Alle fuhren am versunkenen Schulbus vorbei – nur dieser alte Mann in Leder hielt plötzlich an

Als der Schulbus im Hochwasser verschwand, fuhren mehrere Autos weiter. Nur der mürrische Alte auf der schweren Tourenmaschine hielt an – und sprang ins Wasser.

„Bleib da! Ich komme zu dir!“

Klaus Brenner brüllte die Worte so laut, dass ihm die Kehle schmerzte.

Das Mädchen im Wasser konnte ihn wahrscheinlich kaum hören.

Sie hieß Lena, war vierzehn Jahre alt und klammerte sich mit beiden Armen an einen halb entwurzelten Weidenast. Ihre Jacke war verschwunden. Von ihrem Rucksack hing nur noch ein Gurt an der Schulter.

Das braune Wasser stand ihr bereits bis zum Hals.

Klaus war achtundsechzig.

Grauer Bart. Breite Schultern. Schwarze, abgeschabte Lederjacke. Hände wie Schraubstöcke nach fast fünfzig Jahren zwischen Motoren, Werkzeugkisten und Werkbänken.

Im Viertel kannten ihn die meisten nur als „Kalle“.

Manche wechselten die Straßenseite, wenn er ihnen entgegenkam.

Nicht weil er je etwas getan hätte.

Er sah einfach aus wie jemand, mit dem man besser keinen Streit anfing.

An diesem Nachmittag war Klaus auf dem Heimweg von einem Treffen alter Freunde gewesen. Männer, mit denen er früher in Werkhallen gearbeitet, Motorräder repariert und halbe Nächte in Garagen verbracht hatte.

Seit seiner Rente wurden diese Treffen seltener.

Einer war tot.

Einer saß im Rollstuhl.

Zwei waren zu ihren Kindern gezogen.

Und Klaus selbst fuhr oft nur noch mit seiner alten Maschine hinaus, weil zu Hause niemand auf ihn wartete außer seiner Frau Marianne und das Ticken der Küchenuhr.

Dann hatte er die Schreie gehört.

Ein kleiner Schulbus war von der überfluteten Straße gedrückt worden und seitlich in einer Senke hängen geblieben.

Mehrere Menschen standen am Straßenrand.

Einige telefonierten.

Andere wussten nicht, was sie tun sollten.

Klaus stellte die Maschine ab und lief los.

„Da sind Kinder drin!“, schrie eine Frau.

„Dann holt sie raus!“

Niemand bewegte sich.

Klaus fluchte leise, riss seine Lederjacke auf und watete ins Wasser.

Später konnte niemand genau sagen, wie er es geschafft hatte.

Er erreichte zuerst ein Fenster des Busses.

Ein Junge kam heraus.

Dann ein Mädchen.

Dann noch zwei Kinder.

Klaus brachte sie nacheinander zu einer erhöhten Stelle am Straßenrand, wo Erwachsene sie übernehmen konnten.

„Da ist noch jemand!“, rief ein Junge. „Lena! Lena war hinten!“

Klaus drehte sich um.

Der Bus bewegte sich bereits.

Das Wasser drückte gegen die Karosserie.

Dann löste er sich.

Klaus sah noch, wie das Fahrzeug einige Meter weitergerissen wurde.

Und gleichzeitig hörte er einen Schrei.

Weiter unten trieb ein Mädchen im Wasser.

Lena.

Sie bekam einen Ast zu fassen.

Klaus ging hinterher.

Beim ersten Versuch riss ihn die Strömung von den Beinen. Er schlug mit der linken Seite gegen etwas Hartes unter Wasser.

Ein Schmerz schoss durch seinen Arm bis in die Schulter.

Er wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.

Vielleicht gebrochen.

Vielleicht nur geprellt.

Es war ihm egal.

„Nicht loslassen!“

„Ich kann nicht mehr!“, schrie Lena.

„Doch, kannst du.“

„Nein!“

„Dann glaub mir eben. Ich kann noch.“

Es war gelogen.

Klaus erreichte sie wenige Augenblicke bevor der Ast nachgab.

Lena schrie.

Klaus packte sie mit seinem rechten Arm.

Sein linker hing fast nutzlos herunter.

„Arme um meinen Hals“, sagte er.

„Ich ziehe Sie runter!“

„Du bist vielleicht fünfzig Kilo. Ich habe früher Getriebe getragen, die schwerer waren als du.“

„Aber—“

„Keine Diskussion.“

Das brachte sie tatsächlich für einen Moment zum Schweigen.

Sie klammerte sich an ihn.

Klaus kämpfte sich zu einem dicken Baumstamm, der zwischen zwei Böschungen festhing. Dort fand er mit den Stiefeln Halt auf einem Stück Beton unter Wasser.

Nicht genug, um herauszukommen.

Aber genug, um Lenas Kopf über der Oberfläche zu halten.

Dann begann das Warten.

Zehn Minuten.

Zwanzig.

Eine Stunde.

Klaus wusste nicht, wie lange wirklich vergangen war.

Sein linker Arm pochte bei jedem Herzschlag.

Unter den Rippen brannte etwas.

An seiner Seite hatte sich der Stoff seines Hemdes dunkel verfärbt.

Lena zitterte.

„Reden“, sagte Klaus.

„Was?“

„Irgendwas. Schule. Freunde. Was machst du gern?“

„Nichts.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Volleyball.“

„Aha.“

„Aber ich will aufhören.“

„Warum?“

„Bin nicht gut genug.“

Klaus schnaubte.

„Mit vierzehn muss man in nichts gut genug sein.“

Lena legte den Kopf auf seine Schulter.

„Mein Vater sagt, wenn man etwas macht, soll man es richtig machen.“

„Dein Vater redet Unsinn.“

„Sie kennen ihn doch gar nicht.“

„Dann sage ich eben: In diesem Punkt redet er Unsinn.“

Zum ersten Mal lachte sie.

Nur kurz.

Aber Klaus hörte es.

Also redete er weiter.

Er erzählte ihr von seiner ersten Werkstatt.

Von einem Meister, der Schrauben nach ihm geworfen hatte, wenn er nicht aufpasste.

Von seinem ersten Motorrad, das häufiger auseinandergebaut in der Garage gestanden hatte, als dass es gefahren war.

Von Marianne.

Und von seiner Enkelin Nele, die inzwischen studierte und ihm ständig sagte, er solle sich ein Mobiltelefon kaufen, „das nicht aussieht wie aus dem Museum“.

„Wie alt ist Ihre Enkelin?“, fragte Lena.

„Zweiundzwanzig.“

„Mag sie Motorräder?“

„Sie mag, dass ihr Opa Motorräder mag.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Du bist schlau.“

„Sagt mein Vater auch.“

„Dann hat er doch nicht nur Unsinn im Kopf.“

Wieder dieses kleine Lachen.

Klaus brauchte es.

Denn inzwischen wusste er, dass er selbst ein Problem hatte.

Sein Atem wurde flacher.

Seine Finger waren taub.

Er konnte Lena kaum noch halten.

Und plötzlich fragte sie:

„Warum machen Sie das?“

„Was?“

„Sie kennen mich nicht.“

Klaus antwortete nicht sofort.

„Muss ich dich kennen?“

„Die anderen sind nicht ins Wasser gegangen.“

Klaus schaute zur Straße.

Dort standen Menschen.

Kleine Figuren in der Entfernung.

Rettungskräfte arbeiteten sich von der anderen Seite heran, doch zwischen ihnen und Klaus lag eine breite, reißende Wasserfläche.

„Manche Menschen frieren ein, wenn etwas passiert“, sagte er. „Das heißt nicht automatisch, dass sie schlechte Menschen sind.“

„Und Sie?“

„Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken.“

Das war wieder eine Lüge.

Denn Klaus wusste sehr genau, warum er ins Wasser gegangen war.

Er sagte Lena nur nichts davon.

Noch nicht.

Fast dreißig Jahre zuvor hatte Klaus an einem Küchentisch gesessen und auf ein Telefon gestarrt.

Seine Tochter Julia war damals siebzehn gewesen.

Ein Ausflug mit Freunden.

Ein Unglück an einem überfluteten Bach.

Ein Auto, das von der Straße geraten war.

Klaus hatte in einer Werkhalle gearbeitet, als Marianne ihn erreichte.

Als er endlich dort ankam, konnte er nichts mehr tun.

Er erinnerte sich bis heute an Mariannes Gesicht.

Nicht an ihr Weinen.

An die Stille danach.

Wochen später standen sie am Grab ihrer Tochter.

Marianne hielt seine Hand.

Klaus hatte gesagt:

„Wenn ich jemals helfen kann, werde ich nicht wieder zu spät kommen.“

Seitdem hatte er darüber nie mehr gesprochen.

Auch nicht mit Marianne.

Aber manche Versprechen verschwinden nicht, nur weil drei Jahrzehnte vergehen.

Sie sitzen irgendwo tief im Menschen und warten.

„Herr Brenner?“

Lenas Stimme holte ihn zurück.

„Klaus.“

„Was?“

„Wenn wir hier schon zusammen festhängen, kannst du Klaus sagen.“

„Klaus, Sie bluten.“

„Kratzer.“

„Das ist kein Kratzer.“

„Woher willst du das wissen? Bist du Ärztin?“

„Nein.“

„Siehst du.“

„Sie sehen schlecht aus.“

„Frechheit.“

„Ich meine… blass.“

„Mit achtundsechzig sieht man irgendwann grundsätzlich schlecht aus.“

Lena lachte wieder.

Dann merkte sie, dass er plötzlich schwankte.

„Klaus?“

„Alles gut.“

„Sie dürfen mich nicht loslassen.“

Er sah sie an.

Ein vierzehnjähriges Mädchen, das versuchte, tapfer zu wirken und doch wieder aussah wie ein Kind.

„Hör mir zu“, sagte er.

„Nein.“

„Lena.“

„Nein. Sie sagen jetzt bestimmt irgendwas, falls Sie—“

„Ich sage überhaupt nichts Dramatisches.“

„Versprechen Sie es.“

Klaus atmete schwer.

„Ich verspreche dir nur eins: Du kommst hier raus.“

„Und Sie?“

Er antwortete nicht.

„Und Sie?“

„Ich habe meiner Frau schon genug Ärger gemacht. Die lässt mich nicht so einfach verschwinden.“

Diesmal lächelte Lena nicht.

Sie drückte ihre Arme fester um ihn.

Endlich hörten sie einen Motor.

Ein Rettungsboot.

Menschen riefen.

Klaus hob den Kopf.

„Da“, flüsterte er.

Lena begann zu weinen.

„Wir sind hier!“

Klaus wollte ebenfalls rufen, doch es kam kaum noch ein Ton.

Das Boot kämpfte sich näher.

Zwei Helfer griffen nach Lena.

In dem Moment, als ihre Arme Klaus losließen, sagte sie:

„Komm mit!“

„Erst du.“

Sie wurde ins Boot gezogen.

Klaus sah, dass sie sicher war.

Dann ließ seine rechte Hand den Baumstamm los.

Er sackte weg.

Als die Helfer ihn aus dem Wasser zogen, reagierte er nicht mehr.

Lena saß in eine Decke gewickelt im Boot und schrie seinen Namen.

Die Rettungskräfte begannen sofort mit der Wiederbelebung.

Sekunden wurden zu Minuten.

Lena starrte auf den alten Mann, der drei Stunden lang geredet, geflucht und sie zum Lachen gebracht hatte.

Einen Mann, den sie am Morgen noch für beängstigend gehalten hätte.

„Klaus!“

Keine Reaktion.

„Du hast gesagt, du kommst mit!“

Wieder nichts.

Dann hustete er.

Erst kaum hörbar.

Dann heftig.

Jemand drehte seinen Kopf zur Seite.

Lena begann so stark zu weinen, dass sie kaum Luft bekam.

Klaus öffnete irgendwann die Augen.

Sein Blick irrte umher.

Dann sah er Lena.

Seine Lippen bewegten sich.

„Kind… okay?“

„Ja.“

Sie griff nach seiner Hand.

„Ich bin okay.“

Klaus schloss wieder die Augen.

„Gut.“

Dann flüsterte er:

„Marianne sagen… Versprechen gehalten.“

Lena verstand nicht, was er meinte.

Erst einige Tage später erfuhr sie es.

Klaus lag im Krankenhaus.

Gebrochener Arm. Mehrere gebrochene Rippen. Eine schwere Verletzung an der Seite. Die Ärzte konnten kaum nachvollziehen, wie lange er trotz seiner Verletzungen bei Bewusstsein geblieben war.

Lenas Eltern kamen zu Besuch.

Ihr Vater Thomas blieb zuerst in der Tür stehen.

Er war ein Mann, der Hemden bügelte, bevor er sie in den Schrank hängte. Ordnung war ihm wichtig. Pünktlichkeit. Vernunft.

Männer wie Klaus hatte er sein Leben lang instinktiv gemieden.

Lederjacke.

Grauer Bart.

Tätowierte Unterarme.

Raue Stimme.

Alte Maschine.

Thomas räusperte sich.

„Herr Brenner.“

Klaus sah ihn an.

„Klaus reicht.“

Thomas trat ans Bett.

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