Wir hatten eine völlig abgemagerte Hündin und ihre fünf Welpen gerettet. Doch plötzlich zerbiss sie ihre Leine und rannte zurück zur Müllkippe aus einem erschütternden Grund.
„Ruben! Halt an! Sofort!“
Ich trat auf die Bremse, und unser Transporter kam mit einem Ruck zum Stehen.
„Was ist denn los?“, fragte ich.
„Die Hündin! Sie hat ihre Leine durchgebissen!“
Bevor ich antworten konnte, hörte ich ein lautes Scheppern. Dann sprang eine braune Hündin durch die offene Seitentür unseres Transporters und rannte davon.
Nicht zur Straße. Nicht in Richtung der Felder.
Sie rannte zurück zu der alten Müllkippe, von der wir sie gerade erst gerettet hatten.
„Das gibt es doch nicht!“, rief ich und stieg aus.
Ich war 52 Jahre alt, hatte seit fast fünfzehn Jahren mit ausgesetzten Tieren zu tun und schon einiges erlebt. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen.
Die Hündin hatte innerhalb von anderthalb Minuten eine dicke Nylonleine vollständig durchgekaut.
Und das, obwohl sie so schwach war, dass sie kaum auf den Beinen stehen konnte.
Ich konnte damals noch nicht wissen, dass sie uns etwas sagen wollte.
Etwas, das wir beinahe übersehen hätten.
Es war ein Samstag im August, am Rand einer alten Mülldeponie in der Nähe von Magdeburg.
Die Deponie wurde schon seit Jahren nicht mehr vollständig genutzt. Hinter den abgesperrten Bereichen lagen verwilderte Grundstücke, verrostete Maschinen und Berge von Dingen, die niemand mehr haben wollte.
Alte Kühlschränke. Kaputte Waschmaschinen. Holzpaletten. Zerbrochene Möbel.
Zwischen den Müllbergen wuchs hohes Unkraut.
Manchmal wurden dort auch Tiere ausgesetzt.
Ich verstehe bis heute nicht, wie jemand ein Tier, das ihm einmal vertraut hat, einfach irgendwo zurücklassen kann.
An diesem Morgen waren wir wegen eines Anrufs gekommen.
Ein Mann namens Dieter, 63 Jahre alt, arbeitete an einer kleinen Fahrzeugwaage etwa drei Kilometer entfernt.
Seit ungefähr vier Wochen beobachtete er eine braune Hündin, die regelmäßig zwischen den Müllbergen nach Futter suchte.
Zuerst hatte er gedacht, sie gehöre zu einem der Arbeiter.
Doch irgendwann bemerkte er, dass sie niemanden hatte.
„Die ist nur noch Haut und Knochen“, hatte er am Telefon gesagt. „Ich stelle ihr jeden Abend etwas hin. Aber seit ein paar Tagen trägt sie das Futter immer weg.“
Dann hatte er etwas entdeckt, das ihn beunruhigte.
„Ich glaube, sie hat Junge bekommen.“
Wir fuhren am nächsten Morgen um kurz vor sieben los.
Meine Kollegin Jana saß neben mir.
Sie war 24 Jahre alt und arbeitete seit sieben Monaten ehrenamtlich bei unserer kleinen privaten Tierhilfe.
Jana hatte eine besondere Art, mit ängstlichen Tieren umzugehen.
Während ich manchmal zu schnell eine Lösung finden wollte, konnte sie minutenlang ruhig dasitzen und einfach beobachten.
Damals hielt ich das gelegentlich für übertriebene Geduld.
An diesem Tag sollte ich lernen, wie wichtig genau diese Geduld sein kann.
Als wir an der Deponie ankamen, sahen wir die Hündin zunächst überhaupt nicht.
Wir stellten Wasser und Futter auf und warteten.
Nach ungefähr zwanzig Minuten tauchte sie hinter einem Stapel alter Holzpaletten auf.
Mein erster Gedanke war, dass sie den Winter nicht überstehen würde.
Dabei war es Hochsommer.
Jede einzelne Rippe zeichnete sich unter ihrem dünnen Fell ab. Die Hüftknochen standen hervor, und ihr Bauch hing schwer nach unten.
Sie war eine mittelgroße Mischlingshündin, vermutlich mit Schäferhundanteil.
Ihr Fell war braun mit dunklen Stellen am Rücken. Am rechten Vorderbein hatte sie einen weißen Fleck.
Später wogen wir sie.
Siebzehn Kilogramm.
Für ihre Größe hätte sie ungefähr neunundzwanzig Kilogramm wiegen sollen.
Doch trotz ihres Zustands hielt sie Abstand.
Sobald ich mich näherte, verschwand sie zwischen den Müllbergen.
„Lass mich mal“, sagte Jana leise.
Sie setzte sich auf den Boden, ungefähr zehn Meter von der Hündin entfernt, und legte ein paar Stückchen Futter vor sich.
Dann wartete sie.
Die Hündin kam näher.
Einen Schritt.
Dann noch einen.
Doch sobald Jana die Hand bewegte, wich sie zurück.
„Sie ist nicht böse“, sagte Jana.
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Du hast vorhin gesagt, sie wäre verwildert.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Sie lebt seit Wochen hier draußen. Sie lässt niemanden an sich heran.“
Jana schüttelte den Kopf.
„Sie hat Angst, Ruben. Das ist etwas anderes.“
Wir brauchten fast drei Stunden, um die Hündin und ihre Jungen zu sichern.
Die Welpen fanden wir zuerst.
Sie lagen in einer schmalen Lücke unter mehreren übereinandergestapelten Holzpaletten.
Keine fünfzehn Meter entfernt standen drei verrostete Kühlschränke, eine alte Waschmaschine und eine umgekippte Gefriertruhe.
Dazwischen lag Müll, der vermutlich schon jahrelang dort herumlag.
Fünf kleine Welpen drängten sich eng aneinander.
Zwei schwarze.
Zwei braune.
Und einer, der fast vollständig weiß war.
Sie waren ungefähr fünf Wochen alt.
Einer der schwarzen Welpen hatte einen runden weißen Fleck auf der Brust. Der kleine weiße Welpe war der Schwächste und zitterte, als Jana ihn vorsichtig hochhob.
„Mein Gott, seid ihr winzig“, flüsterte sie.
Wir untersuchten sie so gut es ging.
Sie wirkten erschöpft und waren voller Staub, aber alle fünf atmeten ruhig und reagierten auf unsere Berührungen.
Jana legte sie behutsam in eine Transportbox mit frischen Decken.
Dann geschah etwas Merkwürdiges.
Die Mutter, die uns zuvor stundenlang ausgewichen war, kam plötzlich ganz von allein näher.
Sie lief direkt auf die Box zu.
Ihre Ohren lagen flach am Kopf, der Schwanz war zwischen die Hinterbeine geklemmt.
Jana hielt ihr vorsichtig eine Leine hin.
Die Hündin wehrte sich nicht.
Sie ließ sich sichern, als hätte sie nur darauf gewartet, dass wir ihre Jungen in Sicherheit brachten.
„Siehst du?“, sagte Jana. „Sie vertraut uns.“
Ich wollte ihr glauben.
Aber die Hündin wirkte nicht erleichtert.
Sie starrte immer wieder über ihre Schulter zurück zu den Müllbergen.
Damals schenkte ich dem keine besondere Bedeutung.
Wir hatten ihre Welpen gefunden. Sie war erschöpft, unterernährt und völlig verängstigt.
Natürlich war sie nervös.
Gegen zehn Uhr hatten wir alle im Transporter.
Die Welpen lagen zusammen in ihrer Box. Die Mutter stand daneben, mit einer Leine an einem stabilen Befestigungsring gesichert.
Jana gab ihr frisches Wasser.
Die Hündin trank ein paar Schlucke.
Dann drehte sie den Kopf zur hinteren Tür.
Ich setzte mich ans Steuer.
„Endlich“, sagte ich. „Jetzt bringen wir euch zum Tierarzt.“
Doch wir kamen nicht weit.
Nach ungefähr anderthalb Minuten rief Jana plötzlich meinen Namen.
Als ich zurückblickte, sah ich die durchgebissene Leine.
Sie hing in zwei Teilen herunter.
Nicht gerissen.
Nicht aus der Halterung gezogen.
Die Hündin hatte das dicke Material tatsächlich mit ihren Zähnen durchtrennt.
Jana öffnete die Seitentür, um sie wieder zu sichern.
Da sprang sie hinaus.
Sie rannte, als hätte sie plötzlich alle Kraft der Welt zurückbekommen.
Quer über den staubigen Boden.
Vorbei an den alten Maschinen.
Zurück in Richtung der Holzpaletten.
„Bleib stehen!“, rief ich, obwohl mir natürlich klar war, dass sie mich nicht verstehen würde.
Wir liefen hinterher.
Nach etwa zwanzig Minuten blieb die Hündin stehen.
Sie stand zwischen zwei alten Kühlschränken und sah mich an.
Ich näherte mich langsam.
„Na komm, Mädchen. Ganz ruhig.“
Sie ließ mich tatsächlich an sich heran.
Ohne Knurren.
Ohne Zähnezeigen.
Ich konnte ihr eine neue Leine anlegen.
Das hätte mir eigentlich zu denken geben müssen.
Denn ein Hund, der wirklich fliehen will, lässt sich normalerweise nicht so bereitwillig wieder einfangen.
Aber ich war müde, verschwitzt und wollte nur noch weg von diesem Ort.
Wir gingen zurück zum Transporter.
Diesmal verwendete ich eine stärkere Leine.
Jana blieb hinten bei der Hündin sitzen und hielt sie zusätzlich fest.
„Jetzt ist aber Schluss mit dem Theater“, murmelte ich.
Kaum hatte ich den Motor gestartet, hörte ich erneut Unruhe hinter mir.
„Ruben, sie macht es schon wieder!“
Ich drehte mich um.
Die Hündin versuchte erneut, die Leine mit den Zähnen zu bearbeiten.
Als Jana sie vorsichtig davon abhalten wollte, schob das Tier seine Schnauze unter Janas Handgelenk.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






