Eine Hündin schützte ihre vier Welpen im Regen, doch niemand ahnte, warum sie den Einkaufswagen nicht verlassen konnte

Eine Hündin lag mit vier Welpen in einem verlassenen Einkaufswagen. Ihr halber Körper war fast kahl, doch als die Retter sie befreien wollten, entdeckten sie etwas Erschütterndes.

„Nicht näher kommen! Da bewegt sich etwas unter der Plane!“

Polizeihauptmeisterin Heike Baumann trat sofort auf die Bremse. Ihre Scheinwerfer beleuchteten einen alten Einkaufswagen hinter einem geschlossenen Supermarkt am Stadtrand von Kassel.

Der Wagen stand schief zwischen zwei Metallgittern. Eine zerrissene blaue Plane flatterte darüber. Plastiktüten und aufgeweichte Kartons hatten sich zwischen den Rädern verfangen.

Dann sah Heike zwei bernsteinfarbene Augen.

Im Einkaufswagen lag eine Hündin.

Sie war mittelgroß, kräftig gebaut und hatte kurzes, blaugraues Fell. Über ihre Brust zog sich ein breiter weißer Fleck. Auch ihre Vorderpfoten waren weiß.

Doch ihre linke Körperseite ließ Heike erschrecken.

Vom Rippenbogen bis zur Hüfte fehlte auf einer großen Fläche das Fell. Die Haut darunter war rosa, stellenweise grau und deutlich verdickt.

Der Regen traf genau auf diese kahle Stelle.

„Ach, du armes Mädchen“, flüsterte Heike.

Die Hündin hob den Kopf. Sie knurrte nicht, zeigte auch keine Zähne. Trotzdem blieb ihr Körper angespannt.

Als Heike einen Schritt näher kam, bewegte sich plötzlich etwas unter ihrer Brust.

Ein winziger gestromter Welpe schob seine Nase zwischen den Vorderbeinen hervor.

Dann entdeckte Heike einen zweiten.

Und noch zwei.

Vier Welpen, kaum einige Wochen alt.

Die Mutter hatte sie in die hinterste Ecke des Einkaufswagens gedrängt. Dort war es unter der Plane einigermaßen trocken.

Jetzt verstand Heike, warum die Hündin so merkwürdig lag.

Sie hielt ihren eigenen Körper gegen die offene Seite des Wagens. Der Regen traf ihren Rücken und die kahle Haut, während ihre Babys geschützt blieben.

„Du hast die ganze Zeit hier gelegen und sie zugedeckt?“

Heikes Stimme brach.

Sie war 49 Jahre alt und seit über zwanzig Jahren im Polizeidienst. Sie hatte vieles gesehen.

Aber diese Hündin würde sie so schnell nicht vergessen.

Heike verständigte den örtlichen Tierrettungsdienst. Wegen überfluteter Straßen sollte die Hilfe mindestens zwanzig Minuten brauchen.

Sie holte zwei saubere Handtücher aus ihrem Streifenwagen und setzte sich vorsichtig neben den Einkaufswagen.

„Keine Angst. Ich nehme dir deine Kleinen nicht weg.“

Die Mutter beobachtete jede ihrer Bewegungen.

Heike schob ein Handtuch langsam näher.

Erst zog die Hündin ihren Kopf zurück. Dann schnupperte sie daran.

Vorsichtig hob sie ihre Brust ein wenig an.

Heike konnte kaum glauben, was sie sah.

Die Hündin machte ihr Platz.

„Danke, meine Süße“, sagte sie leise.

Sie wickelte den ersten Welpen in das trockene Handtuch. Die Mutter berührte ihn sofort mit ihrer Nase.

Beim zweiten Welpen bemerkte Heike, wie kalt sein kleiner Körper war.

Der dritte bewegte sich kaum.

Und als sie den vierten erreichen wollte, rollte der Einkaufswagen plötzlich ein Stück nach vorn.

Heike griff erschrocken nach dem Metallrahmen.

„Nein! Bleib stehen!“

Ein Vorderrad war in eine aufgeweichte Vertiefung geraten. Der ganze Wagen neigte sich zur Seite.

Heike wollte die Hündin herauslocken.

Doch als sie genauer hinsah, entdeckte sie einen alten Gepäckriemen.

Er führte vom Halsband der Hündin durch den Drahtboden bis zum Vorderrad.

„Ach, deshalb gehst du nicht raus.“

Die Hündin war angebunden.

Und der Riemen hatte sich so unglücklich verfangen, dass er sich beim Aufstehen unter den Welpen zusammenziehen konnte.

Ein falscher Schritt hätte die kleinen Tiere über den Metallboden gezogen.

Heike spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Die Rettung war schwieriger, als sie gedacht hatte.

Um 18.37 Uhr traf der Tierrettungswagen ein.

Jens Albrecht stieg aus, ein 44-jähriger Tierpfleger mit ruhiger Stimme und kräftigen Händen.

Er betrachtete den Einkaufswagen zunächst aus einigen Metern Entfernung.

„Vier Welpen?“

Heike nickte.

„Und die Mutter ist festgebunden. Der Riemen läuft unter den Kleinen durch.“

Jens kniete sich neben sie.

„Dann machen wir nichts überstürzt.“

Er holte eine Transportbox, Wärmekissen, weitere Handtücher und Werkzeug aus dem Wagen.

Anschließend sicherte er die Räder mit kleinen Keilen.

„Kannst du den Rahmen festhalten?“

„Natürlich.“

Heike hielt den Einkaufswagen ruhig, während Jens den Riemen untersuchte.

Die Hündin beobachtete ihn aufmerksam.

Jedes Mal, wenn etwas klapperte, senkte sie sofort den Kopf zu ihren Babys.

Erst zum gestromten Rüden.

Dann zum blaugrauen Weibchen.

Danach zum schwarzen Welpen mit den weißen Pfoten.

Und zuletzt zum kleinen sandfarbenen Rüden.

Immer dieselbe Reihenfolge.

„Sie zählt sie“, murmelte Heike.

Jens lächelte traurig.

„Sie kontrolliert jedenfalls, ob alle noch da sind.“

Er legte ein Stück gekochtes Hühnerfleisch in den Einkaufswagen.

Die Hündin schnupperte daran.

Dann schob sie es mit der Nase zum gestromten Welpen.

„Das ist noch nichts für den Kleinen“, sagte Jens sanft.

Erst als der Welpe reagierte, fraß sie das Stück selbst.

Heike sah Jens an.

„Sie denkt wirklich zuerst an ihre Kinder.“

Jens antwortete nicht sofort.

Er beobachtete die kahle Stelle an ihrer Hüfte.

„Die Haut sieht schon länger so aus. Das muss eine Tierärztin untersuchen.“

Dann fiel sein Blick auf den sandfarbenen Welpen.

„Der Kleine gefällt mir nicht.“

Heike hielt ihn vorsichtig im Handtuch.

Sein Körper war erschreckend still geworden.

„Er atmet noch“, flüsterte sie.

Jens telefonierte mit der Tierklinik.

Die Tierärztin erklärte ihm, wie sie den Welpen langsam aufwärmen sollten. Direkte Hitze durfte seine empfindliche Haut nicht berühren.

Sie mussten sich beeilen.

Jens stellte die ausgepolsterte Transportbox direkt neben den Einkaufswagen.

„Wir versuchen, die Kleinen einzeln umzusetzen.“

Heike hob den sandfarbenen Welpen behutsam an.

Die Mutter richtete sich sofort auf.

„Ganz ruhig. Schau, hier ist er.“

Heike hielt den Kleinen so, dass die Hündin ihn sehen und beschnuppern konnte.

Die Mutter streckte ihren Kopf zur Box.

Sie berührte seine Nase.

Dann schaute sie zurück zu den anderen drei Welpen.

Jens hatte inzwischen den ersten Abschnitt des Riemens freigelegt.

„Ich schneide jetzt ein Stück durch.“

Heike nickte.

Ein leises Knacken.

Der Riemen am Griff löste sich.

Die Hündin zuckte zusammen, blieb aber liegen.

Jetzt setzte Heike den gestromten Welpen um.

Danach das blaugraue Weibchen.

Als sie den schwarzen Welpen hochhob, folgte die Mutter ihrer Hand mit der Nase.

Keines der Tiere verschwand aus ihrem Blickfeld.

Endlich lagen alle vier Babys in der warmen Transportbox.

Doch die Hündin konnte ihnen noch immer nicht folgen.

Der Riemen steckte unter einem verbogenen Draht fest.

Jens untersuchte die Stelle.

„Wenn ich daran ziehe, könnte sie sich verletzen.“

Ein Mitarbeiter des Supermarktes, der inzwischen dazugekommen war, holte eine kräftige Drahtschere aus dem Lager.

Gemeinsam entfernten sie vorsichtig das verbogene Metallstück.

Dann löste Jens den restlichen Riemen.

Die Hündin war frei.

Sie stand langsam auf und setzte ihre Vorderpfoten an den Rand des Einkaufswagens.

Vor ihr lagen ihre vier Welpen.

Zwischen dem Wagen und der Transportbox blieb jedoch ein schmaler Spalt.

Die Mutter zögerte.

Jens legte eine feste Gummimatte darüber.

„Komm, Mädchen. Du schaffst das.“

Die Hündin schnupperte an der Matte.

Sie setzte eine Pfote darauf.

Zog sie wieder zurück.

Dann hörte man ein leises Fiepen.

Der sandfarbene Welpe hatte sich bewegt.

Die Mutter streckte ihren Kopf sofort weiter vor.

Eine Pfote.

Dann die zweite.

Schließlich kletterte sie vollständig in die Transportbox.

Heike hielt den Atem an.

Die Hündin legte sich neben ihre Babys.

Sie beschnupperte jeden einzelnen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Erst danach ließ sie den Kopf sinken.

„Geschafft“, flüsterte Heike.

Doch auf dem Weg zum Rettungswagen wartete noch eine Schwierigkeit.

Das Wasser stand mittlerweile so hoch, dass der kleine Transportwagen mit der schweren Box nicht mehr durch die überflutete Stelle rollen konnte.

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