Die 54-jährige Lageroffizierin wurde vor allen ausgelacht – bis ihr einziger Schuss die Männer verstummen ließ, die sie jahrelang übersehen hatten
„Noch jemand?“
Oberst Martin Seidel nahm die dunkle Schutzbrille ab.
Seine Stimme klang nicht laut.
Aber sie schnitt durch die Hitze wie ein Messer durch altes Leder.
Dreizehn Männer lagen hinter ihren Gewehren.
Dreizehn Männer hatten geschossen.
Dreizehn Männer hatten verfehlt.
Auf dem Übungsplatz in der Heide war es plötzlich so still, dass man das Knacken des aufgeheizten Betons hören konnte.
Keiner rührte sich.
Keiner wollte der Nächste sein.
Dann kam aus der zweiten Reihe eine ruhige Frauenstimme.
„Darf ich es versuchen, Herr Oberst?“
Alle Köpfe drehten sich.
Hauptmann Karin Adler trat aus dem Schatten des Materialzeltes.
Graue Haare im strengen Knoten.
Schlichtes Diensthemd.
Keine Heldengeste.
Keine laute Ansage.
Nur diese ruhige Art, die manche Menschen erst für Schwäche halten, bis es zu spät ist.
Ein paar junge Soldaten grinsten.
Einer flüsterte so laut, dass es jeder hören konnte:
„Jetzt schießt Mutti auch noch.“
Ein anderer lachte.
„Vielleicht trifft sie ja die Kaffeekanne.“
Karin Adler blieb stehen.
Sie sah niemanden an.
Sie sah nur hinaus zum Ziel.
Vier Kilometer entfernt.
Ein winziger dunkler Punkt im Flimmern der Sommerluft.
So weit weg, dass selbst erfahrene Schützen den Atem verloren, wenn sie nur daran dachten.
Der Oberst musterte sie.
Er kannte ihr Gesicht.
Aber nicht aus diesem Zusammenhang.
Karin Adler war die Frau aus der Nachschubstelle.
Die, die morgens vor allen anderen da war.
Die, die Munitionslisten führte, Ersatzteile fand, wenn andere nur fluchten, und die alten Spinde noch mit derselben Genauigkeit beschriftete, wie man früher Haushaltsbücher führte.
Eine Frau, an der die jungen Männer vorbeisahen.
Eine Frau, die man fragte, wo der Kaffee stand.
Nicht, ob sie schießen konnte.
Drei Tage vorher hatte sie noch allein im Depot gekniet.
Ein junger Gefreiter hatte eine Kiste fallen lassen.
Patronen rollten über den Betonboden.
Verschiedene Kaliber.
Verschiedene Ladungen.
Ein Durcheinander, bei dem jeder andere erst einmal geschimpft hätte.
Karin hatte sich nur neben ihn gehockt.
Ohne Vorwurf.
Ohne großes Getue.
Ihre Finger bewegten sich schnell.
Nicht hektisch.
Sondern sicher.
Wie die Hände einer alten Schneiderin, die auch im Halbdunkel noch weiß, welcher Faden wohin gehört.
Nach weniger als einer Minute lagen alle Patronen sauber sortiert.
Der Gefreite starrte sie an.
„Woher wissen Sie das so genau?“
Karin stand auf und klopfte Staub von ihren Knien.
„Gewicht. Form. Erfahrung.“
Mehr sagte sie nicht.
Am Türrahmen hatte Stabsfeldwebel Krüger gestanden.
Ein breitschultriger Mann mit Nacken wie eine alte Eiche.
Er hatte das Ganze gesehen.
Und zum ersten Mal an diesem Morgen nicht gelächelt.
Denn so sortierte niemand Munition, der nur Listen führte.
So sortierte jemand, der wusste, was ein einziger Millimeter im falschen Moment kosten konnte.
Trotzdem sagte Krüger nichts.
In dieser Truppe sprach man nicht gern über Frauen, die besser waren als Männer.
Schon gar nicht über ältere Frauen.
Karin kannte diesen Blick seit Jahren.
Er sagte immer dasselbe.
Du bist nützlich.
Aber nicht gefährlich.
Du bist zuverlässig.
Aber nicht besonders.
Du gehörst ins Büro.
Nicht an die Linie.
Sie hatte früh gelernt, dass man gegen solche Blicke nicht anschreien konnte.
Man konnte nur weiterarbeiten.
Pünktlich.
Sauber.
Besser als verlangt.
An jenem Morgen hatte jemand ihre Tagesliste absichtlich in einen Eimer mit öligen Putzlappen gestopft.
Die Bestandsaufnahme für Präzisionsmunition.
Unterschrift fällig um neun.
Kontrolle durch den Major.
Eine fehlende Zahl, und Karin hätte dagestanden wie eine nachlässige alte Schachtel, die mit der modernen Truppe nicht mehr Schritt hielt.
Sie hatte das nasse Papier aus dem Eimer gezogen.
Die Tinte war verlaufen.
Die Seiten klebten zusammen.
Am Ende des Depots standen zwei junge Materialwarte.
Dieselben, die sie „Kaffeetante“ nannten.
Sie wischten angeblich Werkzeug sauber.
Keiner von beiden sah zu ihr.
Karin sagte nichts.
Sie legte die zerstörte Liste auf den Tisch.
Nahm ein frisches Formular.
Und schrieb.
Nummern.
Chargen.
Mengen.
Verfallsdaten.
Gewichte.
Alles aus dem Kopf.
Ihre Handschrift war klar und klein, wie früher in Schulheften, als man noch für einen Klecks Tinte Ärger bekam.
Der Stift kratzte über das Papier.
Mehr war nicht zu hören.
Als die beiden jungen Männer an ihr vorbeischlichen, lag die neue Liste bereits fertig da.
Fünf Minuten vor der Zeit.
Karin schob sie in die Mappe.
Sie hob nicht einmal den Kopf.
Gerade das traf härter als jedes Schimpfen.
Denn wer wirklich überlegen ist, muss nicht laut werden.
Später saß sie im Besprechungsraum.
Fünfzehn Offiziere.
Alte Gesichter, junge Gesichter.
Männer, die Orden trugen, als wären sie Eintrittskarten in eine bessere Welt.
Major Brandt klickte durch seine Folien.
„Sonderauswahl für ein extremes Präzisionsprogramm“, sagte er.
„Schussdistanz: vier Kilometer. Schwankende Winde. Hitzeflimmern. Nur ein Versuch.“
Auf der Leinwand erschienen Namen.
Ranglisten.
Ergebnisse.
Auszeichnungen.
Alles Männer.
Schützen, die in Lehrgängen geglänzt hatten.
Männer, deren Geschichten in der Kantine größer wurden, je später der Abend war.
Karin Adlers Name erschien nicht.
Natürlich nicht.
Sie saß hinten links, die Hände sauber gefaltet.
Major Brandt blickte kurz über den Rand seiner Mappe.
„Hauptmann Adler, Sie bleiben bei der Versorgung. Das hier ist für aktive Schützen.“
Ein paar Augen wanderten zu ihr.
Nicht offen gehässig.
Schlimmer.
Mitleidig.
Karin nickte einmal.
„Verstanden.“
Nur ihre Finger spannten sich einen Atemzug lang.
Dann ließ sie wieder los.
Vor der Tür wartete Stabsfeldwebel Krüger.
„Adler.“
Sie blieb stehen.
Er kam näher und senkte die Stimme.
„Ich habe gesehen, was Sie mit der Munition gemacht haben. Saubere Arbeit. Wirklich.“
Karin wartete.
Bei Männern wie Krüger kam nach dem Lob fast immer ein Aber.
Es kam.
„Aber verwechseln Sie Ordnung nicht mit Einsatzfähigkeit. Da draußen geht es nicht um Tabellen. Da geht es um Nerven. Um Instinkt. Um das, was man nicht lernen kann.“
Karin sah ihn ruhig an.
Krüger beugte sich vor.
„Tun Sie sich selbst einen Gefallen. Bleiben Sie in Ihrer Spur. Sie haben sich Ihren Respekt im Depot verdient. Machen Sie ihn nicht kaputt, indem Sie sich vor allen blamieren.“
Sie schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
„Herr Stabsfeldwebel, der Unterschied zwischen einem Schützen und einem Spieler ist die Rechnung.“
Krügers Augen wurden schmal.
Karin fügte hinzu:
„Und meine Rechnung stimmt.“
Sie ging an ihm vorbei.
Nicht schnell.
Nicht trotzig.
Einfach weiter.
Wie jemand, der sein ganzes Leben lang unterschätzt wurde und deshalb keine Angst mehr davor hatte.
In ihrer Stube roch es nach Metall, Kaffee und sauberer Wäsche.
Karin wohnte schlicht.
Ein schmales Bett.
Ein alter Stuhl.
Ein Spind, der mehr Ordnung ausstrahlte als manche Kommandantur.
Auf dem kleinen Tisch stand eine verbeulte Emailletasse.
Daneben ein Foto.
Fünf Menschen in staubiger Einsatzkleidung.
Alle jünger.
Alle müder, als sie auf dem Bild aussehen wollten.
Karin in der Mitte.
Damals noch ohne graue Strähne.
Damals mit einem Lächeln, das heute wie aus einem anderen Leben wirkte.
Unter dem Foto lag eine einzelne Patronenhülse.
Auf ihr waren Koordinaten eingeritzt.
Kein Datum, das jemand Fremdes verstehen musste.
Nur sie verstand es.
Und vier Namen.
Vier Namen, die nachts lauter wurden als jedes Geschütz.
Karin nahm die Hülse in die Hand.
Sie wog fast nichts.
Aber sie war schwerer als alles, was sie je getragen hatte.
„Nicht heute“, murmelte sie.
Dann legte sie sie zurück.
Zwei Tage später stand der ganze Stützpunkt am Rand der extremen Schießbahn.
Es war ein heißer Julitag, wie ihn viele Deutsche über fünfzig noch aus ihrer Kindheit kannten.
Wenn Asphalt weich wurde.
Wenn die Luft über Feldern flimmerte.
Wenn man als Kind barfuß über trockene Wiesen rannte und die Mutter aus dem Küchenfenster rief, man solle endlich etwas trinken.
Nur war hier nichts Kindliches.
Hier standen Beton, Stahl, Sand, Windmesser und eine Wand aus Erwartung.
Oberst Seidel trat vor die Formation.
„Das hier ist kein Zirkus“, sagte er.
„Auch wenn einige von Ihnen es gern dazu machen würden.“
Keiner lachte.
„Vier Kilometer. Ein Ziel. Ein Schuss. Wer trifft, kommt in die engere Auswahl für die neue Spezialeinheit.“
Er zeigte hinaus in die flimmernde Ferne.
„Der Wind dreht. Die Luft steht in Schichten. Der Zielpunkt scheint dort zu sein, wo er nicht ist. Wer nur gut schießt, wird scheitern. Wer versteht, was zwischen Lauf und Ziel passiert, hat eine Chance.“
Ein nervöser Hauptmann trat an ihn heran.
Er flüsterte, aber Karin stand nah genug, um jedes Wort zu hören.
„Herr Oberst, die Daten vom Messturm sind katastrophal. Temperaturschichtung über dem zweiten Kilometer. Seitenwind wechselt. Die Zieloptik springt im Flimmern. Das wird ein öffentliches Scheitern.“
Seidel sah nicht zu ihm.
Er sah hinaus.
In diese flache, gnadenlose Weite.
„Dann lernen sie heute Demut“, sagte er.
Der Hauptmann schluckte.
„Jawohl.“
Der erste Schütze ging in Position.
Ein Mann mit kantigem Gesicht und der Sicherheit eines Menschen, der gewohnt war, bewundert zu werden.
Er legte sich hinter das Präzisionsgewehr.
Prüfte die Winddaten.
Atmete.
Schoss.
Der Knall rollte über den Platz.
Alle warteten.
Drei Sekunden.
Vier.
Dann kam die Stimme des Beobachters.
„Fehlschuss. Links. Zwei Meter.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen.
Der Mann stand auf, als hätte das Gewehr ihn beleidigt.
Der zweite Schütze war schneller.
Jünger.
Härter.
Mit diesem Blick, den manche Männer haben, wenn sie glauben, Unverwundbarkeit sei eine Charaktereigenschaft.
Er feuerte.
„Fehlschuss. Rechts. Drei Meter.“
Beim dritten wurde es unruhig.
Beim vierten stiller.
Beim fünften begann das Flüstern.
„Die Anlage stimmt nicht.“
„Das Ziel hängt falsch.“
„Die Luft spielt verrückt.“
„Bei der Distanz kann keiner sauber rechnen.“
Karin stand hinten und sah zu.
Nicht mit Spott.
Nicht mit Freude.
Sie wusste, wie sich Scheitern anfühlt.
Sie wusste auch, wie teuer Hochmut werden konnte.
Der sechste Schütze verfehlte hoch.
Der siebte tief.
Der achte so weit daneben, dass der Beobachter einen Moment schwieg, bevor er es meldete.
Beim neunten riss einer der Männer seine Notizen zusammen.
Beim zehnten fluchte jemand.
Beim elften war kein Stolz mehr zu sehen.
Beim zwölften nur noch Trotz.
Der dreizehnte war Hauptmann Weber.
Der Liebling vieler jüngerer Soldaten.
Schnell.
Laut.
Immer einen Spruch auf den Lippen.
Er hatte Karin am Morgen noch gefragt, ob im Depot auch „Omas Zielwasser“ ausgegeben werde.
Jetzt lag er am Boden.
Schweiß lief ihm über den Nacken.
Er schoss.
Alle hielten den Atem an.
„Fehlschuss. Rechts tief. Zweieinhalb Meter.“
Weber blieb liegen.
Als hätte er nicht verstanden, dass es vorbei war.
Oberst Seidel nahm die Schutzbrille ab.
„Noch jemand?“
Niemand antwortete.
Die Hitze lag über dem Platz.
Die Männer sahen auf ihre Stiefel.
Manche taten so, als prüften sie ihre Ausrüstung.
Andere starrten zum Ziel, als könnte es sich entschuldigen.
Dann sagte Karin:
„Darf ich es versuchen, Herr Oberst?“
Das Lachen kam sofort.
Nicht laut am Anfang.
Eher wie ein Husten, das sich ausbreitet.
Hauptmann Weber drehte sich zu ihr.
„Sie?“
Karin ging nach vorn.
„Ja.“
„Mit allem Respekt“, sagte Weber, und schon an seinem Ton hörte man, dass keiner kommen würde, „das ist kein Übungsnachmittag im Schützenverein.“
Ein paar grinsten.
Karin blieb stehen.
Weber trat näher.
„Sie haben seit Jahren keine operative Linie mehr gesehen. Sie führen Listen. Sie zählen Kisten. Was wollen Sie hier beweisen?“
Karin sah an ihm vorbei zu Oberst Seidel.
„Ich möchte den Schuss versuchen.“
Weber hob sein Gewehr.
„Dann nehmen Sie meins. Frisch eingestellt. Bestes Gerät hier. Mal sehen, ob Ihre Rechenkünste auch einen Abzug finden.“
Oberst Seidel wollte etwas sagen.
Karin hob leicht die Hand.
„Nicht nötig, Herr Oberst.“
Dann sah sie Weber an.
„Ihr Gewehr ist auf Sie eingestellt. Auf Ihre Atmung. Ihre Augen. Ihre Gewohnheiten. Das ist Ihre Rechnung, nicht meine.“
Weber verzog den Mund.
„Ach, Sie haben natürlich Ihr eigenes dabei?“
Karin nickte.
Aus dem Materialzelt holte ein Gefreiter einen unscheinbaren Gewehrkoffer.
Alt.
Abgewetzt.
Ohne Aufkleber.
Ohne Prahlerei.
Karin öffnete ihn.
Drinnen lag ein Präzisionsgewehr, das nicht neu war, aber gepflegt wie ein Familienerbstück.
Der Schaft hatte kleine Kratzer.
Das Metall glänzte matt.
Ein Werkzeug, kein Schmuckstück.
Krüger, der ein paar Schritte hinter ihr stand, flüsterte kaum hörbar:
„Heilige Mutter…“
Er kannte das Modell.
Nicht aus Prospekten.
Aus alten Lehrgängen.
Von Leuten, die nicht viel redeten.
Karin nahm eine kleine Wasserwaage und ein Messwerkzeug aus der Seitentasche.
Sie prüfte Schiene, Verschluss, Lauf.
Schnell.
Genau.
Mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die früher noch Glühbirnen selbst wechselte, Autoreifen nachzog und Steuerbescheide mit Taschenrechner prüfte, weil man sich auf niemanden blind verließ.
Weber sagte nichts mehr.
Das war schlimmer für ihn als jeder Widerspruch.
Denn plötzlich sahen alle, dass sie keine alte Lagerfrau war.
Sondern jemand, der sein Werkzeug kannte.
Bis in die Knochen.
Oberst Seidel trat näher.
„Hauptmann Adler.“
„Herr Oberst.“
„Sie wissen, was das hier ist? Vier Kilometer. Wechselnder Wind. Flimmernde Zielachse. Eine einzige Patrone.“
„Ja.“
„Warum sollte ich Sie lassen?“
Karin sah ihn an.
Und für einen winzigen Moment war da etwas in ihrem Gesicht.
Etwas Altes.
Etwas, das nicht zum Depot passte.
„Weil alle anderen schon bewiesen haben, dass es auf die übliche Weise nicht geht.“
Seidel hielt ihren Blick.
Dann nickte er.
„Ein Schuss.“
Karin legte sich hin.
Langsam.
Nicht, weil sie zögerte.
Sondern weil jeder Handgriff seinen Platz hatte.
Die jungen Männer schauten zu.
Einige noch mit Spott im Gesicht.
Andere bereits unsicher.
Karin zog ein kleines Notizbuch aus der Brusttasche.
Kein modernes Gerät.
Kein blinkender Bildschirm.
Ein schwarzes Heft mit abgegriffenen Ecken.
Die Seiten waren voll mit Zahlen, Skizzen, alten Tabellen, eigenen Markierungen.
Eine Welt aus Wind, Gewicht, Luft und Geduld.
Hauptmann Weber murmelte:
„Das ist doch Theater.“
Karin hörte es.
Sie reagierte nicht.
Sie hob nur den Kopf.
Sah zu den Fahnen.
Zum Staub am Rand der Bahn.
Zum Gras, das in kleinen ungleichmäßigen Wellen zitterte.
Zu einer losen Plastikplane am Materialwagen, die kurz flatterte und dann wieder hing.
Sie hörte den Generator.
Den Wechsel im Summen.
Das ferne Brummen eines Fahrzeugs hinter dem Wall.
Sie roch heißen Staub.
Öl.
Metall.
Trockene Erde.
Für andere war das Umgebung.
Für Karin war es Sprache.
Eine Sprache, die sie gelernt hatte, als sie noch jünger war und glaubte, Pflicht könne einen Menschen vor Schuld schützen.
Sie legte die Patrone ein.
Nicht schnell.
Fast zärtlich.
Dann senkte sie die Wange an den Schaft.
Die Welt wurde klein.
Nur noch Atem.
Punkt.
Wind.
Zahl.
Erinnerung.
In ihrem Kopf war kein Platz für die Männer hinter ihr.
Nicht für Weber.
Nicht für Krüger.
Nicht für die jungen Stimmen, die sie „Mutti“ genannt hatten.
Sie dachte an einen Bergzug in einem fernen Land.
An trockenen Staub im Mund.
An ein Funkgerät, das knackte.
An vier Freunde, die damals gelacht hatten, als gäbe es morgen ganz sicher noch Kaffee.
Sie dachte an einen Satz, den Leutnant Jonas Reimann damals gesagt hatte:
„Karin, du zielst nicht auf Menschen. Du zielst auf die Sekunde, die andere rettet.“
Damals hatte sie geglaubt, das mache es leichter.
Es machte es nie leichter.
Aber es machte es wahr.
Ihr Finger fand den Abzug.
Nicht ziehend.
Wartend.
Die Hitze tanzte über dem Ziel.
Der Punkt war nicht dort, wo er aussah.
Bei vier Kilometern lügt das Auge.
Die Erde dreht sich.
Der Wind schiebt.
Die Luft trägt und nimmt.
Die Kugel fällt länger, als junge Männer Geduld haben.
Karin rechnete.
Nicht wie auf Papier.
Sondern wie andere Menschen ein altes Lied im Kopf haben, dessen Worte sie nach Jahrzehnten noch kennen.
Links halten.
Weniger als der Wind verlangt.
Tiefe korrigieren.
Flimmern nicht glauben.
Dritten Atemzug nehmen.
Herzschlag fühlen.
Warten.
Nicht auf Mut.
Mut ist laut.
Sie wartete auf Ruhe.
Der erste Schlag.
Der zweite.
Zwischen dem zweiten und dritten schoss sie.
Der Knall kam hart.
Dann nichts.
Nicht einmal die Spötter atmeten.
Eine Sekunde.
Zwei.
Drei.
Vier.
Dann hörte man ein helles, fernes Geräusch.
So klein, dass es fast lächerlich war.
Ting.
Metall auf Metall.
Der Beobachter schwieg.
Vielleicht glaubte er seinen Augen nicht.
Dann schrie er:
„Treffer!“
Niemand jubelte sofort.
Das war das Merkwürdige.
Nicht einmal die, die Karin mochten, begriffen es gleich.
Auf der großen Anzeige erschien das Ziel.
Und mitten im dunklen Zentrum ein sauberer Einschlag.
Nicht Rand.
Nicht Glück.
Nicht gerade so.
Mitte.
Totale Stille.
Dann begann irgendwo hinten jemand zu klatschen.
Ein einzelner Mann.
Langsam.
Unsicher.
Dann ein zweiter.
Dann zehn.
Dann der ganze Platz.
Doch Karin blieb liegen.
Sie sicherte das Gewehr.
Nahm die Wange vom Schaft.
Setzte sich auf.
Ihre Hände zitterten nicht.
Nicht einmal ein bisschen.
Hauptmann Weber war blass.
Er starrte auf die Anzeige, als hätte sie ihm etwas weggenommen.
Der junge Soldat, der „Mutti“ gesagt hatte, blickte zu Boden.
Stabsfeldwebel Krüger hob langsam seine Mütze ab.
Nicht offiziell.
Nicht nach Vorschrift.
Einfach, weil er in diesem Moment nicht wusste, wohin mit seinem Respekt.
Oberst Seidel trat vor.
„Wie?“
Karin stand auf.
„Physik, Herr Oberst.“
„Das war keine normale Physik.“
„Doch.“
Sie sah hinaus zum Ziel.
„Nur sehr genau genommen.“
Seidel musterte sie.
„Wo haben Sie diese Erfahrung gesammelt?“
Karin schwieg.
Die Frage traf nicht den Kopf.
Sie traf eine verschlossene Tür in ihr.
Eine Tür, hinter der vier Namen standen.
Oberst Seidel wartete.
Karin sagte schließlich leise:
„Auslandseinsatz. 2016. Gebirgsabschnitt Nord. Rufzeichen Falke Eins.“
Seidel erstarrte.
Das Klatschen starb.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
„Falke Eins?“
Karin nickte.
Seidels Gesicht verlor alle dienstliche Härte.
Er sah plötzlich älter aus.
Nicht alt.
Nur ehrlich.
„Sie waren das?“
Niemand sprach.
Selbst die jungen Soldaten merkten, dass gerade etwas geschah, das größer war als ein Schuss.
Seidel kam einen Schritt näher.
„Wir waren damals eingeschlossen. Drei Dächer. Zwei Gassen. Kein Ausweg.“
Karin sah ihn nicht an.
„Ich weiß.“
„Unsere Leitung sagte nur, ein unbekanntes Überwachungsteam hätte uns herausgeholt.“
„So stand es im Bericht.“
Seidels Stimme wurde rau.
„Sie haben mir das Leben gerettet.“
Karin antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Nicht nur Ihnen.“
Der Oberst richtete sich auf.
Langsam hob er die Hand zum Gruß.
Nicht für die Vorschrift.
Nicht für die Zuschauer.
Für sie.
„Willkommen zurück, Falke Eins.“
Karin erwiderte den Gruß.
Ihre Finger waren gerade.
Ihr Gesicht ruhig.
Aber in ihren Augen glänzte etwas, das sie schnell wegblinzelte.
Applaus rollte über den Platz.
Nicht spöttisch.
Nicht überrascht.
Anders.
Schwerer.
Ehrlicher.
Es war der Klang von Menschen, die gerade begriffen hatten, dass sie einen Schatz jahrelang neben den Ersatzteilen hatten verstauben lassen.
Drei Tage später war auf dem Stützpunkt nichts mehr wie vorher.
Und doch war alles gleich.
Karin saß morgens wieder im Depot.
Die Listen lagen vor ihr.
Die Kisten standen sauber beschriftet.
Die Kaffeemaschine blubberte im Nebenraum.
Nur die Stimmen waren anders.
Wenn sie über den Hof ging, grüßten die jungen Soldaten zuerst.
Manche zu schnell.
Manche mit rotem Gesicht.
Der Gefreite, dem damals die Munitionskiste gefallen war, stand plötzlich jeden Morgen zehn Minuten früher da.
„Brauchen Sie Hilfe, Frau Hauptmann?“
Karin sah ihn an.
„Können Sie ordentlich zählen?“
„Ich lerne es.“
„Dann fangen Sie mit Kiste zwölf an.“
Er lächelte.
Nicht breit.
Aber erleichtert.
Am Nachmittag kam Hauptmann Weber ins Depot.
Er trug keine Sonnenbrille.
Keine lässige Haltung.
Er blieb an der Tür stehen wie ein Schuljunge, der zu Hause beichten muss, dass er eine Fensterscheibe eingeschossen hat.
„Hauptmann Adler?“
Karin blickte von ihrer Liste auf.
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