.
Es war einer der traurigsten Augenblicke, die ich je erlebt habe.
Denn ich glaube, in diesem Moment begriff Sandra, dass ihre Tochter nicht nur Angst vor diesem Mann hatte.
Emma hatte auch Angst, dass ihre Mutter sie wieder zu ihm zurückbringen würde.
Die Marktleiterin kam kurz darauf.
Eine energische Frau mit kurzem grauem Haar.
„Kommen Sie bitte mit“, sagte sie zu Sandra. „Wir haben hinten einen Aufenthaltsraum. Dort können Sie sich setzen.“
Sandra sah zur Tür.
„Er wird reinkommen.“
„Dann bleibt er nicht unbemerkt“, antwortete die Marktleiterin ruhig. „Meine Kollegin hat bereits Hilfe verständigt.“
Ich zog mein Telefon heraus.
„Ich gehe kurz nach vorne und sehe nach, ob er noch draußen ist.“
Emma griff sofort wieder nach meiner Jacke.
„Ich komme zurück“, versprach ich.
Sie schüttelte den Kopf.
Ich hockte mich hin.
„Hör zu, Emma. Ich gehe nicht weg. Ich will nur sehen, wo er ist. Deine Mama bleibt hier bei dir.“
Sie musterte mich lange.
Dann zog sie das Notizbuch aus meiner Tasche, nahm einen grünen Stift und schrieb auf eine freie Seite:
„Nicht weggehen.“
Ich schluckte.
„Versprochen.“
Sie hielt mir den kleinen Finger hin.
Ich musste an meine Enkeltochter Lotta denken. Die machte das genauso, wenn sie sicher sein wollte, dass Opa sein Wort hielt.
Ich hakte meinen kleinen Finger in ihren.
„Hand drauf.“
Erst dann ließ Emma mich gehen.
Draußen auf dem Parkplatz stand tatsächlich ein roter Lieferwagen.
Nicht direkt vor dem Eingang, sondern seitlich hinter einer Reihe niedriger Büsche.
Der Motor lief nicht.
Doch hinter der Windschutzscheibe saß ein Mann und starrte auf die automatischen Schiebetüren.
Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen.
Dafür sah ich, wie er auf seine Uhr blickte.
Dann griff er zum Telefon.
In meiner Brust zog sich etwas zusammen.
Ich ging zu meinem alten Werkstattwagen.
Ein dunkelblauer Kastenwagen mit Beulen in der hinteren Tür, einer rostigen Stelle am Radkasten und Werkzeugkisten auf der Ladefläche.
Er war seit fünfzehn Jahren mein treuer Begleiter.
Meine Frau sagte immer, ich sollte ihn endlich verkaufen.
Ich sagte immer, dass man einen alten Freund nicht einfach fortgibt, nur weil er ein bisschen klappert.
Als ich die Fahrertür öffnete, bemerkte ich eine Bewegung.
Der Mann im roten Wagen war ausgestiegen.
Er war groß, kräftig und vielleicht Anfang vierzig. Schwarze Jacke, Arbeitshose, kurz geschorene Haare.
Er wirkte nicht wie ein Ungeheuer.
Eher wie jemand, den man auf einer Baustelle oder beim Bäcker treffen konnte.
Genau das machte mir auf eine Weise Angst.
Weil ich wusste, wie wenig man einem Menschen manchmal ansieht.
„He!“, rief er.
Ich drehte mich um.
„Sie da!“
Er kam näher.
„Haben Sie im Laden eine Frau mit einem kleinen Mädchen gesehen?“
„Kann sein.“
„Die gehören zu mir.“
Ich verschränkte die Arme.
„Ach ja?“
Seine Augen verengten sich.
„Was soll das heißen?“
„Gar nichts.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Hören Sie, Opa. Ich hab keine Lust auf Spielchen.“
Opa.
Das hatte ich lange nicht mehr als Beleidigung gehört.
Normalerweise hätte ich wohl einen entsprechenden Spruch zurückgegeben.
Aber diesmal dachte ich nur an Emma.
An ihre dünnen Arme.
An das Notizbuch.
Und an die Uhr mit der Zwei.
„Ihre Frau ist noch im Laden“, sagte ich. „Geht ihr nicht gut.“
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
„Was hat sie erzählt?“
Nicht: Was fehlt ihr?
Nicht: Ist mit Emma alles in Ordnung?
Sondern:
Was hat sie erzählt?
Da wusste ich endgültig, dass mein ungutes Gefühl mich nicht täuschte.
„Warum fragen Sie?“
Er kam so nah, dass ich seinen Atem riechen konnte.
„Weil Sie sich aus Dingen raushalten sollten, die Sie nichts angehen.“
Ich blickte über seine Schulter.
Am Eingang standen inzwischen zwei Mitarbeiterinnen. Eine von ihnen telefonierte.
Der Mann bemerkte meinen Blick und drehte den Kopf.
„Was läuft hier?“
Er machte einen Schritt Richtung Supermarkt.
Ich stellte mich ihm nicht in den Weg.
Ich hätte das mit meinem schlechten Knie ohnehin kaum geschafft.
Stattdessen tat ich etwas, das jeder vernünftige Mensch vermutlich für ziemlich albern gehalten hätte.
Ich stieg in meinen Werkstattwagen.
Steckte den Schlüssel ins Zündschloss.
Und drückte auf die Hupe.
Lang.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Der Ton war laut und unangenehm, so wie es sich für einen alten Kastenwagen gehörte.
Ein Mann ließ beinahe seine Einkaufstaschen fallen.
Eine Frau rief: „Sind Sie verrückt geworden?“
Vielleicht war ich das in diesem Moment ein bisschen.
Aber ich wollte Aufmerksamkeit.
Viele Augen.
Viele Menschen, die hinsahen.
Der Mann im schwarzen Anorak fuhr herum.
„Hören Sie auf mit dem Scheiß!“
Ich öffnete die Fahrertür.
„Dann bleiben Sie stehen.“
„Was?“
Ich zeigte auf den Supermarkteingang.
„Die Polizei ist unterwegs. Wir warten jetzt.“
Sein Gesicht wurde dunkelrot.
„Was für eine Polizei?“
„Die, die sich anhört, was die Frau und das Mädchen zu sagen haben.“
Er starrte mich an.
Einen Moment lang war alles still.
Dann sagte er ganz leise:
„Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich anlegen.“
„Mag sein“, antwortete ich. „Aber ich weiß, mit wem Sie heute nicht allein wegfahren.“
Er machte zwei schnelle Schritte auf mich zu.
Ich bekam tatsächlich Angst.
Nicht diese filmreife Angst, bei der man mutig das Kinn hebt.
Sondern die echte.
Die einem den Mund trocken werden lässt.
Ich dachte an Monika.
An unsere Tochter.
An meine beiden Enkelkinder.
Und daran, dass ich mit vierundsechzig Jahren eigentlich keine Lust hatte, mich auf einem Supermarktparkplatz schlagen zu lassen.
Doch nun waren mehrere Menschen aufmerksam geworden.
Ein Mann mit grauem Pullover blieb neben seinem Einkaufswagen stehen.
„Was ist denn hier los?“
Ich hob beide Hände, damit jeder sehen konnte, dass ich keinen Streit suchte.
„Dieser Herr will zu einer Frau und einem Kind, die im Markt auf die Polizei warten“, sagte ich deutlich. „Bitte bleiben Sie als Zeugen hier.“
Der Mann im schwarzen Anorak blieb abrupt stehen.
„Das ist meine Familie!“
„Dann können Sie das den Beamten erklären.“
„Meine Freundin ist krank! Die erfindet Sachen!“
Ich sah ihn an.
„Das wird die Polizei prüfen.“
Plötzlich bemerkte ich, dass hinter der Glasscheibe beim Eingang jemand stand.
Emma.
Neben ihr Sandra und die Marktleiterin.
Das kleine Mädchen hatte beide Hände gegen die Scheibe gelegt.
Als sie mich entdeckte, hob sie vorsichtig eine davon.
Ich winkte zurück.
Der Mann folgte meinem Blick.
Seine Miene veränderte sich.
„Emma!“, brüllte er.
Das Mädchen zuckte zusammen.
„Sofort herkommen!“
Sandra zog ihre Tochter hinter sich.
Der Mann setzte sich in Bewegung.
Doch diesmal trat der ältere Herr mit dem grauen Pullover vor.
Nicht bedrohlich.
Einfach so, dass der Mann einen Moment lang anhalten musste.
„Die Polizei kommt doch“, sagte er. „Bleiben wir alle ruhig.“
Eine weitere Frau stellte ihren Einkaufswagen ab.
Die beiden Mitarbeiterinnen standen noch immer am Eingang.
Aus einer Situation zwischen drei Menschen waren plötzlich zehn aufmerksame Zeugen geworden.
Und das schien dem Mann gar nicht zu gefallen.
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