„Er hat sogar Witze gemacht.“
Ihre Mutter nickte.
Dann fing sie plötzlich an zu weinen.
Emma hatte ihre Mutter selten so erlebt.
„Mama?“
Die Frau nahm die Hand ihrer Tochter.
„Die Ärzte sagen, dass er wahrscheinlich schon während der Rettung große Schmerzen hatte. Und dass er trotzdem alles versucht hat, um dich festzuhalten.“
Emma sah auf ihre Hände.
Drei Stunden.
Sie hatte sich an ihm festgeklammert.
Sie hatte ihn dauernd gebeten, nicht loszulassen.
Und kein einziges Mal hatte er gesagt, wie schlecht es ihm selbst ging.
Zwei Tage später durfte Emma ihn zum ersten Mal sehen.
Gerd lag in einem Krankenhausbett.
Sein linker Arm war ruhiggestellt. An seiner Seite verlief ein Verband, und neben dem Bett standen medizinische Geräte.
Sein sonst so kräftiges Gesicht wirkte eingefallen.
Emma blieb in der Tür stehen.
Plötzlich hatte sie Angst.
Nicht vor ihm.
Sondern davor, ihn so zu sehen.
Gerd bemerkte sie.
„Na“, sagte er heiser. „Da ist ja meine Handballspielerin.“
Emma presste die Lippen zusammen.
„Sie sehen schrecklich aus.“
Ein schwaches Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
„Du aber auch nicht gerade wie aus dem Urlaub.“
Emma ging langsam zum Bett.
„Ich dachte, Sie sterben.“
Gerd sah sie eine Weile an.
„War wohl knapp.“
„Sie hatten keinen Puls mehr.“
Er nickte.
„Hab ich gehört.“
„Die haben Sie wiederbeleben müssen.“
„Dann haben die Leute gute Arbeit gemacht.“
Emma wischte sich über die Augen.
„Sie machen schon wieder Witze.“
„Was soll ich denn sonst machen?“
Sie setzte sich vorsichtig auf den Stuhl neben seinem Bett.
„Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Ihr Arm gebrochen ist?“
„Hättest du mir dann weniger erzählt?“
„Vielleicht.“
„Siehst du. Genau deshalb.“
Emma schüttelte den Kopf.
„Sie sind unmöglich.“
„Das sagt meine Frau seit dreiundvierzig Jahren.“
Zum ersten Mal musste Emma richtig lachen.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Gerd?“
„Ja?“
„Danke.“
Der alte Mann sah weg.
„Schon gut.“
„Nein“, sagte sie. „Ist es nicht.“
Am selben Nachmittag kamen Emmas Eltern.
Ihr Vater Thomas Hoffmann war 47 Jahre alt und leitete eine Bankfiliale.
Er trug normalerweise ordentliche Hemden, sprach ruhig und legte großen Wert darauf, dass seine Familie ein geregeltes Leben führte.
Mit Männern wie Gerd Winter hatte er bisher wenig anfangen können.
Er kannte ihn vom Sehen.
Der schweigsame Alte mit dem abgetragenen Transporter, dem vernarbten Gesicht und den schwarzen Fingernägeln war für ihn immer jemand gewesen, mit dem er möglichst nichts zu tun haben wollte.
Thomas hatte sogar einmal zu seiner Tochter gesagt, sie solle lieber nicht allein an dessen Werkstatt vorbeigehen.
Nun stand er vor Gerds Krankenhausbett.
Und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Herr Winter“, begann er.
Gerd hob den Blick.
„Ja?“
Thomas räusperte sich.
„Ich wollte mich bei Ihnen bedanken.“
„Hat Ihre Tochter schon gemacht.“
„Nein. Ich meine … richtig bedanken.“
Gerd runzelte die Stirn.
Thomas sah auf seine Hände.
„Ich habe Sie völlig falsch eingeschätzt.“
Es entstand eine unangenehme Stille.
Dann sagte er leise: „Sie haben Emma das Leben gerettet. Und die anderen Kinder auch. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen jemals dafür danken soll.“
Gerd schüttelte den Kopf.
„Sie müssen mir nichts geben.“
„Aber ich möchte etwas tun.“
„Dann passen Sie gut auf Ihre Tochter auf.“
Thomas nickte.
„Das werde ich.“
Emmas Mutter Kerstin trat näher ans Bett.
„Sie hätten selbst sterben können.“
Gerd antwortete nicht.
„Warum haben Sie das getan?“, fragte sie.
Er sah sie an.
„Weil da Kinder im Wasser waren.“
„Aber Sie kannten keines davon.“
Gerd zuckte vorsichtig mit der rechten Schulter.
„Muss ich jemanden kennen, bevor ich ihm helfe?“
Kerstin senkte den Blick.
Thomas setzte sich.
Nach einer Weile sagte er: „Ich hätte mich wahrscheinlich nicht getraut.“
Gerd sah ihn lange an.
Dann antwortete er: „Das weiß man vorher nie.“
Am nächsten Sonntag kam eine ältere Frau ins Krankenhaus.
Sie war klein, trug eine schlichte Strickjacke und hielt eine Stofftasche in der Hand.
Ihr Gesicht wirkte müde.
Als sie Gerds Zimmer betrat, verschränkte sie die Arme.
„Du alter Dickschädel.“
Gerd sah auf.
„Hallo, Helga.“
„Mehr fällt dir nicht ein?“
Er versuchte zu lächeln.
„Schön, dass du da bist.“
Helga stellte die Tasche auf den Tisch.
Dann setzte sie sich neben sein Bett.
Lange sagte sie nichts.
Schließlich nahm sie seine rechte Hand.
„Ich habe dich fast auch noch verloren.“
Gerd schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Dreißig Jahre, Gerd.“
Er öffnete sie wieder.
Helga wischte sich mit dem Handrücken über die Wange.
„Dreißig Jahre haben wir gebraucht, um wieder irgendwie miteinander leben zu können. Und jetzt machst du so etwas.“
„Helga …“
„Nein. Lass mich ausreden.“
Er schwieg.
„Als die Feuerwehr angerufen hat, dachte ich, das passiert alles noch einmal. Ich dachte, ich verliere wieder jemanden, den ich liebe.“
Gerd drückte ihre Hand.
„Es tut mir leid.“
Helga sah ihn an.
„Wirklich?“
Er antwortete nicht sofort.
Dann sagte er: „Wenn ich noch einmal dort stehen würde und das Mädchen wäre im Wasser …“
Helga senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
Sie weinte.
Gerd konnte sie nicht richtig in den Arm nehmen.
Also hielt er nur ihre Hand.
Emma erfuhr die Geschichte von Nora Winter einige Wochen später.
Helga erzählte sie ihr bei einem Besuch.
Sie saßen im kleinen Garten hinter der Werkstatt, während Gerd drinnen seine Medikamente nahm.
„Nora war zwölf“, begann Helga. „Sie hatte damals lange dunkle Haare, genau wie du.“
Emma sah sie aufmerksam an.
„War sie auch auf einer Schule hier in der Gegend?“
Helga nickte.
„Ja. Sie war ein fröhliches Mädchen. Manchmal ein bisschen vorlaut, manchmal sehr nachdenklich. Und sie wollte später Tierärztin werden.“
Helga lächelte bei der Erinnerung.
„Sie hatte eine Schwäche für alles, was vier Beine hatte. Einmal brachte sie sogar eine verletzte Taube nach Hause und wollte sie in ihrem Kinderzimmer gesund pflegen.“
Emma musste lächeln.
„Das hätte ich auch gemacht.“
„Das glaube ich dir.“
Helga blickte zum Werkstattfenster.
„Damals gab es ein schweres Hochwasser. Nora war mit zwei anderen Kindern unterwegs. Sie wollten eigentlich nur nach Hause.“
Emma spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Was ist passiert?“
„Sie haben eine Abkürzung am Bach genommen. Ein Stück vom Weg war unterspült. Nora rutschte ab.“
Helga schwieg.
Emma wartete.
„Die anderen Kinder konnten Hilfe holen. Aber bis jemand kam, war Nora schon nicht mehr zu sehen.“
„Und Gerd?“
„Er war bei der Arbeit. Auf einer Baustelle außerhalb des Ortes. Als ihn der Anruf erreichte, fuhr er sofort los.“
Helga sah auf ihre Hände.
„Er kam zu spät.“
Emma sagte nichts.
„Jahrelang hat er sich eingeredet, er hätte seine Tochter retten können, wenn er früher zu Hause gewesen wäre.“
„Aber er konnte doch gar nichts dafür.“
„Das habe ich ihm tausendmal gesagt.“
Helga atmete schwer aus.
„Er hat es nie wirklich geglaubt.“
Emma schaute wieder zur Werkstatt.
„Deshalb ist er ins Wasser gegangen?“
Helga nickte langsam.
„Nach Noras Beerdigung hat er mir einmal etwas versprochen.“
„Was denn?“
„Dass er nie wieder einfach weitergehen würde, wenn ein Kind in Gefahr ist und er helfen kann.“
Emma senkte den Blick.
„Er hat sein Versprechen gehalten.“
Helga wischte eine Träne weg.
„Ja. Aber weißt du, was ich ihm gesagt habe, als er wieder sprechen konnte?“
Emma schüttelte den Kopf.
„Dass Nora nicht gewollt hätte, dass er deswegen selbst stirbt.“
Gerd hatte diese Worte gehört.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren darüber nachgedacht.
Er hatte sich immer eingeredet, dass er seiner Tochter etwas schuldig war.
Dass er nicht genug getan hatte.
Dass er irgendwo noch etwas wiedergutmachen musste.
Doch als Emma einige Tage später wieder in seine Werkstatt kam, begriff er langsam etwas anderes.
Nora würde nicht zurückkommen.
Nicht durch sieben gerettete Kinder.
Nicht durch hundert.
Aber das bedeutete nicht, dass sein Leben nur noch aus Schuld bestehen musste.
Emma stand mit einem beschädigten Fahrrad vor seiner Werkbank.
„Also“, sagte sie. „Sie haben es versprochen.“
Gerd betrachtete das Rad.
„Das Ding sieht aus, als hättest du es absichtlich kaputtgemacht.“
„Hab ich nicht.“
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
Er nahm eine alte Lesebrille aus der Hemdtasche.
„Na gut. Dann schauen wir mal.“
Die ersten Wochen waren mühsam.
Gerds linker Arm war noch lange nicht vollständig belastbar. Er konnte nicht wie früher schwere Werkzeuge halten und musste regelmäßig zur Krankengymnastik.
Emma kam trotzdem jeden Samstag.
Anfangs saß sie meistens nur auf einem Hocker und reichte ihm Schrauben oder Zangen.
Doch Gerd ließ sie nicht einfach zuschauen.
„Wenn du wissen willst, wie etwas funktioniert, musst du es selbst in die Hand nehmen“, sagte er.
Emma machte Fehler.
Viele Fehler.
Einmal baute sie die Hinterradbremse falsch zusammen.
Gerd sah sich ihre Arbeit an.
„Damit würdest du vielleicht losfahren. Aber das Anhalten könnte interessant werden.“
Emma verdrehte die Augen.
„Sie könnten auch einfach sagen, was falsch ist.“
„Könnte ich.“
„Warum tun Sie’s dann nicht?“
„Weil du sonst nächste Woche wieder dieselbe Frage stellst.“
Sie schimpfte.
Er grinste.
Und irgendwann funktionierte die Bremse.
Emma strahlte.
„Ich hab’s geschafft!“
Gerd prüfte ihre Arbeit sorgfältig.
Dann nickte er.
„Sauber gemacht.“
Es waren nur zwei Wörter.
Aber Emma erzählte ihrer Mutter noch am selben Abend davon.
Bald kamen auch die anderen Kinder aus dem Bus vorbei.
Zuerst Sophie, das Mädchen mit der roten Schultasche.
Dann zwei Jungen, die nach dem Unfall lange nicht mehr mit dem Schulbus hatten fahren wollen.
Ihre Eltern begleiteten sie.
Einige standen anfangs ziemlich steif vor Gerds Werkstatt.
Eine Mutter flüsterte sogar: „Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“
Denn von außen wirkte das Gebäude nicht besonders einladend.
Die alte Holztür war verzogen.
Vor dem Eingang standen gebrauchte Reifen, Metallteile und zwei defekte Fahrräder.
An der Wand hing ein Schild, dessen Farbe längst abgeblättert war.
Gerd trat heraus.
Seine Hände waren schwarz von Öl.
„Ja bitte?“
Die Frau zuckte zusammen.
„Wir wollten nur … die Kinder wollten sich noch einmal bedanken.“
Gerd sah auf die drei Jugendlichen.
Dann auf die Mutter.
„Können die Fahrradreifen aufpumpen?“
Die Frau blinzelte.
„Bitte?“
„Ob die Kinder wissen, wie man einen Fahrradreifen aufpumpt.“
Sophie schüttelte den Kopf.
Gerd öffnete die Tür weiter.
„Dann wird’s aber Zeit.“
Eine Stunde später standen die drei lachend um eine Werkbank.
Gerd erklärte, wie man einen Schlauch flickt, warum man Schrauben nicht mit Gewalt festziehen sollte und weshalb man Bremsen lieber zweimal kontrolliert.
Die Mutter blieb die ganze Zeit.
Als sie ging, sagte sie leise: „Ich muss mich entschuldigen.“
Gerd sah sie an.
„Wofür?“
„Ich hatte eine ganz falsche Vorstellung von Ihnen.“
Er zuckte die Schultern.
„Sie sind nicht die Erste.“
„Das muss Sie doch verletzen.“
Gerd dachte kurz nach.
„Früher vielleicht.“
Dann blickte er zu den Kindern.
„Heute hab ich dafür keine Zeit mehr.“
Mit der Zeit wurde der Samstag in Gerds Werkstatt zu einer festen Einrichtung.
Nicht nur für die sieben Kinder, die den Unfall überlebt hatten.
Auch andere Jugendliche aus dem Ort kamen.
Manche wollten ihr Fahrrad reparieren.
Andere suchten einen Platz, an dem ihnen jemand zuhörte.
Gerd war kein besonders geduldiger Mann.
Wenn jemand ein Werkzeug achtlos liegen ließ, konnte er laut werden.
Wenn jemand zum dritten Mal nicht zuhörte, schickte er ihn zum Aufräumen.
Aber niemand ging, ohne dass Gerd sich seine Sorgen wenigstens angehört hatte.
Ein Junge namens Ben erzählte ihm, dass er in der Schule ständig schlechte Noten bekam.
„Mein Vater sagt, aus mir wird sowieso nichts.“
Gerd legte einen Schraubenschlüssel auf den Tisch.
„Hat dein Vater immer alles richtig gemacht?“
Ben schüttelte den Kopf.
„Dann hat er wohl vergessen, wie das ist, wenn man noch etwas lernen muss.“
„Aber ich bin nicht besonders schlau.“
Gerd betrachtete ihn.
„Kannst du mir sagen, warum dieser Motor nicht anspringt?“
Ben erklärte vorsichtig, was er herausgefunden hatte.
Gerd nickte.
„Gar nicht schlecht.“
„Echt?“
„Ja. Wenn du in der Schule genauso genau hinschaust, wird vielleicht doch noch was aus dir.“
Ben grinste.
Gerd drehte sich um, damit der Junge nicht sah, dass er ebenfalls lächelte.
Emmas Eltern bemerkten die Veränderung zuerst an kleinen Dingen.
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